Nochmal Deine Stimme

Ich hab‘ bei irgendwas mitgemacht
Hab‘ irgendwas unterschrieben
Vielleicht sogar aus Versehen
Meine Seele verkauft
Nacht um Nacht bin ich wach geblieben
Nacht um Nacht bin ich wach geblieben.

Ich hab‘ bei irgendwas mitgemacht
Musste auf alles Heilige schwören
Online, im Darknet, in der Cloud, mit Fake News, all das um nochmal
Um nochmal Deine Stimme zu hören
Um nochmal Deine Stimme zu hören

Nochmal Deine Stimme
Nochmal Deine Stimme

Ich bin gegen Stürme angerannt
Gegen Windmühlen gekämpft und gewonnen
Ich schau in den Spiegel und sehe immer mehr Dich als mich
So viel hat es mir genommen
So viel hat es mir genommen

Ich hab‘ bei irgendwas mitgemacht
Nie wollte ich etwas zerstören
Marodiere und brandschatze, grabe und sprenge, all das um nochmal
Um nochmal Deine Stimme zu hören
Um nochmal Deine Stimme zu hören

Nochmal Deine Stimme
Nochmal Deine Stimme
Nochmal Deine Stimme
Nochmal Deine Stimme

Und Du sagst

Ich bin jetzt ruhig
Ich bin jetzt still

Ich bin jetzt ruhig
Ich bin jetzt still

Ich bin jetzt ruhig
Ich bin jetzt still

Ich bin jetzt ruhig

Die Weisheiten des Mr. Big, oder: Wie wir einmal beinahe bei Sony Music unterschrieben hätten (Teil 2)

(Teil 1 ist hier)

Die Tage zogen ins Land, und Laura und ich arbeiteten weiter an unserer Live-Präsenz (und zwischendrin, wenn wir keine Lust mehr darauf hatten, an neuen Songs für unser nächstes Album). Ich hatte wirklich nicht damit gerechnet, aber eines Tages flatterte uns eine Email von Mr. Big ins Band-Postfach… er würde sich sehr gerne mit uns treffen, wann und wo es uns denn recht wäre.

Ich wohnte damals noch im schönen Mehlem, nicht weit weg vom Rhein im „Meisengarten“, einer ziemlich schnieken Wohnaussiedlung, die ungefähr überhaupt nicht zu mir passte. Im Sommer war es da sehr nett, man konnte im angrenzenden Park spazieren gehen, man konnte den Promenadenweg am Rhein entlang schlendern, und nach ungefähr zwei Kilometern kam man am Rheinhotel Dreesen an, einer ebenfalls ziemlich schnieken Location plus einem für Bonner Verhältnisse riesigen, bayerisch angehauchtem Biergarten. 

Laura und ich im Meisengarten…

Das schien uns der angemessene Platz zu sein, und so verabredeten wir uns an einem schönen Tag im Mai für den Biergarten. Laura und ich hatten uns vorher zum Proben bei mir in der Wohnung getroffen und Mr. Big die Wahl gelassen, zu unserer Probe oder direkt in den Biergarten zu kommen. Wie sich später herausstellte, hatte er sein Auto bei mir um die Ecke abgestellt, sich dann aber spontan entschieden, uns nicht beim Proben zu stören und lieber schon mal in den Biergarten zu laufen.

Als wir schließlich im Dreesen ankamen, saß also ein unübersehbarer Mr. Big im gut gefüllten Biergarten allein an einem Tisch in der Mitte, ein leeres Weizenglas und die Reste einer Brezel vor ihm.

„Da seid ihr ja, ich hab schon mal angefangen und den Tisch freigehalten…“, sagte er, schüttelte uns die Hände, winkte die Bedienung herbei und bestellte Getränke für uns alle. Er wartete erst gar nicht ab, bis die Bestellung da war, sondern zog einen Notizzettel aus der Jackentasche, legte ihn vor sich auf die Tisch, stützte sich auf die Ellenbogen und schaute uns abwechselnd forschend ins Gesicht.

„Also… zuallererst…“, begann er.  „Ich hab gesehen, ihr seid bei CC oder irgendwie sowas, und nicht bei der GEMA. Was hat es damit auf sich? Ist das so eine alternative Verwertungsgesellschaft oder wie funktioniert das?“

Mr. Big hatte noch nie etwas von CC-Lizenzen gehört, und freie Musik war ihm fremd. Ich versuchte, ihm zu erklären, dass es unsere Strategie mit „Grounded“ gewesen war, darauf zu hoffen, dass Internet-Radios und Podcaster unsere Musik entdecken und spielen würden… und dass sie in der Folge massenhaft kopiert und gebloggt werden und so Bekanntheit und Verbreitung finden würde – nicht zuletzt, weil sich schon bald herausstellte, dass unsere Produktionen wesentlich ausgereifter waren als die unserer Mitbewerber.

Er grinste mitleidig und schüttelte den Kopf. „Das ist der größte Bullshit, den ich je gehört habe. Was nichts kostet ist auch nichts wert. Klar ist eure Musik ausgereifter…  weil ihr da nichts verloren habt! Ihr braucht einen vernünftigen Labeldeal, und dann müsst ihr müsst zur GEMA, damit ihr einfach und schnell Kohle kriegt, wenn ihr live spielt oder im Radio gespielt werdet, oder wenn euch jemand remixt. Internetradios sind Scheiße. Internetradios sind gar nichts. Ich hab noch nie Internetradio gehört. Niemand hört Internetradio, ausser ein paar Loser, die nie Cash für eure Musik hinlegen würden. Und glaubt ja nicht, dass sich die Leute bedanken und an euch erinnern, wenn ihr ihnen was schenkt. Und die Profis… haha… die nehmen euch nicht ernst, da kann euer Shit noch so gut produziert sein… Neeeee, das kann gar nicht funktionieren… nee nee…“

Laura und ich schauten ziemlich verdattert drein, als Mr. Bigs letzte „Nee-Nees“ schließlich zu einem veritablen und lautstarken Lachanfall mutierten, welcher die Blicke der umliegenden Biergartengäste auf sich zog.

Tja, was soll ich sagen… im Prinzip hatte er leider recht. Zumindest teilweise. Von an einer Hand abzählbaren löblichen Ausnahmen abgesehen hat die CC-Szene nichts für uns getan. Ausser einmal, als wir kostenlose Wahlwerbung für die Piratenpartei machten (die wurde dann tatsächlich verteilt und besprochen und gebloggt und kopiert und empfohlen wie blöde).

