Das Mädchen am Telefon (Teil 3/10)

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III.

Zum Glück blieb das Telefon still. Aber unser Wochenende war im Eimer, und obwohl ich das größte Verständnis für Helenas Situation hatte, wurden die Dinge zwischen uns nicht einfacher. Durch Helenas Mühe mit ihrer Diplomarbeit hatten wir die Wochen zuvor schon äußerst wenig Zeit füreinander gehabt, und jetzt war da nochmal etwas Neues, was uns noch mehr Zeit wegnahm.

Wobei ich damals schon lange gelernt hatte, mein Bedauern bezüglich derartiger Umstände schön für mich zu behalten – die Gründe dafür werden wir im Laufe der Geschichte noch erfahren.

Wie schon erwähnt war ich, ob nun begründet oder nicht, damals selbst in Psychotherapie, und am Montag hatte ich meinen regelmäßigen Termin. Diese Termine gestalteten sich so, dass ich zu Beginn darüber redete, was mich die letzte Woche bewegt und beeinflusst hatte, und so erzählte ich von Nicole und vom vertanen Wochenende.

Zu meiner großen Überraschung hatte diese Erzählung meine Therapeutin sehr hellhörig gemacht, und sie reagierte anders als sonst: „Also, das hat jetzt mit unseren Sitzungen nichts zu tun“, sagte sie, „aber das klingt gar nicht gut. Hat Ihre Partnerin denn keine Supervision?“

„Nicht dass ich wüsste“, antwortete ich.

Supervision bedeutete, einfach ausgedrückt, dass Therapierende sich regelmäßig selbst coachen ließen, um mit den an sie gestellten Anforderungen besser klar zu kommen und die professionelle Distanz zu wahren. Regelmäßige Supervision war bei so gut wie jeder Art von Psychotherapie immens wichtig.

Nun hatte Helena natürlich Vorgesetzte beim Kinder- und Jugendtelefon, aber die hatte sie nicht informiert.

„Ich halte das für sehr gefährlich“, sagte meine Therapeutin, „solche Dinge können sehr unangenehm werden.“

„Aber das soll uns jetzt nicht weiter belasten“, fügte sie wenig erfolgreich hinzu, nachdem sie meinen Schreck bemerkt hatte, „wir wollen weiter über Sie und Ihre Gefühle reden…“

In dieser Woche meldete sich Nicole wieder, was Helena paradoxerweise zu gleichen Teilen beruhigte als auch beunruhigte. Beruhigend war es, weil sie somit wusste, dass Nicole sich nichts angetan hatte. Beunruhigend hingegen waren die Details zu den Vergewaltigungen, mit denen Nicole nach und nach herausrückte.

Ob Helena zu jenem Zeitpunkt noch einmal den Versuch unternommen hatte, Nicole an eine qualifizierte Beratungsstelle weiter zu leiten, entzieht sich meiner Kenntnis– wenn, dann erzählte sie mir nichts davon. Stattdessen erzählte sie mir, dass sie Nicole gesagt hatte, sie wäre am Wochenende nicht erreichbar weil sie ihren Freund (mich) besuchen wolle, und dass Nicole das jetzt wüsste und damit kein Problem hätte.

So sehr ich auch Mitgefühl für Nicole hatte und Entsetzen über ihre Situation verspürte… irgendetwas in mir war nicht sehr begeistert, dass es nun anscheinend von Nicoles Einverständnis abhängig war, ob Helena und ich ein Wochenende zusammen verbringen konnten oder nicht. Aber ich sagte nichts.

Stattdessen verbrachten wir das Wochenende miteinander und waren weiterhin versucht, unsere Beziehung irgendwie wieder zu normalisieren. Ein Ansinnen, das schnell auf dem Abstellgleis landete, denn nahezu jedes unserer Gespräche an diesem Wochenende drehte sich um Nicole.

Irgendwann fragte ich Helena schließlich, ob sie eigentlich Supervision hätte.

Sie schüttelte den Kopf… „Nein… und das wird schwierig… ich kann mit meinen Vorgesetzten darüber nicht reden, ich fliege hochkant raus, wenn die erfahren, dass ich meine Nummer weiter gegeben habe…“

Ich nickte.

