Das Jahr neigt  sich dem Ende zu, es wird kalt und winterlich, und es ist an der Zeit, ein wenig über die Wölfe nachzudenken. Oder besser gesagt, über Thanksgiver, und über das Wolfsrudel, das zur Mitte der ersten Seite zu einer heiligen Wanderung über eine weit in der Zukunft existierenden Welt aufbricht (oder vielleicht auch gar nicht so weit in der Zukunft. Sicher ist, die Menschheit wird diese Welt nicht erleben)

Ich bin unglaublich stolz auf Thanksgiver. Es wurde genau das Album, das es werden sollte. Ich bin sehr zufrieden damit, und noch mehr erfreut es mich, dass außer den beteiligten Musikern weitere 37 Menschen diese Geschichte oder besser diese Gefühle ebenfalls erfahren durften. 

Es gibt nur leider ein kleines Problem. Ein Problem, das wir freiwillig und sehenden Auges provoziert haben, denn ansonsten hätte es dieses Album in dieser Form nicht gegeben, und zwar: Wir haben 300 Stück davon gemacht und eine große Summe Geld dafür ausgegeben.

Ich bereue nichts davon.  Aber es ist an der Zeit, den Tatsachen ins Auge zu blicken:

Ausser den erwähnten 37 Menschen interessiert sich niemand für „Thanksgiver“. Anpreisungen des Werks auf Twitter bleiben ohne irgendwelche Ergebnisse; das Musik-Widget auf diesem Blog wird von 0.02% der Besucher verwendet  (was daran liegen dürfte, dass die meisten meiner Stammleser das Album bereits besitzen… an dieser Stelle nochmal vielen Dank, ihr seid die besten!), und auch die paar Reviews, die in Musikzeitschriften und Blogs erschienen, machen keinen Unterschied: Niemand will „Thanksgiver“ haben. Wir haben seit der Release-Party im Oktober ganz genau null Exemplare verkauft.

Nun, es reicht uns im Prinzip durchaus, dass 37 Menschen  sich auf die musikalische Reise von „Thanksgiver“ eingelassen haben. Wir wollten einen würdigen Abschluss, hauptsächlich für uns selbst, und wir haben ihn bekommen. 

(Zugegeben: Ein bisschen schade ist es, wenn alte Weggefährten nicht mehr auf uns reagieren, Internet-Radiostationen keine Lust mehr auf uns haben, befreundete Bands mit außergewøhnlichen Buchstaben im Bandnamen anscheinend doch nicht so richtig befreundet mit uns waren… etc. pp. Aber auf der anderen Seite war uns von Anfang an klar, dass nicht jeder auf diese neue Reise mitkommen würde, und jeder einzelne von den 37, die es trotzdem getan haben, macht uns dafür um so glücklicher).

Aber, und hier ist das eigentliche Problem: Die fünf fetten Kartons mit unverkauften Platten, die hier im Studio rumstehen, sind ein herber finanzieller Verlust für uns, und überdies eine stetig schmerzhafte Erinnerung daran, dass das Internet (auch) zum Ansprechen neuer Hörer inzwischen ein vollkommen beschissener Platz ist. Und: fünf ungewollte und unbeachtete Kartons voll mit der schönsten Musik, die ich je gemacht habe, das trübt das Bild vom „würdigen“ Abschluss ein ganz kleines bisschen. 

(bevor jetzt jemand sagt „Dann bietet halt auch mp3-Downloads an, nicht jeder will eine wunderschöne, aufwändig gestaltete Vinyl-Platte haben„: Tun wir. Haben wir auf ausdrücklichen Wunsch einiger Menschen gemacht. Das Ergebnis? Niemand, weder diese einige Menschen noch sonst wer, hat einen mp3-Download gekauft). Einer dieser Menschen hat einen mp3-Download gekauft. Ok, das war’s zwar durchaus wert, aber es löst das Gesamtproblem leider trotzdem nicht).

(Update 19.12.: Zwei Menschen! Wowzers!)