„Ok, lasst uns erstmal anstoßen“, sagte Mr. Big, nachdem er sich wieder beruhigt hatte, und leerte sein inzwischen angekommenes Weizenglas zu drei Vierteln ohne einmal abzusetzen. „Gut, weiter im Text…“, sagte er, schaute auf seinen Notizzettel, „eure Platte!“ (womit er ‚Grounded‘ meinte, das wir vor etwas mehr als einem Jahr veröffentlicht hatten).

Offizielles Bandfoto aus der damaligen Zeit… interessanterweise wurde dieses Bild ganz in der Nähe von eben jenem erwähnten Biergarten aufgenommen – ein deutliches Indiz dafür, dass wir diesen Ort in einer gewissen Regelmäßigkeit zu frequentieren pflegten.

„Ja?“ fragten Laura und ich gespannt.

„Eure Platte ist supergeil, und ihr habt’s drauf ohne Ende, und das Ding ist wirklich richtig professionell aufgenommen und abgemischt, aber ihr habt’s leider gleich am Anfang vollkommen verkackt!“

Ich runzelte die Stirn. „Wie meinst Du das?“

„Das Intro, Mensch!“ rief Mr. Big und gestikulierte aufgeregt, als ob er mir das Einmaleins beibringen müsste. „Das hört sich keine Sau an. Das braucht ewig, bis endlich mal was passiert. Sowas könnt ihr euch erlauben, wenn ihr groß und berühmt seid, aber vorher macht ihr euch alles kaputt damit!“

„Aber es ist so ein schönes Intro… und das Solo…“, begann Laura.

„Scheiß auf das Solo!“, wurde sie von Mr. Big unterbrochen, „niemand hört das Solo! Die haben längst abgeschaltet, wenn das Solo kommt. Die gehen alle auf skip, wenn eure Platte sie nicht vom ersten Moment an fesselt. Ihr müsst in den ersten paar Sekunden alles unterbringen, was euch ausmacht, damit eure Hörer dranbleiben… dürft ihnen keine Gelegenheit geben, was anderes zu hören. Und das habt ihr vollkommen verschissen.“

Tja, was soll ich sagen… im Prinzip hatte er leider recht, auch wenn ich heute trotzdem nichts auf diesen speziellen Ratschlag gebe, vermutlich, weil ich einen ausgeprägten Drang habe, mir selbst in den Fuß zu schießen (man könnte es auch künstlerische Integrität nennen).

Bandcamp (für die notorischen Nicht-Musik-Klicker: Das ist da, wo man unsere Musik hören kann) bringt ein paar nette Analyse-Tools mit, an denen man sehen kann, wann jemand einen Song gehört hat, und wieviel davon, etc. pp. Und bei „Thanksgiver“ (welches noch viel mehr als „Grounded“ ganz bewusst so aufgebaut ist, dass es zehn Minuten braucht, bis man wirklich darin angekommen ist), steigen 92% der Zuhörer nach den ersten acht Sekunden von „Winter/Wolfpack/Serenade“ aus. Die warten nicht mal ab, bis Steffi den ersten Ton gesungen hat. Im heutigen Youtuber-und-Selfie-Knipser-Internet-Fernsehen des Jahres 2019 muss überall und immer gleich sofort was geil befriedigendes passieren, ansonsten wird erbarmungslos weitergezappt. Auch der Punkt geht also an Mr. Big.

„Nächster Punkt… wie sieht’s mit Pressemappe aus? Habt ihr so was…?“ fragte er.

„Wir haben ein PDF, das wir bei Interesse verschicken…“, antwortete ich, „aber von den Zeitschriften und Verlagen kommt so gut wie nie was zurück…“

Mr. Big schüttelte den Kopf. „Wieviel hast Du denn angeschrieben?“ fragte er mich, und er stellte die Frage so, dass ich mir wie ein kleines, doofes Kind vorkam, das von nichts eine Ahnung habe.

„Naja, so vier… fünf…“, antwortete ich.

Wieder lachte Mr. Big laut los. „Dachte ich mir. Du musst aber 100 anschreiben, dann merkt vielleicht einer davon mal auf… so wird das nie was…“

Das war wohl der Moment, an dem ich durch genervtes Aufstöhnen klar machte, dass mir diese Diskussion allmählich in die falsche Richtung ging.

„Was ist das Problem?“ fragte Mr. Big.

Ich hatte damit gerechnet, dass es irgendwann wieder zur Sprache kommen würde. Und weil ich mich mit dem Problem jahrelang und intensiv auseinander gesetzt hatte, kam meine Antwort auch ziemlich deutlich und wie aus der Pistole geschossen:

„Das Problem ist, dass ich Musiker bin, und kein Verkäufer. Gut möglich, dass ich mich eigentlich bei tausend Leuten anbiedern müsste und Klinken putzen und all den Scheiß, aber weder habe ich die Lust dazu, noch die Gabe, ganz im Gegenteil. Jede Ablehnung, jedes Nicht-Reagieren und jede nicht beantwortete Mail führt dazu, dass ich erstmal tagelang keinen Bock habe, überhaupt ein Instrument anzufassen… und weil ich das genau weiß, lasse ich es bleiben…“ erklärte ich.

Musiker. Nicht Verkäufer.

Mr. Big schaute mich eine Weile durchdringend und forschend an. Dann grinste er.

„Dann ist es ja gut, dass wir heute hier zusammen sitzen“, sagte er, machte eine geheimnisvolle Pause und grinste weiter.

„Und zwar?“ fragte Laura schließlich.

„Und zwar folgendes: Also. Erstmal die Tatsache: Ihr seid gut, wirklich richtig gut. Ihr gehört vermutlich zum Besten, was das Rheinland zu bieten hat. Das Problem ist nur, dass das kaum jemand weiß, und dass euer Businessplan einzig und allein daraus besteht, teuer und aufwendig produzierte Musik an eine Handvoll Nerds zu verschenken.

Da gibt’s eine ganz einfache Lösung: Lasst mich für euch arbeiten.

Ich mache die Promo für euch, buche Gigs für euch und bringe euch auf Festivals unter.  Und das Wichtigste: Ich arbeite in Köln unter anderem mit einem Label zusammen, die gehören Sony Music, und die haben sowohl Indie- als auch EDM-Sachen in ihrem Katalog. Der Chef von denen ist ein guter Freund von mir, ich hab ihm ein paar Tracks von euch gezeigt, und der würde euch für euer nächstes Album sofort unter Vertrag nehmen.“

Sowohl Laura und mir blieb die Spucke weg.

