Mission beinahe erfüllt

Mein guter Kumpel, das neugierige Alien aus der fernen Galaxie, sitzt immer noch auf seinem geheimen Beobachtungsposten im Siebengebirge, und ist weiterhin damit beschäftigt, alles über die Menschheit zu lernen.

Ein wenig traurig ist mein Alien inzwischen schon… weil es weiß, dass es diese Welt nun schon bald wieder verlassen werden muss. Aber es versteht die Menschheit jetzt viel besser. Es versteht, dass diese Spezies ganz einfach untergehen möchte. Und selbst wenn es einen Mund zum Reden hätte, oder Hände, um seine Warnungen aufzuschreiben, so würde die Menschheit ihm doch keine Beachtung schenken, auch das versteht es.

Das Einzige, was ihm noch immer nicht klar ist: Warum die Menschen weiterhin eifrig Kinder in eine Welt setzen, die sie ihnen mit großem Eifer zur Hölle machen… und wie sie dabei weiterhin behaupten können, diese Kinder über alles zu lieben.

Aber es ist zuversichtlich, dass es die Antwort darauf in den wenigen verbleibenden Jahren auch noch finden wird.

Die Elbimo-Pferde – ein Märchen von Consulting, Softwareentwicklung, Scrum und autarken Teams

Es war einmal ein Mann, der war Direktor in einem prächtigen, bunten Zoo mit großen, schönen Gehegen voller wundersamer exotischer Tiere.

Oder, besser gesagt – die Besucher hielten den Zoo für prächtig. Doch wie es in Zoos nur allzu oft der Fall ist, gab es hinter den Kulissen etliche Streitereien. Einige der Zoo-Angestellten konnten einander nicht leiden, und darüberhinaus waren unter ihnen nicht wenige, die gerne Zoodirektor an Stelle des Zoodirektors gewesen wären.

Drei Gönner

Eines Tages hatte der Zoodirektor ein Treffen mit den drei Gönnern des Zoos. Dabei handelte es sich um steinreiche und wichtige Menschen, die zwar keinerlei Ahnung von Zoos oder exotischen Tieren hatten – dafür aber ein sehr geschultes Auge, wenn es darum ging, wieviel Gewinn an der Eintrittskasse gemacht wurde.

„Das ist ja alles schön und gut mit unserem Zoo“, sagte der erste der drei Gönner, „aber es fehlen uns Elbimo-Pferde.“

„Ja, genau. So gut wie jeder andere Zoo hat Elbimo-Pferde, aber uns laufen die Besucher weg, weil sie Elbimo-Pferde sehen wollen“, stimmte der zweite zu.

„Besorg‘ uns Elbimo-Pferde und mache sie bis zum Ende des Jahres zu einer großen Attraktion, und wir wollen es Dir reich vergelten. Oder scheitere, und Du wirst unseren Zorn zu spüren bekommen“, verkündete schließlich der dritte.

Nun hatte der Zoodirektor ein Problem. Zwar hatte er schon von Elbimos gehört und auch hatte er schon selbst mit diesen schlanken, edlen und schnellen Tieren geliebäugelt. Allein, unter seinen Mitarbeitern fand sich kein einziger, der sich mit Elbimo-Pferden auskannte.

Schlimmer noch, es waren so einige darunter, welche die Idee überhaupt nicht mochten: „Elbimo-Pferde willst Du? Welch ein Unfug!“, sagten sie, „Unsere anderen Tiere haben kaum genug Futter und Platz, unsere Tierpfleger sind sich gegenseitig nicht grün, und Du willst noch mehr Tiere dazu stellen und noch mehr Unruhe stiften“.

Doch der Zoodirektor wusste, dass für ihn viel auf dem Spiel stand, und so traf er eine Entscheidung.

Drei Spezialisten

Am nächsten Tag schaltete der Zoodirektor eine Anzeige in allen großen Zeitungen des Landes. „Elbimo-Pferde-Spezialisten gesucht!“, lautete der Text. „Kommt schnell, kommt zahlreich, es ist dringend. Gute Bezahlung garantiert!“

Nun waren Elbimo-Pferde tatsächlich etwas Besonderes. Sie waren flink, intelligent, schlank, und von großer Schönheit. Genau deshalb waren sie in den Zoos dieses Landes in den letzten Jahren auch ein großer Trend geworden, und genau deshalb hatte sich die Anzahl der „Spezialisten“ in den letzten Jahren auch auf wundersame Weise verhundertfacht.

Und so kam es, dass der Zoodirektor nicht lange warten musste. Schon in der folgenden Woche wurden drei neue Mitarbeiter im Zoo angestellt. Sie hießen Heinrich, Kurt und Zurpldiwupp, und ein jeder von ihnen war ein gar großer Spezialist für Elbimo-Pferde.

„Ich weiß alles über Elbimos“, sagte Heinrich. „Ich komme gerade frisch von der Schule, und dort wurde mir alles über Elbimos beigebracht. Wir hatten sogar ein Projekt, in dem ich einem echten Elbimo-Pferd unter Anleitung den Schweif kämmen durfte. Es kann also nichts schiefgehen.“

„Ich weiß alles über Elbimos“, sagte Kurt. „Ich habe unter den Besten der Besten gelernt, und in einem fernen Land tausend und ein Elbimo-Pferde großgezogen. Ich habe die richtigen Ideen, und wenn Heinrich und Zurpldiwupp nur machen, was ich sage, dann kann nichts schiefgehen.“

„Ich weiß alles über Elbimos“, sagte Zurpldiwupp. „Elbimos sind ganz furchtbar kompliziert. Ihr wollt keine echten Elbimo-Pferde. Die meisten Zoos zeigen keine echten Elbimos, sondern sie zeigen Dybrih-Pferde. Dybrihs sind zwar völlig anders, sie sind dumm, behäbig, langweilig und sie furzen die ganze Zeit – aber sie sind einfach zu halten, und wenn man sie regelmäßig schert, einfärbt, ihnen eine Extra-Mähne anklebt und jeden Tag einen Zaubertrank ins Futter kippt, dann sehen sie aus wie Elbimos und pupsen auch nicht… und dem Durchschnittsbesucher wird der Unterschied nie auffallen. Wenn wir einfach Dybrihs zeigen, dann kann nichts schiefgehen.“

Der Fluch

Wie ihr euch gut vorstellen könnt, ging es nicht lange gut mit Heinrich, Kurt und Zurpldiwupp. Im Nu gerieten sich Zurpldiwupp auf der einen Seite und Heinrich und Kurt auf der anderen Seite gar fürchterlich in die Wolle.

Für Heinrich und Kurt war es eine Zumutung, auch nur daran zu denken, Dybrihs zu züchten und die Zoobesucher hinters Licht zu führen. Für Zurpldiwupp war es unfassbar, wie Heinrich und Kurt einfach die Augen vor der Wahrheit und dem wesentlich einfacheren Pfad verschließen konnten.

Bald landeten die Streithähne also vor dem Zoodirektor, und es wurde nach einer Entscheidung verlangt.

Nun war unser Zoo ein sogenannter agiler Zoo, und es gibt in agilen Zoos ein ungeschriebenes und heiliges Gesetz (tatsächlich gibt es in agilen Zoos sehr viele teilweise fürwahr absonderliche Regeln, Spiele, Rituale und Gesetze, aber von jenen werde ich euch vielleicht einmal in einem anderen Märchen erzählen).

Besagtes Gesetz auf jeden Fall lautet: Der Direktor mischt sich nicht in die Angelegenheiten der Spezialisten ein. Sie heißen Spezialisten weil sie sich auskennen – und echte Spezialisten hätten sich auch jegliche Einmischung eines Direktors verbeten.

Und genau deshalb gab der Direktor in diesem Fall auch der Mehrheit den Vorzug. Heinrich und Kurt durften ein echtes Elbimo-Fohlen besorgen und großziehen, und Zurpldiwupp wurde dazu verdonnert, sich fortan um die Vermehrung der flatulierenden Panzerschweine zu kümmern – eine Tätigkeit, die der Aufzucht von Dybrihs sehr ähnlich war.

Da wurde Zurpldiwupp ganz schrecklich wütend, streckte einen zitternden Finger in Richtung Heinrich und Kurt aus und verkündete: „Ihr werdet es niemals schaffen! Euer Plan ist zum Scheitern verurteilt! Merkt euch meine Worte!“

Das Elbimo-Fohlen

Als der Zoodirektor einige Wochen später einmal einen Rundgang durch seinen Zoo machte, da wollte er im Elbimo-Gehege nach dem Rechten schauen und herausfinden, wie weit er seinem Ziel, von den drei Gönnern reich und sattsam beschenkt zu werden, näher gekommen war.

Doch als er nach Heinrich und Kurt fragte, da wurde der Direktor statt zu einem großen und schönen Elbimo-Gehege zu einem notdürftig zusammengehämmerten, windschiefen Bretterverschlag mit einem winzig kleinen Stück verdorrter und abgegraster Weide davor geführt. Dort angekommen erschrak der arme Direktor ganz fürchterlich, als er schließlich das Elbimo-Fohlen sah. Das arme Tier konnte kaum auf seinen eigenen, dünnen Beinchen stehen, unter seinem fahlen Fell konnte man jede einzelne Rippe erkennen, und es stand zitternd und schwer atmend an die schiefe Stallwand angelehnt und schaute den Direktor aus traurigen und klebrigen Augen vorwurfsvoll an.

Links und rechts davon saßen Heinrich und Kurt auf Holzschemeln. Heinrich versuchte, den dünnen Schweif des Fohlens zu kämmen, während Kurt fieberhaft in einem Buch stöberte, auf dessen Rücken die Aufschrift „Elbimo-Zucht für Anfänger, jetzt mit zehn leichten Übungen!“ prangte.

„Um Gottes Willen“, entfuhr es dem Zoodirektor, „was in aller Welt ist hier passiert?!“

Da klappte Kurt das Buch zusammen und schaute den Direktor düster an. „Dein Zoo ist ein schlechter Zoo! Niemand hilft uns!“ sagte er.

„Ja genau, niemand zeigt uns wie man…“, fing Heinrich an.

„Nein!“, fuhr Kurt ihm über den Mund, „Niemand hilft uns, das allein ist das Problem! Ich weiss genau wie es geht, ich habe tausend und ein Elbimo-Pferd großgezogen, aber es geht nicht, wenn uns niemand hilft. Niemand hilft uns, und alle warten nur dass wir es nicht schaffen, und das alles nur, weil Zurpldiwupp einen Fluch auf uns ausgesprochen hat!“

„Aber welche Art von Hilfe brauchst Du denn?“ fragte der Direktor.

„Ich brauche eine große, große Wiese und eine große Erntemaschine, damit ich Heu herstellen kann, und ich brauche eine Töpferei, damit ich einen Trog für das Fohlen bauen kann… und einen großen Bohrer, damit ich mir einen Brunnen graben kann um Wasser für das Pferd zu bekommen… und niemand hilft uns damit! Die haben sich alle gegen uns verschworen!“

Das kam dem Zoodirektor äußerst seltsam vor, denn eigentlich hatte er immer gedacht, es gäbe schon Heu in seinem Zoo – als Futter für die anderen Tiere. Und er war sich ziemlich sicher, dass es auch Wasserleitungen und Tröge gab.