Das Problem ist natürlich, wie so oft, das Internet, bzw. die Erwartungen der Menschen, die sich inzwischen in demselben tummeln. Es ist kein Wunder, dass kaum mal einer der 3-4 wöchentlichen Interessenten auf Bandcamp auch nur bis zum ersten Drittel von „Winter Wolfpack Serenade“ kommt, wenn sie alle eine solche Herangehensweise an Musik haben:

An dieser Stelle eine kleine und hemmungslose Offenbarung: Ich hasse Twitter. Ich hasse es abgrundtief, Menschen von meiner Musik überzeugen zu müssen. Ich hasse es, wenn Leute ihre Follower darüber informieren, gerade defäkiert (oder eingekauft, oder die Fenster geputzt) zu haben, und dafür hundert mal mehr Feedback bekommen, als wenn ich einen neuen Song ankündige. Ich hasse, mit etwas hausieren gehen zu müssen, was mir heilig ist. Ich hasse, mich mit „Meinungen“ wie obiger auseinander setzen zu müssen. Ich hasse dieses ganze elende Scheißgeschäft mit der Musik im Internet. Ich will das alles nicht, meine siebenunddreißig Hörer hätten mir vollständig genügt. 

Aber jetzt stehen hier eben diese fünf Kartons, die wir irgendwie los werden müssen. Ich war drauf und dran, diese Platte nicht rauszubringen, damit ich mir diesen endlosen Verkaufsfrust hätte ersparen können, aber Steffi hat mich vom Gegenteil überzeugt… und so ist es jetzt.

Der Original-Trailer zu „Thanksgiver“

Zur Lösung des Problems hatten Steffi und ich jetzt auch schon ein paar Krisensitzungen, und es stehen zwei Vorgehensweisen im Raum:

  1. Wir produzieren, exklusiv für die Leute die sich zu schade dazu sind, mal ein paar Minuten zuzuhören, eine radiotaugliche Single-Version von „Wolfpack“ (der einzige Song auf „Thanksgiver“, der noch entfernt an Popmusik erinnert) und einen Videoclip dazu (der vom Stil ungefähr so werden würde wie der erste Trailer, den wir für unsere Fans letztes Jahr veröffentlicht hatten, nur mit ein bisschen semi-nackten Menschen, damit die Leute auch hinschauen), stellen das ganze auf youtube und bitten Katja (die vor einigen Monaten unseren Twitter-Account übernommen hat, inzwischen aber davon genau so frustriert ist wie ich) darum, das Teil in der Weltgeschichte zu verteilen. Und hoffen, dass wir so ein paar neue Fans finden.  Oder…
  2. Wir suchen uns ein paar ausgewählte, exklusive und passende Locations, und bringen „Thanksgiver“ noch mal live auf die Bühne. Und zwar dieses Mal – im Gegensatz zum Release-Event – mit voller Besetzung und vollständig live, ohne Playback vom Sequencer. Und wer möchte, kann nach unserer Darbietung dann eine Platte kaufen (was die Menschen dann üblicherweise durchaus machen).

Beide Lösungen hätten Vor- und Nachteile.

Die Video- und Song-Edit-Geschichte ist (im Vergleich zur Tour) mit relativ geringem Aufwand schnell umgesetzt. Aber die Erfolgsaussichten sind meiner Meinung nach zweifelhaft… und eine der wunderschönen Seiten an „Thanksgiver“ ist es, dass wir uns für dieses Album in absolut keinerlei Hinsicht irgendwie verbogen haben. Jetzt ein Video für das Reiz-Reaktion-Reiz-Reaktion-geschädigte Twitter-Publikum zu machen, das wäre für mich schon arges Verbiegen.

Eine kleine und exklusive „Thanksgiver“-Tour wäre musikalisch eine schöne Herausforderung… es macht Spaß, auf der Bühne zu stehen, und es wäre für Steffi und mich noch einmal die Chance, etwas zusammen auf die Beine zu stellen. Aber es wird ein großer Aufwand, „Thanksgiver“ live vernünftig hinzukriegen. Prima Beispiel: Auf ‚Serenade‘ spielen Horn, Klarinette, Saxophon, Cello, zwei Gitarren, ein Klavier, eine Hammond-Orgel, eine Hohner Organa, ein Bass… und natürlich Steffi am Mikrophon. Auf der Release haben wir das noch mit Playback vom Band abgefrühstückt… für einen „richtigen“ Live-Auftritt geht das aber nicht. Und wir wollen kein „Thanksgiver Light“ spielen… wenn wir das schon live machen, dann richtig. Wir brauchen mehr Musiker, und wir brauchen passende Locations. Das wird extrem schwierig.

Tja, und so sieht es jetzt aus. Das sind die zwei Ideen, die wir haben. Ich bin sehr gespannt, wie so die Meinungen im geschätzten Schall-und-Stille-Debattierclub sind. Was meinen Sie, geschätzte Leser?