„Ist das Dein Ernst?“ fragte Laura schließlich.

„Klar ist das mein Ernst“, antwortete Mr. Big.

„Und was ist der Catch dabei?“ fragte ich. Nachdem mein künstlerisches Schaffen mein ganzes bisheriges Leben hauptsächlich ignoriert und übersehen worden war, erschien mir ein Deal mit einem Musik-Riesen aus heiterem Himmel wie ein sehr deutlicher Fall von „zu gut um wahr zu sein“.

„Naja, der Catch ist, dass ihr mich dafür bezahlt. Ich bekomme Anteile am Gewinn. Und ihr müsst mit diesem CC-Schwachsinn aufhören und euer Zeug so schnell wie möglich bei der GEMA anmelden. Ich übernehme das auch gerne für euch…“

Ich schüttelte den Kopf. „Das geht nicht“, sagte ich, während Laura mich unter dem Tisch schmerzhaft am Schienbein traf. „Wenn wir die Musik einmal CC-lizenziert haben, können wir nicht einfach einen Rückzieher machen. Das ginge nur mit zukünftigem Material“, erklärte ich.

Mr. Big zuckte mit den Schultern. „Dann ist das halt so… dann eben alle zukünftigen Tracks. Euer altes Zeug ist eh nicht richtig live-fähig, ihr braucht schnellere Tracks, mehr tanzbare Sachen, mehr so Sachen wie das mit den Morsezeichen und den Breakbeats“ (er meinte ‚Voices‘ und ‚Inhale‘).

Cover für die Web-Release von „Inhale“, einer unserer neueren und schnelleren Songs…

„Ok, mit zukünftigen Liedern könnte man darüber nachdenken…“, gab ich zu. Eigentlich war ich ziemlich überzeugt gewesen von der CC-Idee, ich konnte aber vor der Realität nicht die Augen verschließen, und die Realität war nun mal, dass unser Plan mit der freien Musikszene nicht aufgegangen war.

„Ja… denkt gerne ein bisschen darüber nach… ich werde euch nicht drängen, und ihr habt ja Zeit. Ich sage nur wie es ist: So wie ihr im Moment arbeitet, werft ihr nur Perlen vor die Säue, und wenn ihr daran nichts ändert, dann werdet ihr das auch in zwanzig Jahren noch tun…“

Tja, was soll ich sagen… und so weiter.

An weitere Details des Abends habe ich nur lückenhafte Erinnerungen… die Plattenvertrag-Enthüllung hatte uns ganz schön aus der Bahn geworfen. Irgendwann tauschten Laura und ich einen Blick aus, und mir wurde klar, es gab da ein Problem, das ich ansprechen musste. 

Laura und ich waren zwar lange und eng befreundet und hatten gemeinsam eine phantastische Reise hinter uns gebracht, aber diese Freundschaft war nicht ohne immer deutlicher zu Tage tretende Probleme und Abgründe – und wir beide hatten eine Ahnung, dass unsere musikalische Partnerschaft an einem dieser Abgründe möglicherweise irgendwann einmal enden würde…

Nicht ohne Abgründe: Laura und ich (hier live in Wiesbaden)

„Was ist, wenn wir uns trennen? Wenn wir die Platte nicht fertig kriegen?“ fragte ich Mr. Big, und Laura nickte zustimmend. Sie hatte das Gleiche gedacht.

Mr. Big leerte sein Weizenglas in einem Zug und schaute mich an. „Dann habe ich eben auf das falsche Pferd gesetzt und verloren. Aber ihr trennt euch nicht, ihr rockt das Ding!“

Wir tauschten einen weiteren Blick aus. Laura nickte. „Klar“, sagte sie. Ich nickte. „Sicher“. Sie nochmal: „Klar“. Ich: „Natürlich rocken wir das Ding“. Mr. Big lachte laut los und bestellte uns noch ein Runde. So viel zu unseren Einwänden.

Es wurde später und später, und es wurde mehr und mehr Wein, Weizen und Pils für Laura, Mr. Big und mich respektive. Schließlich bezahlten wir und wankten zurück zu meiner Wohnung. Angesichts unseres Blutalkohols verwundert es nicht, dass ich mich auch hier nicht mehr an die Details erinnern kann. Ich weiß noch, es war spät abends und eine unglaublich schwüle Sommernacht. Die Glühwürmchen tanzten auf dem Weg zwischen Rhein und angrenzenden Wäldchen und Parks, und Laura und ich waren vollkommen albern, machten schlechte Witze, und mussten uns den ganzen Weg lang gegenseitig festhalten, damit nicht einer von uns kopfüber wahlweise im Rhein oder im Wäldchen landete. 

Ganz im Gegensatz zu Mr. Big, dem die beachtliche Menge Alkohol, die auch er zu sich genommen hatte, überhaupt nicht anzumerken war. Im Gegenteil, er lief relativ stabil neben uns her, beobachtete uns mit einer Mischung aus Amüsement und Neugier und schwieg die meiste Zeit.

Erst als wir vor meiner Wohnungstür standen, redete er wieder.

„Ich mach euch bis die Tage mal ein bisschen Papierkram fertig, dann könnt ihr euch überlegen, ob ihr einsteigen wollt oder nicht… und, hey… das wollte ich euch die ganze Zeit mit auf den Weg geben: Eine andere Band von mir hat in drei Wochen einen Gig im MTC in Köln. Das wird erstklassig, die machen Dark Rock, spielen so in die Richtung Within Temptation und Evanescence, nur auf deutsch und in punkiger; was meint ihr, wollt ihr da die Vorband machen? Das würde euch ne Menge neues Publikum bringen…“

Laura und ich schauten uns an. „Äh… ich weiss nicht ob wir da die richtigen sind…“, sagte ich. „Ich meine… Within Temptation, Evanescence… hast Du unsere Musik mal gehört?“ 

„Ja klar, ihr habt doch auch rockige Sachen. Das Ding mit den Morsezeichen und so. Das spielt ihr, ihr braucht ja nur vier Songs zu spielen das kriegt ihr hin. Die sind ARSCHgeil, die spielen auf Festivals, die bringen ganz viel neue Fans für euch mit…“

„Na ja“, sagte Laura, während dieses Mal ich derjenige war, der die ganze Zeit erfolglos versuchte, sie unbemerkt zu kneifen oder zu treten oder sonstwie am Weiterreden zu hindern, „wenn wir die düsteren Sachen spielen, Voices, Inhale, Moron Island… dann geht das doch, und das passt auch ganz gut, wir spielen in der gleichen Woche im Jakobshof in Aachen, dann sind wir schon eingeübt…“

Dark-Metal-Vorband – warum nicht? Wir waren jung, flexibel und wandlungsfähig…

Ich seufzte und gab meinen Widerstand auf. 

