Mark Hollis †

Jetzt sitze ich also hier, höre „Spirit Of Eden“ und weine.

Frau K. ist mit Candor raus, Buba schläft noch, die Sonne ist noch nicht richtig aufgegangen, der Baustellenlärm an Rhöndorfs traurigen Neubauten hat noch nicht begonnen… und die Welt draußen vor der K-Burg ist in dunkles und entsättigtes Grün, Blau und Braun getaucht – still und regungslos bewacht von den dunklen Ästen der Bäume, welche zwischen der Sicht rheinabwärts und mir stehen.

Mark Hollis hätte das vermutlich für ein gutes Ambiente gehalten, um „Spirit Of Eden“ zu genießen. Ruhig, ohne Ablenkung… mit viel Stille, um die Stille besser hören zu können.

Mark Hollis ist tot, und ich kann es nicht glauben, dass er weg ist.

Du darfst nicht weg sein, denke ich mir.

Du darfst nicht weg sein, ich wollte doch noch etwas von Dir hören!

Obwohl ich den Menschen nie getroffen habe, ist es tatsächlich für mich, als ob noch ein Familienmitglied gestorben wäre… denn Hollis‘ einzigartige, wunderbare, wunderschöne Musik hat mich beinahe mein ganzes bisheriges Leben begleitet.

Ich kann mich an den sonnigen Herbsttag im Oktober 1988 erinnern, als ich in einem Plattenladen in Karlsruhe stand, und beim Wühlen im Regal über „Spirit Of Eden“ stolperte. Ich hatte keine Ahnung, welche Musik sich dahinter verbergen würde, doch ich mochte das Cover… und so kaufte ich „Spirit Of Eden“, damals schon auf 10 Mark herabgesetzt, weil es niemand hören wollte – eine Tatsache, die sich erst änderte, als Talk Talk sehr viele Jahre später von wichtigen Musikschreiberlingen als die „Erfinder des Postrock“ erkannt wurden.

Wobei das natürlich Quatsch ist.

„Spirit Of Eden“ ist kein Postrock. „Spirit Of Eden“ ist „Spirit Of Eden“.

Als ich dann die ersten Takte von „The Rainbow“ (dem Opener des Albums) hörte, da passierte etwas mit mir, das ich auch heute noch nicht erklären kann. Was ich da hörte, das war so unglaublich anders als alles, was ich zuvor gehört hatte… und von einer majestätischen und gleichzeitig fragilen Schönheit, die ich so noch nicht erlebt hatte, und die mich veränderte.

„Oh yeah, the world’s turned upside down“, intoniert Mark Hollis auf „The Rainbow“, nachdem – und das ist nur der Anfang! – Trompete, Violine, Hammond-Orgel, selbstgebaute Musikinstrumente und etliche andere Klangerzeuger in langsamen und mäandernden Bewegungen den Track über drei Minuten lang vorsichtig und behutsam aufgebaut haben… und ahnte vermutlich nicht, wievieler Menschen Welt er mit dieser Musik tatsächlich auf den Kopf stellen würde.

Ein drei Minuten langes Intro, das – wenn überhaupt – eher in Musique Concrete, Jazz und Klassik als in Popmusik verortet werden kann, das war im Jahre 1988 natürlich kommerzieller Selbstmord, ebenso wie alles, was danach auf „Spirit Of Eden“ passiert: Die hauchdünnen, zarten Arrangements von „The Rainbow“, irgendwo zwischen Blues und Debussy, zerteilt von einem alles zerreißenden Mundharmonika-Solo. Die verzweifelte Schönheit von „Eden“. Die brodelnde Stille von „Desire“, die sich in einem triumphalen Crescendo entlädt und dann als fernes Echo von allem was da gerade noch gewesen war nur vier lange gehaltene Klavierakkorde in die Stille entlässt… und diese Beschreibungen kratzen nur an der Oberfläche.

Für die Plattenfirma damals ein ganz klarer Fall: Unverkäuflich, nichts singletaugliches dabei… nichts, was man dem MTV-Publikum irgendwie andrehen könnte. EMI waren von dem Werk so angepisst, dass man sich vor Gericht wieder sah – hatte die Band doch erst das Budget überzogen, dann mehrere Deadlines platzen lassen und schließlich ein Ergebnis abgeliefert, das sich nicht verkaufen ließ.

Doch auf kommerziellen Erfolg kam es Mark Hollis und Talk Talk damals schon lange nicht mehr an. Hollis war getrieben von dem Wunsch, konsequent seine Vision von Musik verwirklichen, egal ob die Welt und die Plattenbosse sie mögen würde oder nicht.

Und weil ich Talk Talk entdeckte, lange bevor der restlichen Welt endlich ein Licht aufgegangen war, kam es mir lange Zeit auch so vor, als wäre ich damit allein auf der Welt – als hätte nur ich diese geheimnisvolle und unergründliche Entdeckung gemacht, als sei sie ein wertvoller Schatz, den zu hüten und zu ehren meine Aufgabe war.

Ich weiß noch genau, wie ich die Platte wieder und wieder abspielte… ich war sechzehn Jahre alt, ich konnte noch gar nicht fassen, was ich da hörte. Und wenn ich ehrlich sein soll, kann ich das heute noch nicht. Ich weiß nur, dieser Tag resoniert bis heute in meinem eigenen musikalischen Schaffen.

Meine Mutter war damals sehr krank und verbrachte tagelang im Bett. Damals war es mir nicht richtig klar, beziehungsweise ich verdrängte es so gut es ging; aber es muss wohl einer ihrer ersten wirklich schlimmen Abstürze mit Alkohol gewesen sein, mit denen sie sich 27 Jahre später aus dieser Welt trinken sollte.

Im Gegensatz zu meinem Vater (der mich – so möchte ich inzwischen gerne glauben – vor seinem eigenen Schicksal beschützen wollte, indem er mich nie zum Künstlerdasein ermutigte) war meine Mutter sehr interessiert an meiner Musik… sie unterstützte mich wo immer sie konnte, zeigte mir die Dinge, die sie mochte (meine frühe Liebe für Bach und Jethro Tull habe ich von meiner Mutter) und ermutigte mich immer wieder.

Es ist, als ob es gestern gewesen wäre, dass ich mit meinem kleinen Ghettoblaster und einem auf Tape überspielten „Spirit Of Eden“ zu ihr ins Schlafzimmer wanderte. Sie hatte drei Tage lang geschlafen und es ging ihr noch immer sehr mies. Ich weiß noch, wie ich mich neben ihr Bett kniete und den Ghettoblaster anschloss.

Sie schaute mich fragend an.

Ich sagte, „ich habe neue Musik gefunden. Ich glaube das wird Dir gefallen“, und drückte auf „Play“.

Und dann saßen wir da zusammen und lauschten, und irgendwann lächelte meine Mutter, zum ersten Mal seit Tagen, und sie sagte:

„Oh Gott, ist das schön“.

Ruhe in Frieden, Mark Hollis.

Ich hätte so gerne noch so viel mehr von Dir gehört.


Kommentare

Eine Antwort zu „Mark Hollis †“

  1. Es gibt sie, diese Musik, die sich tief drinnen eingräbt zusammen mit dem Moment. Vielleicht hast Du für manche Menschen mit Botany Bay & Co ja auch diese Musik geliefert?

    Anyways, ich habe mir die „Spirit of Eden“ nun auch zugelegt. Die Platte spricht mich an.

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