1 oder 2?

Sollen wir das Wolfsrudel trennen und einen Teil seiner Geschichte in leicht erfassbaren bewegten Bildern dokumentieren?

Oder sollen wir das Risiko eingehen, mit dem Wolfsrudel in der Manege zu stehen, um dem Zirkuspublikum unsere Magie vorzuführen?

Oder fällt Ihnen noch etwas ein, was wir übersehen haben?

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Kommentare

„Niemand, weder diese einige Menschen noch sonst wer, hat einen mp3-Download gekauft“

Dem möchte ich ganz vehement widersprechen. Ich bin definitiv einer von „diesen einigen Menschen“, ich war in der Diskussion damals sehr präsent und habe mich für den MP3 Verkauf ausgesprochen. Und ich habe nicht nur die MP3s gekauft, die ich im Auto immer wieder auf dem Arbeitsweg höre, sondern ich habe sie auch noch zum vollen Preis der Platte gekauft, und hatte dafür als kostenlose Beigabe auch eine Platte bekommen, als Erinnerung und wunderschönes signiertes Sammlerstück. Vielleicht kann ich sie irgendwann auch anhören.

Wenn Du also eine so absolute Aussage triffst wie die obige, dann würde es mich wirklich sehr freuen, wenn Du länger und ausführlicher darüber nachdenkst, ob sie tatsächlich zu 100% zutrifft. Denn selbst wenn ich im worst case der Einzige gewesen sein sollte, der das so gehandhabt hat, fühlt es sich doch sehr unangenehm an, trotz diesem Upgrade nur einer zu sein, den man einfach mal übergeht, weil die frustrierte Aussage sonst nicht stark genug klingt.

So, ich denke ich brauche Deinem Frust nicht noch mehr von meinem drauf laden. Deiner reicht für uns beide.

Nun zu Deinen Optionen und meinen Ansichten dazu.

Option 1:
Ich will jede Veröffentlichung von Euch haben, selbst über ein tiefergelegtes „Wolfpack“ mit Blingbling würde ich mich extrem freuen. Ich glaube aber nicht, dass Du damit jemanden außerhalb Deines Fankreises erreichen wirst. Daher müsstet ihr entscheiden, ob es die Arbeit wert wäre, es nur für Eure Fans zu machen. Deinem Ziel, die restlichen Platten zu verkaufen, oder zumindest die Weltherrschaft zu erlangen, wirst Du damit aber sicher nicht näher kommen.

Option 2:
Ich weiß, wie sehr Eure Live Auftritte einen in den Bann ziehen können. Wer Euch hört, und nicht gerade viel lieber auf ein Scooter Konzert wäre, wird sehr von Eurer Musik angetan sein. Ich fürchte jedoch, Karten für ein reines Botany Bay Konzert zu verkaufen, dürfte die gleichen Anforderungen und Hürden haben, wie Vinylplatten von Botany Bay zu verkaufen. Ich weiß nicht, ob man ein Konzert davon abhängig machen kann, wie der Kartenvorverkauf läuft. Ich vermute nicht, dass es so eine Notausstieg Variante dabei gibt oder diese akzeptabel für Veranstalter oder Kartenkäufer ist.
Wenn ihr jedoch in Locations spielen könnt, in denen sowieso Menschen sind, dann bin ich fest davon überzeugt, dass ihr viele neue Fans und wie Du selbst schon vermutest, auch ein paar Käufer finden könnt. Also in schönen Bars und Musikkneipen, die ihre Stammkundschaft schon haben, welche generell musikbegeistert ist. Das sollte das Risiko, im schlimmsten Fall vor 2 Leuten ein Konzert machen zu müssen, sehr klein halten. Mir ist klar, dass man Glück hat, wenn man in solchen Locations wenigstens die Fahrtkosten und Verpflegung bezahlt bekommt. Aber ich kann mir vorstellen, wenn es Euch Spaß macht, die Leute sich freuen, ihr kein Geld oben drauf packen müsst, und dafür neue Fans und vielleicht Käufer findet, könnte es sich fast wie Erfolg anfühlen.

„Deinem Ziel, die restlichen Platten zu verkaufen, oder zumindest die Weltherrschaft zu erlangen, wirst Du damit aber sicher nicht näher kommen.“

Danke für diesen schönen Satz!

