(tl;dr: Es gibt kostenlose Patches für den Waldorf Blofeld von mir.
Der Link ist hier. Soundbeispiele gibt’s auch.)

Ich stelle hier im Blog ja immer wieder zwei Dinge in gespenstischer Regelmäßigkeit fest:

  1. Das Internet ist kaputt
  2. Musik und Fotografie im Internet haben sehr viele Gemeinsamkeiten

Beide Punkte äußern sich auf interessante Art und Weise beim Thema Synthesizer-Klänge.

Für die Uneingeweihten: Synthesizer werden (ganz entfernt ähnlich wie Computer) „programmiert“, damit sie Klänge erzeugen. Ob ein Synthesizer einen fiesen Bass, einen lieblichen Solo-Sound oder einen bedrohlichen Flächenklang spielt, wird vom aktuell geladenen Programm bestimmt.

„Damals“, als das Internet im Großen und Ganzen noch heil und unversehrt war (also die Zeit von 1993 bis zum Aufkommen ’sozialer‘ Medien anno 2005) teilten Soundprogrammierer wie ich ihre Kreationen und stellten sie kostenlos für die Öffentlichkeit zur Verfügung. Man legte die Sachen einfach so auf seine Homepage, oder man postete sie im Usenet. Das war der Normalfall. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich hunderte von Sounds für meine Wavestation und meinen TX802 aus dem Netz sammelte und dann einige davon bei Ubik Paint (und später bei Botany Bay) verwendete.

Heutzutage ist alles ein Geschäft und es kostet alles Geld. Eine Google-Suche nach Sounds für meine derzeit bevorzugte Hardware sorgt dafür, dass ich mit „50% OFF!“, „BUY MY NEW SOUNDSET ON SCAMCON.ORG!!“, „TRY TWO FREE DEMO SOUNDS, LOAD THE COMPLETE PACKAGE FOR ONLY 99.99$“ etc. überschüttet werde.

Interessanterweise gibt es auch hier eine Entsprechung bei der Fotografie, nämlich Bildbearbeitungs-Presets. Es gibt für Lightroom, Capture One etc. jede Menge gespeicherte Voreinstellungen im Netz, die auf ein Bild einwirken. Als Adobe Lightroom 2007 noch ganz neu und keine aufgeblähte Abofalle sondern ein ganz normales Computerprogramm war, da stellten Leute bereitwillig ihre Preset-Kreationen ins Netz und teilten sie mit anderen Fotografen. Die wirkliche Musik, das waren die Fotos, nicht die Presets.

Heute jedoch lauert hinter jeder Ecke ein supersupersupertolles Preset-Pack („Ansel Adams Style!11!“) für nur 79.99$ und möchte gekauft werden, und es ist eines davon grottiger als das andere.

Und ich denke so bei mir: Könnte es sein, dass auch deshalb niemand mehr bereit ist, sich im Internet auf Neues einzulassen, weil einem alle paar Klicks irgendjemand irgendeinen Schrott andrehen will?

Wie dem auch sei – warum ich das alles schreibe? Seitdem ich mich wieder mit Synthesizern beschäftige, verbringe ich viel Zeit mit Sounddesign und -programmierung. So viel Zeit, dass es mir beinahe schon gespenstisch vorkommt. Ich kann beispielsweise ohne Probleme mehrere Stunden am Stück an meinem Waldorf Blofeld sitzen und einen Klang perfektionieren, aber danach auch wirklich Musik zu komponieren, das passiert nur alle paar Tage mal (was echt witzig ist, denn früher war es genau umgekehrt).

