Mission beinahe erfüllt

Mein guter Kumpel, das neugierige Alien aus der fernen Galaxie, sitzt immer noch auf seinem geheimen Beobachtungsposten im Siebengebirge, und ist weiterhin damit beschäftigt, alles über die Menschheit zu lernen.

Ein wenig traurig ist mein Alien inzwischen schon… weil es weiß, dass es diese Welt nun schon bald wieder verlassen werden muss. Aber es versteht die Menschheit jetzt viel besser. Es versteht, dass diese Spezies ganz einfach untergehen möchte. Und selbst wenn es einen Mund zum Reden hätte, oder Hände, um seine Warnungen aufzuschreiben, so würde die Menschheit ihm doch keine Beachtung schenken, auch das versteht es.

Das Einzige, was ihm noch immer nicht klar ist: Warum die Menschen weiterhin eifrig Kinder in eine Welt setzen, die sie ihnen mit großem Eifer zur Hölle machen… und wie sie dabei weiterhin behaupten können, diese Kinder über alles zu lieben.

Aber es ist zuversichtlich, dass es die Antwort darauf in den wenigen verbleibenden Jahren auch noch finden wird.

Die Weisheiten des Mr. Big, oder: Wie wir einmal beinahe bei Sony Music unterschrieben hätten (Teil 2)

(Teil 1 ist hier)

Die Tage zogen ins Land, und Laura und ich arbeiteten weiter an unserer Live-Präsenz (und zwischendrin, wenn wir keine Lust mehr darauf hatten, an neuen Songs für unser nächstes Album). Ich hatte wirklich nicht damit gerechnet, aber eines Tages flatterte uns eine Email von Mr. Big ins Band-Postfach… er würde sich sehr gerne mit uns treffen, wann und wo es uns denn recht wäre.

Ich wohnte damals noch im schönen Mehlem, nicht weit weg vom Rhein im „Meisengarten“, einer ziemlich schnieken Wohnaussiedlung, die ungefähr überhaupt nicht zu mir passte. Im Sommer war es da sehr nett, man konnte im angrenzenden Park spazieren gehen, man konnte den Promenadenweg am Rhein entlang schlendern, und nach ungefähr zwei Kilometern kam man am Rheinhotel Dreesen an, einer ebenfalls ziemlich schnieken Location plus einem für Bonner Verhältnisse riesigen, bayerisch angehauchtem Biergarten. 

Laura und ich im Meisengarten…

Das schien uns der angemessene Platz zu sein, und so verabredeten wir uns an einem schönen Tag im Mai für den Biergarten. Laura und ich hatten uns vorher zum Proben bei mir in der Wohnung getroffen und Mr. Big die Wahl gelassen, zu unserer Probe oder direkt in den Biergarten zu kommen. Wie sich später herausstellte, hatte er sein Auto bei mir um die Ecke abgestellt, sich dann aber spontan entschieden, uns nicht beim Proben zu stören und lieber schon mal in den Biergarten zu laufen.

Als wir schließlich im Dreesen ankamen, saß also ein unübersehbarer Mr. Big im gut gefüllten Biergarten allein an einem Tisch in der Mitte, ein leeres Weizenglas und die Reste einer Brezel vor ihm.

„Da seid ihr ja, ich hab schon mal angefangen und den Tisch freigehalten…“, sagte er, schüttelte uns die Hände, winkte die Bedienung herbei und bestellte Getränke für uns alle. Er wartete erst gar nicht ab, bis die Bestellung da war, sondern zog einen Notizzettel aus der Jackentasche, legte ihn vor sich auf die Tisch, stützte sich auf die Ellenbogen und schaute uns abwechselnd forschend ins Gesicht.

„Also… zuallererst…“, begann er.  „Ich hab gesehen, ihr seid bei CC oder irgendwie sowas, und nicht bei der GEMA. Was hat es damit auf sich? Ist das so eine alternative Verwertungsgesellschaft oder wie funktioniert das?“

Mr. Big hatte noch nie etwas von CC-Lizenzen gehört, und freie Musik war ihm fremd. Ich versuchte, ihm zu erklären, dass es unsere Strategie mit „Grounded“ gewesen war, darauf zu hoffen, dass Internet-Radios und Podcaster unsere Musik entdecken und spielen würden… und dass sie in der Folge massenhaft kopiert und gebloggt werden und so Bekanntheit und Verbreitung finden würde – nicht zuletzt, weil sich schon bald herausstellte, dass unsere Produktionen wesentlich ausgereifter waren als die unserer Mitbewerber.