Hey, Daniel, puuuuuh… stimmt… das tut mir jetzt total leid. Ich hab tatsächlich Dich nicht mitgezählt… irgendwie habe ich Dich falsch eingeordnet, weil Du auch noch ein Vinyl bekommen hast…

Alle anderen die sich für ’nur mp3s‘ eingesetzt haben, haben bisher nichts gekauft, und das ist auch nicht wirklich schlimm – ich kann und möchte niemanden dazu zwingen, meine Musik zu mögen, und es war vollständig klar (tatsächlich haben wir fest damit gerechnet) dass „Thanksgiver“ nicht für alle was sein würde und dass es sich der eine oder andere anders überlegen würde, sobald er die ersten zwei Takte von „Winter“ gehört hat – es zeigt eben nur, dass ein mp3-Download ohne Vinyl das quantitative Problem auch nicht löst, und darum ging’s mir in dem Absatz. Die Frage ist, wie wir diese Platten los werden oder noch ein paar mp3s verkaufen, und zwar an jene Menschen, für die es durchaus was ist… 😉

Aber trotzdem (oder vielmehr: erst recht!!): Sorry, dass ich Dich übergangen habe! Ich habe die Stelle im Text korrigiert.

Was die Optionen betrifft…: „Option 2“ in Locations stattfinden zu lassen, wo sowieso Menschen sind und sowieso normalerweise Musik gespielt wird, ist leider sehr problematisch. Und zwar aus folgendem Grund: Wir sind früher (in der vorherigen Inkarnation von Botany Bay, mit Laura an Mikrofon & Keyboards) relativ viel aufgetreten, und wir haben dabei eines sehr schnell rausgekriegt: Leise und fragile Stücke sind absolut gar nichts für solche Orte. Weil die Menschen, die da eh schon sind, sich unterhalten wollen und/oder ihr Bier trinken wollen und/oder geile Lala mit ordentlich Wumms hören wollen. Wir hatten leise und vorsichtige Stücke auch früher schon („Breathless“ aus „Grounded“ ist ein gutes Beispiel), und sie waren, wie wir schnell feststellen mussten, live quasi nie vernünftig reproduzierbar… weil irgendeine Schnapsleiche immer dazwischen gegrölt hat und irgendjemandems Diskussion über Motorräder immer wichtiger war als dass wir gerade „Breathless“ spielen.

Irgendwann haben wir sie aus dem Programm geschmissen und dem Publikum gegeben, was es wollte. (True story: Inhale wurde von Laura und mir zu genau diesem Zweck geschrieben… das Wort ‚inhale‘ ist vom semantischen Gehalt nicht von ungefähr ganz woanders angesiedelt als ‚breathless‘. Und ich kann sagen, das hat verdammt gut funktioniert, auch wenn ich es nicht nochmal so machen würde…)

„Thanksgiver“ besteht aber zu einem großen Teil aus leisen und fragilen Stellen, es hat ganz selten mal richtig Wumms (ich glaube die ersten Beats setzen nach 15 Minuten erst ein). Sowas ist verdammt schwer zu vermitteln an Orten wo normalerweise ‚ganz normale‘ Musik gespielt wird.

Was an unserem Release-Event wirklich magisch war (und dem Publikum selbst vielleicht gar nicht so sehr aufgefallen ist, Steffi und mir aber umso mehr): Selbst bei unseren leisesten Stücken wart ihr alle unglaublich aufmerksam. Tatsächlich habe ich so etwas noch nie erlebt. Man hätte während unserer Fermaten eine Stecknadel fallen hören können, das war absolut magisch. Ich kann an der Stelle nur nochmal vielen Dank dafür sagen… so etwas ist in einem ’normalen‘ U-Musik Live-Setting nicht hinzukriegen, und als Musiker so etwas zu erleben, das ist schon… besonders 😉

Ich weiss gar nicht, ist eigentlich irgendwas von unserem Zeug aus der Zeit, wo wir noch bei einem Label waren, eigentlich auf Spotify? Bis zu „No Excuse“ wurden wir ja von unserem Publisher auf diversen Kanälen vertrieben…

Da ich bisher in meinem Leben nur Alben von Künstlern gekauft habe, die ich a) aus dem Radio kannte oder b) von einem Konzert (als Haupt- oder Vorband) halte ich auch nur 2. für eine plausible Option. Klingt aber tatsächlich schwer umzusetzen. Könnte sich aber potentiell lohnen.

