Mit Worten ein System bereiten

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Eine Schriftrolle auf einem alten Ledereinband fesgebunden.

Generationen von Schülern mussten sich durch Goethes Faust quälen, den Text hier zusammenfassen und dort interpretieren, krude Deutungshypothesen erarbeiten und lange und mehr schlecht- als wohlformulierte Aufsätze darüber schreiben, was das Werk wohl für die Wissenschaft bedeuten mag oder wie der übergeordnete Kontext der Gretchenfrage aussähe oder was auch immer man Schülern damals anzutun pflegte.

Doch bei dem ganzen wilden Wettbewerb um des Pudels Kern fällt eine wunderschöne Szene immer wieder unter den Tisch.

Nämlich die, als im Studierzimmer 2 ein Student vom als Faust verkleideten Mephistopheles wissen möchte, was er studieren soll – und Mephistopheles den armen Schüler richtiggehend trollt und ihm klar macht, dass das eigentlich alles nicht so wichtig sei, dass Lernen ganz allgemein eh viel zu kompliziert ist, und dass ein Medizinstudium vermutlich die beste Idee sei, denn da stehen immerhin die Weiber drauf.

Und noch eine weitere Lebensweisheit gibt Mephistopheles dem Studenten mit auf den Weg: Es ist unnötig, irgendwas zu begreifen. Hauptsache, da steht irgendwas geschrieben. Worte sind wichtig. Hauptsache es gibt Worte, an denen man sich festhalten kann:

Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen
Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte läßt sich trefflich glauben,
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.

Ich kann mich gut erinnern, wie meine Mitschüler damals über den Faust ächzten und stöhnten. Warum nur müssen wir uns das antun! Warum reden die so komisch! Das will doch keine Sau lesen!

Und auch ich selbst war mir damals nicht so sicher, was es bringen soll, Leute mit Goethe zu quälen, die einfach überhaupt kein Interesse daran hatten. Entsetzlich viele meiner Mitschüler kämpften sich mit schlechten und schlechtesten Noten durch den Stoff, lernten mühsam die Interpretationen auswendig und überlebten mit Ach und Krach.

Doch wenn ich mir heute die Welt so anschaue, dann muss ich sagen: Hut ab, Bildungsministerium! Ich hätte es nicht gedacht, aber die jahrelange Indoktrination mit Faust zeigt Wirkung. Immer mehr habe ich das Gefühl, mit Menschen zu kommunizieren, welche die obigen Worte von Mephistopheles geradezu verinnerlicht haben.

Und vielleicht ist es Ihnen, lieber Leser auch schon so ergangen: Mehr und mehr Menschen werfen mit Worten nur so um sich, einfach nur weil sie es (jetzt endlich) können.

Einer von diesen Menschen ist mein ehemals guter Freund Hans-Peter Kleint[1], der auf Facebook seine 12800 Follower täglich über seine Aktivitäten in Musik, Fotografie und Tierschutz auf dem Laufenden hält.

Vor einigen Tagen wohl hatte Hans-Peter in seinem Studio eine Session, und er schreibt darüber drüben auf Facebook das Folgende:

🎶 Wenn Musik, Magie und Menschlichkeit aufeinandertreffen ✨

Manchmal sind es die kleinen Momente, die Großes bewegen.

Manchmal entstehen aus scheinbar zufälligen Begegnungen die schönsten Geschichten.

Und manchmal braucht es nur einen Raum, ein paar Instrumente und Menschen, die dieselbe Leidenschaft teilen, um etwas wirklich Besonderes zu erschaffen.

Gestern war genau so ein Tag. ❤️

In meinem Studio fand eine Recording-Session statt, die weit mehr war als nur eine gewöhnliche Musikaufnahme. Es war ein Tag voller Inspiration, Emotionen und einzigartiger Begegnungen. Ein Tag, der eindrucksvoll zeigte, worauf es im Leben wirklich ankommt: Verbindung, Vertrauen und die gemeinsame Liebe zur Musik.

Und das Beste daran? Gleich drei Premieren machten diesen Tag zu etwas ganz Besonderem!

Aber der Reihe nach.

[...]

Was mir zunächst einmal auffällt ist, dass ich Hans-Peter so nicht kenne.

Er ist ein netter Mensch, aber das geschriebene Wort oder der übermäßige Willen zur Kommunikation sind nun wirklich nicht Dinge, durch die er sich sonst üblicherweise hervortut.

Eine Backsteinmauer zurückgesetzt in einer Natursteinmauer mit der Aufschrift "STUPID".

Was als nächstes auffällt sind der gehäufte Einsatz von Emojis und bedeutungsvollen Satzfragmenten, sowie seine zwanghafte Unfähigkeit, auf Dreiteilungen zu verzichten. Es sind manchmal (1) die kleinen Momente, manchmal (2) entstehen Dinge und manchmal (3) braucht es einen Raum. Und es war ein Tag voller (1) Inspiration und (2) Emotionen und (3) Begegnungen, der zeigte, worauf es wirklich ankommt, nämlich (1) Blah , (2) Laber, und (3) Schwallschwallschwall.

Weiter unten schreibt Hans-Peter dann über seinen Hund:

🐾 Premiere Nummer 2: Vier Pfoten und ganz viel Herz

Doch nicht nur musikalisch gab es an diesem Tag eine Premiere.

Auch ein ganz besonderes Mitglied unserer kleinen Studiofamilie stand vor einer neuen Herausforderung: Bello!

Unser neuer vierbeiniger Begleiter hatte zwar bereits erste Erfahrungen mit meiner Musik gesammelt, doch diesmal war alles anders.

Neue Menschen. Neue Instrumente. Neue Geräusche.

Mikrofone, Kabel, Menschen – und natürlich die scheinbar endlose Wiederholung ein und desselben Musikstücks.

Eine Situation, die selbst erfahrene Studioprofis gelegentlich an ihre Grenzen bringt.
Doch Bello?

Bello hat geliefert. 💪🐶

Mit einer beeindruckenden Mischung aus Gelassenheit, Neugier und natürlicher Souveränität meisterte er seine erste große Recording-Session.

Keine unnötige Aufregung. Kein überflüssiges Drama. Keine künstlerischen Allüren.

Stattdessen: Präsenz, Vertrauen und eine bemerkenswerte innere Ruhe. Und vielleicht können wir gerade davon etwas lernen.

Denn manchmal liegt die größte Stärke nicht darin, besonders laut zu sein.

Sondern darin, einfach da zu sein.

Nicht perfekt. Nicht angepasst. Sondern authentisch.

Vielleicht mussten Sie, lieber Leser, auch schon derartige Texte lesen.

Vielleicht mussten Sie auch gerade kurz zum Kotzen rausgehen. Oder zum Lachen unter den Tisch, denn natürlich hat nicht Hans-Peter sondern eine "KI" diesen Text geschrieben. Spätestens wenn ein friedlich schlummernder Hund zur inspirierenden Lektion über Authentizität und innere Stärke wird, ist der Fall ziemlich eindeutig.

Stellt sich die Frage: Warum nur?

Und damit wären wir wieder bei Mephistopheles – denn ich denke, Hans-Peter hat den Text schreiben lassen, weil er sich dachte "An Worte läßt sich trefflich glauben".

Beziehungsweise, "joah, ich muss meinen Followers was zu lesen geben damit die wieder kommen und denken ich bin der Allergeilste".

Ich bin sicher, Hans-Peter hat das nicht böse gemeint. Aber im Endeffekt und nüchtern betrachtet ist es eine Unverschämtheit, denn zugrunde liegt Hans-Peters Annahme, dass seine Zeit wertvoller ist als meine. Ich soll meine kostbare Zeit dazu aufwenden, etwas zu lesen, das er mit einem Bruchteil dieses Zeitaufwands "geschrieben" hat. Das ist schlicht und einfach eine Frechheit.

Aber es kommt noch etwas anderes hinzu: Wenn Hans-Peter schon solche Abkürzungen beim Schreiben seiner Erlebnisse nimmt… wie weit her ist es dann wohl mit der Authentizität seiner Musik und seiner Bilder?

Nun könnte man sich natürlich auf den Standpunkt stellen, Hans-Peter sei ein armer Loser, und wenn zwölftausend Leute ihm auf Facebook folgen und alles ganz toll finden was er da von sich gibt, dann sind das halt auch alles arme Loser.

Fair.

Das Problem ist nur: Das Beispiel mit Hans-Peter ist bewusst übertrieben angelegt. So wie oben dargelegt reden LLMs[2] nur noch, wenn man die Einstiegsdroge das kostenlose Billig-Modell nehmen muss, weil man sich das Abonnement für den härteren Stoff die neueren Modelle nicht leisten kann.

Denn natürlich haben die Modelle dazugelernt, und ihre Dealer auch. Und mittlerweile ist es gar nicht mehr so einfach, herauszubekommen, ob man mit einem Menschen kommuniziert oder mit einer Maschine.

Eine Autobahnunterführung mit einem "Fuck The System" Graffiti

Natürlich gibt es weiterhin deutliche Anzeichen für LLM-Beteiligung. Wenn Menschen, die vorher nicht dazu fähig waren, plötzlich korrekte Rechtschreibung verwenden, dann ist etwas faul. Oder wenn Menschen Gedankenstriche verwenden, die eigentlich noch nicht mal wissen, wo auf der Tastatur dieser verdammte Gedankenstrich überhaupt zu finden ist. Übertriebene Dreiteilungen sind bei LLMs noch immer sehr beliebt, ebenso wie negative Parallelismen (nicht das, sondern das! nicht um dies zu tun, sondern um jenes zu zeigen!) und kurze und abgehackte Agile-Coach / Schlangenöl-Verkäufersprache ("darauf zahlt es ein. Genau darum geht es"). Was daran liegt, dass LLMs mit der ganzen Scheiße trainiert werden, die Agile-Coaches und Staubsaugervertreter so von sich geben.

Aber ein Hersteller, dem bewusst ist, dass seine Modelle eben durch diese Ausdrucksweise als solche erkennbar sind, der kann sie durch geschickte Programmierung und noch mehr Training dazu zwingen, eben nicht so zu reden.

Und so wird allmählich klar, was das Problem ist: Von allüberall her strömen immer größere Mengen an Texten auf uns ein, die wir gefälligst lesen sollen, weil irgendein Mephistopheles irgendeinem anderen armen Loser ins Ohr geflüstert hat: "Komm, kack' sie mal so richtig mit Worten zu. Worte sind wichtig. Worte sorgen dafür, dass sie Dich ernst nehmen!"

Klar, man kann sich dagegen wehren. Zuallererst kann man Menschen, die einem so etwas antun, darauf hinweisen, dass es einfach nicht cool ist und dass man das nicht möchte. Und ich halte das auch für wichtig, denn sonst lernen die Leute das nicht.

Oder man kann solchen Menschen aus dem Weg gehen.

Oder kann man?

Ein eingelassenes Stück Grün/Kieselfäche auf einem Gehweg, darin zwei Aufkleber, auf denen "Need To Make" und "CASH" zu lesen ist.

Schluss mit lustig

Was, wenn das gar nicht so einfach ist?

Was, wenn der wichtige Geschäftspartner aus einer in fünf Sekunden einfach so dahingeworfenen Idee eine viertausend Worte lange Mail macht, die man zu lesen gezwungen ist?

Oder, mal angenommen, ich bin Dennis Dünnschläger, meines Zeichens Chef vom großen und aufstrebenden Mode-Versandhandel DD-Moden. Und eines Morgens sabbel ich in das Mikrofon meines Notebooks den folgenden Satz:

"Schreib Norbert Nuschel eine ausführliche Abrbeitsanweisung. Er soll sich um die Winterkollektion kümmern und er soll die Abteilungsleiter auf CC nehmen, wenn er was hat."

Drei Sekunden später erscheint auf meinem Bildschirm:

Hallo Norbert,

hiermit beauftrage ich dich mit der eigenständigen Planung, Organisation und Ausarbeitung unserer kommenden Winterkollektion. Bitte kümmere dich umfassend um dieses Thema und bereite die notwendigen Informationen, Vorschläge und Entscheidungsgrundlagen so auf, dass wir die nächsten Schritte zeitnah und strukturiert einleiten können.

1. Konzeption und Planung der Winterkollektion

Verschaffe dir zunächst einen umfassenden Überblick darüber, wie die Winterkollektion gestaltet werden soll. Berücksichtige dabei insbesondere:

Welche Produkte und Artikel für die Winterkollektion infrage kommen.

Welche bestehenden Produkte übernommen, angepasst oder durch neue Produkte ergänzt werden sollten.

Welche Farben, Materialien, Designs und Ausführungen für die Wintersaison sinnvoll sind.

Welche aktuellen Trends und Marktanforderungen bei der Zusammenstellung berücksichtigt werden sollten.

Wie die Kollektion sinnvoll strukturiert werden kann, um ein stimmiges Gesamtbild zu gewährleisten.

2. Produkt- und Sortimentsausarbeitung

Erstelle eine möglichst konkrete Übersicht über die geplanten Produkte und deren jeweilige Ausführungen. Prüfe, welche Artikel bereits verfügbar sind und wo gegebenenfalls neue Entwicklungen, Anpassungen oder Ergänzungen erforderlich werden.

Achte dabei auf eine wirtschaftlich sinnvolle Zusammenstellung des Sortiments. Wo bereits Informationen zu Einkaufspreisen, Verkaufspreisen, Verfügbarkeiten, Lieferzeiten oder Mindestbestellmengen vorliegen, sollen diese ebenfalls berücksichtigt werden.

3. Kosten, Verfügbarkeiten und Umsetzbarkeit

Prüfe, soweit möglich, die wirtschaftlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen der Winterkollektion. Dazu gehören insbesondere:

Voraussichtliche Kosten und mögliche Preisgestaltungen.

Verfügbarkeit der benötigten Produkte und Materialien.

Lieferzeiten und mögliche Engpässe.

Offene Fragen, Risiken oder notwendige Abstimmungen mit Lieferanten und internen Ansprechpartnern.

Sollten Informationen fehlen, halte diese bitte fest und zeige auf, welche Klärungen noch erforderlich sind.

4. Zeitplanung und nächste Schritte

Erarbeite einen nachvollziehbaren Zeitplan für die weitere Bearbeitung der Winterkollektion. Halte fest, welche Aufgaben noch erledigt werden müssen, welche Entscheidungen erforderlich sind und bis wann die einzelnen Punkte idealerweise abgeschlossen werden sollten.

Ziel ist es, frühzeitig einen klaren Überblick über den aktuellen Stand, die noch offenen Aufgaben und die nächsten notwendigen Schritte zu erhalten.

5. Regelmäßige Information der Abteilungsleiter

Bitte nimm die Abteilungsleiter bei sämtlichen relevanten E-Mails und Rückmeldungen zur Winterkollektion in CC, sobald du konkrete Informationen, erste Ergebnisse, Vorschläge oder neue Erkenntnisse vorliegen hast.

Das gilt insbesondere für:

Erste Konzepte und Sortimentsvorschläge.

Produktübersichten und Preisaufstellungen.

Rückmeldungen von Lieferanten.

Informationen zu Verfügbarkeiten und Lieferzeiten.

Kostenübersichten und Kalkulationen.

Offene Fragen, Schwierigkeiten oder notwendige Entscheidungen.

Zwischenergebnisse sowie den Fortschritt der gesamten Planung.

Bitte warte ausdrücklich nicht, bis die komplette Winterkollektion fertig ausgearbeitet ist. Sobald du verwertbare Informationen oder einen ersten konkreten Zwischenstand hast, informiere die Abteilungsleiter direkt per E-Mail und setze sie in CC. So stellen wir sicher, dass der Fortschritt transparent bleibt und erforderliche Entscheidungen rechtzeitig getroffen werden können.

6. Dokumentation und abschließende Übersicht

Bitte halte alle wesentlichen Informationen, Entscheidungen, Angebote und offenen Punkte nachvollziehbar fest. Erstelle im Verlauf der Bearbeitung eine übersichtliche Zusammenfassung, aus der hervorgeht, welche Produkte vorgesehen sind, welche Kosten und Rahmenbedingungen bekannt sind und wo noch Handlungsbedarf besteht.

Am Ende soll eine aussagekräftige Gesamtübersicht der Winterkollektion vorliegen, die als Grundlage für die weitere Abstimmung und Freigabe durch die Geschäftsführung dienen kann.

Meine Erwartung an die Bearbeitung

Ich erwarte, dass du das Thema eigenständig, strukturiert und mit der notwendigen Sorgfalt vorantreibst. Bitte beschränke dich nicht darauf, lediglich Informationen zusammenzutragen, sondern arbeite konkrete Vorschläge aus, erkenne offene Punkte frühzeitig und zeige mögliche Lösungen auf.

Sollten Fragen auftreten, die du nicht selbstständig klären kannst, oder Entscheidungen erforderlich sein, die in den Zuständigkeitsbereich der Abteilungsleiter fallen, bereite diese bitte entsprechend vor und stimme sie rechtzeitig ab.

Wichtig ist mir insbesondere, dass die Abteilungsleiter jederzeit über relevante Fortschritte informiert bleibt. Bitte setze sie daher bei allen entsprechenden E-Mails zur Winterkollektion in CC, sobald dir konkrete Informationen oder Ergebnisse vorliegen.

Vielen Dank für deine Unterstützung und die eigenständige Bearbeitung dieses Themas.

Viele Grüße

Dennis

(full disclosure: Das obige Machwerk stammt aus der Feder von ChatGPT und ist eine direkte Antwort auf den von mir erfundenen Dennis-Dünnschläger-Prompt)

Wie fühlt sich Norbert wohl, wenn er eine solche Mail lesen muss und genau weiß, dass sein Vorgesetzter nicht einmal 10 Sekunden Arbeit hineingesteckt hat? Dass er den Anweisungen einer Maschine folgt?

Was macht es auf Dauer mit Menschen, wenn sie wissen, dass sie dazu gezwungen werden, mit Maschinen zu kommunizieren, weil die eigentlichen Auslöser der Kommunikation es entweder nicht können oder sich zu fein dazu sind?

Ein Graffiti. Text: "So WAS ist Jetzt los?"

Nichts Gutes

Nichts Gutes, befürchte ich.

Kommunikation in gesprochener und geschriebener Sprache ist eine der wertvollsten und bedeutendsten Errungenschaften der Menschheit. Nahezu alle technischen und gesellschaftlichen Fortschritte wären ohne sie nicht zustande gekommen.

Durch Kommunikation mit meinem Gegenüber bekomme ich eine Ahnung davon, wer er ist, was er will, wie er tickt. Mit Kommunikation finde ich meine Rolle in einer Gruppe.

Es ist schlicht und ergreifend die Art und Weise, wie wir Menschen miteinander interagieren.

Diesen ganz grundsätzlichen Bestandteil unseres Menschseins nun an einen mechanischen Sklaven abzugeben und diesem Sklaven obendrein noch zu sagen: "Mach' was mit schön vielen Worten, denn an Worte lässt sich trefflich glauben" ist eine Aufkündigung des stillen Vertrages, der unter Menschen seit Urzeiten besteht, und es öffnet die Büchse der Pandora.

Denn nun liest Norbert die Mail seines Chefs, denkt sich "leck mich am Arsch" und sabbelt seinerseits in sein Mikro "schreib dem aufgeblasenen Vollidioten eine Mail, dass unsere Geschäftspartner noch nicht so weit sind".

Womit vielleicht die Gerechtigkeit wiederhergestellt wäre, aber die Kommunikation vollständig und nachhaltig pervertiert ist – denn[3] Norbert und Dennis schicken sich nun die nächsten Tage und Wochen munter inhaltslose Mails hin und her, die ein LLM mit wichtig klingenden Phrasen füllt, und sie benötigen für diese Nicht-Konversation die Serverfarm einer US-amerikanischen Tech-Firma, die Unmengen an CO2 in die Atmosphäre bläst, weil bald Millionen an Menschen sich nicht allzu ängstlich quälen wollen.

Was tun?

Sich gegen diesen Wahnsinn zu wehren ist – so befürchte ich – eine Aufgabe, der sich jeder Betroffene ganz allein stellen muss, denn wie üblich versagen unsere Politikerdarsteller im Umgang mit der Bedrohung, die "KI" für Kommunikation, Kunst und Kultur[4] darstellt, auf ganzer Linie.

Eine Lösung dafür will mir auch nicht einfallen, aber ich glaube, der erste Schritt muss sein, sich der Problematik bewusst zu werden.

Sie bekommen solche Mails wie Norbert? Sie arbeiten für eine Maschine.

Sie benutzen ein LLM um solche Mails zu beantworten? Sie sind Teil einer Maschine.

Vielleicht (nein, ziemlich sicher sogar!) brauchen wir dringend ein neues Zeitalter der Aufklärung – und vielleicht müssen wir den Idealen der Aufklärung bei der Gelegenheit gleich noch ein Neues hinzufügen:

Habe den Mut, ein Mensch zu sein.

Ein an ein Fenster geklebtes Post-It, das drei Herzen zeigt.

1Natürlich gibt es Hans-Peter nicht wirklich. Ich habe ihn als Alter Ego von mir selbst erfunden, um das Problem zu demonstrieren. Wer den echten, von einem Mensch aus Fleisch und Blut geschriebenen Artikel über eine echte Aufnahmesession lesen will und echte Bilder dazu sehen möchte, der darf sich gerne hier weiter umschauen.

2"LLM" – "Large Language Model". Das, was sogenannter "Künstlicher Intelligenz" zugrunde liegt.

3Ja, ich verwende Gedankenstriche. Habe ich aber schon immer getan, und ich war vor 30 Jahren schon kein LLM.

4Ja, eine dreigeteilte Alliteration. Liegt aber daran, dass ich schreiben kann.