Doch als der Direktor dies anmerkte, da wurde Kurt ganz fürchterlich wütend: „Nein, nicht für uns! Niemand möchte uns etwas abgeben! Niemand hilft uns! Und Du bist schuld, und Zurpldiwupp auch!“

Und dabei blieb er.

Die gute Fee

Als der Zoodirektor an diesem Abend nach Hause ging, da war ihm sehr traurig zumute, und sein Herz war ganz schwer von dem was er gesehen und gehört hatte. Das Tier dauerte ihn sehr, aber noch mehr dauerte ihn die Tatsache, dass er auf diese Art und Weise wohl niemals reich beschenkt werden würde – viel eher würde das Gegenteil passieren und er würde den Zorn seiner Gönner zu spüren bekommen.

Und als er da so in trübe Gedanken versunken gebückt und traurig den kleinen Pfad zu seinem Haus entlang wanderte, da machte es plötzlich Pling!, und es erschien dem Direktor eine gute Fee.

„Na na“, sagte sie. „Was ist denn mit Dir wohl los?“

„Ach“, wehklagte der Direktor, „ich habe einen großen Fehler gemacht, und am Ende des Jahres werde ich den Preis dafür zahlen….“

„Oh, das klingt nicht schön“, sagte die gute Fee und lächelte ihn aufmunternd an.

„Nein… es ist auch nicht schön… und ich weiß auch gar nicht, warum Du so lächelst. Erfreust Du Dich etwa an meinem Unglück?“

Da schüttelte die Fee energisch mit dem Kopf. „Nein, niemals würde mir so etwas einfallen. Ich lächele, weil ich ein gute Fee bin, und weil Dir vielleicht geholfen werden kann…“

„Das glaube ich kaum“, entgegnete der Zoodirektor mürrisch, „oder kennst Du Dich etwa mit Elbimo-Pferden aus?“

„Oh, Elbimo-Pferde… schöne, edle, schnelle, schlaue Tiere…“, seufzte die Fee.

„Ja genau! Du kennst Dich also aus?“ fragte der Direktor.

„Nein, ich nicht“, entgegnete die Fee, „aber ich kenne einen Mann namens Alexander, der sich damit sehr gut auskennt. Er hat die schönsten Tiere gezüchtet, die man sich nur vorstellen kann.“

„Na das mag ihm vielleicht zur Ehre gereichen“, sagte der Direktor, „aber meine zwei Spezialisten, die werden ihr Fohlen so wie’s scheint nicht über die nächste Woche bringen…“

„Na, hör zu“, entgegnete die Fee, „so weit muss es nicht kommen. Alexander ist sicherlich gerne bereit, Deinen zwei Spezialisten ein wenig mit Rat und Tat zur Seite zu stehen… bis sie selbst gut für das Tier sorgen können.“

„Das würde er für mich tun? Und was ist der Haken dabei?“

„Kein Haken“, entgegnete die Fee, „nur ein bißchen Bezahlung. Er verlangt nicht viel“.

Und der Direktor dachte an die ihm versprochenen Reichtümer, und er willigte gerne ein, einen Berater in seinen Zoo zu holen, auf dass dort hoffentlich schon bald schöne und gesunde Elbimo-Pferde zu bewundern sein würden.

Und dennoch – mit einem Stechen in seinem Herzen musste er an Zurpldiwupp und seine Dybrih-Pferde denken, und er konnte nicht anders als sich zu fragen, ob er mit einem kleinen bisschen Schummelei vielleicht schon längst am Ziel wäre.

Der Berater

Als wenige Tage später Alexander beim Bretterverschlag aufkreuzte, da wurde er von einem mürrischen Kurt alles andere als freundlich begrüßt: „Der Direktor hat uns gesagt, dass Du kommst und helfen sollst. Ich bin nicht überzeugt. Du bist mir nicht willkommen, ich brauche keinen Berater! Ich kann alles!“

„Schade, denn ich bin auf Deiner Seite“, entgegnete Alexander. „Ich möchte nur helfen. Kann ich denn mal das Fohlen sehen?“

„Wenn es dann sein muss…“, sagte Kurt mürrisch und zeigte ihm das Fohlen.

„Wir müssen dieses Fohlen sofort nach draussen bringen, Elbimo-Fohlen brauchen Sonnenlicht. Ausserdem brauchen wir frisches Heu und Wasser, sonst wird es den nächsten Tag nicht erleben. Woher kriegen wir das?“ fragte Alexander.

Kurt schaute ihn erschrocken an und zuckte mit den Schultern.

„Ich glaube, ich habe Heu und Wasser im Bergziegengehege gesehen“, sagte Heinrich.

„Gut, dann geh dort hin und frage, ob wir Wasser und Heu haben können, während Kurt und ich das Fohlen nach draussen tragen.“

Gesagt, getan – Kurt und Alexander trugen das Fohlen ins Sonnenlicht, und Heinrich kam schließlich ganz stolz mit einem Fass Wasser und einem Bündel Heu zurück vom Bergziegengehege. „Sie haben mir einfach geholfen… ich musste nur fragen!“ berichtete er gleichsam erfreut wie erstaunt.

Mit gemeinsamen Kräften gelang es ihnen über die nächsten paar Tage, das Fohlen wieder aufzupäppeln. Und nachdem Kurt mit eigenen Augen gesehen hatte, dass der Berater wirklich etwas von seinem Handwerk verstand, wurde er wesentlich umgänglicher, und zwischen den dreien entwickelte sich schon bald eine Art Freundschaft.

„Danke, dass Du Dich um uns kümmerst… wir würden es ohne Dich nicht schaffen“, sagten sie schließlich eines Abends zu Alexander, „Du scheinst ja echt alles über Elbimo-Pferde zu wissen…“

„Nichts zu danken, ich züchte diese Tiere schließlich schon seit über zwanzig Jahren“, entgegnete Alexander.

Die Weide

Tatsächlich war es nicht wirklich schlimm, dass Heinrich und Kurt keinerlei Ahnung von der Pferdezucht hatten. Solche Dinge konnte man lernen, und Alexander war nur allzu bereit, sein Wissen weiter zu geben.

Es war auch nicht das Ende der Welt, dass Heinrich und Kurt sich bisher nicht getraut hatten, mit den anderen Zoo-Mitarbeitern zu reden. Auch Reden konnte man üben, und der erste Erfolg sah sehr vielversprechend aus: Das Fohlen hatte überlebt, und es fraß und trank.

Doch bald schon dämmerte es Alexander, dass es in diesem Zoo noch ein weitaus größeres Problem gab, welches sich nicht so einfach lösen ließ.

Wie ich euch schon berichtete, war dieser Zoo ein agiler Zoo. Das allein war wohl nicht das Problem, denn viele Sagen und Märchen erzählen von agilen Zoos, die angeblich wunderbar funktionieren. Doch leider hatte man in diesem speziellen Zoo beim Auslegen und Befolgen der zahlreichen agilen Gesetze und Regeln einen sonderbaren Weg eingeschlagen.

In so gut wie jedem anderen Zoo gab es eigene Abteilungen, die sich um das problemlose Bereitstellen von Futter und Wasser für die Tiere kümmerte. Das Wasser lief dort in großen Metallrohren unterirdisch zu den einzelnen Gehegen und konnte einmal angekommen schnell und bequem in Tröge gefüllt werden. Das Futter kam in großen Säcken oder Heuballen und wurde mit kleinen und spezialisierten Wägelchen an die Tiere im Zoo verteilt.

In diesem Zoo jedoch war wirklich jede Abteilung ausschließlich und vollständig für sich selbst verantwortlich… und zwar in allen Dingen.

Brauchte beispielsweise ein Gehege Wasser, so achtete Wachtmeister Knudtsen von der AP (der Agil-Polizei) darauf, dass die Spezialisten beim Gehege selbst ihren eigenen Brunnen gruben, ihre eigenen Pumpen bauten, ihre eigenen Rohre verlegten und ihre eigenen Tröge herstellten. Obwohl wirklich alle Tiere Wasser brauchten, und obwohl ein zentraler Brunnen an einer guten Stelle mit einer schönen Kanalisation tausendmal vernünftiger gewesen wäre, war jedes Gehege dazu gezwungen, sein eigenes, viel zu kompliziertes Ding zu drehen.

Ähnlich absonderlich war die Situation beim Futter: Obwohl es ein großes Feld gab, welches dem Zoo gehörte, und obwohl es das Vernünftigste gewesen wäre, einfach ein bis zwei Menschen mit Traktor und Erntemaschine einzustellen, welche dieses Feld für die Tiere des Zoos bestellen würden, musste jede Abteilung mit ihrem eigenen, kleinen Mini-Traktor dort hin fahren und irgendwie schauen, dass sie an Futter kam… was in bedeutete, sie mussten das Futter anbauen, gießen, pflegen, und ernten.

Diese absonderliche Regelung war ursprünglich ausgedacht worden, damit die GEs (Gehege-Eigentümer) schnell und ohne Abhängigkeiten von anderen Gehegen ihr Ziel erreichen und den Besuchern einen schönen Zoo präsentieren konnten. Und vielleicht war eine solche Regel in vielen Bereichen sogar klug und sinnvoll. Doch ergab sie bei Dingen, die alle gleichermaßen dringend brauchten, nicht den allergeringsten Sinn… und wie man sich vorstellen kann, war die Tierpflege auf diese Art und Weise unnötig kompliziert, und nichts funktionierte reibungslos.

Als Alexander die Situation klar wurde, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und sagte: „So kann man doch nicht arbeiten! In keinem Zoo der Welt habe ich jemals so einen Unfug gesehen!“

Noch hatte Alexander den großen Vorteil, dass er ein Fremder war, und als solcher wurde auf ihn gehört, und es wurde entschieden, dass die anderen Gehege zusammen arbeiten sollten, um Futter und Wasser für das Elbimo-Fohlen herbei zu schaffen, zumindest so lange, bis man gemeinsam eine bessere Lösung erdacht hatte.

Doch Wachtmeister Knudtsen beobachtete derlei revolutionäre Umtriebe mit Skepsis, und hinter den Kulissen begann er, darüber nachzudenken, wie man die Dinge wieder in agil geregelte Bahnen bringen könnte.

Noch einmal schwieriger wurde es dann schließlich, als das Fohlen allmählich größer wurde und sich mit seinem winzig kleinen Stück Weide vor dem Bretterverschlag nicht mehr zufrieden geben mochte. Denn hier zeigte sich, dass die GEs (Gehege-Eigentümer) hauptsächlich ihren eigenen Zielen gegenüber verpflichtet waren, und es ihnen nicht in den Sinn kam, ein anderes Gehege über längere Zeit zu unterstützen. Niemand wollte sehen, dass alle zusammen ein großer Zoo waren und alle etwas davon hätten, wenn es überall glückliche und gesunde Tiere gab.

