Alles neu

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Ein Sonnenuntergang mit Strommasten im Vordergrund. Die Sonne bildet Reflektionen im aufnehmenden Objektiv.

Ich habe früher, als Jugendlicher, sehr gern geschrieben.

Alles mögliche. Geschichten, Gedichte und so'n Zeugs. Nicht einmal vor ganzen Büchern machte ich Halt. Eines davon hatte den Titel "Willkür", wurde unglaublicherweise sogar fertig und liegt nun, 35 Jahre später, irgendwo in einer meiner zahlreichen nie ausgepackten Umzugskisten. Und da bleibt es besser auch.

Ein anderes mit dem Titel "Die Minister" wurde nicht fertig. Ich hatte nur Notizen, ein paar angefangene Kapitel, und einen groben Plan im Kopf – aber wenn ich heute daran zurück denke, war die zugrundeliegende Idee doch ziemlich pfiffig: Es gibt auf unserer Welt (und gab schon immer) Magie, Zauberei und Übersinnliches, aber es gibt auch speziell dafür abgestellte Minister; Bürokraten, die sich darum kümmern, dass nichts davon an die Öffentlichkeit gelangt. Diese Minister aber sind zunehmend träge, korrupt und unfähig und nutzen ihre Macht für ihre Zwecke, bis ihnen eine unwahrscheinlich zusammengewürfelte Gruppe aus Freunden auf die Schliche kommt.

Das war 1990, also ziemlich genau zu jener Zeit, als auch Joanne K. Rowling auf einer Zugfahrt von Manchester nach London die erste Idee zu Harry Potter hatte. Tjahaa, hätte ich das damals mal durchgezogen – wer weiß schon, was passiert wäre.

Vermutlich nicht viel Anderes, als das, was schließlich eh passiert ist. Vielleicht aber auch doch. Man kann es nicht wissen, das ist das Schöne an solchen Gedankenspielen.

Ein Schwarm Kraniche

Auf jeden Fall schrieb ich gerne und viel, bis ich nach und nach auf den Trichter kam, dass vielleicht doch nicht der deutsche Michel Houellebecq aus mir werden würde – und dass ich auch noch Zeit für die Musik, die Fotografie, den Broterwerb und die eine oder andere unkluge life choice brauchen würde.

Die Sache mit dem Schreiben ließ also schließlich ein wenig nach, Spaß machte es aber immer noch – und als das WWW kam, und Blogging, da war ich einer der Ersten, die ganz vorne mit dabei waren, ein Blog hatten und darin wild darauf losfabulierten, dass die Balken krachten. Ich schwolg zeitweilen in zigfach verästelten Nebensätzen und wunderte mich nicht selten, dass all das auf unerklärliche Weise sogar ein Publikum fand.

Doch genau so war es im Internetz der Mittneunziger bis Mittzweitausender: Das Netz war noch jung, die Krawattis und Techbros waren alle noch lange nicht da, stattdessen tummelten sich die Verrückten, die Kreativen, die Piraten und Nerds, die Außenseiter, die linksgrün-versifften Gutmenschen, und noch war es für eine Band wie Botany Bay möglich, ein Publikum zu finden und vor einem ausverkauften Haus zu spielen.

Ein kaputter Stuhl vor einer Betonwand.

Fast-Forward zu beinahe 20 Jahre später:

Öööh… naja.

Ich muss an dieser Stelle nicht ein weiteres Mal in aller Ausführlichkeit erzählen, dass das kreative Netz tot ist und was alles schief gegangen ist. Diejenigen, die dies hier lesen, die wissen es eh schon – und die, die es nicht lesen, denen wird es auch weiterhin schnurzpiepegal bleiben.

Im Rahmen dieser sehr unschönen Entwicklung kamen auch meine Blogging-Ambitionen zum Erliegen. Warum, so die Frage, die ich mir bei jedem neuen Login stellen musste, soll ich hier mit viel Mühe, Verstand, Geduld und Zeitaufwand etwas Schönes schreiben, wenn sich der Großteil meiner Ex-Leser schon längst vollkommen merkbefreit drüben auf Mark Zuckerbergs Fascho-Dauerwerbesendungen tummelt, um sich dort mit täglichen Petabytes an Werbung, Desinformation und dem neuesten Clickbait mal so ordentlich durchinfluänzen zu lassen?

Und so hörte es schließlich auf mit dem Bloggen.

Wenn nicht warum ausgerechnet jetzt, wann dann?

War das Internet für kreative Menschen in den letzten Jahren ein beschissener Platz, so sind wir im Jahr 2026 schon ein paar Schritte weiter: Es ist ein wahrhaft beschissener und bepisster und vollgerotzter Platz für Kreative. Es ist feindselig, gefährlich, verkommen, ungerecht, und das haben wir – natürlich – der sogenannten künstlichen Intelligenz zu verdanken.

Denn auch wenn kein Mensch mehr Blogs liest, so lesen es doch garantiert tausende von Bots, die das Netz rund um die Uhr und mit unglaublichem Energieaufwand verzweifelt nach KI-Trainingsmaterial abgrasen, so dass ungelesene Texte und ungehörte Musik daraufhin mit einem noch vielvielviel unglaublicheren Energieaufwand zu etwas gemacht werden können, an dem sich am Ende eine Handvoll faschistoider Tech-Bros eine goldene Nase verdienen (und anderen Faschisten mit Freude ein Mittel in die Hand geben, die Menschen noch besser klein, dumm und manipulierbar zu halten, aber das ist ein anderes Thema für ein anderes Posting).