Und weil das so ist, und weil mich diese ganze Kaufen-kaufen-kaufen-Mentalität irrsinnig nervt, und weil 2022 ist, gibt es hier die ersten 22 Patches, die ich die letzten zwei Monate über für den Waldorf Blofeld programmiert habe, zum kostenlosen Download. Einfach klicken:

(für digital natives, die das nicht mehr kennen: Keine Angst. Das ist ein ganz einfacher Downloadlink, wie sie um die Jahrtausendwende noch gebräuchlich waren. Ihr müsst euch nirgends anmelden, müsst nichts zahlen, müsst keinen Kryptominer installieren, müsst nicht meine Instagram-Seite liken, müsst nicht zuerst 20 Sekunden Werbung schauen und ihr müsst mir noch nicht mal einen Kommentar hinterlassen. Obwohl es natürlich nett wäre.)

Für diejenigen, die sich nicht einfach so die Katze im Sack schenken lassen möchten, gibt’s hier auch noch ein ppar Soundbeispiele. Zum Technischen: Es handelt sich um einen Sysex-Dump der ersten 22 Speicherplätze von Bank H. Solltet ihr dort also was haben, was euch wichtig ist, sichert es erst. Die meisten Sounds gehen aus irgendeinem Grund in Richtung ElectroFolkGothicWave (falls das eine Richtung ist), weil ich anscheinend gerade so drauf bin. So gut wie jeder Sound verwendet Modulation via Modwheel und/oder Aftertouch. Enjoy!

ZeitNameTyp
0:00UntererlPad
0:19Autumn Is ComingKeys
0:33TapselKeys
0:45Fragile FakeKeys
1:14K-HarpPoly
1:43November RideKeys
2:14Summer BledKeys
2:45LonelyWavePluckPoly
3:16RavinePad
3:34PygmyOrganKeys
4:02Candor&theBirdsKeys
4:34Black CatBass
4:58Phies!Bass
5:25RohrViechseFX
5:45BroadswordPad
6:07FestiveKeys
6:37ExitFX
7:23JunkyardFoxesKeys
7:57FormantOrganKeys
8:21Lux DestruereBass
8:36This MomentKeys
9:00KHarmoniumKeys

P.S: Apropos Musik: Ich bin ja momentan in einer leicht paradoxen Situation. Einerseits habe ich nach allem was passiert ist wirklich kein Interesse mehr daran, auch nur im allerentferntesten irgendwelche Erwartungen oder Konventionen aktueller oder vergangener Hörgewohnheiten zu bedienen oder jemals wieder etwas an künstlerischem Output zu produzieren, was irgendwer als vermarktbar ansehen könnte.

Auf der anderen Seite kann ich’s nicht ändern, dass immer wieder Songs aus mir rauspurzeln. Wenn das passiert, dann erwische ich mich schonmal dabei, absichtlich keine Bridge zu schreiben oder den „Refrain“ nur einmal zu wiederholen oder ein Solo wieder rauszuschneiden – damit das Endergebnis auf keinen Fall radiotauglich ist. Aber ich kann das, was ich die letzten 20 Jahre lang gemacht habe, nicht so einfach verstecken.

2022 wird es also wohl wieder en einen oder anderen Song zu hören geben. Ich bin ja dagegen, aber die Songs sind schuld. Die wollen raus.


P.P.S.: Ok, ich habe wirklich keine Ahnung, ob das alles von irgendjemandem gelesen wird, der etwas damit anfangen kann. Ich weiss, die Chancen wären vor 20 Jahren noch groß gewesen, heute sind sie verschwindend gering. Trotzdem: Wenn ihr was damit anfangen konntet und gerne mehr davon hättet: Ich habe für mein aktuelles Projekt auch Sounds für die Korg Wavestation A/D und den Korg Minilogue xd programmiert. Wenn Interesse daran besteht -> Kommentare und Feedback sind die eine Sache, die mich wirklich dazu motiviert, wieder mehr solche Dinge zu versuchen.

1 thought on “Sounds

  1. Leider mache ich schon seit 25 Jahren keine Musik mehr und war damals auch nur Amateur, daher kann ich zu den Sounds leider nichts sagen, außer, dass es cool ist, wenn Musiker auf der Arbeit von Kollegen aufbauen können. Wenn das genügend wieder tun, dann gewinnt auch jeder dabei.

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