Er grinste mitleidig und schüttelte den Kopf. „Das ist der größte Bullshit, den ich je gehört habe. Was nichts kostet ist auch nichts wert. Klar ist eure Musik ausgereifter…  weil ihr da nichts verloren habt! Ihr braucht einen vernünftigen Labeldeal, und dann müsst ihr müsst zur GEMA, damit ihr einfach und schnell Kohle kriegt, wenn ihr live spielt oder im Radio gespielt werdet, oder wenn euch jemand remixt. Internetradios sind Scheiße. Internetradios sind gar nichts. Ich hab noch nie Internetradio gehört. Niemand hört Internetradio, ausser ein paar Loser, die nie Cash für eure Musik hinlegen würden. Und glaubt ja nicht, dass sich die Leute bedanken und an euch erinnern, wenn ihr ihnen was schenkt. Und die Profis… haha… die nehmen euch nicht ernst, da kann euer Shit noch so gut produziert sein… Neeeee, das kann gar nicht funktionieren… nee nee…“

Laura und ich schauten ziemlich verdattert drein, als Mr. Bigs letzte „Nee-Nees“ schließlich zu einem veritablen und lautstarken Lachanfall mutierten, welcher die Blicke der umliegenden Biergartengäste auf sich zog.

Tja, was soll ich sagen… im Prinzip hatte er leider recht. Zumindest teilweise. Von an einer Hand abzählbaren löblichen Ausnahmen abgesehen hat die CC-Szene nichts für uns getan. Ausser einmal, als wir kostenlose Wahlwerbung für die Piratenpartei machten (die wurde dann tatsächlich verteilt und besprochen und gebloggt und kopiert und empfohlen wie blöde).

„Ok, lasst uns erstmal anstoßen“, sagte Mr. Big, nachdem er sich wieder beruhigt hatte, und leerte sein inzwischen angekommenes Weizenglas zu drei Vierteln ohne einmal abzusetzen. „Gut, weiter im Text…“, sagte er, schaute auf seinen Notizzettel, „eure Platte!“ (womit er ‚Grounded‘ meinte, das wir vor etwas mehr als einem Jahr veröffentlicht hatten).

Offizielles Bandfoto aus der damaligen Zeit… interessanterweise wurde dieses Bild ganz in der Nähe von eben jenem erwähnten Biergarten aufgenommen – ein deutliches Indiz dafür, dass wir diesen Ort in einer gewissen Regelmäßigkeit zu frequentieren pflegten.

„Ja?“ fragten Laura und ich gespannt.

„Eure Platte ist supergeil, und ihr habt’s drauf ohne Ende, und das Ding ist wirklich richtig professionell aufgenommen und abgemischt, aber ihr habt’s leider gleich am Anfang vollkommen verkackt!“

Ich runzelte die Stirn. „Wie meinst Du das?“

„Das Intro, Mensch!“ rief Mr. Big und gestikulierte aufgeregt, als ob er mir das Einmaleins beibringen müsste. „Das hört sich keine Sau an. Das braucht ewig, bis endlich mal was passiert. Sowas könnt ihr euch erlauben, wenn ihr groß und berühmt seid, aber vorher macht ihr euch alles kaputt damit!“

„Aber es ist so ein schönes Intro… und das Solo…“, begann Laura.

„Scheiß auf das Solo!“, wurde sie von Mr. Big unterbrochen, „niemand hört das Solo! Die haben längst abgeschaltet, wenn das Solo kommt. Die gehen alle auf skip, wenn eure Platte sie nicht vom ersten Moment an fesselt. Ihr müsst in den ersten paar Sekunden alles unterbringen, was euch ausmacht, damit eure Hörer dranbleiben… dürft ihnen keine Gelegenheit geben, was anderes zu hören. Und das habt ihr vollkommen verschissen.“

Tja, was soll ich sagen… im Prinzip hatte er leider recht, auch wenn ich heute trotzdem nichts auf diesen speziellen Ratschlag gebe, vermutlich, weil ich einen ausgeprägten Drang habe, mir selbst in den Fuß zu schießen (man könnte es auch künstlerische Integrität nennen).