Und so kam es einen schönen Tages, dass sich alle Beteiligten und der Direktor zu einem großen Krisengespräch zusammen trafen.

„Wir können Dir kein Stück von unserer Weide abgeben“, sagte der Bergziegen-GE. „Die Gönner sind böse, wenn wir nicht wenigstens zwanzig Bergziegen zeigen können, und die Weide ist so schon zu klein für unsere zwanzig Bergziegen.“

„Von uns kannst Du leider nichts haben“, sagte der Büffel-GE. „Unsere sechs Büffel sind der Stolz der Gönner, und wir können sie nur mit Mühe ernähren.“

„Nein, wir können nicht helfen“, sagte der für die Elefanten zuständige GE, „wir brauchen unsere Weide für unsere Dickhäuter. Ganz davon abgesehen würden eure Elbimos unsere Elefanten erschrecken, und die Gönner haben mehrmals schon gesagt, dass die Elefanten das Allerwichtigste sind.“

„Es ist sonnenklar, dass Elbimo-Spezialisten auch Landschaftsgärtner und Weiden-Ankäufer sein müssen. Du wirst schauen müssen, dass Du neues Land kaufst, mit Geld, von dem Du selbst schauen musst, dass Du es irgendwo herkriegst, und dann musst Du schauen, dass Du eine Wiese daraus machst. So fordert es das agile Gesetz“, sagte Wachtmeister Knudtsen.

Da platzte Alexander der Kragen und er sagte laut und vernehmlich: „Hört mich an. Mir ist es egal. Ich bin nur Berater. In einer Woche läuft mein Vertrag ab… dann bin ich wieder weg von hier, und euer Zoo interessiert mich nicht mehr, und ihr könnt wieder eure Spielchen spielen und eure Regeln befolgen. Aber ihr wolltet Elbimo-Pferde in diesem Zoo haben, also müsst ihr auch bereit sein, Opfer dafür zu bringen. Wenn Ihr dazu nicht bereit seid, dann wird es eben nichts mit den Elbimos.“

Da schauten ihn alle verdattert an, denn sie waren es nicht gewohnt, dass so offen mit ihnen geredet wurde. Einige sagten „Oh“, die anderen raunten „nein, so ein Pech…“ und der Direktor fragte: „Wirklich?“

„Ja, wirklich!“ antwortete Alexander.

„Tja, dann werden wir etwas tun müssen“, bestimmte der Direktor.

„Ja“, sagten die anderen am runden Tisch zustimmend.

„Jeder von euch wird ein Teil seines Geheges abgeben, so dass unser Elbimo-Fohlen Platz zum Aufwachsen hat!“ wies der Direktor an.

„Klar!“

„Machen wir so!“

„Natürlich!“

Und so geschah es, dass das Elbimo-Fohlen ein stattliches Stück Weide bekam und zumindest für eine kurze Weile weiter wachsen und gedeihen konnte. Bald konnte es unter der aufopfernden Pflege von Alexander und seinen zwei Lehrlingen ohne Stütze laufen, holte sich selbst Wasser am Trog und auch sein Fell wurde ein bißchen glänzender.

Diese Fortschritte waren dem Direktor nicht unbemerkt geblieben, und eines Abends, wenige Tage vor Ablauf des Berater-Vertrags nahm er Alexander zur Seite:

„Hör‘ zu“, sagte er ihm, „wir wollen den Kurt loswerden. Er hat ein paar mal zu viel behauptet, Dinge zu können, die er nicht tun kann… und er hat ein paar mal zu viel die Schuld dafür anderen in die Schuhe geschoben. Möchtest Du vielleicht seine Aufgabe übernehmen?“

„Oh ich weiß nicht“, antwortete da Alexander, „Es scheint mir ziemlich viel falsch zu laufen in Deinem Zoo… und ich weiß nicht, ob ich auf die Dauer damit glücklich werden kann…“

„Ich biete Dir Geld, viel Geld. Viel mehr, als Du bisher verdient hast… und die Möglichkeit, mit uns zusammen das schönste Elbimo-Gehege auf der ganzen Welt aufzubauen“, ließ der Direktor nicht locker.

Und schließlich willigte Alexander ein. Ab der nächsten Woche würde er nicht mehr als Berater, sondern als ganz normaler Angestellter des Zoos arbeiten.

Der Wechsel

Doch schon bald machte Alexander eine traurige Entdeckung:

Als er noch ausschließlich Berater gewesen war, da hatten ihm alle zugehört, es waren alle hilfsbereit gewesen, und niemand, noch nicht einmal Kurt, hatte gewagt, seine Expertise in Frage zu stellen.

Nun, da er ein ganz normaler Angestellter des Zoos war, änderte sich das alles. So gut wie jede seiner Aussagen wurde von Wachtmeister Knudtsen und vom Direktor angezweifelt oder zumindest mit einer gehörigen Portion Skepsis bedacht.

Am deutlichsten wurde dies, als das Fohlen weiter gewachsen war und wieder einmal mehr Futter benötigte. Weil dieses Thema wirklich sehr wichtig war, gab es schließlich ein Vier-Augen-Gespräch mit dem Kommissar Knudtsen von der Agil-Polizei.

Alexander sagte zu ihm: „Heinrich und ich, wir brauchen dieses Futter dringend, wenn das Pferd weiter gedeihen soll… und wir können es eben nicht selbst herstellen.“

„Hmmm…“, sagte da der Wachtmeister Knudtsen, „…aber warum denn nicht? Sollten Elbimo-Spezialisten nicht grundsätzlich immer auch Tierfutterhersteller und Tierfutterlagerbauherren und Tierfutterlagerverwalter sein? Oh, und – pardon – ich vergaß natürlich: Tierfuttertransportunternehmer!!?“

Alexander schaute ihn vollkommen verdattert an.

„Äh… nein?!“ antwortete er ungläubig.

Knudtsen schaute skeptisch. „Wirklich nicht?“

„Nein“, antwortete Alexander, „wirklich nicht. Das ist eine vollkommen bescheuerte Idee… ich meine, klar, ich kann ihm mal ein Bündel Möhren besorgen wenn es knapp wird, aber insgesamt…“

„Ähem ähem“, unterbrach Wachtmeister Knudtsen. Und er fuhr fort: „Ich weiß nicht, ob das so stimmt was Du behauptest. Denn wenn wir zum Beispiel den Heinrich fragen, ob er Futter herstellen möchte, dann sagt der ohne Umschweife zu uns: ‚Ja, natürlich, mache ich'“.

Alexander atmete tief durch. „Das liegt daran, dass Heinrich noch ein Kind ist, das sich selbst viel zu viel zutraut. Aber so funktioniert es nicht. Du bist entweder Elbimo-Spezialist oder Futterhersteller… du kannst nicht beides sein. Wenn Heinrich den ganzen Tag auf dem Feld ist und Gras und Kräuter anbaut und erntet, dann kann er sich nicht richtig um das Fohlen kümmern…“

„So so“, sagte Wachtmeister Knudtsen und nickte langsam auf eine Art und Weise, die erkennen ließ, dass er in Wirklichkeit kein Wort von Alexanders Erklärungen gelten ließ.

Alexander seufzte. Nur einen Monat zuvor wäre es noch kein Problem gewesen, an neues Futter für das Elbimo-Fohlen zu kommen. Jetzt aber musste er sich für die allernatürlichsten Bedürfnisse der Welt rechtfertigen… und eine böse Ahnung stieg in ihm auf.

Und wahrhaftig – während Alexander sich darum gekümmert hatte, dem Elbimo-Fohlen zu einem guten Start ins Leben zu verhelfen, da hatten all die Zoo-Mitarbeiter, die gerne Zoodirektor an Stelle des Zoodirektors gewesen wären oder aus sonstigen Gründen etwas gegen ein Elbimo-Gehege hatten, ihre Chance gewittert – darunter auch ein paar ganz besonders ulkige Gestalten, die Alexander nie kennenlernen sollte, die nicht die allergeringste Ahnung von seiner Arbeit hatten, die aber trotzdem eifrig über ihn urteilten.

Leider waren diese Menschen aber in diesem Zoo nicht etwa – wie man sich eigentlich denken würde – als Clowns angestellt, sondern sie waren enge Mitarbeiter des Direktors.

Und so nahm das Unglück seinen Lauf.

„Der Alexander, der kann es nicht“, hatten sie auf ihn eingeredet.

„Der Alexander arbeitet gar nicht richtig. Ich war gestern beim morgendlichen Vortanzen im Giraffengehege, und da konnte ich ihn nirgends sehen. Ich meine, was ist das für ein Elbimo-Spezialist, der nicht regelmäßig zum morgendlichen Vortanzen im Giraffengehege aufkreuzt?“ fragten sie ihn.

„Du hast einen Fehler gemacht. Dieser Experte kostet uns jede Menge Geld und leistet nichts“, hatten sie gesagt.

„Mit Alexander wirst Du es nie schaffen, bis zum Jahresende ein schönes Elbimo-Gehege zu haben“, sagten sie, und hofften, dass der Direktor entweder aufgeben oder die falschen Schlüsse daraus ziehen würde.

Neue Wege

Schließlich wurde Alexander krank. Es war Hochsommer, und die Strapazen der letzten Wochen hatten dafür gesorgt, dass er zwei Wochen das Bett hüten musste.

Als er sich wieder erholt hatte und in den Zoo zurückkehrte, da waren sowohl der Zoo als auch das Elbimo-Fohlen nicht wieder zu erkennen.

Viele Zooangestellte, die ihn vorher freudig gegrüßt ihm helfend zur Seite gestanden hatten, gingen ihm nun plötzlich aus dem Weg oder schauten beschäftigt in die andere Richtung, wenn Alexander an ihrem Gehege vorbei ging. Einer der agilen Polizisten, der vorher regelmäßig das Gespräch mit Alexander gesucht hatte, ignorierte ihn sogar vollständig.

Und einige Mitarbeiter gingen so weit, ganz unverhohlen in seine Richtung zu zischen: „Haha, da ist er ja, der Elbimo-Züchter… als ob wir Elbimos brauchen…“

Das arme Elbimo-Fohlen hatte indes deutlich an Gewicht verloren, es sah dünner und kränklicher aus als je zuvor, seine Augen waren trübe und verklebt, es lahmte vorne rechts und hinten links, es zitterte am ganzen Körper, und Heinrich kniete auf einem Schemel davor und tat irgendetwas an seinem Fell.

„Oh nein, was ist denn hier passiert? Heinrich… was tust Du da nur?“ wollte Alexander wissen.

„Ach“, sagte Heinrich traurig, „wir bekommen kein Futter mehr für das Fohlen, und die Weide haben sie uns auch wieder weg genommen. Die GEs der anderen Gehege sagen, das sei jetzt lange genug so gegangen und es dürfe jetzt nichts mehr an uns ausgegeben werden, weil alle anderen Gehege viel viel wichtiger sind und die Gönner böse werden… und… und…“

„Und was?“ fragte Alexander entsetzt.

