Die Elbimo-Pferde – ein Märchen von Consulting, Softwareentwicklung, Scrum und autarken Teams

Es war einmal ein Mann, der war Direktor in einem prächtigen, bunten Zoo mit großen, schönen Gehegen voller wundersamer exotischer Tiere.

Oder, besser gesagt – die Besucher hielten den Zoo für prächtig. Doch wie es in Zoos nur allzu oft der Fall ist, gab es hinter den Kulissen etliche Streitereien. Einige der Zoo-Angestellten konnten einander nicht leiden, und darüberhinaus waren unter ihnen nicht wenige, die gerne Zoodirektor an Stelle des Zoodirektors gewesen wären.

Drei Gönner

Eines Tages hatte der Zoodirektor ein Treffen mit den drei Gönnern des Zoos. Dabei handelte es sich um steinreiche und wichtige Menschen, die zwar keinerlei Ahnung von Zoos oder exotischen Tieren hatten – dafür aber ein sehr geschultes Auge, wenn es darum ging, wieviel Gewinn an der Eintrittskasse gemacht wurde.

„Das ist ja alles schön und gut mit unserem Zoo“, sagte der erste der drei Gönner, „aber es fehlen uns Elbimo-Pferde.“

„Ja, genau. So gut wie jeder andere Zoo hat Elbimo-Pferde, aber uns laufen die Besucher weg, weil sie Elbimo-Pferde sehen wollen“, stimmte der zweite zu.

„Besorg‘ uns Elbimo-Pferde und mache sie bis zum Ende des Jahres zu einer großen Attraktion, und wir wollen es Dir reich vergelten. Oder scheitere, und Du wirst unseren Zorn zu spüren bekommen“, verkündete schließlich der dritte.

Nun hatte der Zoodirektor ein Problem. Zwar hatte er schon von Elbimos gehört und auch hatte er schon selbst mit diesen schlanken, edlen und schnellen Tieren geliebäugelt. Allein, unter seinen Mitarbeitern fand sich kein einziger, der sich mit Elbimo-Pferden auskannte.

Schlimmer noch, es waren so einige darunter, welche die Idee überhaupt nicht mochten: „Elbimo-Pferde willst Du? Welch ein Unfug!“, sagten sie, „Unsere anderen Tiere haben kaum genug Futter und Platz, unsere Tierpfleger sind sich gegenseitig nicht grün, und Du willst noch mehr Tiere dazu stellen und noch mehr Unruhe stiften“.

Doch der Zoodirektor wusste, dass für ihn viel auf dem Spiel stand, und so traf er eine Entscheidung.

Drei Spezialisten

Am nächsten Tag schaltete der Zoodirektor eine Anzeige in allen großen Zeitungen des Landes. „Elbimo-Pferde-Spezialisten gesucht!“, lautete der Text. „Kommt schnell, kommt zahlreich, es ist dringend. Gute Bezahlung garantiert!“

Nun waren Elbimo-Pferde tatsächlich etwas Besonderes. Sie waren flink, intelligent, schlank, und von großer Schönheit. Genau deshalb waren sie in den Zoos dieses Landes in den letzten Jahren auch ein großer Trend geworden, und genau deshalb hatte sich die Anzahl der „Spezialisten“ in den letzten Jahren auch auf wundersame Weise verhundertfacht.

Und so kam es, dass der Zoodirektor nicht lange warten musste. Schon in der folgenden Woche wurden drei neue Mitarbeiter im Zoo angestellt. Sie hießen Heinrich, Kurt und Zurpldiwupp, und ein jeder von ihnen war ein gar großer Spezialist für Elbimo-Pferde.

„Ich weiß alles über Elbimos“, sagte Heinrich. „Ich komme gerade frisch von der Schule, und dort wurde mir alles über Elbimos beigebracht. Wir hatten sogar ein Projekt, in dem ich einem echten Elbimo-Pferd unter Anleitung den Schweif kämmen durfte. Es kann also nichts schiefgehen.“

„Ich weiß alles über Elbimos“, sagte Kurt. „Ich habe unter den Besten der Besten gelernt, und in einem fernen Land tausend und ein Elbimo-Pferde großgezogen. Ich habe die richtigen Ideen, und wenn Heinrich und Zurpldiwupp nur machen, was ich sage, dann kann nichts schiefgehen.“

„Ich weiß alles über Elbimos“, sagte Zurpldiwupp. „Elbimos sind ganz furchtbar kompliziert. Ihr wollt keine echten Elbimo-Pferde. Die meisten Zoos zeigen keine echten Elbimos, sondern sie zeigen Dybrih-Pferde. Dybrihs sind zwar völlig anders, sie sind dumm, behäbig, langweilig und sie furzen die ganze Zeit – aber sie sind einfach zu halten, und wenn man sie regelmäßig schert, einfärbt, ihnen eine Extra-Mähne anklebt und jeden Tag einen Zaubertrank ins Futter kippt, dann sehen sie aus wie Elbimos und pupsen auch nicht… und dem Durchschnittsbesucher wird der Unterschied nie auffallen. Wenn wir einfach Dybrihs zeigen, dann kann nichts schiefgehen.“

Der Fluch

Wie ihr euch gut vorstellen könnt, ging es nicht lange gut mit Heinrich, Kurt und Zurpldiwupp. Im Nu gerieten sich Zurpldiwupp auf der einen Seite und Heinrich und Kurt auf der anderen Seite gar fürchterlich in die Wolle.