Bandcamp (für die notorischen Nicht-Musik-Klicker: Das ist da, wo man unsere Musik hören kann) bringt ein paar nette Analyse-Tools mit, an denen man sehen kann, wann jemand einen Song gehört hat, und wieviel davon, etc. pp. Und bei „Thanksgiver“ (welches noch viel mehr als „Grounded“ ganz bewusst so aufgebaut ist, dass es zehn Minuten braucht, bis man wirklich darin angekommen ist), steigen 92% der Zuhörer nach den ersten acht Sekunden von „Winter/Wolfpack/Serenade“ aus. Die warten nicht mal ab, bis Steffi den ersten Ton gesungen hat. Im heutigen Youtuber-und-Selfie-Knipser-Internet-Fernsehen des Jahres 2019 muss überall und immer gleich sofort was geil befriedigendes passieren, ansonsten wird erbarmungslos weitergezappt. Auch der Punkt geht also an Mr. Big.

„Nächster Punkt… wie sieht’s mit Pressemappe aus? Habt ihr so was…?“ fragte er.

„Wir haben ein PDF, das wir bei Interesse verschicken…“, antwortete ich, „aber von den Zeitschriften und Verlagen kommt so gut wie nie was zurück…“

Mr. Big schüttelte den Kopf. „Wieviel hast Du denn angeschrieben?“ fragte er mich, und er stellte die Frage so, dass ich mir wie ein kleines, doofes Kind vorkam, das von nichts eine Ahnung habe.

„Naja, so vier… fünf…“, antwortete ich.

Wieder lachte Mr. Big laut los. „Dachte ich mir. Du musst aber 100 anschreiben, dann merkt vielleicht einer davon mal auf… so wird das nie was…“

Das war wohl der Moment, an dem ich durch genervtes Aufstöhnen klar machte, dass mir diese Diskussion allmählich in die falsche Richtung ging.

„Was ist das Problem?“ fragte Mr. Big.

Ich hatte damit gerechnet, dass es irgendwann wieder zur Sprache kommen würde. Und weil ich mich mit dem Problem jahrelang und intensiv auseinander gesetzt hatte, kam meine Antwort auch ziemlich deutlich und wie aus der Pistole geschossen:

„Das Problem ist, dass ich Musiker bin, und kein Verkäufer. Gut möglich, dass ich mich eigentlich bei tausend Leuten anbiedern müsste und Klinken putzen und all den Scheiß, aber weder habe ich die Lust dazu, noch die Gabe, ganz im Gegenteil. Jede Ablehnung, jedes Nicht-Reagieren und jede nicht beantwortete Mail führt dazu, dass ich erstmal tagelang keinen Bock habe, überhaupt ein Instrument anzufassen… und weil ich das genau weiß, lasse ich es bleiben…“ erklärte ich.

Musiker. Nicht Verkäufer.

Mr. Big schaute mich eine Weile durchdringend und forschend an. Dann grinste er.

„Dann ist es ja gut, dass wir heute hier zusammen sitzen“, sagte er, machte eine geheimnisvolle Pause und grinste weiter.

„Und zwar?“ fragte Laura schließlich.

„Und zwar folgendes: Also. Erstmal die Tatsache: Ihr seid gut, wirklich richtig gut. Ihr gehört vermutlich zum Besten, was das Rheinland zu bieten hat. Das Problem ist nur, dass das kaum jemand weiß, und dass euer Businessplan einzig und allein daraus besteht, teuer und aufwendig produzierte Musik an eine Handvoll Nerds zu verschenken.

Da gibt’s eine ganz einfache Lösung: Lasst mich für euch arbeiten.

Ich mache die Promo für euch, buche Gigs für euch und bringe euch auf Festivals unter.  Und das Wichtigste: Ich arbeite in Köln unter anderem mit einem Label zusammen, die gehören Sony Music, und die haben sowohl Indie- als auch EDM-Sachen in ihrem Katalog. Der Chef von denen ist ein guter Freund von mir, ich hab ihm ein paar Tracks von euch gezeigt, und der würde euch für euer nächstes Album sofort unter Vertrag nehmen.“

Sowohl Laura und mir blieb die Spucke weg.