„Und jetzt fällt ihm das Fell aus, und er kann kaum noch stehen…. und unser GE hat beschlossen, ich soll einfach mit Lack darüber malen und ihm mit Sekundenkleber Fell aufkleben und ein Gerüst darunter stellen, so würde daraus ein MVP (minimal verwestes Pferd), um die Gönner ruhig zu stellen…“

„Aber so geht es doch nicht… das ist doch absoluter Wahnsinn… ich rede mit dem Direktor!“ sagte Alexander erbost und stürmte aus dem Stall.

Beim Direktor angekommen, ließ Alexander seinem Ärger freien Lauf: „Ich war gerade mal zwei Wochen weg, und ihr habt das Pferd beinahe zu Tode gehungert und lasst jetzt den armen Heinrich irgendeinen Schwachfug mit Farbe und angeklebtem Fell machen um eure dummen Gönner zu blenden… ja sagt mal, habt ihr eigentlich noch alle Tassen im Schrank?“

Der Direktor schaute bestürzt. „Hm hm hm“, brummte er, „ja, Du hast recht, das ist wirklich keine gute Lösung“, sagte er, mehr zu sich selbst als zu Alexander.

„Nein, ist es nicht!“ bestätigte Alexander. „Wir müssen schnellstens etwas tun, bevor es zu spät ist!“

Der Direktor redete ruhig weiter: „Hmmm hmmmm hmmmm… ich habe in dieser Angelegenheit viele Fehler gemacht, das gebe ich zu… aber ich habe eine Idee…“, sagte er.

„Und die wäre?“

„Während Du krank warst gab es hier im Zoo eine Veranstaltung von einem Gaukler in einem kleinen Zirkuszelt, der die Lösung für all unsere Probleme hat. Ein ganz toller Mensch war das, er trug bunte Gewänder und konnte in so manchen fremden Zungen sprechen. Hmmmm, hmmmm, hmmm. Dieser Gaukler also, der züchtet eine neue Art von Dybrih-Pferden, und er behauptet, dieses Mal haben sie wirklich keinerlei Probleme und sind auch nicht dumm und auch furzen sie gar nicht so oft wie immer gesagt wird, und er hat mir viele schöne bunte Bilder davon gezeigt, die waren echt überzeugend, und ich schwöre Dir, sie sehen ganz genau so aus wie Elbimos…“

„Oh Gott, nein, bitte nicht… dass wir Elbimos züchten, das ist doch überhaupt nicht das Problem. Das Problem ist, dass dieser Zoo einfach nicht richtig funktioniert“, stöhnte Alexander.

„Nein, nein“, entgegnete der Direktor, „hör‘ mir gut zu! Ich hatte dann noch mehrere persönliche Gespräche mit dem Gaukler, und er sagt, er wird das alles noch vor Jahresende ganz günstig für mich machen, und dann werde ich mit Gold überschüttet, und dieses Mal wird es auch wirklich klappen… hmmmm hmmmm… und er hat mir erklärt, dass ich die ganze Zeit das Falsche gemacht habe, und dass die Idee mit den Elbimos überhaupt nicht funktionieren konnte… und deshalb möchte ich es gerne sein lassen mit der Elbimo-Zucht. Es war die falsche Idee, ich sehe das jetzt ein… hmmmmm hmmmm…“

Sein lassen? Und das Fohlen? Und Heinrich? Und was ist mit euren tollen agilen Gesetzen?“ fragte Alexander entsetzt.

„Ach, das Fohlen wird von Heinrich nächste Woche zum Abdecker gebracht, der kann es dann von seinem Leid erlösen. Es muss nur noch ein paar Tage durchhalten, wenn die Gönner ihre jährliche Führung durch den Zoo bekommen. Und dann schulen wir Heinrich zum Dybrih-Züchter um… er ist sehr jung und sehr wissbegierig, und er macht alles mit, das hat mir Knudtsen versichert. Und wenn Du möchtest, dann kannst Du mir gerne dabei helfen, die neue Dybrih-Zucht aufzubauen…“

„Das ist doch Wahnsinn. Und woher wollt ihr den Platz und das Futter für die Dybrihs nehmen? Ihr konntet ja nicht mal ein lächerliches kleines Elbimo-Fohlen versorgen!“

„Ja, aber wir haben dazu gelernt. Wenn die Dybrihs so weit sind, dann wird es genug Futter und Platz geben…“

Wortlos stand Alexander auf und ging zur Tür.

„Ich verstehe Deinen Ärger“, sagte der Direktor, „aber hier gibt es eine Chance für uns alle, es richtig zu machen…“

Alexander drehte sich um und schaute dem Direktor ein letztes Mal in die Augen. Und er sagte zu ihm: „Nichts an alledem ist richtig. Du hast die falsche Entscheidung getroffen, weil Du von den falschen Menschen die falschen Ratschläge angenommen hast. Hier ist so viel falsch… davon will ich kein Teil sein.“

Fee no more

Viele Jahre später war der Zoodirektor schon längst kein Zoodirektor mehr, als er abends durch den Wald lief und noch einmal der guten Fee begegnete.

„Na na“, sagte sie, „was ist denn mit Dir wohl los?“

„Ach“, wehklagte der Ex-Direktor, „als ob Du das nicht wüsstest… ich habe einen großen Fehler gemacht, und einen hohen Preis dafür bezahlt…“

„Ja, das stimmt wohl, Du hast meinen Bekannten verärgert, ein armes Elbimo-Fohlen verhungern lassen und mich zum Gespött der gesamten Gute-Feen-Szene gemacht…“, stellte die Fee fest.

„Was?“ fragte er Ex-Direktor. „Nein, nein… davon rede ich gar nicht!“

„Wovon redest Du dann?“ fragte die Fee.

„Ach, ich habe nicht genug Werbung gemacht. Daran muss es liegen, anders kann es nicht sein…“

„Was redest Du denn da?“ fragte die Fee.

„Mein guter Kumpel, der Gaukler mit dem Zirkuszelt, der hat mir innerhalb kürzester Zeit fünf Dybrihs hingestellt, ganz genau so wie er es versprochen hatte. Guter Mann, guter Mann.

Und ich hab dieses Mal auch ordentlich Druck gemacht, dass die Tiere genug Futter und Platz bekommen, wir wollten ja nicht, das sich die Geschichte mit dem Elbimos wiederholt… auf jeden Fall… ganz tolle Viecher sind das… na gut, sie sind langsam, behäbig, laut und dumm… und sie sehen erstmal auch nicht wirklich aus wie Elbimos, das stimmt schon, und… ja, ich muss zugeben, sie furzen auch unentwegt, obwohl mir das Gegenteil versprochen wurde… aber… aber mit dem richtigen Zaubertrank im Futter, und mit ein bißchen angeklebter Mähne und eingefärbtem Fell… da gehen sie sofort als Elbimos durch, das schwöre ich Dir… niemand hat den Unterschied erkannt, schon gar nicht unsere Gönner, ha, die waren hellauf begeistert, und man hat mich in Gold gebadet…“

„Und was ist dann passiert?“ wollte die Fee wissen, obwohl sie die Antwort darauf schon kannte, und dabei unterdrückte sie ein Gähnen.

„Die Besucher kamen nicht! Sie wollten unsere Dybrihs nicht sehen. Ich meine, am Anfang kamen sie schon… aber dann sind sie in die anderen Zoos gegangen, und sie haben behauptet, es gehe dort viel liebevoller zu… und die Elbimos dort, die seien viel schneller, und wendiger, und schlauer, und besser gepflegt, und sie hätten viel schönere und größere Gehege… und sie haben behauptet, unsere Pferde würden sich ‚nicht echt anfühlen’… kannst Du Dir das vorstellen, Fee? ‚Nicht Echt‚… und dann sind immer weniger Leute gekommen… und dann noch weniger… und dann gab es eine Krisensitzung mit den Gönnern, und die haben behauptet, ich sei an allem schuld und hätte sie getäuscht, und ich hätte überhaupt keine Ahnung, wie man einen Zoo leitet… dabei hätten wir doch nur unser Publikum noch ein bisschen mehr davon überzeugen müssen, dass unsere Pseudo-Elbimos echt eine tolle Sache sind… ja, genau… das hätten wir machen müssen, einfach ein bisschen mehr Werbung, ein bisschen Geld in die Hand nehmen und die Menschen überzeugen… das… das wäre die Lösung gewesen…. he, Fee, hörst Du mir überhaupt zu?“

Aber da war die Fee, die sich geschworen hatte, niemals wieder einem Zoodirektor ihre Hilfe anzubieten, längst von dannen gegangen.

Onward

Ok, liebe Leute, ich möchte gerne kurz darüber schreiben, wie das hier weiter gehen wird.

Meine Gesundheit & ich:

Vor anderthalb Wochen wurde meine Schilddrüse entfernt. Die ersten Tage danach war ich ziemlich wackelig auf den Beinen, inzwischen geht es mir bedeutend besser. Ein kleines Ding namens Parathormon macht mir noch Schwierigkeiten… aber insgesamt geht es mir – wenn auch noch nicht körperlich, dann auf jeden Fall seelisch – wesentlich besser als vor der Operation.

SchildDRÜSE, nicht SchildKRÖTE…

Was ziemlich erstaunlich ist, denn eigentlich funktionierte meine Schilddrüse zumindest von den Hormonen her ziemlich gut.

Ich kann mir das nur so erklären, dass mich die Sache doch viel mehr belastet hat, als ich vor mir selbst zugeben wollte. Oder, dass besagtes Organ vielleicht doch noch ein bisschen mehr mit mir getan hat, als rein theoretisch ermittelt werden konnte. Ja, klingt sehr esoterisch, ich weiß. Wer das nicht mag, darf die letzte Vermutung gerne einfach ignorieren.

Na ja, und ausserdem gab es kurz vor meiner Operation – wieder einmal – so ein kleines Erlebnis, bei dem mir ein Mensch, zu dem ich jahrelang mehr als fair, gerecht und freundlich gewesen war, einen Tritt ins Gesicht verpasste.

Wer mich kennt, der weiss, dass mir solche Dinge sehr lange sehr nahe gehen, und dass ich mir in solchen Fällen unendlich viele Gedanken darüber machen kann, was zum Henker eigentlich falsch läuft mit mir und der Welt. Überraschenderweise dieses Mal nicht. Dieses Mal dachte ich mir einfach nur: Du hast ganz andere Probleme. Ignorier‘ den Shit und sei für Dich selbst da, das ist viel wichtiger… was mir erstaunlich gut gelungen ist.

Für andere Menschen ist das vielleicht selbstverständlich… aber für mich ist das eine ganz erstaunliche Erfahrung.