Für Heinrich und Kurt war es eine Zumutung, auch nur daran zu denken, Dybrihs zu züchten und die Zoobesucher hinters Licht zu führen. Für Zurpldiwupp war es unfassbar, wie Heinrich und Kurt einfach die Augen vor der Wahrheit und dem wesentlich einfacheren Pfad verschließen konnten.

Bald landeten die Streithähne also vor dem Zoodirektor, und es wurde nach einer Entscheidung verlangt.

Nun war unser Zoo ein sogenannter agiler Zoo, und es gibt in agilen Zoos ein ungeschriebenes und heiliges Gesetz (tatsächlich gibt es in agilen Zoos sehr viele teilweise fürwahr absonderliche Regeln, Spiele, Rituale und Gesetze, aber von jenen werde ich euch vielleicht einmal in einem anderen Märchen erzählen).

Besagtes Gesetz auf jeden Fall lautet: Der Direktor mischt sich nicht in die Angelegenheiten der Spezialisten ein. Sie heißen Spezialisten weil sie sich auskennen – und echte Spezialisten hätten sich auch jegliche Einmischung eines Direktors verbeten.

Und genau deshalb gab der Direktor in diesem Fall auch der Mehrheit den Vorzug. Heinrich und Kurt durften ein echtes Elbimo-Fohlen besorgen und großziehen, und Zurpldiwupp wurde dazu verdonnert, sich fortan um die Vermehrung der flatulierenden Panzerschweine zu kümmern – eine Tätigkeit, die der Aufzucht von Dybrihs sehr ähnlich war.

Da wurde Zurpldiwupp ganz schrecklich wütend, streckte einen zitternden Finger in Richtung Heinrich und Kurt aus und verkündete: „Ihr werdet es niemals schaffen! Euer Plan ist zum Scheitern verurteilt! Merkt euch meine Worte!“

Das Elbimo-Fohlen

Als der Zoodirektor einige Wochen später einmal einen Rundgang durch seinen Zoo machte, da wollte er im Elbimo-Gehege nach dem Rechten schauen und herausfinden, wie weit er seinem Ziel, von den drei Gönnern reich und sattsam beschenkt zu werden, näher gekommen war.

Doch als er nach Heinrich und Kurt fragte, da wurde der Direktor statt zu einem großen und schönen Elbimo-Gehege zu einem notdürftig zusammengehämmerten, windschiefen Bretterverschlag mit einem winzig kleinen Stück verdorrter und abgegraster Weide davor geführt. Dort angekommen erschrak der arme Direktor ganz fürchterlich, als er schließlich das Elbimo-Fohlen sah. Das arme Tier konnte kaum auf seinen eigenen, dünnen Beinchen stehen, unter seinem fahlen Fell konnte man jede einzelne Rippe erkennen, und es stand zitternd und schwer atmend an die schiefe Stallwand angelehnt und schaute den Direktor aus traurigen und klebrigen Augen vorwurfsvoll an.

Links und rechts davon saßen Heinrich und Kurt auf Holzschemeln. Heinrich versuchte, den dünnen Schweif des Fohlens zu kämmen, während Kurt fieberhaft in einem Buch stöberte, auf dessen Rücken die Aufschrift „Elbimo-Zucht für Anfänger, jetzt mit zehn leichten Übungen!“ prangte.

„Um Gottes Willen“, entfuhr es dem Zoodirektor, „was in aller Welt ist hier passiert?!“

Da klappte Kurt das Buch zusammen und schaute den Direktor düster an. „Dein Zoo ist ein schlechter Zoo! Niemand hilft uns!“ sagte er.

„Ja genau, niemand zeigt uns wie man…“, fing Heinrich an.

„Nein!“, fuhr Kurt ihm über den Mund, „Niemand hilft uns, das allein ist das Problem! Ich weiss genau wie es geht, ich habe tausend und ein Elbimo-Pferd großgezogen, aber es geht nicht, wenn uns niemand hilft. Niemand hilft uns, und alle warten nur dass wir es nicht schaffen, und das alles nur, weil Zurpldiwupp einen Fluch auf uns ausgesprochen hat!“

„Aber welche Art von Hilfe brauchst Du denn?“ fragte der Direktor.

„Ich brauche eine große, große Wiese und eine große Erntemaschine, damit ich Heu herstellen kann, und ich brauche eine Töpferei, damit ich einen Trog für das Fohlen bauen kann… und einen großen Bohrer, damit ich mir einen Brunnen graben kann um Wasser für das Pferd zu bekommen… und niemand hilft uns damit! Die haben sich alle gegen uns verschworen!“

Das kam dem Zoodirektor äußerst seltsam vor, denn eigentlich hatte er immer gedacht, es gäbe schon Heu in seinem Zoo – als Futter für die anderen Tiere. Und er war sich ziemlich sicher, dass es auch Wasserleitungen und Tröge gab.

Doch als der Direktor dies anmerkte, da wurde Kurt ganz fürchterlich wütend: „Nein, nicht für uns! Niemand möchte uns etwas abgeben! Niemand hilft uns! Und Du bist schuld, und Zurpldiwupp auch!“

Und dabei blieb er.