Stille.

„Warum fragst Du?“ wollte Helena wissen.

„Na ja, ich merke ja schon, wie es Dich belastet“, antwortete ich vorsichtig, „und irgendwie belastet es auch unsere Beziehung… wir haben eh schon wenig Zeit füreinander, und…“

„Oh, natürlich, jetzt verstehe ich!“ entgegnete Helena plötzlich laut und verärgert. „Du findest, ich geb‘ mich zu wenig mit Dir ab! Hör mal, Du musst irgendwann endlich mal einsehen, dass manche Sachen einfach wichtiger sind. Das ist wichtiger als Du, so ist das nun mal, da musst Du jetzt durch. Nicole braucht mich!“

Bam. Da war es wieder. Einer dieser Sätze, die mir kein Mensch ungestraft hätte ins Gesicht schleudern dürfen, die ich aber bei Helena einfach so über mich ergehen ließ, um dann eine Woche später bei der Therapie herauszukriegen, warum sie mich so verletzt hatten.

Und hier haben wir auch den Grund dafür, warum ich damals schon lange dazu übergegangen war, etwaige Bedürfnisse nach mehr Zweisamkeit so gut es ging für mich zu behalten.

Heute denke ich, dass Helena einfach ganz allgemein sehr hohe Ansprüche an sich selbst stellte und eine ebenso große Angst davor hatte, Dinge falsch zu machen. Und das letzte, was sie mit diesen Ängsten brauchen konnte, war ein Lebenspartner, der ihr – vermeintlich! – vorwarf, die Beziehung falsch zu handhaben.

Ich atmete also tief durch, hob mir mein Verletztsein für die nächste Therapiesitzung auf und antwortete schließlich: „Nein, es geht mir um Dich. Dir tut es nicht gut. Du hast selbst gesagt, das ist eine Nummer zu groß für Dich.“

Helena sagte nichts.

„Können wir nicht schauen, dass wir jemand anders finden, der Dich bei dieser Geschichte unterstützen kann… vielleicht irgendjemand vor Ort?“ fragte ich schließlich.

Schließlich nickte sie. „Ja, das habe ich mir auch schon überlegt… sie sagt sie wohnt in einem Dorf in Bayern, vielleicht haben die einen Pfarrer…“

„Das ist doch ein prima Ansatz“, sagte ich, „lass uns das mal rausfinden!“

Nun muss man an dieser Stelle einfügen, dass es das Jahr 1999 war. Das Internet steckte damals noch in den Kinderschuhen, Google Maps war noch nicht erfunden und der Kontakt zu Behörden und Kirchengemeinden war noch lange nicht online möglich. Also bedienten wir uns altmodischer Methoden, in diesem Fall: Das Studieren von Landkarten und Anrufe bei der Telefonauskunft.

Wir bekamen heraus, dass das Dorf selbst zwar keine Kirchengemeinde hatte, im Nachbardorf gab es allerdings eine evangelische Kirche nebst Herrn Lorenz, dem Pfarrer.

Helena gelang es sogar noch an diesem Wochenende, Herrn Lorenz ans Telefon zu bekommen und ihm zunächst einmal Teile von Nicoles Leidensweg darzulegen. Herr Lorenz war ebenso schockiert wie wir alle und erklärte sich sofort dazu bereit, Nicole mit allem zu helfen, was in seiner Macht stand. Außerdem unterrichtete er Helena davon, dass es in Straubing, der nächst größeren Stadt, eine sehr kompetente Anlaufstelle für junge Frauen in Not gab… zu der er einen guten Kontakt pflegte.

Es wurde beschlossen, dass Helena bei der nächsten Gelegenheit versuchen würde, den Kontakt zwischen Nicole und Herrn Lorenz herzustellen. Endlich sah es so aus, als ob die Geschichte nun in vernünftige Bahnen gelenkt werden würde.

Ein Wunschdenken, das von der Wahrheit nicht weiter entfernt hätte sein können.

-> Zu Teil 4 

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