„Ist das Dein Ernst?“ fragte Laura schließlich.

„Klar ist das mein Ernst“, antwortete Mr. Big.

„Und was ist der Catch dabei?“ fragte ich. Nachdem mein künstlerisches Schaffen mein ganzes bisheriges Leben hauptsächlich ignoriert und übersehen worden war, erschien mir ein Deal mit einem Musik-Riesen aus heiterem Himmel wie ein sehr deutlicher Fall von „zu gut um wahr zu sein“.

„Naja, der Catch ist, dass ihr mich dafür bezahlt. Ich bekomme Anteile am Gewinn. Und ihr müsst mit diesem CC-Schwachsinn aufhören und euer Zeug so schnell wie möglich bei der GEMA anmelden. Ich übernehme das auch gerne für euch…“

Ich schüttelte den Kopf. „Das geht nicht“, sagte ich, während Laura mich unter dem Tisch schmerzhaft am Schienbein traf. „Wenn wir die Musik einmal CC-lizenziert haben, können wir nicht einfach einen Rückzieher machen. Das ginge nur mit zukünftigem Material“, erklärte ich.

Mr. Big zuckte mit den Schultern. „Dann ist das halt so… dann eben alle zukünftigen Tracks. Euer altes Zeug ist eh nicht richtig live-fähig, ihr braucht schnellere Tracks, mehr tanzbare Sachen, mehr so Sachen wie das mit den Morsezeichen und den Breakbeats“ (er meinte ‚Voices‘ und ‚Inhale‘).

Cover für die Web-Release von „Inhale“, einer unserer neueren und schnelleren Songs…

„Ok, mit zukünftigen Liedern könnte man darüber nachdenken…“, gab ich zu. Eigentlich war ich ziemlich überzeugt gewesen von der CC-Idee, ich konnte aber vor der Realität nicht die Augen verschließen, und die Realität war nun mal, dass unser Plan mit der freien Musikszene nicht aufgegangen war.

„Ja… denkt gerne ein bisschen darüber nach… ich werde euch nicht drängen, und ihr habt ja Zeit. Ich sage nur wie es ist: So wie ihr im Moment arbeitet, werft ihr nur Perlen vor die Säue, und wenn ihr daran nichts ändert, dann werdet ihr das auch in zwanzig Jahren noch tun…“

Tja, was soll ich sagen… und so weiter.

An weitere Details des Abends habe ich nur lückenhafte Erinnerungen… die Plattenvertrag-Enthüllung hatte uns ganz schön aus der Bahn geworfen. Irgendwann tauschten Laura und ich einen Blick aus, und mir wurde klar, es gab da ein Problem, das ich ansprechen musste. 

Laura und ich waren zwar lange und eng befreundet und hatten gemeinsam eine phantastische Reise hinter uns gebracht, aber diese Freundschaft war nicht ohne immer deutlicher zu Tage tretende Probleme und Abgründe – und wir beide hatten eine Ahnung, dass unsere musikalische Partnerschaft an einem dieser Abgründe möglicherweise irgendwann einmal enden würde…

Nicht ohne Abgründe: Laura und ich (hier live in Wiesbaden)

„Was ist, wenn wir uns trennen? Wenn wir die Platte nicht fertig kriegen?“ fragte ich Mr. Big, und Laura nickte zustimmend. Sie hatte das Gleiche gedacht.

Mr. Big leerte sein Weizenglas in einem Zug und schaute mich an. „Dann habe ich eben auf das falsche Pferd gesetzt und verloren. Aber ihr trennt euch nicht, ihr rockt das Ding!“

Wir tauschten einen weiteren Blick aus. Laura nickte. „Klar“, sagte sie. Ich nickte. „Sicher“. Sie nochmal: „Klar“. Ich: „Natürlich rocken wir das Ding“. Mr. Big lachte laut los und bestellte uns noch ein Runde. So viel zu unseren Einwänden.