Die gute Fee

Als der Zoodirektor an diesem Abend nach Hause ging, da war ihm sehr traurig zumute, und sein Herz war ganz schwer von dem was er gesehen und gehört hatte. Das Tier dauerte ihn sehr, aber noch mehr dauerte ihn die Tatsache, dass er auf diese Art und Weise wohl niemals reich beschenkt werden würde – viel eher würde das Gegenteil passieren und er würde den Zorn seiner Gönner zu spüren bekommen.

Und als er da so in trübe Gedanken versunken gebückt und traurig den kleinen Pfad zu seinem Haus entlang wanderte, da machte es plötzlich Pling!, und es erschien dem Direktor eine gute Fee.

„Na na“, sagte sie. „Was ist denn mit Dir wohl los?“

„Ach“, wehklagte der Direktor, „ich habe einen großen Fehler gemacht, und am Ende des Jahres werde ich den Preis dafür zahlen….“

„Oh, das klingt nicht schön“, sagte die gute Fee und lächelte ihn aufmunternd an.

„Nein… es ist auch nicht schön… und ich weiß auch gar nicht, warum Du so lächelst. Erfreust Du Dich etwa an meinem Unglück?“

Da schüttelte die Fee energisch mit dem Kopf. „Nein, niemals würde mir so etwas einfallen. Ich lächele, weil ich ein gute Fee bin, und weil Dir vielleicht geholfen werden kann…“

„Das glaube ich kaum“, entgegnete der Zoodirektor mürrisch, „oder kennst Du Dich etwa mit Elbimo-Pferden aus?“

„Oh, Elbimo-Pferde… schöne, edle, schnelle, schlaue Tiere…“, seufzte die Fee.

„Ja genau! Du kennst Dich also aus?“ fragte der Direktor.

„Nein, ich nicht“, entgegnete die Fee, „aber ich kenne einen Mann namens Alexander, der sich damit sehr gut auskennt. Er hat die schönsten Tiere gezüchtet, die man sich nur vorstellen kann.“

„Na das mag ihm vielleicht zur Ehre gereichen“, sagte der Direktor, „aber meine zwei Spezialisten, die werden ihr Fohlen so wie’s scheint nicht über die nächste Woche bringen…“

„Na, hör zu“, entgegnete die Fee, „so weit muss es nicht kommen. Alexander ist sicherlich gerne bereit, Deinen zwei Spezialisten ein wenig mit Rat und Tat zur Seite zu stehen… bis sie selbst gut für das Tier sorgen können.“

„Das würde er für mich tun? Und was ist der Haken dabei?“

„Kein Haken“, entgegnete die Fee, „nur ein bißchen Bezahlung. Er verlangt nicht viel“.

Und der Direktor dachte an die ihm versprochenen Reichtümer, und er willigte gerne ein, einen Berater in seinen Zoo zu holen, auf dass dort hoffentlich schon bald schöne und gesunde Elbimo-Pferde zu bewundern sein würden.

Und dennoch – mit einem Stechen in seinem Herzen musste er an Zurpldiwupp und seine Dybrih-Pferde denken, und er konnte nicht anders als sich zu fragen, ob er mit einem kleinen bisschen Schummelei vielleicht schon längst am Ziel wäre.

Der Berater

Als wenige Tage später Alexander beim Bretterverschlag aufkreuzte, da wurde er von einem mürrischen Kurt alles andere als freundlich begrüßt: „Der Direktor hat uns gesagt, dass Du kommst und helfen sollst. Ich bin nicht überzeugt. Du bist mir nicht willkommen, ich brauche keinen Berater! Ich kann alles!“

„Schade, denn ich bin auf Deiner Seite“, entgegnete Alexander. „Ich möchte nur helfen. Kann ich denn mal das Fohlen sehen?“

„Wenn es dann sein muss…“, sagte Kurt mürrisch und zeigte ihm das Fohlen.

„Wir müssen dieses Fohlen sofort nach draussen bringen, Elbimo-Fohlen brauchen Sonnenlicht. Ausserdem brauchen wir frisches Heu und Wasser, sonst wird es den nächsten Tag nicht erleben. Woher kriegen wir das?“ fragte Alexander.

Kurt schaute ihn erschrocken an und zuckte mit den Schultern.

„Ich glaube, ich habe Heu und Wasser im Bergziegengehege gesehen“, sagte Heinrich.

„Gut, dann geh dort hin und frage, ob wir Wasser und Heu haben können, während Kurt und ich das Fohlen nach draussen tragen.“

Gesagt, getan – Kurt und Alexander trugen das Fohlen ins Sonnenlicht, und Heinrich kam schließlich ganz stolz mit einem Fass Wasser und einem Bündel Heu zurück vom Bergziegengehege. „Sie haben mir einfach geholfen… ich musste nur fragen!“ berichtete er gleichsam erfreut wie erstaunt.

Mit gemeinsamen Kräften gelang es ihnen über die nächsten paar Tage, das Fohlen wieder aufzupäppeln. Und nachdem Kurt mit eigenen Augen gesehen hatte, dass der Berater wirklich etwas von seinem Handwerk verstand, wurde er wesentlich umgänglicher, und zwischen den dreien entwickelte sich schon bald eine Art Freundschaft.