„Na seht ihr wohl…!“ sagte Mr. Big. „Also abgemacht, Freitag in drei Wochen im MTC, ich schick euch nochmal die Einzelheiten!“

Und damit drehte er sich um und lief zielsicher auf seinen Mazda MX-5 zu.

„Du wirst doch wohl nicht Auto fahren wollen?“, fragte ich.

„Ich bin praktisch nüchtern. Kein Problem. Bis demnächst!“ sagte er, stieg ein und brauste in die Nacht davon. 

(Fortsetzung folgt)

(vielleicht)

Die Weisheiten des Mr. Big, oder: Wie wir einmal beinahe bei Sony Music unterschrieben hätten (Teil 1)

Es war das Jahr 2009, und vieles war vollkommen anders, als es heute ist.

Insbesondere, wenn es Botany Bay betrifft.

Ich kann an dieser Stelle nicht ernsthaft behaupten, wir wären jemals ausgesprochen „erfolgreich“ gewesen… aber im direkten Vergleich zu heute war 2009 ein enorm erfolgreiches Jahr.

Die Welt hatte gerade begonnen, ernsthaft Notiz von uns zu nehmen. Veröffentlichungen von Tonträgern oder Ankündigungen von Konzerten wurden von etlichen Menschen mit Spannung erwartet. Unsere damals noch existenten Fanpages auf Myspace und Facebook (das war, bevor Mark Zuckerberg damit begann, Künstler zu erpressen) zählten insgesamt um die 500 Mitglieder, und wir hatten einen Vertrag mit einem kleinen Label, das zwar nicht wusste, was es mit uns anfangen sollte, uns aber zumindest die eine oder andere administrative Last von den Schultern nahm. In den Free-Music-Charts belegten wir regelmäßig die ersten Plätze, und sehr zu unserer großen Überraschung kamen mehr und mehr Menschen zu unseren Konzerten. 

Eines unserer allerersten Konzertplakate (unten, nicht oben ;-)), damals noch mit den „Con-Chillos“ als Vorband, die sich bald in „Fronthaus“ umbenennen und fortan mit uns zumindest eine kurze Zeit lang durch dick und dünn gehen sollten.

Von meiner Kunst leben, das konnte ich damals genau so wenig wie heute, deshalb war mein Lebensentwurf auch damals schon, mir mit Softwareentwicklung die Ausübung meiner Berufung zu verdienen.

Nur bedeutete dies damals, mich in einem mittlerweile nicht mehr so bekannten Bonner Unternehmen vierzig Stunden die Woche für ein echt beschissenes Gehalt nach Strich und Faden ausnutzen zu lassen; außerdem führte ich damals noch eine Fernbeziehung mit Frau K., und ich fotografierte Menschen… keine Ahnung, wie ich das alles unter einen Hut brachte.  

Bei erwähntem Unternehmen arbeitete damals eine Frau namens Monika (1), welche mein Musiker-Sein – wie so viele Menschen – vollkommen zu ignorieren pflegte. 

Eines Tages jedoch besuchte mich Laura (2) im Büro, weil wir in einer Woche ein Konzert in Köln spielen und darum am Abend proben wollten. Zufällig befand sich da gerade Monika in meinem Büro, und Laura ließ nicht locker, bis sich Monika an Ort und Stelle das Konzert-Ankündigungs-Video auf unserer Myspace-Fanpage anschaute. 

Wie sich herausstellte, war das genau die richtige Strategie: Die Tatsache, dass wir eine einigermaßen gut besuchte Fanpage und ein Video und eine Latte an enthusiastischen Kommentaren darunter hatten, erweckte erstmals Monikas Interesse an unserer Musik, und bald schon fiel der unvermeidliche Satz: „Hey, ihr seid ja richtig gut. Warum hat mir das vorher niemand gesagt?

Ich geb’s zu. Wir waren leicht zu übersehen und unsere Musik war viel zu leise. Ausserdem hatten wir nicht die richtigen Sachen an. An irgendwas davon muss es liegen.

Die folgenden Wochen entwickelte sich Monika zu unserem interessiertesten Fan, und sie sprudelte nur so vor Ideen, wie wir unsere Musik noch besser an den Mann bringen konnten. „Ich kenn‘ da jemanden mit dem ich damals einen Mark-Owen-Fanclub gegründet habe, und die hat Kontakte […]„, „Ihr braucht unbedingt Merch. Ihr braucht T-Shirts und Sticker[…]„, „Ihr müsst was an eurem Outfit machen. Stephan, Du kannst nicht einfach im löchrigen Joy-Division-T-Shirt auf die Bühne kommen, und Laura, Du musst mehr Haut zeigen[…]“ waren nur ein paar ihrer Einsichten, wie wir uns optimieren könnten.

Natürlich war mir damals schon klar, dass – um es mal nett auszudrücken – Monikas Motivation und Beweggründe, sich für Musik zu begeistern, nicht mit denen von Laura und mir übereinstimmten. Aber auf eine seltsame  Art und Weise versprühte sie dabei eine ansteckende Art von Enthusiasmus, die ich sehr mochte. Und deshalb lehnte ich sie auch nicht ab. 

Unser Konzert fand dann plangemäß eine Woche später in einem kleinen Club in Köln statt, und obwohl es meiner Meinung nach einer unserer schlechteren Gigs war (zwischen Laura und unserem damaligen Live-Gitarristen gab es einige Spannungen, alles sehr Spinal Tap), wurden wir nach dem Konzert an der Bar von einem Menschen aufgesucht, der sich als „Mr. Big“ vorstellte. 

(Ja, auch dieser Name wurde von mir geändert. Bevor sich jemand wundert – sein originales Pseudonym war vergleichbar cringeworthy, es war gar nicht so einfach, einen adäquaten Ersatz auszuwählen…)

Mr. Big war eine formidable Gestalt. Nochmal einen Kopf größer als ich, kahlrasiert, Lederjacke, durchdringender Blick und sehr einnehmend. Er war, so stellte sich schließlich heraus, ein bekannter und erfolgreicher Kölner DJ und Musikproduzent, und unser wirklich nicht so tolles Konzert war offensichtlich das beste gewesen, was er in Köln seit langer Zeit gehört hatte. 

„Wie sieht’s denn aus, habt ihr ein Label? Einen recording deal?“ fragte er, nachdem er uns Getränke unserer Wahl ausgegeben hatte.

„Wir haben ein Label“, antwortete ich wahrheitsgemäß, „allerdings wissen die nicht, was sie mit uns anfangen sollen, und das Goth-Geschrammel, das die sonst im Angebot haben verkauft sich tausendmal besser als unsere CDs“

„Ok, und eure Demos, wer produziert die?“ fragt er mit Blick auf den Karton „Grounded„- und „Postcard„-CDs, die wir zum Verkaufen mitgenommen hatten.

„Unsere Alben„, sagte ich und betonte das letzte Wort, so dass überhaupt kein Zweifel bestand, worum es sich handelte, „produziere ich selbst.“

Mr. Big nickte verständnisvoll. „Und Management? Habt ihr das?“ fragte er. 

Wir verneinten.

Natürlich hätte ich antworten sollen: „Wir haben zwar kein Management, aber dafür haben wir einen Kirchenchor“. Die besten Antworten fallen einem immer erst 10 Jahre später ein… (Das Bild zeigt Laura und mich [links] und den Kirchenchor ‚Chornelimünster‘ bei den Aufnahmen einer Chorpassage für ‚Stupid Summer Dreams‘)

Mit einem Ruck stand er auf. „Ok, passt auf…“. Er packte je eine von unseren CDs und legte uns 50 Euro hin. „Behaltet den Rest. Ich nehme an, da steht eure Kontaktadresse drin?“

Etwas perplex nickten wir. „Gut, ich habe leider wenig Zeit… aber ich melde mich bei euch. Ich denke, ich kann ziemlich viel für euch tun“. Und damit verließ er eiligen Schrittes die Location. Ich ging davon aus, dass wir ihn nie wieder sehen würden. Ich lag falsch.

(Fortsetzung folgt)


(1) Alle Namen, ausser die der Bandmitglieder selbst, wurden von mir geändert

(2) Für die notorischen Nicht-Musik-Klicker: Laura war von 2004 bis 2009 meine musikalische Partnerin. Erst „nur“ Sängerin bei Botany Bay, unterstützte sie mich nach Veröffentlichung unseres Albums „Grounded“ mehr und mehr bei der Produktion und im Songwriting und überzeugte mich davon, dass wir auf die Bühne müssen. Ausserdem spielte sie im Studio und live Klavier und Synthesizer.

Mark Hollis †

Jetzt sitze ich also hier, höre „Spirit Of Eden“ und weine.

Frau K. ist mit Candor raus, Buba schläft noch, die Sonne ist noch nicht richtig aufgegangen, der Baustellenlärm an Rhöndorfs traurigen Neubauten hat noch nicht begonnen… und die Welt draußen vor der K-Burg ist in dunkles und entsättigtes Grün, Blau und Braun getaucht – still und regungslos bewacht von den dunklen Ästen der Bäume, welche zwischen der Sicht rheinabwärts und mir stehen.

Mark Hollis hätte das vermutlich für ein gutes Ambiente gehalten, um „Spirit Of Eden“ zu genießen. Ruhig, ohne Ablenkung… mit viel Stille, um die Stille besser hören zu können.

Mark Hollis ist tot, und ich kann es nicht glauben, dass er weg ist.

Du darfst nicht weg sein, denke ich mir.

Du darfst nicht weg sein, ich wollte doch noch etwas von Dir hören!

Obwohl ich den Menschen nie getroffen habe, ist es tatsächlich für mich, als ob noch ein Familienmitglied gestorben wäre… denn Hollis‘ einzigartige, wunderbare, wunderschöne Musik hat mich beinahe mein ganzes bisheriges Leben begleitet.

Ich kann mich an den sonnigen Herbsttag im Oktober 1988 erinnern, als ich in einem Plattenladen in Karlsruhe stand, und beim Wühlen im Regal über „Spirit Of Eden“ stolperte. Ich hatte keine Ahnung, welche Musik sich dahinter verbergen würde, doch ich mochte das Cover… und so kaufte ich „Spirit Of Eden“, damals schon auf 10 Mark herabgesetzt, weil es niemand hören wollte – eine Tatsache, die sich erst änderte, als Talk Talk sehr viele Jahre später von wichtigen Musikschreiberlingen als die „Erfinder des Postrock“ erkannt wurden.

Wobei das natürlich Quatsch ist.

„Spirit Of Eden“ ist kein Postrock. „Spirit Of Eden“ ist „Spirit Of Eden“.

Als ich dann die ersten Takte von „The Rainbow“ (dem Opener des Albums) hörte, da passierte etwas mit mir, das ich auch heute noch nicht erklären kann. Was ich da hörte, das war so unglaublich anders als alles, was ich zuvor gehört hatte… und von einer majestätischen und gleichzeitig fragilen Schönheit, die ich so noch nicht erlebt hatte, und die mich veränderte.

„Oh yeah, the world’s turned upside down“, intoniert Mark Hollis auf „The Rainbow“, nachdem – und das ist nur der Anfang! – Trompete, Violine, Hammond-Orgel, selbstgebaute Musikinstrumente und etliche andere Klangerzeuger in langsamen und mäandernden Bewegungen den Track über drei Minuten lang vorsichtig und behutsam aufgebaut haben… und ahnte vermutlich nicht, wievieler Menschen Welt er mit dieser Musik tatsächlich auf den Kopf stellen würde.

Ein drei Minuten langes Intro, das – wenn überhaupt – eher in Musique Concrete, Jazz und Klassik als in Popmusik verortet werden kann, das war im Jahre 1988 natürlich kommerzieller Selbstmord, ebenso wie alles, was danach auf „Spirit Of Eden“ passiert: Die hauchdünnen, zarten Arrangements von „The Rainbow“, irgendwo zwischen Blues und Debussy, zerteilt von einem alles zerreißenden Mundharmonika-Solo. Die verzweifelte Schönheit von „Eden“. Die brodelnde Stille von „Desire“, die sich in einem triumphalen Crescendo entlädt und dann als fernes Echo von allem was da gerade noch gewesen war nur vier lange gehaltene Klavierakkorde in die Stille entlässt… und diese Beschreibungen kratzen nur an der Oberfläche.

Für die Plattenfirma damals ein ganz klarer Fall: Unverkäuflich, nichts singletaugliches dabei… nichts, was man dem MTV-Publikum irgendwie andrehen könnte. EMI waren von dem Werk so angepisst, dass man sich vor Gericht wieder sah – hatte die Band doch erst das Budget überzogen, dann mehrere Deadlines platzen lassen und schließlich ein Ergebnis abgeliefert, das sich nicht verkaufen ließ.

Doch auf kommerziellen Erfolg kam es Mark Hollis und Talk Talk damals schon lange nicht mehr an. Hollis war getrieben von dem Wunsch, konsequent seine Vision von Musik verwirklichen, egal ob die Welt und die Plattenbosse sie mögen würde oder nicht.

Und weil ich Talk Talk entdeckte, lange bevor der restlichen Welt endlich ein Licht aufgegangen war, kam es mir lange Zeit auch so vor, als wäre ich damit allein auf der Welt – als hätte nur ich diese geheimnisvolle und unergründliche Entdeckung gemacht, als sei sie ein wertvoller Schatz, den zu hüten und zu ehren meine Aufgabe war.

Ich weiß noch genau, wie ich die Platte wieder und wieder abspielte… ich war sechzehn Jahre alt, ich konnte noch gar nicht fassen, was ich da hörte. Und wenn ich ehrlich sein soll, kann ich das heute noch nicht. Ich weiß nur, dieser Tag resoniert bis heute in meinem eigenen musikalischen Schaffen.

Meine Mutter war damals sehr krank und verbrachte tagelang im Bett. Damals war es mir nicht richtig klar, beziehungsweise ich verdrängte es so gut es ging; aber es muss wohl einer ihrer ersten wirklich schlimmen Abstürze mit Alkohol gewesen sein, mit denen sie sich 27 Jahre später aus dieser Welt trinken sollte.

Im Gegensatz zu meinem Vater (der mich – so möchte ich inzwischen gerne glauben – vor seinem eigenen Schicksal beschützen wollte, indem er mich nie zum Künstlerdasein ermutigte) war meine Mutter sehr interessiert an meiner Musik… sie unterstützte mich wo immer sie konnte, zeigte mir die Dinge, die sie mochte (meine frühe Liebe für Bach und Jethro Tull habe ich von meiner Mutter) und ermutigte mich immer wieder.

Es ist, als ob es gestern gewesen wäre, dass ich mit meinem kleinen Ghettoblaster und einem auf Tape überspielten „Spirit Of Eden“ zu ihr ins Schlafzimmer wanderte. Sie hatte drei Tage lang geschlafen und es ging ihr noch immer sehr mies. Ich weiß noch, wie ich mich neben ihr Bett kniete und den Ghettoblaster anschloss.

Sie schaute mich fragend an.

Ich sagte, „ich habe neue Musik gefunden. Ich glaube das wird Dir gefallen“, und drückte auf „Play“.

Und dann saßen wir da zusammen und lauschten, und irgendwann lächelte meine Mutter, zum ersten Mal seit Tagen, und sie sagte:

„Oh Gott, ist das schön“.

Ruhe in Frieden, Mark Hollis.

Ich hätte so gerne noch so viel mehr von Dir gehört.

Die Weisheiten des Mr. Big

Mir ist gerade auf dem morgendlichen Hundespaziergang die Idee gekommen, dass ich ja mal aufschreiben könnte, wie wir vor 10 Jahren kurz davor waren, einen Plattenvertrag bei Sony Music zu unterschreiben, nachdem wir einen großen Kölner Musikproduzenten und DJ kennengelernt und unser erstes Groupie gewonnen hatten.

Würde aber was länger werden. Deshalb möchte ich vorher gerne mal sehen, ob überhaupt Interesse besteht.

Daher: Herzchen == Interesse; > 10 Herzchen == Stephan schreibt.

Wilko Johnson

Wilko Johnson ist der Ex-Gitarrist von Dr. Feelgood… eine Band, welche meine älteren Leser vielleicht kennen. Die Gruppe hatte in den 70er Jahren mehrere Hits und war sowohl richtungsweisend als auch wegbereitend für die Entstehung der Punkrock-Szene.

Johnson prägte den frühen Stil der Band mit seiner speziellen, trockenen und doch gleichzeitig nuancierten Gitarren-Spielweise, bei der er Fingerpicking und Strumming geschickt miteinander kombinierte. Er stieg 1977 bei Dr. Feelgood aus und war fortan sowohl solo als auch in etlichen anderen Bands (darunter Ian Dury and the Blockheads, ebenfalls für meine älteren Leser ;-)) unterwegs.

Und auch die jüngeren meiner Leser kennen ihn vielleicht – er gab in der ersten Staffel von Game Of Thrones sein Schauspieldebüt in der Rolle des Ser Illyn Payne.

Ende 2012 erfuhr Johnson, dass er an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt war und noch ungefähr neun Monate zu leben hatte. Er entschied sich gegen Chemotherapie und gab kurze Zeit später im BBC Frühstücksfernsehen dieses, wie ich finde, sehr beeindruckende und berührende Interview:

Nun ist mir durchaus bewusst, dass das Internet voll von inspirierenden Stories ist, über Menschen, die sich mit ihrer Krankheit abfinden, dem Ende entgegensehen und das beste aus ihrem Leben machen und Carpe Diem und all die üblichen Gemeinplätze. Und noch schmerzlicher ist mir, durch meine eigene Familiengeschichte, bewusst, dass es nicht so laufen muss… dass Menschen unter Umständen monate- und jahrelang sterben, in Schmerzen und in Verzweiflung, und ohne dem Leben vorher jemals noch irgendetwas Gutes abgewonnen zu haben.

Trotzdem muss ich sagen, diese Interview mit Wilko Johnson ist etwas Besonderes.

Es ist wahrhaft inspirierend, ihn reden zu hören… wie er vollkommen natürlich und frei raus von seinem Teleskop erzählt, von seiner Abschiedstournee, und davon, wie ihm Katzen und Mülleimer auf der Straße etwas bedeuten.

Noch beeindruckender an der Sache ist, dass Johnson ein Jahr später immer noch am Leben war – und dass erst zu diesem Zeitpunkt entdeckt wurde, dass seine Art von Bauchspeicheldrüsenkrebs operabel ist. In einer elfstündigen Operation wurde ihm daraufhin ein 3kg-Tumor entfernt. In einem Interview – wieder im Frühstücksfernsehen des BBC, dieses Mal zwei Jahre später – redet er über seine Erfahrung:

Tja, was soll ich weiter sagen. Ich weiß, Klischee, aber trotzdem:

Carpe Diem!


P.S: Johnsons Abschiedsalbum, zusammen mit Roger Daltrey von The Who aufgenommen, ist übrigens sehr hörenswert. Es klingt irgendwie nicht wie das Album eines Mannes, der weiss, dass er noch ein paar Monate zu leben hat.

Es klingt wie das Album eines Mannes, der einfach nur Spaß daran hat, Musik zu machen.

Film (a fragment)

Endlich wieder ein Blog, auf dem ich einfach schreiben kann, ohne dass irgendein überzüchtetes WordPress-Plugin aus Versehen ein Helene-Fischer-Konzert auslöst.

Ok, kleiner Insider. Bitte ignorieren.

Was ich eigentlich sagen wollte: Ich bemerke wieder einmal, es fällt mir bedeutend viel schwerer, über Musik zu schreiben oder gar welche zu bloggen, als das bei Fotos oder Software der Fall ist.

Ich weiss echt nicht, woran das liegt. Vielleicht, weil Fotos und Software einfach nicht so wichtig für mich sind, und ich darüber hinaus für meine Fähigkeiten als Programmierer auch noch Anerkennung in Form eines monatlichen Geldbetrags auf meinem Konto erhalte.

Trotzdem: Warum nur muss das mit der Musik so verdammt schwer für mich sein? Ich habe Wochen gebraucht, mich dazu durchzuringen, dieses kleine Fragment hier zu veröffentlichen, das irgendwann letztes Jahr, vollkommen losgelöst von den Thanksgiver-Sessions entstand.

Würde mich jemand beauftragen, Filmmusik zu schreiben, so wäre es übrigens durchaus möglich, dass sie teilweise so klingen würde. Genau wissen kann man es nicht, denn es beauftragt mich leider niemand, Filmmusik zu schreiben.

Aber wer weiß schon, was noch alles passiert in diesem verrückten Leben… 😉

Tschüssn!

So, Frau K. und ich, wir sind dann mal weg, die nächsten paar Wochen über.

Und dieses Mal kommt das komplette Rudel mit… das heißt, Candor wird auch nicht in Vertretung bloggen können.

Deshalb möchte mich hiermit an dieser Stelle von allen alten und neuen Lesern verabschieden, und mich ganz herzlich für die Besuche und die motivierenden Kommentare bedanken.

Ganz besonders bedanken möchte ich mich aber bei denjenigen, welche die Musik anhören bzw. angehört haben. Und insbesondere für diese habe ich zu diesem Anlass einen obskuren Track ausgegraben (und für die notorischen Unbekannte-Musik-Ignoranten natürlich prinzipiell auch, aber die haben vor 23 Wörtern eh schon zu lesen aufgehört).

„All That Love“ schrieb ich vor noch gar nicht so langer Zeit nicht für sondern vielmehr über einen ehemals engen Freund, der im Folgenden M. genannt werden soll.

M. war für mich da gewesen, als es mir sehr schlecht ging. Er und seine Familie waren unglaublich lieb und fürsorglich zu mir und hatten jederzeit ein offenes Ohr für mich… oder eine Flasche Wein, die man zusammen leeren und ein Sofa, auf dem ich daraufhin übernachten konnte. Ich weiß noch, wie mich diese selbstverständliche Liebe und Sympathie zu gleichen Teilen schier übermannte und auch neidisch machte – meine eigenen Beziehungsgeschichten waren zu jenem Zeitpunkt einfach nur eine einzige große und komplizierte Katastrophe gewesen.

M. war einer meiner ersten neuen Freunde nach meinem Umzug aus Heidelberg ins Rheinland; er war einer der ersten aus dem Rheinland (von Laura natürlich mal abgesehen), die sich für meine Musik interessierten, und er wurde in der Folgezeit zu einem großen Fan von Botany Bay. Und er war einer, mit dem man ebenso philosophieren als auch Pferde stehlen konnte; einer, von dem ich dachte, es würde nie irgendwas zwischen uns kommen.

Hätte ich damals einen Song geschrieben, in dem es um ihn gegangen wäre, er hätte es sofort gemerkt, vermutlich noch vor mir selbst.

Etwas über 11 Jahre später haben wir kaum noch Kontakt. Wir haben uns schlicht und einfach aus den Augen verloren. Ich bin deshalb nicht etwa eingeschnappt… das Leben (und insbesondere mein Leben) tut nun mal derlei Dinge, und ich war noch nie besonders gut darin, Kontakt zu halten. Die Familie, die mich damals unter ihre Fittiche genommen hatte, gibt es in dieser Form nicht mehr… ebenfalls der Lauf der Dinge, gegen den ich nur schwerlich etwas einwenden könnte, mit all den Brücken, die ich hinter mir abgerissen habe.

Und die Musik… nun ja. „All That Love“ war eines der letzten Stücke, die ich mit Steffi vor ihrem zeitweiligen Ausstieg aufnahm. Als ich es zum ersten Mal auf Soundcloud veröffentlichte und im (damals noch existenten) Botany Bay Blog verlinkte, hatte Botany Bay bereits den Großteil seiner Hörerschaft eingebüßt; als Feedback gab es dann auch den damals üblich werdenden einsamen Like auf Soundcloud, und die ebenso üblich werdenden ein bis zwei Kommentare auf dem Blog.

Nichts davon war von M. Er verfolgte meinen musikalischen Werdegang schon seit geraumer Zeit nicht mehr.

Ich schickte ihm den Link irgendwann mal per SMS, und es kam zurück, es sei prinzipiell ein guter Song, aber viel zu langsam, ihm sei nach etwas Schnellerem. Dass er selbst Thema des Songs war, das hatte er nicht bemerkt.

Ich bin, wie gesagt, nicht böse. Ich bin traurig, dass gute Zeiten vorbeigehen. Dass die Dinge endlich sind. Aber so ist es nun mal, und vielleicht ist das auch die Lehre, die wir aus diesem Song und der Geschichte dazu ziehen sollten: Haltet euch fest, habt euch lieb, macht tolle Sachen miteinander, genießt die kurze Zeit, die wir auf dieser Erde haben… und macht was daraus.

In diesem Sinne, frohe Weihnachten und bis nächstes Jahr!

all that love

do you remember how you took me in?
you gave me shelter from the cold
you sat by my side and listened
when there was no one else around
i still remember all the warmth you gave
out of that different world of yours
orange glistening autumn river
flowing on forevermore
and you’ll never know
how much i envied you

for all that love
for all that love

for all that love
for all that love

and i remember how you listened
to all the songs we used to sing
you were so different from the others
who just could not feel a thing
now people might pat you on the back
but they don’t know who you are
and they forget you all too easily
looking for some brighter star
and you’ll never know
how much i envied you

for all that love
for all that love

for all that love
for all that love

for all that love
for all that love

Outtakes (4): For Chrissie

Im simpelsten Fall entstand ein neuer Song von Botany Bay ungefähr so: Ich spiele Steffi eine neue Idee am Klavier vor, und wir schauen dann zusammen, was wir daraus machen. Oder ich nehme eine neue Idee auf, schicke sie ihr per Mail/Dropbox, und wenn wir uns das nächste Mal treffen, hat sie schon eine Idee zum Text und ein paar Arrangier- und Änderungswünsche.

So ähnlich war auch „For Chrissie“ gedacht, nur dass wir über die allererste Phase (neue Idee aufnehmen und Steffi schicken) nie wirklich hinaus kamen, was auch daran liegen mag, dass – obwohl die Thematik im Prinzip frei und wandelbar gewesen wäre – in diesem Fall die Inspiration zu der kleinen Melodie so schwer wog, dass der Text nur in eine Richtung hätte gehen können, und niemandem von uns etwas dazu einfallen wollte.

Wer ist also Chrissie, und warum hat sie mich zu dieser Melodie inspiriert?

Chrissie war eine Hündin aus Bulgarien, die – wie auch Buba und Candor – von einer dortigen Tierschutzorganisation von der Straße gerettet und nach Deutschland vermittelt wurde.

Nun gibt es viele Straßenhunde, die sich mit ihrem Schicksal arrangiert haben und auf der Straße relativ gut klar kommen. Chrissie allerdings gehörte nicht dazu, und Bulgarien ist eine enorm feindselige Umgebung für Straßenhunde. Chrissie wurde wiederholt geschlagen und getreten, etliche ihrer Knochen waren gebrochen und gesplittert, und sie hätte ohne die aufopfernde Hilfe der bulgarischen Tierschützer nicht überlebt.

Doch all die Mühe war umsonst, denn ihre neuen, deutschen Eigentümer, hätten gerne einen anderen Hund gehabt.

Wie viele andere Hunde aus dem Tierschutz war Chrissie ängstlich, scheu und traumatisiert, und sie schnappte auch schon mal um sich, wenn sie keinen Ausweg sah. Sie hätte viel Geduld, Liebe und Entschlossenheit gebraucht, um ihre Wunden zu heilen. Stattdessen bekam sie eine tödliche Injektion von einem Tierarzt, der ihr Verhalten als unheilbare Störung diagnostiziert hatte – noch nicht mal einen Monat in Deutschland, bevor es zur Nachkontrolle durch die Tierschützer gekommen war, und ohne, dass ihre Besitzer jemals versucht hätten, Chrissie zurückzugeben, damit sie an erfahrene Menschen vermittelt werden konnte. Nach all ihren Verletzungen, nach allem Leid auf der Straße, nach all den Operationen, und nachdem es endlich so aussah, als ob es aufwärts ginge, wurde sie eben mal fix eingeschläfert, weil sie nicht so funktionierte, wie ihre Menschen das vorgesehen hatten.

Hier das Demo:

P.S.: Ja, es ist mir bewusst, dass solche Geschichten in Zeiten von Kampfhund Chico und seinen vollständig merkbefreiten Fans im –bekanntermaßen kaputten – Internetz einen falschen oder zumindest merkwürdigen Eindruck hinterlassen können. Aber ich weiß auch, dass meine Stammleserschaft auf schallundstillle.de zu einem durchaus differenzierten und kritischen Urteil fähig ist.

Wochenende mit Randy

Ye olde home of schallundstille.de will remain closed over the weekend, as we’re busy chilling & discovering Randy Newman.

Ehrlich, warum hat mir nie jemand erzählt, wie endlos genial der Mensch ist?

Apropos genial, ich sehe ja ein, dass „I’ll Fall In Love Again“ vermutlich nicht das allergenialste Stück Musik ist, das je komponiert wurde… aber jetzt mal ehrlich, drei einsame Herzchen? Da geht doch noch was, oder? Ich meine, so, vong Bloggingmotivation her und so…? Ich frag für einen Bekannten…

Outtakes (3): I’ll Fall In Love Again (Demo)

„I’ll Fall In Love Again“ war der erste Song, der bewusst für das neue Album geschrieben wurde… noch lange, bevor uns klar war, in welche Richtung sich dieses Album schließlich entwickeln würde.

Als Thanksgiver dann immer deutlichere Formen annahm, passte dieser Song irgendwann einfach nicht mehr, und wir hörten auf, weiter daran zu arbeiten.

Trotzdem mag ich ihn sehr, denn er zeigt noch einmal sehr schön unsere „poppige“ Seite, und er unterstreicht sehr deutlich Steffis wunderbare Fähigkeit, sich in so gut wie alles, was ich schreibe, vollständig einzufühlen und es mit Leben zu füllen…

Zumindest die erste Strophe des Songs ist übrigens inspiriert von der traurigen Geschichte einer (damals noch) sehr engen Freundin, die ihren damaligen (und auch noch heutigen) Partner dabei erwischt hatte, wie er sie nach Strich und Faden belog und betrog. Natürlich habe ich ihr das Lied nie gezeigt, und sie würde auch nie auf die Idee kommen, freiwillig Musik von mir zu hören oder gar im Netz danach zu suchen. Allerdings machte sie damals leider den Fehler, mich um Rat zu fragen – und die Geschichte ging aus, wie solche Geschichten immer ausgehen (siehe: alle Klammern in diesem Absatz)… auch ein Grund, das Lied eher nicht auf dem Album unterzubringen.

Wie gesagt, ich mag es trotzdem.