Ja nun, danke für das Sorry, mach Dir keine Gedanken mehr deswegen. Im ersten Moment hat das halt gezwiebelt, ist schon wieder ums Eck.

Hmmja, ich kenne solche Kneipen, wo es so laufen würde, wie Du beschreibst. Ich kenne aber auch Kneipen, wo es funktionieren könnte. Aber die sind natürlich noch viel rarer und der Strohhalm im Nadelhaufen…

Dann doch besser als Vorband von Sepultura 🙂

Ich hoffe, ihr habt noch eine Idee, die Euch auch Spaß macht bei der Umsetzung. Wenn Deinen Lesern was einfällt, bekommst Du sicher sofort eine Nachricht.

Auf Spotify gibts nichts von Euch. Dort zu sein, würde Euch sicher kein Geld oberhalb homöopathischer Mengen geben. Ob es neue Fans geben würde, da bin ich unschlüssig. Was mich betrifft: Ich habe auf Spotify schon oft tolle unbekannte Bands vorgeschlagen bekommen und meinen Musikgeschmack und Horizont immens erweitert. Auf was der Algorithmus aber genau abfährt, und ob man den als Künstler beeinflussen kann mit Texten oder Angabe ähnlicher Künstler, kann ich dabei nicht sagen.

Also wenn ihr Zeit habt, live aufzutreten – muss nicht mal mit der kompletten Band sein – irgendwo im Raum Stuttgart, ich würde euch definitiv für Geld sehen wollen!

ich bin bissel ratlos – und auch weit weg (räumlich) um mal eben so für ein konzert vorbeizukommen. hat ja schon mit dem release nicht geklappt 🙁
(eine idee hab ich – die lass ich dir aber anders zukommen…)

bei spotify hab ich euch nicht gefunden… (ausser lokal…)

So. Ich springe jetzt mal über meinen Schatten. Dies ist mein erster Beitrag im www von mir als Papiermonster. Und ich tue das nur für dich, Steve da K!

Du hast eine wunderbare Platte rausgebracht. Ich finde sie großartig und unglaublich schön – optisch, akustisch und haptisch. Ihr habt dafür viel Zeit, Geld und Herzblut investiert und seid keine Kompromisse eingegangen. Du hast immer wieder festgestellt wie schlecht es dir bekommen ist, wenn du versucht hast den Leuten da draußen gerecht zu werden und wie gut es war nur auf deine innere Stimme zu hören. Warum jetzt damit aufhören? Mag sein, dass du damit eine Handvoll Platten los wirst, aber ist es das wert?

Was mir so durch den Kopf geht: Warum nur schwarz oder weiß? Auf Absatz schauen oder einen großen Aufwand mit voller Live-Besetzung betreiben. Wo ist die bunte Karte mit dem Vogel versteckt? Ich frage mich warum die abgespeckte Live-Variante schlechter sein soll als die „Quickie-Marketing-Version“ . Die kleine Live-Besetzung hat doch auch beim Release funktioniert. Ich will dir die Vollbesetzung sicher nicht ausreden. Wenn du Bock drauf hast, mach das. Aber wenn die Alternative dazu dann nur ist „es wird massentauglich und mit semi-nackter Haut“, dann finde ich das schade. Vielleicht ist es ja auch eine gute Idee eine kürzere Version als Appetizer zu machen, aber es muss ja nicht gleich zu „na gut, dann mach ich alles womit man irgendwie Aufmerksamkeit bekommt“ verkommen. Warum nicht auch beide Varianten, aber nicht unbedingt so gegensätzlich, sondern mit ein paar mehr Zwischentönen? Und wenn es nur sehr wenige Kneipen gibt, in denen auch leise Musik gespielt werden kann, dann gibt es eben nur wenige.Ist ja schonmal prima, dass du weißt, dass man es bei manchen gar nicht erst versuchen muss. Ich war mal auf einem Konzert in einer Bonner Musikkneipe wo die Leute nix anderes gemacht haben als zuzuhören. Das gibt es, auch wenn es rar ist.