„Danke, dass Du Dich um uns kümmerst… wir würden es ohne Dich nicht schaffen“, sagten sie schließlich eines Abends zu Alexander, „Du scheinst ja echt alles über Elbimo-Pferde zu wissen…“

„Nichts zu danken, ich züchte diese Tiere schließlich schon seit über zwanzig Jahren“, entgegnete Alexander.

Die Weide

Tatsächlich war es nicht wirklich schlimm, dass Heinrich und Kurt keinerlei Ahnung von der Pferdezucht hatten. Solche Dinge konnte man lernen, und Alexander war nur allzu bereit, sein Wissen weiter zu geben.

Es war auch nicht das Ende der Welt, dass Heinrich und Kurt sich bisher nicht getraut hatten, mit den anderen Zoo-Mitarbeitern zu reden. Auch Reden konnte man üben, und der erste Erfolg sah sehr vielversprechend aus: Das Fohlen hatte überlebt, und es fraß und trank.

Doch bald schon dämmerte es Alexander, dass es in diesem Zoo noch ein weitaus größeres Problem gab, welches sich nicht so einfach lösen ließ.

Wie ich euch schon berichtete, war dieser Zoo ein agiler Zoo. Das allein war wohl nicht das Problem, denn viele Sagen und Märchen erzählen von agilen Zoos, die angeblich wunderbar funktionieren. Doch leider hatte man in diesem speziellen Zoo beim Auslegen und Befolgen der zahlreichen agilen Gesetze und Regeln einen sonderbaren Weg eingeschlagen.

In so gut wie jedem anderen Zoo gab es eigene Abteilungen, die sich um das problemlose Bereitstellen von Futter und Wasser für die Tiere kümmerte. Das Wasser lief dort in großen Metallrohren unterirdisch zu den einzelnen Gehegen und konnte einmal angekommen schnell und bequem in Tröge gefüllt werden. Das Futter kam in großen Säcken oder Heuballen und wurde mit kleinen und spezialisierten Wägelchen an die Tiere im Zoo verteilt.

In diesem Zoo jedoch war wirklich jede Abteilung ausschließlich und vollständig für sich selbst verantwortlich… und zwar in allen Dingen.

Brauchte beispielsweise ein Gehege Wasser, so achtete Wachtmeister Knudtsen von der AP (der Agil-Polizei) darauf, dass die Spezialisten beim Gehege selbst ihren eigenen Brunnen gruben, ihre eigenen Pumpen bauten, ihre eigenen Rohre verlegten und ihre eigenen Tröge herstellten. Obwohl wirklich alle Tiere Wasser brauchten, und obwohl ein zentraler Brunnen an einer guten Stelle mit einer schönen Kanalisation tausendmal vernünftiger gewesen wäre, war jedes Gehege dazu gezwungen, sein eigenes, viel zu kompliziertes Ding zu drehen.

Ähnlich absonderlich war die Situation beim Futter: Obwohl es ein großes Feld gab, welches dem Zoo gehörte, und obwohl es das Vernünftigste gewesen wäre, einfach ein bis zwei Menschen mit Traktor und Erntemaschine einzustellen, welche dieses Feld für die Tiere des Zoos bestellen würden, musste jede Abteilung mit ihrem eigenen, kleinen Mini-Traktor dort hin fahren und irgendwie schauen, dass sie an Futter kam… was in bedeutete, sie mussten das Futter anbauen, gießen, pflegen, und ernten.

Diese absonderliche Regelung war ursprünglich ausgedacht worden, damit die GEs (Gehege-Eigentümer) schnell und ohne Abhängigkeiten von anderen Gehegen ihr Ziel erreichen und den Besuchern einen schönen Zoo präsentieren konnten. Und vielleicht war eine solche Regel in vielen Bereichen sogar klug und sinnvoll. Doch ergab sie bei Dingen, die alle gleichermaßen dringend brauchten, nicht den allergeringsten Sinn… und wie man sich vorstellen kann, war die Tierpflege auf diese Art und Weise unnötig kompliziert, und nichts funktionierte reibungslos.

Als Alexander die Situation klar wurde, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und sagte: „So kann man doch nicht arbeiten! In keinem Zoo der Welt habe ich jemals so einen Unfug gesehen!“

Noch hatte Alexander den großen Vorteil, dass er ein Fremder war, und als solcher wurde auf ihn gehört, und es wurde entschieden, dass die anderen Gehege zusammen arbeiten sollten, um Futter und Wasser für das Elbimo-Fohlen herbei zu schaffen, zumindest so lange, bis man gemeinsam eine bessere Lösung erdacht hatte.

Doch Wachtmeister Knudtsen beobachtete derlei revolutionäre Umtriebe mit Skepsis, und hinter den Kulissen begann er, darüber nachzudenken, wie man die Dinge wieder in agil geregelte Bahnen bringen könnte.

Noch einmal schwieriger wurde es dann schließlich, als das Fohlen allmählich größer wurde und sich mit seinem winzig kleinen Stück Weide vor dem Bretterverschlag nicht mehr zufrieden geben mochte. Denn hier zeigte sich, dass die GEs (Gehege-Eigentümer) hauptsächlich ihren eigenen Zielen gegenüber verpflichtet waren, und es ihnen nicht in den Sinn kam, ein anderes Gehege über längere Zeit zu unterstützen. Niemand wollte sehen, dass alle zusammen ein großer Zoo waren und alle etwas davon hätten, wenn es überall glückliche und gesunde Tiere gab.

Und so kam es einen schönen Tages, dass sich alle Beteiligten und der Direktor zu einem großen Krisengespräch zusammen trafen.

„Wir können Dir kein Stück von unserer Weide abgeben“, sagte der Bergziegen-GE. „Die Gönner sind böse, wenn wir nicht wenigstens zwanzig Bergziegen zeigen können, und die Weide ist so schon zu klein für unsere zwanzig Bergziegen.“

„Von uns kannst Du leider nichts haben“, sagte der Büffel-GE. „Unsere sechs Büffel sind der Stolz der Gönner, und wir können sie nur mit Mühe ernähren.“

„Nein, wir können nicht helfen“, sagte der für die Elefanten zuständige GE, „wir brauchen unsere Weide für unsere Dickhäuter. Ganz davon abgesehen würden eure Elbimos unsere Elefanten erschrecken, und die Gönner haben mehrmals schon gesagt, dass die Elefanten das Allerwichtigste sind.“

„Es ist sonnenklar, dass Elbimo-Spezialisten auch Landschaftsgärtner und Weiden-Ankäufer sein müssen. Du wirst schauen müssen, dass Du neues Land kaufst, mit Geld, von dem Du selbst schauen musst, dass Du es irgendwo herkriegst, und dann musst Du schauen, dass Du eine Wiese daraus machst. So fordert es das agile Gesetz“, sagte Wachtmeister Knudtsen.

Da platzte Alexander der Kragen und er sagte laut und vernehmlich: „Hört mich an. Mir ist es egal. Ich bin nur Berater. In einer Woche läuft mein Vertrag ab… dann bin ich wieder weg von hier, und euer Zoo interessiert mich nicht mehr, und ihr könnt wieder eure Spielchen spielen und eure Regeln befolgen. Aber ihr wolltet Elbimo-Pferde in diesem Zoo haben, also müsst ihr auch bereit sein, Opfer dafür zu bringen. Wenn Ihr dazu nicht bereit seid, dann wird es eben nichts mit den Elbimos.“

Da schauten ihn alle verdattert an, denn sie waren es nicht gewohnt, dass so offen mit ihnen geredet wurde. Einige sagten „Oh“, die anderen raunten „nein, so ein Pech…“ und der Direktor fragte: „Wirklich?“

„Ja, wirklich!“ antwortete Alexander.

„Tja, dann werden wir etwas tun müssen“, bestimmte der Direktor.

„Ja“, sagten die anderen am runden Tisch zustimmend.

„Jeder von euch wird ein Teil seines Geheges abgeben, so dass unser Elbimo-Fohlen Platz zum Aufwachsen hat!“ wies der Direktor an.

„Klar!“

„Machen wir so!“

„Natürlich!“

Und so geschah es, dass das Elbimo-Fohlen ein stattliches Stück Weide bekam und zumindest für eine kurze Weile weiter wachsen und gedeihen konnte. Bald konnte es unter der aufopfernden Pflege von Alexander und seinen zwei Lehrlingen ohne Stütze laufen, holte sich selbst Wasser am Trog und auch sein Fell wurde ein bißchen glänzender.

Diese Fortschritte waren dem Direktor nicht unbemerkt geblieben, und eines Abends, wenige Tage vor Ablauf des Berater-Vertrags nahm er Alexander zur Seite:

„Hör‘ zu“, sagte er ihm, „wir wollen den Kurt loswerden. Er hat ein paar mal zu viel behauptet, Dinge zu können, die er nicht tun kann… und er hat ein paar mal zu viel die Schuld dafür anderen in die Schuhe geschoben. Möchtest Du vielleicht seine Aufgabe übernehmen?“

„Oh ich weiß nicht“, antwortete da Alexander, „Es scheint mir ziemlich viel falsch zu laufen in Deinem Zoo… und ich weiß nicht, ob ich auf die Dauer damit glücklich werden kann…“

„Ich biete Dir Geld, viel Geld. Viel mehr, als Du bisher verdient hast… und die Möglichkeit, mit uns zusammen das schönste Elbimo-Gehege auf der ganzen Welt aufzubauen“, ließ der Direktor nicht locker.

Und schließlich willigte Alexander ein. Ab der nächsten Woche würde er nicht mehr als Berater, sondern als ganz normaler Angestellter des Zoos arbeiten.

Der Wechsel

Doch schon bald machte Alexander eine traurige Entdeckung:

Als er noch ausschließlich Berater gewesen war, da hatten ihm alle zugehört, es waren alle hilfsbereit gewesen, und niemand, noch nicht einmal Kurt, hatte gewagt, seine Expertise in Frage zu stellen.

Nun, da er ein ganz normaler Angestellter des Zoos war, änderte sich das alles. So gut wie jede seiner Aussagen wurde von Wachtmeister Knudtsen und vom Direktor angezweifelt oder zumindest mit einer gehörigen Portion Skepsis bedacht.

Am deutlichsten wurde dies, als das Fohlen weiter gewachsen war und wieder einmal mehr Futter benötigte. Weil dieses Thema wirklich sehr wichtig war, gab es schließlich ein Vier-Augen-Gespräch mit dem Kommissar Knudtsen von der Agil-Polizei.

Alexander sagte zu ihm: „Heinrich und ich, wir brauchen dieses Futter dringend, wenn das Pferd weiter gedeihen soll… und wir können es eben nicht selbst herstellen.“

„Hmmm…“, sagte da der Wachtmeister Knudtsen, „…aber warum denn nicht? Sollten Elbimo-Spezialisten nicht grundsätzlich immer auch Tierfutterhersteller und Tierfutterlagerbauherren und Tierfutterlagerverwalter sein? Oh, und – pardon – ich vergaß natürlich: Tierfuttertransportunternehmer!!?“

Alexander schaute ihn vollkommen verdattert an.

„Äh… nein?!“ antwortete er ungläubig.

Knudtsen schaute skeptisch. „Wirklich nicht?“

„Nein“, antwortete Alexander, „wirklich nicht. Das ist eine vollkommen bescheuerte Idee… ich meine, klar, ich kann ihm mal ein Bündel Möhren besorgen wenn es knapp wird, aber insgesamt…“

„Ähem ähem“, unterbrach Wachtmeister Knudtsen. Und er fuhr fort: „Ich weiß nicht, ob das so stimmt was Du behauptest. Denn wenn wir zum Beispiel den Heinrich fragen, ob er Futter herstellen möchte, dann sagt der ohne Umschweife zu uns: ‚Ja, natürlich, mache ich'“.

Alexander atmete tief durch. „Das liegt daran, dass Heinrich noch ein Kind ist, das sich selbst viel zu viel zutraut. Aber so funktioniert es nicht. Du bist entweder Elbimo-Spezialist oder Futterhersteller… du kannst nicht beides sein. Wenn Heinrich den ganzen Tag auf dem Feld ist und Gras und Kräuter anbaut und erntet, dann kann er sich nicht richtig um das Fohlen kümmern…“

„So so“, sagte Wachtmeister Knudtsen und nickte langsam auf eine Art und Weise, die erkennen ließ, dass er in Wirklichkeit kein Wort von Alexanders Erklärungen gelten ließ.

Alexander seufzte. Nur einen Monat zuvor wäre es noch kein Problem gewesen, an neues Futter für das Elbimo-Fohlen zu kommen. Jetzt aber musste er sich für die allernatürlichsten Bedürfnisse der Welt rechtfertigen… und eine böse Ahnung stieg in ihm auf.

Und wahrhaftig – während Alexander sich darum gekümmert hatte, dem Elbimo-Fohlen zu einem guten Start ins Leben zu verhelfen, da hatten all die Zoo-Mitarbeiter, die gerne Zoodirektor an Stelle des Zoodirektors gewesen wären oder aus sonstigen Gründen etwas gegen ein Elbimo-Gehege hatten, ihre Chance gewittert – darunter auch ein paar ganz besonders ulkige Gestalten, die Alexander nie kennenlernen sollte, die nicht die allergeringste Ahnung von seiner Arbeit hatten, die aber trotzdem eifrig über ihn urteilten.

Leider waren diese Menschen aber in diesem Zoo nicht etwa – wie man sich eigentlich denken würde – als Clowns angestellt, sondern sie waren enge Mitarbeiter des Direktors.

Und so nahm das Unglück seinen Lauf.

„Der Alexander, der kann es nicht“, hatten sie auf ihn eingeredet.

„Der Alexander arbeitet gar nicht richtig. Ich war gestern beim morgendlichen Vortanzen im Giraffengehege, und da konnte ich ihn nirgends sehen. Ich meine, was ist das für ein Elbimo-Spezialist, der nicht regelmäßig zum morgendlichen Vortanzen im Giraffengehege aufkreuzt?“ fragten sie ihn.

„Du hast einen Fehler gemacht. Dieser Experte kostet uns jede Menge Geld und leistet nichts“, hatten sie gesagt.

„Mit Alexander wirst Du es nie schaffen, bis zum Jahresende ein schönes Elbimo-Gehege zu haben“, sagten sie, und hofften, dass der Direktor entweder aufgeben oder die falschen Schlüsse daraus ziehen würde.

Neue Wege

Schließlich wurde Alexander krank. Es war Hochsommer, und die Strapazen der letzten Wochen hatten dafür gesorgt, dass er zwei Wochen das Bett hüten musste.

Als er sich wieder erholt hatte und in den Zoo zurückkehrte, da waren sowohl der Zoo als auch das Elbimo-Fohlen nicht wieder zu erkennen.

Viele Zooangestellte, die ihn vorher freudig gegrüßt ihm helfend zur Seite gestanden hatten, gingen ihm nun plötzlich aus dem Weg oder schauten beschäftigt in die andere Richtung, wenn Alexander an ihrem Gehege vorbei ging. Einer der agilen Polizisten, der vorher regelmäßig das Gespräch mit Alexander gesucht hatte, ignorierte ihn sogar vollständig.

Und einige Mitarbeiter gingen so weit, ganz unverhohlen in seine Richtung zu zischen: „Haha, da ist er ja, der Elbimo-Züchter… als ob wir Elbimos brauchen…“

Das arme Elbimo-Fohlen hatte indes deutlich an Gewicht verloren, es sah dünner und kränklicher aus als je zuvor, seine Augen waren trübe und verklebt, es lahmte vorne rechts und hinten links, es zitterte am ganzen Körper, und Heinrich kniete auf einem Schemel davor und tat irgendetwas an seinem Fell.