Und wer weiß… vielleicht brauchte ich ja genau das. Vielleicht brauchte ich es einfach mal, dass mir jemand nochmal kurz vor meiner OP einen reinwürgt… damit mir endlich mal aufgeht, wie krass viel mehr ich für mich selbst da sein sollte.

Insgesamt und unter dem Strich kann ich auf jeden Fall feststellen, dass es mir viel besser geht. Von Antriebslosigkeit und Demotivation spüre ich nichts mehr. Kann natürlich sein, dass das alles wieder kommt, aber im Moment fühlt es sich nicht so an. Knock on wood.

Ich kann mir sogar die riesigen Kisten mit all den unverkauften Exemplaren von „Thanksgiver“ anschauen, ohne dabei mies drauf zu kommen… denn wenn ich nicht an die anderen Menschen denke (s.o.), dann muss ich sagen: Es ist das schönste letzte Geschenk, was ich meiner Mutter machen konnte… und es ist insgesamt ganz einfach das Schönste was ich machen konnte. Wer es nicht hören will, der ist selbst schuld.

Gut, ich habe eine Menge Geld verloren, aber was soll’s. Andere Menschen verlieren sehr viel Mehr Geld für sehr viel unsinnigere Dinge.

Kraft für Herrn K ist die Devise!

Musik im Allgemeinen…

Daraus folgt unmittelbar, ich möchte sehr gerne wieder Musik machen. Und ich werde auch sehr gerne wieder Musik machen.

Es folgt aber auch daraus, dass ich sie erst mal für mich und mein direktes Umfeld machen werde.

Wenn ich irgendwann mal wieder etwas Vorzeigbares habe, dann werde ich zu gegebener Zeit gerne auf die eine oder andere Art damit an die Öffentlichkeit treten… aber nicht vorher.

(Treuen Wegbegleitern und Freunden schicke ich natürlich trotzdem einen Link, wenn ich etwas Neues habe, zu dem ich gerne ehrliches Feedback möchte… ihr wisst, wer ihr seid ;-))

Ich weiss noch nicht, wo mich die Reise hinführen wird, und wie sich das dann anhören wird. Vom deutschen Singer/Songwriter-Outfit mit minimaler Low-Fi-Produktion über instrumentale Sachen zwischen Ambient und Jazz bis zum Neo-Prog-Pop/Wave-Projekt ist gerade alles drin, und ich bin gespannt, wo es mich hintreiben wird.

X marks the spot

…und Botany Bay im Besonderen

Thanksgiver“ war als letztes Album von Botany Bay konzipiert, produziert und aufgenommen, und das wird es auch bleiben.

Ursprünglich hatte ich noch eine kleine Chance gesehen, das Projekt irgendwie ein ganz kleines bißchen am Leben zu erhalten… aber Tatsache ist, dass Steffi und ich nun schon seit langer Zeit wieder getrennte Wege gehen, und dass ich mir ein besseres letztes Kapitel nicht wünschen kann – egal ob es die Leute kaufen oder nicht.

Nicht von ungefähr geht der Spruch: „Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist“, und nicht „man soll aufhören, wenn es kommerziell am erfolgreichsten ist“.

Die Webseite, Bandcamp-Page und alles wird natürlich online bleiben, und mp3 & Vinyl lassen sich weiterhin erwerben – im letzteren Fall, solange der Vorrat reicht.

Blogging

Im Moment lasse ich drüben bei 7gebirge.de wieder meine Co-Blogger-Karriere zusammen mit Frau K. aufleben, und soweit lässt sich das ganz gut an. Wer also Dinge von mir lesen und sehen möchte, der ist da drüben ganz gut beraten.

Meine Co-Bloggerin, nebst Co-Bloggerinnen-Hund

Was ich mit diesem Platz hier mache… tja, das weiss ich noch nicht. Aus den oben erwähnten Gründen möchte ich nicht mehr Musik veröffentlichen, ehe ich vollkommen zufrieden damit bin und in meinem tiefsten Inneren spüre, dass es mir egal sein kann, wie die Welt darauf reagiert.

Es ist einfach so. Musik mit dem Ansinnen zu veröffentlichen, Begeisterung und Dankeswellen auszulösen, hat sich als überhaupt nicht nachhaltig erwiesen.

Und ich möchte auch nicht wieder in Versuchung kommen, lang und breit über Musik zu schreiben, statt einfach welche zu machen. Musik fällt also erstmal flach.

Fotos veröffentliche ich auch schon auf 7gebirge und auf flickr und auf pixelfed… noch eine Quelle an Bildern von Stephan braucht die Welt wirklich nicht.

Über Programmieren zu schreiben liegt mir irgendwie auch nicht so… und wer unbedingt wissen möchte, mit welchen esoterischen Retro-Computing-Eskapaden – fernab von allem gerade angesagten Quatsch – ich meine Freizeit verbringe, der kann ja einfach meinen github-Account durchwühlen 😉

Im Moment fällt mir also nur ein, den Platz hier so zu lassen, wie er ist… und wenn ich eine neue Idee habe, dann geht es hier irgendwie weiter… oder natürlich, falls einer meiner geschätzten Leser eine Idee hat. Die Kommentarfunktion bleibt an 😉

Es bleibt mir somit nur, mich für die vielen lieben Wünsche zu bedanken, und für die Anteilnahme wenn es nicht so lief wie es hätte laufen sollen…

In diesem Sinne: Keep breathing!

Nochmal Deine Stimme

Ich hab‘ bei irgendwas mitgemacht
Hab‘ irgendwas unterschrieben
Vielleicht sogar aus Versehen
Meine Seele verkauft
Nacht um Nacht bin ich wach geblieben
Nacht um Nacht bin ich wach geblieben.

Ich hab‘ bei irgendwas mitgemacht
Musste auf alles Heilige schwören
Online, im Darknet, in der Cloud, mit Fake News, all das um nochmal
Um nochmal Deine Stimme zu hören
Um nochmal Deine Stimme zu hören

Nochmal Deine Stimme
Nochmal Deine Stimme

Ich bin gegen Stürme angerannt
Gegen Windmühlen gekämpft und gewonnen
Ich schau in den Spiegel und sehe immer mehr Dich als mich
So viel hat es mir genommen
So viel hat es mir genommen

Ich hab‘ bei irgendwas mitgemacht
Nie wollte ich etwas zerstören
Marodiere und brandschatze, grabe und sprenge, all das um nochmal
Um nochmal Deine Stimme zu hören
Um nochmal Deine Stimme zu hören

Nochmal Deine Stimme
Nochmal Deine Stimme
Nochmal Deine Stimme
Nochmal Deine Stimme

Und Du sagst

Ich bin jetzt ruhig
Ich bin jetzt still

Ich bin jetzt ruhig
Ich bin jetzt still

Ich bin jetzt ruhig
Ich bin jetzt still

Ich bin jetzt ruhig

Die Weisheiten des Mr. Big, oder: Wie wir einmal beinahe bei Sony Music unterschrieben hätten (Teil 2)

(Teil 1 ist hier)

Die Tage zogen ins Land, und Laura und ich arbeiteten weiter an unserer Live-Präsenz (und zwischendrin, wenn wir keine Lust mehr darauf hatten, an neuen Songs für unser nächstes Album). Ich hatte wirklich nicht damit gerechnet, aber eines Tages flatterte uns eine Email von Mr. Big ins Band-Postfach… er würde sich sehr gerne mit uns treffen, wann und wo es uns denn recht wäre.

Ich wohnte damals noch im schönen Mehlem, nicht weit weg vom Rhein im „Meisengarten“, einer ziemlich schnieken Wohnaussiedlung, die ungefähr überhaupt nicht zu mir passte. Im Sommer war es da sehr nett, man konnte im angrenzenden Park spazieren gehen, man konnte den Promenadenweg am Rhein entlang schlendern, und nach ungefähr zwei Kilometern kam man am Rheinhotel Dreesen an, einer ebenfalls ziemlich schnieken Location plus einem für Bonner Verhältnisse riesigen, bayerisch angehauchtem Biergarten. 

Laura und ich im Meisengarten…

Das schien uns der angemessene Platz zu sein, und so verabredeten wir uns an einem schönen Tag im Mai für den Biergarten. Laura und ich hatten uns vorher zum Proben bei mir in der Wohnung getroffen und Mr. Big die Wahl gelassen, zu unserer Probe oder direkt in den Biergarten zu kommen. Wie sich später herausstellte, hatte er sein Auto bei mir um die Ecke abgestellt, sich dann aber spontan entschieden, uns nicht beim Proben zu stören und lieber schon mal in den Biergarten zu laufen.

Als wir schließlich im Dreesen ankamen, saß also ein unübersehbarer Mr. Big im gut gefüllten Biergarten allein an einem Tisch in der Mitte, ein leeres Weizenglas und die Reste einer Brezel vor ihm.

„Da seid ihr ja, ich hab schon mal angefangen und den Tisch freigehalten…“, sagte er, schüttelte uns die Hände, winkte die Bedienung herbei und bestellte Getränke für uns alle. Er wartete erst gar nicht ab, bis die Bestellung da war, sondern zog einen Notizzettel aus der Jackentasche, legte ihn vor sich auf die Tisch, stützte sich auf die Ellenbogen und schaute uns abwechselnd forschend ins Gesicht.

„Also… zuallererst…“, begann er.  „Ich hab gesehen, ihr seid bei CC oder irgendwie sowas, und nicht bei der GEMA. Was hat es damit auf sich? Ist das so eine alternative Verwertungsgesellschaft oder wie funktioniert das?“

Mr. Big hatte noch nie etwas von CC-Lizenzen gehört, und freie Musik war ihm fremd. Ich versuchte, ihm zu erklären, dass es unsere Strategie mit „Grounded“ gewesen war, darauf zu hoffen, dass Internet-Radios und Podcaster unsere Musik entdecken und spielen würden… und dass sie in der Folge massenhaft kopiert und gebloggt werden und so Bekanntheit und Verbreitung finden würde – nicht zuletzt, weil sich schon bald herausstellte, dass unsere Produktionen wesentlich ausgereifter waren als die unserer Mitbewerber.

Er grinste mitleidig und schüttelte den Kopf. „Das ist der größte Bullshit, den ich je gehört habe. Was nichts kostet ist auch nichts wert. Klar ist eure Musik ausgereifter…  weil ihr da nichts verloren habt! Ihr braucht einen vernünftigen Labeldeal, und dann müsst ihr müsst zur GEMA, damit ihr einfach und schnell Kohle kriegt, wenn ihr live spielt oder im Radio gespielt werdet, oder wenn euch jemand remixt. Internetradios sind Scheiße. Internetradios sind gar nichts. Ich hab noch nie Internetradio gehört. Niemand hört Internetradio, ausser ein paar Loser, die nie Cash für eure Musik hinlegen würden. Und glaubt ja nicht, dass sich die Leute bedanken und an euch erinnern, wenn ihr ihnen was schenkt. Und die Profis… haha… die nehmen euch nicht ernst, da kann euer Shit noch so gut produziert sein… Neeeee, das kann gar nicht funktionieren… nee nee…“

Laura und ich schauten ziemlich verdattert drein, als Mr. Bigs letzte „Nee-Nees“ schließlich zu einem veritablen und lautstarken Lachanfall mutierten, welcher die Blicke der umliegenden Biergartengäste auf sich zog.

