Ich war mal so schön

sklib-120713-140109 1

Gestern war ich also in der alten Heimat gewesen – unter anderem, um am Grab meiner Eltern vorbeizuschauen. Oder besser gesagt, beim Baum meiner Eltern, denn sie sind im Friedwald „Bienwaldruhe“ bei Kandel bestattet.

Ganz in der Nähe des Friedwaldes befindet sich das Naturfreundehaus Kandel, und weil es inzwischen eh Mittag war und ich ein leichtes Hüngerchen verspürte, kehrte ich dort kurzerhand ein, bestellte mir einen Salat und eine Limo, nahm den Zettel mit meiner Nummer entgegen (Selbstbedienung!), setzte mich mit meiner Limo draussen auf eine Bierbank und wartete auf meinen Aufruf.

Eine ganze Weile geschah nichts… und ich dachte weiter an meine Eltern, und daran, wie anders in den letzten vier Jahren alles geworden war.

sklib-120713-115315Eine Viertelstunde verging so, dann kamen zwei weitere Gäste und setzten sich zwei Bänke hinter mich. Ein Pärchen, beide so um die Mitte 50, solariumsgebräunt und sportlich. Eine Weile beachtete ich sie nicht, doch irgendwann hörte ich hin und wurde Zeuge des folgenden Gespräches (man muss sich das ganze in breitem Pfälzer Dialekt vorstellen, zum einfacheren Lesen habe ich diesen hier kurzerhand in Hochdeutsch übersetzt):

Sie: „Hast Du das gesehen? Da haben sich viertausend Menschen nackig gemacht und blau anmalen lassen…“

Er: „mh hm“

Sie: „Das würd ich ja nicht machen“

Er: „hm, nein, ich auch nicht…“

Sie: „Da waren ganz dicke dabei, und ganz dürre“

Er: „hm…“

Sie: „Ich würd das nicht machen.“

Er: „hm…“

Sie: „Auch früher hätt‘ ich das nicht gemacht, auf keinen Fall…“

Er: „hm ja… man wundert sich, wozu Menschen imstande sind…“

Sie: „Früher hätt ich’s nicht gemacht. Weißt Du, vor der Brust-OP? Früher, wo ich ganz schön war?“

Er: „hmm“

Sie: „Ich war mal ganz schön. Ganz, ganz schön war ich mal…“

Er: „hmm“

Sie: „Als ich jung war, ein ganz schönes junges Ding war ich…“

Er: „hmm“

Sie: „Sag mal, liebst Du mich eigentlich noch?“

Er: „Aber sicher lieb ich Dich noch“

Sie: „Das allerwichtigste ist ja, dass wir gesund sind“

Er: „Ja, genau“

Dann wurde meine Nummer aufgerufen und ich ging rein, um mir mein Mittagessen zu holen.

sklib-120713-131240Die Bilder in diesem Artikel kommen aus meinem letzten Aktshooting. Das Modell ist Alex, auch bekannt unter dem Handle I Want To Kill You Like They Do In The Movies.

Dieses Shooting war im Juli 2012. Einen Monat später erlitt mein Vater einen Schlaganfall, und damit setzte sich eine Kette von Ereignissen in Bewegung, die damit enden sollte, dass meine Eltern beide nun unter eben jenem Baum ruhen und die Musik verstummt ist.

sklib-120713-134351Weniges kommt mir fremder vor als dieses letzte Shooting, das stattfand, als die Welt eben gerade noch nicht aus den Fugen geraten war; den Monat zuvor hatten wir noch meinen Geburtstag gefeiert, mit über 40 Leuten auf der Terrasse von K-Burg, Livemusik und Tanz… mit meiner Band war ich gerade mitten in den Aufnahmen zu einem neuen Album, bei meinem Arbeitgeber planten wir das nächste große Spiel, die nächsten Shootings wurden geplant, und um unsere Beine herum wuselte der süßeste, treueste und liebevollste kleine schwarze Hund, den man sich vorstellen konnte… und das alles gibt’s in der Form nun, vier Jahre später, nicht mehr. Das alles ist ganz unglaublich weit weg, genau wie dieses Shooting.

Und trotzdem musste ich daran denken, als ich den zwei Gästen zuhörte.

Ich weiss noch nicht mal warum.

4 Gedanken zu „Ich war mal so schön“

  1. Ich würde jetzt gerne etwas wunderbar Tröstendes sagen, aber ich bin ganz furchtbar schlecht in sowas 🙁

    Aber die Fotos sind toll.

    *stupidsummerdreamsanwerf*

  2. Danke für diesen „Einblick in Dein Seelenleben“. Immer wieder wird uns bewusst (gemacht), wie schnell sich – besonders liebgewordene – Dinge ändern können. Erst dann wissen wir, dass wir viel zu oft nicht „den Augenblick“ gelebt haben …

    Du warst wieder in der Nähe? Wenn´s mal weniger spontan ist, treffen wir uns gerne auf ein Bierchen!

  3. ach´ Stephan. Dir fehlt es schwer das Erlebte, Gefühlte zu verarbeiten und auch ich kann Dir da keinen Rat geben.
    Ich stelle mir in solchen wehmütigen, schweren Momenten vor, was wir Menschen eigentlich sind. Wesen, die wie alles Leben auf dieser Erde, aus dem Sterben einer Sonne vor Milliarden von Jahren hervorgingen sind, in einem Universum das wir nichteinmal gedanklich erfassen können und das nur auf einer winzigen Abweichung zu unserem Leben führte.
    Das macht mich dann so demütig, überhaupt da zu sein, zu atmen, zu denken, zu fühlen, das es mir dann wie eine Epiphanias vorkommt und es mir leichter ums Herz wird, denn mir wird dann immer sehr bewusst, das Alles miteinander verbunden ist.

    Abraham Lincoln sagte mal: „Am Ende sind es nicht die Jahre im Leben die zählen, es ist das Leben in den Jahren.“

    Sei umarmt Gefährte! Unsere Zeit auf dieser Erde ist nur ein Blitz im Universum!

  4. Nachtrag:
    „Mir hat mal jemand gesagt, die Zeit würde uns wie ein Raubtier ein Leben lang verfolgen. Ich möchte viel lieber glauben, dass die Zeit ein Gefährte ist, der uns auf unserer Reise begleitet, uns daran erinnert jeden Moment zu genießen, denn er wird nicht wiederkommen. Was wir hinterlassen, ist nicht so wichtig, wie die Art, wie wir gelebt haben, denn letztendlich sind wir alle nur sterblich.“
    [Captain Jean-Luc Picard, Star Trek 7 – Treffen der Generationen]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *