Outtakes (4): For Chrissie

Im simpelsten Fall entstand ein neuer Song von Botany Bay ungefähr so: Ich spiele Steffi eine neue Idee am Klavier vor, und wir schauen dann zusammen, was wir daraus machen. Oder ich nehme eine neue Idee auf, schicke sie ihr per Mail/Dropbox, und wenn wir uns das nächste Mal treffen, hat sie schon eine Idee zum Text und ein paar Arrangier- und Änderungswünsche.

So ähnlich war auch „For Chrissie“ gedacht, nur dass wir über die allererste Phase (neue Idee aufnehmen und Steffi schicken) nie wirklich hinaus kamen, was auch daran liegen mag, dass – obwohl die Thematik im Prinzip frei und wandelbar gewesen wäre – in diesem Fall die Inspiration zu der kleinen Melodie so schwer wog, dass der Text nur in eine Richtung hätte gehen können, und niemandem von uns etwas dazu einfallen wollte.

Wer ist also Chrissie, und warum hat sie mich zu dieser Melodie inspiriert?

Chrissie war eine Hündin aus Bulgarien, die – wie auch Buba und Candor – von einer dortigen Tierschutzorganisation von der Straße gerettet und nach Deutschland vermittelt wurde.

Nun gibt es viele Straßenhunde, die sich mit ihrem Schicksal arrangiert haben und auf der Straße relativ gut klar kommen. Chrissie allerdings gehörte nicht dazu, und Bulgarien ist eine enorm feindselige Umgebung für Straßenhunde. Chrissie wurde wiederholt geschlagen und getreten, etliche ihrer Knochen waren gebrochen und gesplittert, und sie hätte ohne die aufopfernde Hilfe der bulgarischen Tierschützer nicht überlebt.

Doch all die Mühe war umsonst, denn ihre neuen, deutschen Eigentümer, hätten gerne einen anderen Hund gehabt.

Wie viele andere Hunde aus dem Tierschutz war Chrissie ängstlich, scheu und traumatisiert, und sie schnappte auch schon mal um sich, wenn sie keinen Ausweg sah. Sie hätte viel Geduld, Liebe und Entschlossenheit gebraucht, um ihre Wunden zu heilen. Stattdessen bekam sie eine tödliche Injektion von einem Tierarzt, der ihr Verhalten als unheilbare Störung diagnostiziert hatte – noch nicht mal einen Monat in Deutschland, bevor es zur Nachkontrolle durch die Tierschützer gekommen war, und ohne, dass ihre Besitzer jemals versucht hätten, Chrissie zurückzugeben, damit sie an erfahrene Menschen vermittelt werden konnte. Nach all ihren Verletzungen, nach allem Leid auf der Straße, nach all den Operationen, und nachdem es endlich so aussah, als ob es aufwärts ginge, wurde sie eben mal fix eingeschläfert, weil sie nicht so funktionierte, wie ihre Menschen das vorgesehen hatten.

Hier das Demo:

P.S.: Ja, es ist mir bewusst, dass solche Geschichten in Zeiten von Kampfhund Chico und seinen vollständig merkbefreiten Fans im –bekanntermaßen kaputten – Internetz einen falschen oder zumindest merkwürdigen Eindruck hinterlassen können. Aber ich weiß auch, dass meine Stammleserschaft auf schallundstillle.de zu einem durchaus differenzierten und kritischen Urteil fähig ist.

Outtakes (3): I’ll Fall In Love Again (Demo)

„I’ll Fall In Love Again“ war der erste Song, der bewusst für das neue Album geschrieben wurde… noch lange, bevor uns klar war, in welche Richtung sich dieses Album schließlich entwickeln würde.

Als Thanksgiver dann immer deutlichere Formen annahm, passte dieser Song irgendwann einfach nicht mehr, und wir hörten auf, weiter daran zu arbeiten.

Trotzdem mag ich ihn sehr, denn er zeigt noch einmal sehr schön unsere „poppige“ Seite, und er unterstreicht sehr deutlich Steffis wunderbare Fähigkeit, sich in so gut wie alles, was ich schreibe, vollständig einzufühlen und es mit Leben zu füllen…

Zumindest die erste Strophe des Songs ist übrigens inspiriert von der traurigen Geschichte einer (damals noch) sehr engen Freundin, die ihren damaligen (und auch noch heutigen) Partner dabei erwischt hatte, wie er sie nach Strich und Faden belog und betrog. Natürlich habe ich ihr das Lied nie gezeigt, und sie würde auch nie auf die Idee kommen, freiwillig Musik von mir zu hören oder gar im Netz danach zu suchen. Allerdings machte sie damals leider den Fehler, mich um Rat zu fragen – und die Geschichte ging aus, wie solche Geschichten immer ausgehen (siehe: alle Klammern in diesem Absatz)… auch ein Grund, das Lied eher nicht auf dem Album unterzubringen.

Wie gesagt, ich mag es trotzdem. 

Outtakes (2): Eagle Chant (Demo)

So, Outtakes. Outtakes, outtakes… ahso, das hatten wir schon.

Also, ‚Eagle Chant‘.