Tja, was soll ich sagen… im Prinzip hatte er leider recht. Zumindest teilweise. Von an einer Hand abzählbaren löblichen Ausnahmen abgesehen hat die CC-Szene nichts für uns getan. Ausser einmal, als wir kostenlose Wahlwerbung für die Piratenpartei machten (die wurde dann tatsächlich verteilt und besprochen und gebloggt und kopiert und empfohlen wie blöde).

„Ok, lasst uns erstmal anstoßen“, sagte Mr. Big, nachdem er sich wieder beruhigt hatte, und leerte sein inzwischen angekommenes Weizenglas zu drei Vierteln ohne einmal abzusetzen. „Gut, weiter im Text…“, sagte er, schaute auf seinen Notizzettel, „eure Platte!“ (womit er ‚Grounded‘ meinte, das wir vor etwas mehr als einem Jahr veröffentlicht hatten).

Offizielles Bandfoto aus der damaligen Zeit… interessanterweise wurde dieses Bild ganz in der Nähe von eben jenem erwähnten Biergarten aufgenommen – ein deutliches Indiz dafür, dass wir diesen Ort in einer gewissen Regelmäßigkeit zu frequentieren pflegten.

„Ja?“ fragten Laura und ich gespannt.

„Eure Platte ist supergeil, und ihr habt’s drauf ohne Ende, und das Ding ist wirklich richtig professionell aufgenommen und abgemischt, aber ihr habt’s leider gleich am Anfang vollkommen verkackt!“

Ich runzelte die Stirn. „Wie meinst Du das?“

„Das Intro, Mensch!“ rief Mr. Big und gestikulierte aufgeregt, als ob er mir das Einmaleins beibringen müsste. „Das hört sich keine Sau an. Das braucht ewig, bis endlich mal was passiert. Sowas könnt ihr euch erlauben, wenn ihr groß und berühmt seid, aber vorher macht ihr euch alles kaputt damit!“

„Aber es ist so ein schönes Intro… und das Solo…“, begann Laura.

„Scheiß auf das Solo!“, wurde sie von Mr. Big unterbrochen, „niemand hört das Solo! Die haben längst abgeschaltet, wenn das Solo kommt. Die gehen alle auf skip, wenn eure Platte sie nicht vom ersten Moment an fesselt. Ihr müsst in den ersten paar Sekunden alles unterbringen, was euch ausmacht, damit eure Hörer dranbleiben… dürft ihnen keine Gelegenheit geben, was anderes zu hören. Und das habt ihr vollkommen verschissen.“

Tja, was soll ich sagen… im Prinzip hatte er leider recht, auch wenn ich heute trotzdem nichts auf diesen speziellen Ratschlag gebe, vermutlich, weil ich einen ausgeprägten Drang habe, mir selbst in den Fuß zu schießen (man könnte es auch künstlerische Integrität nennen).

Bandcamp (für die notorischen Nicht-Musik-Klicker: Das ist da, wo man unsere Musik hören kann) bringt ein paar nette Analyse-Tools mit, an denen man sehen kann, wann jemand einen Song gehört hat, und wieviel davon, etc. pp. Und bei „Thanksgiver“ (welches noch viel mehr als „Grounded“ ganz bewusst so aufgebaut ist, dass es zehn Minuten braucht, bis man wirklich darin angekommen ist), steigen 92% der Zuhörer nach den ersten acht Sekunden von „Winter/Wolfpack/Serenade“ aus. Die warten nicht mal ab, bis Steffi den ersten Ton gesungen hat. Im heutigen Youtuber-und-Selfie-Knipser-Internet-Fernsehen des Jahres 2019 muss überall und immer gleich sofort was geil befriedigendes passieren, ansonsten wird erbarmungslos weitergezappt. Auch der Punkt geht also an Mr. Big.

„Nächster Punkt… wie sieht’s mit Pressemappe aus? Habt ihr so was…?“ fragte er.

„Wir haben ein PDF, das wir bei Interesse verschicken…“, antwortete ich, „aber von den Zeitschriften und Verlagen kommt so gut wie nie was zurück…“

Mr. Big schüttelte den Kopf. „Wieviel hast Du denn angeschrieben?“ fragte er mich, und er stellte die Frage so, dass ich mir wie ein kleines, doofes Kind vorkam, das von nichts eine Ahnung habe.

„Naja, so vier… fünf…“, antwortete ich.

Wieder lachte Mr. Big laut los. „Dachte ich mir. Du musst aber 100 anschreiben, dann merkt vielleicht einer davon mal auf… so wird das nie was…“

Das war wohl der Moment, an dem ich durch genervtes Aufstöhnen klar machte, dass mir diese Diskussion allmählich in die falsche Richtung ging.

„Was ist das Problem?“ fragte Mr. Big.

Ich hatte damit gerechnet, dass es irgendwann wieder zur Sprache kommen würde. Und weil ich mich mit dem Problem jahrelang und intensiv auseinander gesetzt hatte, kam meine Antwort auch ziemlich deutlich und wie aus der Pistole geschossen:

„Das Problem ist, dass ich Musiker bin, und kein Verkäufer. Gut möglich, dass ich mich eigentlich bei tausend Leuten anbiedern müsste und Klinken putzen und all den Scheiß, aber weder habe ich die Lust dazu, noch die Gabe, ganz im Gegenteil. Jede Ablehnung, jedes Nicht-Reagieren und jede nicht beantwortete Mail führt dazu, dass ich erstmal tagelang keinen Bock habe, überhaupt ein Instrument anzufassen… und weil ich das genau weiß, lasse ich es bleiben…“ erklärte ich.

Musiker. Nicht Verkäufer.

Mr. Big schaute mich eine Weile durchdringend und forschend an. Dann grinste er.

„Dann ist es ja gut, dass wir heute hier zusammen sitzen“, sagte er, machte eine geheimnisvolle Pause und grinste weiter.

„Und zwar?“ fragte Laura schließlich.

„Und zwar folgendes: Also. Erstmal die Tatsache: Ihr seid gut, wirklich richtig gut. Ihr gehört vermutlich zum Besten, was das Rheinland zu bieten hat. Das Problem ist nur, dass das kaum jemand weiß, und dass euer Businessplan einzig und allein daraus besteht, teuer und aufwendig produzierte Musik an eine Handvoll Nerds zu verschenken.

Da gibt’s eine ganz einfache Lösung: Lasst mich für euch arbeiten.

Ich mache die Promo für euch, buche Gigs für euch und bringe euch auf Festivals unter.  Und das Wichtigste: Ich arbeite in Köln unter anderem mit einem Label zusammen, die gehören Sony Music, und die haben sowohl Indie- als auch EDM-Sachen in ihrem Katalog. Der Chef von denen ist ein guter Freund von mir, ich hab ihm ein paar Tracks von euch gezeigt, und der würde euch für euer nächstes Album sofort unter Vertrag nehmen.“

Sowohl Laura und mir blieb die Spucke weg.

„Ist das Dein Ernst?“ fragte Laura schließlich.

„Klar ist das mein Ernst“, antwortete Mr. Big.

„Und was ist der Catch dabei?“ fragte ich. Nachdem mein künstlerisches Schaffen mein ganzes bisheriges Leben hauptsächlich ignoriert und übersehen worden war, erschien mir ein Deal mit einem Musik-Riesen aus heiterem Himmel wie ein sehr deutlicher Fall von „zu gut um wahr zu sein“.

„Naja, der Catch ist, dass ihr mich dafür bezahlt. Ich bekomme Anteile am Gewinn. Und ihr müsst mit diesem CC-Schwachsinn aufhören und euer Zeug so schnell wie möglich bei der GEMA anmelden. Ich übernehme das auch gerne für euch…“

Ich schüttelte den Kopf. „Das geht nicht“, sagte ich, während Laura mich unter dem Tisch schmerzhaft am Schienbein traf. „Wenn wir die Musik einmal CC-lizenziert haben, können wir nicht einfach einen Rückzieher machen. Das ginge nur mit zukünftigem Material“, erklärte ich.

Mr. Big zuckte mit den Schultern. „Dann ist das halt so… dann eben alle zukünftigen Tracks. Euer altes Zeug ist eh nicht richtig live-fähig, ihr braucht schnellere Tracks, mehr tanzbare Sachen, mehr so Sachen wie das mit den Morsezeichen und den Breakbeats“ (er meinte ‚Voices‘ und ‚Inhale‘).

Cover für die Web-Release von „Inhale“, einer unserer neueren und schnelleren Songs…

„Ok, mit zukünftigen Liedern könnte man darüber nachdenken…“, gab ich zu. Eigentlich war ich ziemlich überzeugt gewesen von der CC-Idee, ich konnte aber vor der Realität nicht die Augen verschließen, und die Realität war nun mal, dass unser Plan mit der freien Musikszene nicht aufgegangen war.

„Ja… denkt gerne ein bisschen darüber nach… ich werde euch nicht drängen, und ihr habt ja Zeit. Ich sage nur wie es ist: So wie ihr im Moment arbeitet, werft ihr nur Perlen vor die Säue, und wenn ihr daran nichts ändert, dann werdet ihr das auch in zwanzig Jahren noch tun…“

Tja, was soll ich sagen… und so weiter.

An weitere Details des Abends habe ich nur lückenhafte Erinnerungen… die Plattenvertrag-Enthüllung hatte uns ganz schön aus der Bahn geworfen. Irgendwann tauschten Laura und ich einen Blick aus, und mir wurde klar, es gab da ein Problem, das ich ansprechen musste. 

Laura und ich waren zwar lange und eng befreundet und hatten gemeinsam eine phantastische Reise hinter uns gebracht, aber diese Freundschaft war nicht ohne immer deutlicher zu Tage tretende Probleme und Abgründe – und wir beide hatten eine Ahnung, dass unsere musikalische Partnerschaft an einem dieser Abgründe möglicherweise irgendwann einmal enden würde…

Nicht ohne Abgründe: Laura und ich (hier live in Wiesbaden)

„Was ist, wenn wir uns trennen? Wenn wir die Platte nicht fertig kriegen?“ fragte ich Mr. Big, und Laura nickte zustimmend. Sie hatte das Gleiche gedacht.

Mr. Big leerte sein Weizenglas in einem Zug und schaute mich an. „Dann habe ich eben auf das falsche Pferd gesetzt und verloren. Aber ihr trennt euch nicht, ihr rockt das Ding!“

Wir tauschten einen weiteren Blick aus. Laura nickte. „Klar“, sagte sie. Ich nickte. „Sicher“. Sie nochmal: „Klar“. Ich: „Natürlich rocken wir das Ding“. Mr. Big lachte laut los und bestellte uns noch ein Runde. So viel zu unseren Einwänden.

Es wurde später und später, und es wurde mehr und mehr Wein, Weizen und Pils für Laura, Mr. Big und mich respektive. Schließlich bezahlten wir und wankten zurück zu meiner Wohnung. Angesichts unseres Blutalkohols verwundert es nicht, dass ich mich auch hier nicht mehr an die Details erinnern kann. Ich weiß noch, es war spät abends und eine unglaublich schwüle Sommernacht. Die Glühwürmchen tanzten auf dem Weg zwischen Rhein und angrenzenden Wäldchen und Parks, und Laura und ich waren vollkommen albern, machten schlechte Witze, und mussten uns den ganzen Weg lang gegenseitig festhalten, damit nicht einer von uns kopfüber wahlweise im Rhein oder im Wäldchen landete. 

Ganz im Gegensatz zu Mr. Big, dem die beachtliche Menge Alkohol, die auch er zu sich genommen hatte, überhaupt nicht anzumerken war. Im Gegenteil, er lief relativ stabil neben uns her, beobachtete uns mit einer Mischung aus Amüsement und Neugier und schwieg die meiste Zeit.

Erst als wir vor meiner Wohnungstür standen, redete er wieder.

„Ich mach euch bis die Tage mal ein bisschen Papierkram fertig, dann könnt ihr euch überlegen, ob ihr einsteigen wollt oder nicht… und, hey… das wollte ich euch die ganze Zeit mit auf den Weg geben: Eine andere Band von mir hat in drei Wochen einen Gig im MTC in Köln. Das wird erstklassig, die machen Dark Rock, spielen so in die Richtung Within Temptation und Evanescence, nur auf deutsch und in punkiger; was meint ihr, wollt ihr da die Vorband machen? Das würde euch ne Menge neues Publikum bringen…“

Laura und ich schauten uns an. „Äh… ich weiss nicht ob wir da die richtigen sind…“, sagte ich. „Ich meine… Within Temptation, Evanescence… hast Du unsere Musik mal gehört?“ 

„Ja klar, ihr habt doch auch rockige Sachen. Das Ding mit den Morsezeichen und so. Das spielt ihr, ihr braucht ja nur vier Songs zu spielen das kriegt ihr hin. Die sind ARSCHgeil, die spielen auf Festivals, die bringen ganz viel neue Fans für euch mit…“

„Na ja“, sagte Laura, während dieses Mal ich derjenige war, der die ganze Zeit erfolglos versuchte, sie unbemerkt zu kneifen oder zu treten oder sonstwie am Weiterreden zu hindern, „wenn wir die düsteren Sachen spielen, Voices, Inhale, Moron Island… dann geht das doch, und das passt auch ganz gut, wir spielen in der gleichen Woche im Jakobshof in Aachen, dann sind wir schon eingeübt…“

Dark-Metal-Vorband – warum nicht? Wir waren jung, flexibel und wandlungsfähig…

Ich seufzte und gab meinen Widerstand auf. 

„Na seht ihr wohl…!“ sagte Mr. Big. „Also abgemacht, Freitag in drei Wochen im MTC, ich schick euch nochmal die Einzelheiten!“

Und damit drehte er sich um und lief zielsicher auf seinen Mazda MX-5 zu.

„Du wirst doch wohl nicht Auto fahren wollen?“, fragte ich.

„Ich bin praktisch nüchtern. Kein Problem. Bis demnächst!“ sagte er, stieg ein und brauste in die Nacht davon. 

(Fortsetzung folgt)

(vielleicht)

Die Weisheiten des Mr. Big, oder: Wie wir einmal beinahe bei Sony Music unterschrieben hätten (Teil 1)

Es war das Jahr 2009, und vieles war vollkommen anders, als es heute ist.

Insbesondere, wenn es Botany Bay betrifft.

Ich kann an dieser Stelle nicht ernsthaft behaupten, wir wären jemals ausgesprochen „erfolgreich“ gewesen… aber im direkten Vergleich zu heute war 2009 ein enorm erfolgreiches Jahr.

Die Welt hatte gerade begonnen, ernsthaft Notiz von uns zu nehmen. Veröffentlichungen von Tonträgern oder Ankündigungen von Konzerten wurden von etlichen Menschen mit Spannung erwartet. Unsere damals noch existenten Fanpages auf Myspace und Facebook (das war, bevor Mark Zuckerberg damit begann, Künstler zu erpressen) zählten insgesamt um die 500 Mitglieder, und wir hatten einen Vertrag mit einem kleinen Label, das zwar nicht wusste, was es mit uns anfangen sollte, uns aber zumindest die eine oder andere administrative Last von den Schultern nahm. In den Free-Music-Charts belegten wir regelmäßig die ersten Plätze, und sehr zu unserer großen Überraschung kamen mehr und mehr Menschen zu unseren Konzerten. 

Eines unserer allerersten Konzertplakate (unten, nicht oben ;-)), damals noch mit den „Con-Chillos“ als Vorband, die sich bald in „Fronthaus“ umbenennen und fortan mit uns zumindest eine kurze Zeit lang durch dick und dünn gehen sollten.

Von meiner Kunst leben, das konnte ich damals genau so wenig wie heute, deshalb war mein Lebensentwurf auch damals schon, mir mit Softwareentwicklung die Ausübung meiner Berufung zu verdienen.

Nur bedeutete dies damals, mich in einem mittlerweile nicht mehr so bekannten Bonner Unternehmen vierzig Stunden die Woche für ein echt beschissenes Gehalt nach Strich und Faden ausnutzen zu lassen; außerdem führte ich damals noch eine Fernbeziehung mit Frau K., und ich fotografierte Menschen… keine Ahnung, wie ich das alles unter einen Hut brachte.  

Bei erwähntem Unternehmen arbeitete damals eine Frau namens Monika (1), welche mein Musiker-Sein – wie so viele Menschen – vollkommen zu ignorieren pflegte. 

Eines Tages jedoch besuchte mich Laura (2) im Büro, weil wir in einer Woche ein Konzert in Köln spielen und darum am Abend proben wollten. Zufällig befand sich da gerade Monika in meinem Büro, und Laura ließ nicht locker, bis sich Monika an Ort und Stelle das Konzert-Ankündigungs-Video auf unserer Myspace-Fanpage anschaute. 

Wie sich herausstellte, war das genau die richtige Strategie: Die Tatsache, dass wir eine einigermaßen gut besuchte Fanpage und ein Video und eine Latte an enthusiastischen Kommentaren darunter hatten, erweckte erstmals Monikas Interesse an unserer Musik, und bald schon fiel der unvermeidliche Satz: „Hey, ihr seid ja richtig gut. Warum hat mir das vorher niemand gesagt?

Ich geb’s zu. Wir waren leicht zu übersehen und unsere Musik war viel zu leise. Ausserdem hatten wir nicht die richtigen Sachen an. An irgendwas davon muss es liegen.

Die folgenden Wochen entwickelte sich Monika zu unserem interessiertesten Fan, und sie sprudelte nur so vor Ideen, wie wir unsere Musik noch besser an den Mann bringen konnten. „Ich kenn‘ da jemanden mit dem ich damals einen Mark-Owen-Fanclub gegründet habe, und die hat Kontakte […]„, „Ihr braucht unbedingt Merch. Ihr braucht T-Shirts und Sticker[…]„, „Ihr müsst was an eurem Outfit machen. Stephan, Du kannst nicht einfach im löchrigen Joy-Division-T-Shirt auf die Bühne kommen, und Laura, Du musst mehr Haut zeigen[…]“ waren nur ein paar ihrer Einsichten, wie wir uns optimieren könnten.

Natürlich war mir damals schon klar, dass – um es mal nett auszudrücken – Monikas Motivation und Beweggründe, sich für Musik zu begeistern, nicht mit denen von Laura und mir übereinstimmten. Aber auf eine seltsame  Art und Weise versprühte sie dabei eine ansteckende Art von Enthusiasmus, die ich sehr mochte. Und deshalb lehnte ich sie auch nicht ab. 

Unser Konzert fand dann plangemäß eine Woche später in einem kleinen Club in Köln statt, und obwohl es meiner Meinung nach einer unserer schlechteren Gigs war (zwischen Laura und unserem damaligen Live-Gitarristen gab es einige Spannungen, alles sehr Spinal Tap), wurden wir nach dem Konzert an der Bar von einem Menschen aufgesucht, der sich als „Mr. Big“ vorstellte. 

(Ja, auch dieser Name wurde von mir geändert. Bevor sich jemand wundert – sein originales Pseudonym war vergleichbar cringeworthy, es war gar nicht so einfach, einen adäquaten Ersatz auszuwählen…)

Mr. Big war eine formidable Gestalt. Nochmal einen Kopf größer als ich, kahlrasiert, Lederjacke, durchdringender Blick und sehr einnehmend. Er war, so stellte sich schließlich heraus, ein bekannter und erfolgreicher Kölner DJ und Musikproduzent, und unser wirklich nicht so tolles Konzert war offensichtlich das beste gewesen, was er in Köln seit langer Zeit gehört hatte. 

„Wie sieht’s denn aus, habt ihr ein Label? Einen recording deal?“ fragte er, nachdem er uns Getränke unserer Wahl ausgegeben hatte.

„Wir haben ein Label“, antwortete ich wahrheitsgemäß, „allerdings wissen die nicht, was sie mit uns anfangen sollen, und das Goth-Geschrammel, das die sonst im Angebot haben verkauft sich tausendmal besser als unsere CDs“

„Ok, und eure Demos, wer produziert die?“ fragt er mit Blick auf den Karton „Grounded„- und „Postcard„-CDs, die wir zum Verkaufen mitgenommen hatten.

„Unsere Alben„, sagte ich und betonte das letzte Wort, so dass überhaupt kein Zweifel bestand, worum es sich handelte, „produziere ich selbst.“

Mr. Big nickte verständnisvoll. „Und Management? Habt ihr das?“ fragte er. 

Wir verneinten.

Natürlich hätte ich antworten sollen: „Wir haben zwar kein Management, aber dafür haben wir einen Kirchenchor“. Die besten Antworten fallen einem immer erst 10 Jahre später ein… (Das Bild zeigt Laura und mich [links] und den Kirchenchor ‚Chornelimünster‘ bei den Aufnahmen einer Chorpassage für ‚Stupid Summer Dreams‘)

Mit einem Ruck stand er auf. „Ok, passt auf…“. Er packte je eine von unseren CDs und legte uns 50 Euro hin. „Behaltet den Rest. Ich nehme an, da steht eure Kontaktadresse drin?“

Etwas perplex nickten wir. „Gut, ich habe leider wenig Zeit… aber ich melde mich bei euch. Ich denke, ich kann ziemlich viel für euch tun“. Und damit verließ er eiligen Schrittes die Location. Ich ging davon aus, dass wir ihn nie wieder sehen würden. Ich lag falsch.