Ich verstehe, dass es nicht schön ist, 3 Kartons mit Platten anzuschauen und es freut mich, dass du nicht resignierst, sondern schaust was du draus machen kannst. Aber selbst wenn du keine einzige Scheibe mehr verkaufst, frage ich mich, ob es nicht sinnvoller ist die Kartons irgendwo hinzupacken wo du sie nicht ständig siehst oder einen großen Zettel draufzupinnen, um es als das zu markieren, was es ist: ein unübersehbarer Beweis dafür, dass du drauf scheißt ob andere interessiert was du machst und dass dann was dabei herauskommt, was du liebst und hinter dem du stehst. Ich weiß, das ist nicht einfach, aber man kann es sich damit zumindest etwas einfacher machen als die Kartons ständig anzuschauen und sie als „die bittere Realität“ zu betrachten. Das sind sie einfach nicht.

Wenn du jetzt also mal konsequent weiter auf dein Herz hörst, was würde es dazu sagen?

Also zunächst mal würde ich sagen, dass es dafür, dass es Dein erster Kommentar in diesem kaputten Netz ist, gleichzeitig auch einer der schönsten Diskussionsbeiträge ist, die ich jemals in einem meiner Blogs haben durfte (und ich betreibe seit 15 Jahren Blogs, und sollte eigentlich mit dem Lobo und der Merkel zusammen Caipis schlürfen und schlaues Zeug für die FAZ schreiben…)

Also… wow, danke, ich freu mich…

Tja, und dann… ja, die Idee, die drei Kartons einfach als Denkmal dafür anzusehen, dass die Kreativität über die Verbitterung gesiegt hat, und dass mir Twitter & Co. auch weiterhin heftigst den Buckel runterrutschen können, die finde ich ziemlich ansprechend. Wenn nicht auch noch Steffi und ich vielvielviel Geld in diese Kartons investiert hätten… 😉

Das Problem mit dem Mittelweg ist dieses: Ich denke, für die Release war’s durchaus ok, das Ding mit einer abgespeckten Band zu spielen und die Hälfte vom Band kommen zu lassen… immerhin ging es auch darum, die Platte als solche vorzustellen, und da macht das Publikum auch mal mit, wenn wir plötzlich mal ein paar Minuten lang gar nichts wirklich spielen…

In einer ‚richtigen‘ Livesituation ist das allerdings was anderes, denn statt xtausend Euro für eine Feier auszugeben sollte es da eigentlich so laufen, dass wir Geld für unsere Darbietung kriegen… dafür hab ich aber irgendwie auch das Gefühl, dass ich was bieten muss…

Und ich glaub die Idee vom Video ist weitestgehend gestorben… ausser, wir haben aus einem anderen Grund als den Ignoranten auf Twitter volle Kanne krasse Lust dazu, das jetzt unbedingt zu machen. Was ich nicht für wahrscheinlich halte 😉

Das Netz ist immer nur so kaputt wie die Leute, gell? 😉

Spielt das Geld denn wirklich eine Rolle? War dir das Risiko des Worst Case nicht irgendwie als Risiko bewusst, wenn auch natürlich nicht erwünscht und sicher bestmöglichst verdrängt? Und hast du es nicht voll in Kauf genommen? Weil die Sache eben das Geld wert war? Mal ehrlich, wenn es um das liebe Geld geht, ist es schade, wenn es weg ist, aber mit einem Programmierjob ist das sicher deutlich schneller wieder reinzuholen, als wenn du Konzerte organisiert und deine Platten promotest. Vermute ich jedenfalls. Ist daher nicht eher die Frage was du tun möchtest? Welche Erfahrungen hast du gemacht als du dein Baby geschaffen hast? Haben sich nicht irgendwie die Dinge gefügt? Könnte das nicht so weitergehen, wenn du mit der gleichen Haltung ans Plattenpromoten (und gleichzeitigem drauf scheißen ob irgendeiner irgendwas dabei kauft) herangehst wie beim Aufnehmen? Was würde es dazu brauchen?

Naja, also, mal ganz transparent offen gelegt: Die Herstellung der 300 Platten hat 4300 Euro gekostet. Die Release nochmal 2500. Diverses Aufnahme-Equipment und nötige Studio-Aufrüstungen nochmal 1600 Euro.

Macht 8400 Euronen. Die habe ich auch mit einem Brotjob als einer der garantiert besseren Softwareentwickler im ganzen Rheinland trotzdem nicht mal eben schnell wieder drin (ok, Steffi ist auch beteiligt, allerdings nicht zu gleichen Teilen, und bei ihr ist es genau so schwierig, zumal sie auch noch an ihrem eigenen Album arbeitet)

Noch nicht einberechnet sind der Verdienstausfall durch Teilzeit respektive Sabbatical… wenn wir das auch noch drauf rechnen, dann sind wir ziemlich weit über 10000 Euro. Und die ganz ehrliche Antwort ist, nein, es war mir nicht klar, dass es so teuer werden würde.