„Oh nein, was ist denn hier passiert? Heinrich… was tust Du da nur?“ wollte Alexander wissen.

„Ach“, sagte Heinrich traurig, „wir bekommen kein Futter mehr für das Fohlen, und die Weide haben sie uns auch wieder weg genommen. Die GEs der anderen Gehege sagen, das sei jetzt lange genug so gegangen und es dürfe jetzt nichts mehr an uns ausgegeben werden, weil alle anderen Gehege viel viel wichtiger sind und die Gönner böse werden… und… und…“

„Und was?“ fragte Alexander entsetzt.

„Und jetzt fällt ihm das Fell aus, und er kann kaum noch stehen…. und unser GE hat beschlossen, ich soll einfach mit Lack darüber malen und ihm mit Sekundenkleber Fell aufkleben und ein Gerüst darunter stellen, so würde daraus ein MVP (minimal verwestes Pferd), um die Gönner ruhig zu stellen…“

„Aber so geht es doch nicht… das ist doch absoluter Wahnsinn… ich rede mit dem Direktor!“ sagte Alexander erbost und stürmte aus dem Stall.

Beim Direktor angekommen, ließ Alexander seinem Ärger freien Lauf: „Ich war gerade mal zwei Wochen weg, und ihr habt das Pferd beinahe zu Tode gehungert und lasst jetzt den armen Heinrich irgendeinen Schwachfug mit Farbe und angeklebtem Fell machen um eure dummen Gönner zu blenden… ja sagt mal, habt ihr eigentlich noch alle Tassen im Schrank?“

Der Direktor schaute bestürzt. „Hm hm hm“, brummte er, „ja, Du hast recht, das ist wirklich keine gute Lösung“, sagte er, mehr zu sich selbst als zu Alexander.

„Nein, ist es nicht!“ bestätigte Alexander. „Wir müssen schnellstens etwas tun, bevor es zu spät ist!“

Der Direktor redete ruhig weiter: „Hmmm hmmmm hmmmm… ich habe in dieser Angelegenheit viele Fehler gemacht, das gebe ich zu… aber ich habe eine Idee…“, sagte er.

„Und die wäre?“

„Während Du krank warst gab es hier im Zoo eine Veranstaltung von einem Gaukler in einem kleinen Zirkuszelt, der die Lösung für all unsere Probleme hat. Ein ganz toller Mensch war das, er trug bunte Gewänder und konnte in so manchen fremden Zungen sprechen. Hmmmm, hmmmm, hmmm. Dieser Gaukler also, der züchtet eine neue Art von Dybrih-Pferden, und er behauptet, dieses Mal haben sie wirklich keinerlei Probleme und sind auch nicht dumm und auch furzen sie gar nicht so oft wie immer gesagt wird, und er hat mir viele schöne bunte Bilder davon gezeigt, die waren echt überzeugend, und ich schwöre Dir, sie sehen ganz genau so aus wie Elbimos…“

„Oh Gott, nein, bitte nicht… dass wir Elbimos züchten, das ist doch überhaupt nicht das Problem. Das Problem ist, dass dieser Zoo einfach nicht richtig funktioniert“, stöhnte Alexander.

„Nein, nein“, entgegnete der Direktor, „hör‘ mir gut zu! Ich hatte dann noch mehrere persönliche Gespräche mit dem Gaukler, und er sagt, er wird das alles noch vor Jahresende ganz günstig für mich machen, und dann werde ich mit Gold überschüttet, und dieses Mal wird es auch wirklich klappen… hmmmm hmmmm… und er hat mir erklärt, dass ich die ganze Zeit das Falsche gemacht habe, und dass die Idee mit den Elbimos überhaupt nicht funktionieren konnte… und deshalb möchte ich es gerne sein lassen mit der Elbimo-Zucht. Es war die falsche Idee, ich sehe das jetzt ein… hmmmmm hmmmm…“

Sein lassen? Und das Fohlen? Und Heinrich? Und was ist mit euren tollen agilen Gesetzen?“ fragte Alexander entsetzt.

„Ach, das Fohlen wird von Heinrich nächste Woche zum Abdecker gebracht, der kann es dann von seinem Leid erlösen. Es muss nur noch ein paar Tage durchhalten, wenn die Gönner ihre jährliche Führung durch den Zoo bekommen. Und dann schulen wir Heinrich zum Dybrih-Züchter um… er ist sehr jung und sehr wissbegierig, und er macht alles mit, das hat mir Knudtsen versichert. Und wenn Du möchtest, dann kannst Du mir gerne dabei helfen, die neue Dybrih-Zucht aufzubauen…“

„Das ist doch Wahnsinn. Und woher wollt ihr den Platz und das Futter für die Dybrihs nehmen? Ihr konntet ja nicht mal ein lächerliches kleines Elbimo-Fohlen versorgen!“

„Ja, aber wir haben dazu gelernt. Wenn die Dybrihs so weit sind, dann wird es genug Futter und Platz geben…“

Wortlos stand Alexander auf und ging zur Tür.