(Fortsetzung folgt)


(1) Alle Namen, ausser die der Bandmitglieder selbst, wurden von mir geändert

(2) Für die notorischen Nicht-Musik-Klicker: Laura war von 2004 bis 2009 meine musikalische Partnerin. Erst „nur“ Sängerin bei Botany Bay, unterstützte sie mich nach Veröffentlichung unseres Albums „Grounded“ mehr und mehr bei der Produktion und im Songwriting und überzeugte mich davon, dass wir auf die Bühne müssen. Ausserdem spielte sie im Studio und live Klavier und Synthesizer.

Pixelfed: Das Fediverse ruft (vielleicht)

Mit Pixelfed existiert im Fediverse seit einiger Zeit schon ein quelloffener Instagram-Klon, der niemandem gehört, auf dem keine Werbung stattfindet, und auf dem keine Influenzer influenzen.

Dank dieser Eigenschaften klingt Pixelfed tatsächlich nach einem Schritt in die richtige Richtung, um das zu retten, was vom bunten und kreativen Web im Jahr 2019 noch übrig ist (oder vielleicht sogar das, was die letzten Jahre verloren gegangen ist, wieder zu beleben).

Und nach einer prima Alternative zu Instagram klingt es eh allemal.

Die Kehrseite? Natürlich ist auf Pixelfed (noch) nicht besonders viel los.

Ähnlich wie bei den föderierten Alternativen zu Twitter (Mastodon) und Facebook (Diaspora) wird sich bei Pixelfed erst noch zeigen müssen, ob aus der Nische heraus eine lebendige und kreative Community entstehen kann.

Einen Vorteil hat Pixelfed natürlich im Gegensatz zu Mastodon oder Diaspora: Die Plattform kümmert sich um ein spezifisches Thema, nämlich Bilder. Damit ist zumindest grob schon vorgegeben, warum und von wem die Plattform besucht wird.

Ich habe mich ja letztes Jahr ein paar Wochen lang auf Mastodon versucht, und ich wollte ehrlich, dass es funktioniert… allein schon aus weltanschaulichen Gründen. Aber als Musiker auf Mastodon stattzufinden ist tatsächlich noch deprimierender, als es auf Twitter zu tun. Was natürlich mit der Art und der Menge und den Interessen des Publikums zu tun hat. Ich meine, es gibt garantiert einige Linux-affine Open-Source-Verfechter, die „Thanksgiver“ lieben würden – wenn man sie nur irgendwie dazu bewegen könnte, die ersten zehn Minuten einfach mal in Ruhe anzuhören. Aber Mastodon ist dazu noch weniger der Ort als Twitter.

Mit Fotos ist es da schon einfacher. Fotos erschließen sich (vermeintlich) sofort, und es ist mit keinem großen Aufwand verbunden, sie auf Pixelfed zu posten. Also werde ich die Plattform, die noch in den Kinderschuhen steckt, einfach mal ein bisschen ausprobieren… am besten auch mit ein paar alten Sachen, für die ich schon jede Menge Feedback bekommen habe, so dass es nicht ärgerlich ist, wenn das im Fediverse erstmal nicht funktioniert.

Vielleicht sieht man sich ja dort? Beispielsweise die Instanz pixelfed.de nimmt momentan noch Registrierungen entgegen… meine Wenigkeit ist hier zu finden (und einige andere alte Bekannte auch ;-))

Mark Hollis †

Jetzt sitze ich also hier, höre „Spirit Of Eden“ und weine.

Frau K. ist mit Candor raus, Buba schläft noch, die Sonne ist noch nicht richtig aufgegangen, der Baustellenlärm an Rhöndorfs traurigen Neubauten hat noch nicht begonnen… und die Welt draußen vor der K-Burg ist in dunkles und entsättigtes Grün, Blau und Braun getaucht – still und regungslos bewacht von den dunklen Ästen der Bäume, welche zwischen der Sicht rheinabwärts und mir stehen.

Mark Hollis hätte das vermutlich für ein gutes Ambiente gehalten, um „Spirit Of Eden“ zu genießen. Ruhig, ohne Ablenkung… mit viel Stille, um die Stille besser hören zu können.

Mark Hollis ist tot, und ich kann es nicht glauben, dass er weg ist.

Du darfst nicht weg sein, denke ich mir.

Du darfst nicht weg sein, ich wollte doch noch etwas von Dir hören!

Obwohl ich den Menschen nie getroffen habe, ist es tatsächlich für mich, als ob noch ein Familienmitglied gestorben wäre… denn Hollis‘ einzigartige, wunderbare, wunderschöne Musik hat mich beinahe mein ganzes bisheriges Leben begleitet.

Ich kann mich an den sonnigen Herbsttag im Oktober 1988 erinnern, als ich in einem Plattenladen in Karlsruhe stand, und beim Wühlen im Regal über „Spirit Of Eden“ stolperte. Ich hatte keine Ahnung, welche Musik sich dahinter verbergen würde, doch ich mochte das Cover… und so kaufte ich „Spirit Of Eden“, damals schon auf 10 Mark herabgesetzt, weil es niemand hören wollte – eine Tatsache, die sich erst änderte, als Talk Talk sehr viele Jahre später von wichtigen Musikschreiberlingen als die „Erfinder des Postrock“ erkannt wurden.

Wobei das natürlich Quatsch ist.

„Spirit Of Eden“ ist kein Postrock. „Spirit Of Eden“ ist „Spirit Of Eden“.

Als ich dann die ersten Takte von „The Rainbow“ (dem Opener des Albums) hörte, da passierte etwas mit mir, das ich auch heute noch nicht erklären kann. Was ich da hörte, das war so unglaublich anders als alles, was ich zuvor gehört hatte… und von einer majestätischen und gleichzeitig fragilen Schönheit, die ich so noch nicht erlebt hatte, und die mich veränderte.

„Oh yeah, the world’s turned upside down“, intoniert Mark Hollis auf „The Rainbow“, nachdem – und das ist nur der Anfang! – Trompete, Violine, Hammond-Orgel, selbstgebaute Musikinstrumente und etliche andere Klangerzeuger in langsamen und mäandernden Bewegungen den Track über drei Minuten lang vorsichtig und behutsam aufgebaut haben… und ahnte vermutlich nicht, wievieler Menschen Welt er mit dieser Musik tatsächlich auf den Kopf stellen würde.

Ein drei Minuten langes Intro, das – wenn überhaupt – eher in Musique Concrete, Jazz und Klassik als in Popmusik verortet werden kann, das war im Jahre 1988 natürlich kommerzieller Selbstmord, ebenso wie alles, was danach auf „Spirit Of Eden“ passiert: Die hauchdünnen, zarten Arrangements von „The Rainbow“, irgendwo zwischen Blues und Debussy, zerteilt von einem alles zerreißenden Mundharmonika-Solo. Die verzweifelte Schönheit von „Eden“. Die brodelnde Stille von „Desire“, die sich in einem triumphalen Crescendo entlädt und dann als fernes Echo von allem was da gerade noch gewesen war nur vier lange gehaltene Klavierakkorde in die Stille entlässt… und diese Beschreibungen kratzen nur an der Oberfläche.

Für die Plattenfirma damals ein ganz klarer Fall: Unverkäuflich, nichts singletaugliches dabei… nichts, was man dem MTV-Publikum irgendwie andrehen könnte. EMI waren von dem Werk so angepisst, dass man sich vor Gericht wieder sah – hatte die Band doch erst das Budget überzogen, dann mehrere Deadlines platzen lassen und schließlich ein Ergebnis abgeliefert, das sich nicht verkaufen ließ.

Doch auf kommerziellen Erfolg kam es Mark Hollis und Talk Talk damals schon lange nicht mehr an. Hollis war getrieben von dem Wunsch, konsequent seine Vision von Musik verwirklichen, egal ob die Welt und die Plattenbosse sie mögen würde oder nicht.

Und weil ich Talk Talk entdeckte, lange bevor der restlichen Welt endlich ein Licht aufgegangen war, kam es mir lange Zeit auch so vor, als wäre ich damit allein auf der Welt – als hätte nur ich diese geheimnisvolle und unergründliche Entdeckung gemacht, als sei sie ein wertvoller Schatz, den zu hüten und zu ehren meine Aufgabe war.

Ich weiß noch genau, wie ich die Platte wieder und wieder abspielte… ich war sechzehn Jahre alt, ich konnte noch gar nicht fassen, was ich da hörte. Und wenn ich ehrlich sein soll, kann ich das heute noch nicht. Ich weiß nur, dieser Tag resoniert bis heute in meinem eigenen musikalischen Schaffen.

Meine Mutter war damals sehr krank und verbrachte tagelang im Bett. Damals war es mir nicht richtig klar, beziehungsweise ich verdrängte es so gut es ging; aber es muss wohl einer ihrer ersten wirklich schlimmen Abstürze mit Alkohol gewesen sein, mit denen sie sich 27 Jahre später aus dieser Welt trinken sollte.

Im Gegensatz zu meinem Vater (der mich – so möchte ich inzwischen gerne glauben – vor seinem eigenen Schicksal beschützen wollte, indem er mich nie zum Künstlerdasein ermutigte) war meine Mutter sehr interessiert an meiner Musik… sie unterstützte mich wo immer sie konnte, zeigte mir die Dinge, die sie mochte (meine frühe Liebe für Bach und Jethro Tull habe ich von meiner Mutter) und ermutigte mich immer wieder.

Es ist, als ob es gestern gewesen wäre, dass ich mit meinem kleinen Ghettoblaster und einem auf Tape überspielten „Spirit Of Eden“ zu ihr ins Schlafzimmer wanderte. Sie hatte drei Tage lang geschlafen und es ging ihr noch immer sehr mies. Ich weiß noch, wie ich mich neben ihr Bett kniete und den Ghettoblaster anschloss.

Sie schaute mich fragend an.

Ich sagte, „ich habe neue Musik gefunden. Ich glaube das wird Dir gefallen“, und drückte auf „Play“.

Und dann saßen wir da zusammen und lauschten, und irgendwann lächelte meine Mutter, zum ersten Mal seit Tagen, und sie sagte:

„Oh Gott, ist das schön“.

Ruhe in Frieden, Mark Hollis.

Ich hätte so gerne noch so viel mehr von Dir gehört.

Blog Out Of Order

Während Buba die zurückkehrenden Kraniche beobachtet, liege ich leider mal wieder auf der Schnauze.

Laut meiner Ärztin habe ich eine ganz besonders leckere Art von Bakterien eingefangen, von denen man richtig lange was hat. Man ist damit zwar nicht eine Woche lang vollständig kaputt (wie man es bei einer „richtigen“ Grippe wäre)… aber dafür ist man wochen- bis monatelang nicht richtig fit und immer mal wieder so richtig fix und alle.

Und nachdem das jetzt schon zwei Monate lang so geht, nun also: Antibiotika schlucken, viel Ruhe und nicht anstrengen.

Also nicht wundern, wenn ich hier etwas weniger schreibe…. ich hole das dann nach, wenn ich irgendwann mal wieder gesund bin.