Und vielleicht hab ich mich auch zu dem Gedanken hinreissen lassen, dass wir wenigstens 100 Platten verkauft kriegen und somit die puren Produktionskosten wieder reinkriegen. Aber da hatte ich (naiv wie ich bin) nicht mit eingerechnet, dass wir mit Thanksgiver nochmal jede Menge Fans verlieren würden, dass manche Leute sagen ‚klar, ich kauf ne Platte‘ und sich dann nie wieder melden, undsoweiter undsofort. Ich bin ihnen nicht böse, ich weiss die Musik ist nicht für alle, aber schwieriger macht es das schon.

Würde ich es trotzdem nochmal machen? Das Album? Ja. Die Release-Party? Ja. Das Ganze auf Vinyl und mit einer 300er Auflage? Vermutlich eher nicht, aber es ist trotzdem toll, die Scheibe in der Hand zu halten.

Also, zusammengefasst: Die Kohle tut schon weh, das muss ich zugeben.

Dass sich die Dinge fügen, das hoffe ich sehr 😉 Schauen wir mal, wie sie das tun.

So, nächsten Download verkauft. Als ich das erste mal in das Album reingehört hab, gabs keine CD/Download.

…und den Text angepasst! Tausend Dank! 🙂

Ja, wir mussten erstmal das ‚Digital Booklet‘ auch noch fertig stellen, aus diesem Grund hat sich der ’nur mp3′-Download verzögert; das Artwork für die Platte hatte erstmal Priorität, und unser Designer alle Hände voll zu tun…

Du wirst Musik nur noch nach Konzerten verkaufen können, also quasi von der Bühne weg. Sind die Leute erst Mal zuhause, dann werden sie auch schon wieder vom Leben, von den sog. sozialen Medien und vom Rest weggespült. Anzapfen, wenn die Begeisterung frisch ist.

Ich habe mit drei Projekten insgesamt 4 Platten in die üblichen Online-Kanäle gespeist. Das hat mich so etwa 150 Euro gekostet. Die Einnahmen belaufen sich auf unter 5€ in vier Jahren.

Manche machen auch eine gemischte Idee: Ein oder zwei Songs in die digitalen Vertriebswege verschütten, damit man dort präsent ist – denn wer nicht bei Spottify ist, der kann auch nicht wahrgenommen werden. Ebenso Google Play und iTunes. Ich kenne Menschen, für die Musik nicht existiert, wenn sie da nicht drin ist.

Aber Musik verkaufen, als Hardware… passiert online nicht. Auch nicht über so tolle Plattformen wie Bandcamp. Außer man macht richtig viel Werbung oder hat schon richtig viel Fame.

Ich persönlich versuche, mich damit abzufinden. Es motiviert nur nicht so wirklich beim Recorden.

Ja, das ist mir – leider – auch klar. Kleine Anekdote… auf unserer Weihnachtsfeier wurde unserer Praktikantin plötzlich klar, dass man Botany Bay ja mit „Shazam“ finden kann (wir waren ja mal bei einem Label, undsoweiter undsofort). Vorher hatte sie meine Musik mehr oder weniger ignoriert, aber plötzlich war sie beeindruckt. Wenn’s auf „Shazam“ ist muss es ja „richtige“ Musik sein. Tja, schade, falscher Grund zum Beeindrucktsein. Die ‚richtige‘ Musik wird u.U. von irgendeinem Typen auf der Straße auf einer abgeranzten Gitarre gespielt und nie nie nie niemals im Internetz landen… aber ok, wenn die Jugend von heute das so sehen will 😉

Boah komm ich mir gerade alt vor 😉

[…] Ich schreibe „richtig“ in Anführungszeichen, weil gute und fundierte Softwareentwicklung natürlich ebenfalls eine handwerkliche Tätigkeit ist (auch wenn diese Einsicht leider noch lange nicht bei allen Menschen angekommen ist…), und tatsächlich bin ich im Großen und Ganzen auch sehr zufrieden damit, dass ich mir durch das Entwickeln von Software die Ausübung meiner Berufung leisten kann. Noch schöner wäre natürlich, wenn ich für die Ausübung meiner Berufung genug Geld bekommen würde, dass ich davon leben kann… aber das wird wohl nichts mehr. […]