„Ich verstehe Deinen Ärger“, sagte der Direktor, „aber hier gibt es eine Chance für uns alle, es richtig zu machen…“

Alexander drehte sich um und schaute dem Direktor ein letztes Mal in die Augen. Und er sagte zu ihm: „Nichts an alledem ist richtig. Du hast die falsche Entscheidung getroffen, weil Du von den falschen Menschen die falschen Ratschläge angenommen hast. Hier ist so viel falsch… davon will ich kein Teil sein.“

Fee no more

Viele Jahre später war der Zoodirektor schon längst kein Zoodirektor mehr, als er abends durch den Wald lief und noch einmal der guten Fee begegnete.

„Na na“, sagte sie, „was ist denn mit Dir wohl los?“

„Ach“, wehklagte der Ex-Direktor, „als ob Du das nicht wüsstest… ich habe einen großen Fehler gemacht, und einen hohen Preis dafür bezahlt…“

„Ja, das stimmt wohl, Du hast meinen Bekannten verärgert, ein armes Elbimo-Fohlen verhungern lassen und mich zum Gespött der gesamten Gute-Feen-Szene gemacht…“, stellte die Fee fest.

„Was?“ fragte er Ex-Direktor. „Nein, nein… davon rede ich gar nicht!“

„Wovon redest Du dann?“ fragte die Fee.

„Ach, ich habe nicht genug Werbung gemacht. Daran muss es liegen, anders kann es nicht sein…“

„Was redest Du denn da?“ fragte die Fee.

„Mein guter Kumpel, der Gaukler mit dem Zirkuszelt, der hat mir innerhalb kürzester Zeit fünf Dybrihs hingestellt, ganz genau so wie er es versprochen hatte. Guter Mann, guter Mann.

Und ich hab dieses Mal auch ordentlich Druck gemacht, dass die Tiere genug Futter und Platz bekommen, wir wollten ja nicht, das sich die Geschichte mit dem Elbimos wiederholt… auf jeden Fall… ganz tolle Viecher sind das… na gut, sie sind langsam, behäbig, laut und dumm… und sie sehen erstmal auch nicht wirklich aus wie Elbimos, das stimmt schon, und… ja, ich muss zugeben, sie furzen auch unentwegt, obwohl mir das Gegenteil versprochen wurde… aber… aber mit dem richtigen Zaubertrank im Futter, und mit ein bißchen angeklebter Mähne und eingefärbtem Fell… da gehen sie sofort als Elbimos durch, das schwöre ich Dir… niemand hat den Unterschied erkannt, schon gar nicht unsere Gönner, ha, die waren hellauf begeistert, und man hat mich in Gold gebadet…“

„Und was ist dann passiert?“ wollte die Fee wissen, obwohl sie die Antwort darauf schon kannte, und dabei unterdrückte sie ein Gähnen.

„Die Besucher kamen nicht! Sie wollten unsere Dybrihs nicht sehen. Ich meine, am Anfang kamen sie schon… aber dann sind sie in die anderen Zoos gegangen, und sie haben behauptet, es gehe dort viel liebevoller zu… und die Elbimos dort, die seien viel schneller, und wendiger, und schlauer, und besser gepflegt, und sie hätten viel schönere und größere Gehege… und sie haben behauptet, unsere Pferde würden sich ‚nicht echt anfühlen’… kannst Du Dir das vorstellen, Fee? ‚Nicht Echt‚… und dann sind immer weniger Leute gekommen… und dann noch weniger… und dann gab es eine Krisensitzung mit den Gönnern, und die haben behauptet, ich sei an allem schuld und hätte sie getäuscht, und ich hätte überhaupt keine Ahnung, wie man einen Zoo leitet… dabei hätten wir doch nur unser Publikum noch ein bisschen mehr davon überzeugen müssen, dass unsere Pseudo-Elbimos echt eine tolle Sache sind… ja, genau… das hätten wir machen müssen, einfach ein bisschen mehr Werbung, ein bisschen Geld in die Hand nehmen und die Menschen überzeugen… das… das wäre die Lösung gewesen…. he, Fee, hörst Du mir überhaupt zu?“

Aber da war die Fee, die sich geschworen hatte, niemals wieder einem Zoodirektor ihre Hilfe anzubieten, längst von dannen gegangen.

6 Antworten auf „Die Elbimo-Pferde – ein Märchen von Consulting, Softwareentwicklung, Scrum und autarken Teams“

  1. Sehr faszinierend, ich habe auch gespenstisch vieles wiedererkannt. Die Geschichte hat sich nicht zufällig in Bremen zugetragen?

    1. Nein, nicht mal in der Nähe davon 😉 Aber ich befürchte, solche Geschichten tragen sich an sehr vielen Zoos in diesem Lande zu…

  2. Ja, Viele Praktiken und Sichten in der agilen Szene verkommen zum Selbstzweck ohne im konkreten Kontext auf Wirksamkeit für das gemeinsame Ziel überprüft worden zu sein.
    Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Zoodirektoren manchmal einfach nicht die Erfahrung darin haben, ein übergreifendes Konzept – oder eben Ziel – für ihren Zoo zu entwickeln, das auch dessen Überleben sichert? Dann verkommt so ein Zoo eben auch zu einer bloßen Sammlung von Gehegen…

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