Ganz im Gegensatz zu ‚Visionary Man‘ ist an diesem Track ungefähr nichts fertig. Daher bitte nicht wundern, wenn er nicht euren üblichen Qualitätsansprüchen genügt 😉

‚Eagle Chant‘ war einer der Songs, die entstanden, als wir schon eine deutliche Idee davon hatten, wo die Reise hingehen würde. Es war für Steffi sehr wichtig, dass am Schluss des Albums ein Song steht, der die Hoffnung von ‚Serenade‘ wieder aufnimmt und noch deutlicher erkennen lässt.

‚Eagle Chant‘ war lange Zeit ein Kandidat dafür, letzten Endes entschieden wir uns aber für ‚Sun‘, weil jener Song noch minimalistischer und noch direkter war, und weil Steffi die Musik mitkomponiert hatte  (zum ersten Mal bei Botany Bay direkt am Klavier).

Trivia, anyone?

Auf ‚Eagle Chant‘ erklingt im zweiten Drittel mein erstes Synthesizer-Solo seit „Old Men With Ballpoint Pens“… also seit zehn Jahren. Es handelt sich um einen Korg Trident (ein echter, analog, mit Drehknöpfen und so…), verstärkt durch eine Marshall Combo mit Röhrenverstärker.

Outtakes (1): Visionary Man

(Stephan in seiner besten David-Tennant-Imitationsstimme):

So, Outtakes.

Outtakes, ey? Outtakes.

Ouuuuuut-takes. Outtakes! 

Outtakes, outtakes, outtakes, outtakes, outtakes, outtakes… outtakes!

Ja, ok, ich komm wieder runter. Wir fangen an mit dem ältesten Song, der auf unsere neue Platte gekommen wäre, wenn er denn drauf gekommen wäre, was er nicht ist.

„Visionary Man“ war einer der Tracks, die ich nach 2013 für ein steffi-loses Botany Bay schrieb und schließlich auch aufnahm.  Aus mehreren Gründen geriet dieses Vorhaben zur mittleren Katastrophe. Steffis „Nachfolgerin“ war für mich schon bald auf sehr vielen Ebenen unerträglich… und das, was ich schließlich veröffentlichte (das Beitragsbild zeigt das Original-Coverartwork von Elektroll, CC-BY), wurde dann auch hauptsächlich ignoriert bzw. von ein paar netten Menschen auf Diasp*ra  zerrissen.

Tja, was soll ich sagen, sie hatten recht. 

Im Bild: Steffi (hinten) und Buba (vorne)… zwei Frauen, denen man nicht so leicht widerspricht…

Als Steffi und ich uns wieder gefunden hatten und schließlich durchhörten, was wir inzwischen so an Musik geschrieben hatten und für unser neues Album eventuell verwenden könnten, stolperten wir auch über „Visionary Man“. Steffis spontane Meinung war: „Wow, den möchte ich gerne machen…“

Und ich so: „Nee, lass mal, das war ziemlich scheiße damals…“

Und sie so: „Aber das ist ein toller Song!“

Ich so: „Ja, es könnte ein toller Song sein, aber dann müsste man ihn praktisch neu aufnehmen und alles anders machen.“

Und daraufhin wieder sie so: „Dann lass uns das machen! Hopp, ich helf‘ Dir auch. Na komm schon, los, fangen wir an, wird’s bald?!“

Wie der geneigte Leser an dieser Stelle eventuell ahnt, ist es äußerst schwierig und mitunter auch töricht, Steffi zu widersprechen. Und so gingen wir hin, und nahmen „Visionary Man“ quasi vollkommen neu auf (vom ursprünglichen Song blieben genau 3 Spuren übrig). 

Hier ist er, im Prinzip fix und fertig abgemischt:

Dass er schließlich nicht auf „Thanksgiver“ kam, hat mehrere Gründe. Der wichtigste und offensichtlichste Grund: Er passt einfach nicht darauf, weder stilistisch noch thematisch noch sonst irgendwie. 

Und der andere Grund: „Visionary Man“ handelt von einem hierzulande aus Boulevardpresse, Casting-Shows und Backfill-Werbebannern (mittlerweile) relativ bekannten Seriengründerdarsteller, dessen größtenteils unverdienten Ruhm zu mehren ich vor langer Zeit einmal das ganz außerordentliche  Missvergnügen hatte, und dessen Name hier nicht genannt werden soll. Ich hatte schon damals beim Schreiben der Lyrics das ungute Gefühl, dass diese Person nicht auch noch ein Lied von mir verdient hatte, und dass ich eher über wichtige Dinge schreiben sollte… und heute denke ich das noch viel mehr. 

Aber auf der anderen Seite ist der Song ein schönes Beispiel dafür, dass wir auch ganz anders klingen können, dass Steffi ganz großartige Backing Vocals arrangieren kann, und dass ich auch zu einer ganz anderen Art der Musikproduktion imstande bin (die mir durchaus auch Spaß gemacht hat). Und außerdem hat die Coda ein großartiges Saxophonsolo von jenem Ernst Nellessen, der schließlich auch weite Teile von ‚Thanksgiver‘ mit Klarinette und Saxophon verzaubern sollte. Allein deshalb hat der Song es verdient, auch mal gehört zu werden. In diesem Sinne… viel Spaß damit!