Wer also ein soziales und/oder ökologisches Gewissen hat, der sollte eigentlich in diesen Zeiten am besten gar nichts mehr mit dem Internet machen.

Warum, Stephan, zum Teufel, fängst Du dann jetzt trotzdem wieder mit dem Bloggen an?

Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Aber ich habe noch ein paar schöne Bilder, die ich zur Auflockerung zwischendrin zeigen kann, also wird's schon nicht so schlimm werden.

Ich hatte dieses Jahr ein kleines musikalisches Projekt. Es hieß "Strategies Against Algorithms", und es ging darum, dass mein neuestes, gleichnamiges, Album (auf einem gravierten USB-Stick aus Holz, mit Booklet) nur diejenigen bekommen würden, die mir etwas Kreatives zukommen lassen.

Ein aufgespießtes Herbstblatt im Ginster

Ich hatte mit 5 bis 10 Teilnehmern gerechnet.

Dass es schließlich 97 wurden und es Tage gab, wo ein ganzer Berg kreativer Geschenke vor meiner Tür lag – dies alles werde ich irgendwann mal definitiv in einer eigenen Geschichte auf diesem Blog behandeln.

Aber mit am Erstaunlichsten für mich war: Ich wäre auch mit den ursprünglich angenommenen fünf Teilnehmern im worst case zufrieden gewesen. Ich hatte das Album gemacht, weil es mir ein inneres Bedürfnis war, dieses Album zu machen, und ich hatte mich von Anfang darauf eingestellt, dass kaum jemand mitmachen würde.

So ähnlich ist es jetzt mit diesem Blog. Ich mache so viele Bilder, ich erlebe so viele Dinge, es ist so viel Musik noch in mir drin… es ist (und war schom immer) mir ein inneres Bedürfnis, kreativ zu sein und meine Gedanken und Fotografien und Töne mit der Welt zu teilen… und es war ein Fehler, dies nicht mehr zu tun, nur weil es unter meinen Mitmenschen gerade hip ist, sich kopfüber in selbstverschuldete Unmündigkeit zu begeben.

Verschiedene Seile

"KI" macht's möglich

Dass mir dies in letzter Zeit so deutlich bewusst wird, liegt nicht zuletzt auch am Vormarsch der sogenannten "KI". Denn seitdem dieser angebliche Vormarsch stattzufinden scheint, beobachte ich immer mehr Kurioses in der Welt um mich herum.

Da halten sich Menschen, die vorher keinen korrekten Satz Deutsch formulieren können, plötzlich für Schriftsteller und veröffentlichen ganze Bücher mit ihren Lebensweisheiten auf Amazon.

Da lassen Leute von Suno einen Song generieren und sind danach allen Ernstes der Ansicht, sie hätten einen Song geschrieben.

Da wird auf großen, bunten, "KI"-generierten Plakaten für "Kreativ-Workshops" geworben.

Das wäre eigentlich ganz genau mein Humor, wenn die betreffenden Menschen das nicht tatsächlich vollkommen ernst meinen würden.

So aber finde ich es irgendwo zwischen albern und traurig, dass ausgerechnet Leute wie ich verstummen, während sich die Blender und die zutiefst bedauernswerten Opfer tragischer Selbsttäuschung wild und ungebremst in ihren Psychosen gegenseitig verstärken.

Eine Person mit Hut geht über ein abendliches Gerstenfeld, ihre Hände sind ausgestreckt und streichen über die Gerste.
mit Dank an Kiki

Klar dürfte man im Netz eigentlich gar nichts mehr machen, aus den erwähnten Überlegungen heraus. Aber irgendwo muss ich hin mit meinen Gedanken und Bildern und Liedern – selbst wenn sich die Tech-Bros lachend die Hände reiben, noch mehr kostenloses Trainingsmaterial für ihre dark satanic mills zu bekommen.

Deshalb einfach die Klappe zu halten würde heißen, die anderen gewinnen zu lassen. Und das würde die Welt zu einem viel traurigeren Ort machen.

Und deshalb

Und deshalb startet hiermit dieses Blog neu. Ich habe noch ein paar Dinge in diesem Leben, die ich künstlerisch und kreativ gerne auf den Weg bringen würde. Und dieses hier wird der Platz sein, wo ich darüber berichten möchte.

Es wird um Musik, um Fotografie, um Tierschutz und um das Leben im Allgemeinen gehen, und wenn die Einen oder Anderen von euch mir einen Kommentar dalassen möchten, dann freue ich mich sehr.

In diesem Sinne, bis bald.

Euer Stephan

Ein rot leuchtender Sonnenaufgang mit Wolken, im Vordergrund die dunkle Silhouette von einem alten Obstbaum.

P.S.: Es versteht sich von selbst, dass hier keine "KI"-generierten Inhalte veröffentlicht werden. Auch wenn es schon begonnen hat, dass sich das manche Zeitgenossen gar nicht mehr vorstellen können: Ich mache meine Musik selbst, ich mache meine Fotografien selbst, und ich schreibe meine Texte selbst.