Es wurde später und später, und es wurde mehr und mehr Wein, Weizen und Pils für Laura, Mr. Big und mich respektive. Schließlich bezahlten wir und wankten zurück zu meiner Wohnung. Angesichts unseres Blutalkohols verwundert es nicht, dass ich mich auch hier nicht mehr an die Details erinnern kann. Ich weiß noch, es war spät abends und eine unglaublich schwüle Sommernacht. Die Glühwürmchen tanzten auf dem Weg zwischen Rhein und angrenzenden Wäldchen und Parks, und Laura und ich waren vollkommen albern, machten schlechte Witze, und mussten uns den ganzen Weg lang gegenseitig festhalten, damit nicht einer von uns kopfüber wahlweise im Rhein oder im Wäldchen landete. 

Ganz im Gegensatz zu Mr. Big, dem die beachtliche Menge Alkohol, die auch er zu sich genommen hatte, überhaupt nicht anzumerken war. Im Gegenteil, er lief relativ stabil neben uns her, beobachtete uns mit einer Mischung aus Amüsement und Neugier und schwieg die meiste Zeit.

Erst als wir vor meiner Wohnungstür standen, redete er wieder.

„Ich mach euch bis die Tage mal ein bisschen Papierkram fertig, dann könnt ihr euch überlegen, ob ihr einsteigen wollt oder nicht… und, hey… das wollte ich euch die ganze Zeit mit auf den Weg geben: Eine andere Band von mir hat in drei Wochen einen Gig im MTC in Köln. Das wird erstklassig, die machen Dark Rock, spielen so in die Richtung Within Temptation und Evanescence, nur auf deutsch und in punkiger; was meint ihr, wollt ihr da die Vorband machen? Das würde euch ne Menge neues Publikum bringen…“

Laura und ich schauten uns an. „Äh… ich weiss nicht ob wir da die richtigen sind…“, sagte ich. „Ich meine… Within Temptation, Evanescence… hast Du unsere Musik mal gehört?“ 

„Ja klar, ihr habt doch auch rockige Sachen. Das Ding mit den Morsezeichen und so. Das spielt ihr, ihr braucht ja nur vier Songs zu spielen das kriegt ihr hin. Die sind ARSCHgeil, die spielen auf Festivals, die bringen ganz viel neue Fans für euch mit…“

„Na ja“, sagte Laura, während dieses Mal ich derjenige war, der die ganze Zeit erfolglos versuchte, sie unbemerkt zu kneifen oder zu treten oder sonstwie am Weiterreden zu hindern, „wenn wir die düsteren Sachen spielen, Voices, Inhale, Moron Island… dann geht das doch, und das passt auch ganz gut, wir spielen in der gleichen Woche im Jakobshof in Aachen, dann sind wir schon eingeübt…“

Dark-Metal-Vorband – warum nicht? Wir waren jung, flexibel und wandlungsfähig…

Ich seufzte und gab meinen Widerstand auf. 

„Na seht ihr wohl…!“ sagte Mr. Big. „Also abgemacht, Freitag in drei Wochen im MTC, ich schick euch nochmal die Einzelheiten!“

Und damit drehte er sich um und lief zielsicher auf seinen Mazda MX-5 zu.

„Du wirst doch wohl nicht Auto fahren wollen?“, fragte ich.

„Ich bin praktisch nüchtern. Kein Problem. Bis demnächst!“ sagte er, stieg ein und brauste in die Nacht davon. 

(Fortsetzung folgt)

(vielleicht)

Nette Bea, aber es kippt!

Wir befinden uns in einem kleinen Häuschen in der Nähe des Goting-Kliffs auf der Insel Föhr. Draußen fegen orkanartige Windböen durch die Straßen, wühlen das Meer auf und peitschen Regen und Gischt in die Gesichter all jener Menschen, die – je nach Sichtweise – entweder so verwegen oder so unvorsichtig sind, sich jetzt im Freien aufzuhalten.

Frau K., die Hunde und ich, wir haben unseren Patrouillengang am Kilff glücklicherweise schon vor einiger Zeit hinter uns gebracht, sitzen jetzt sicher und aufgewärmt in unserer Unterkunft und fragen uns, was wir mit dem Rest vom Tag am geschicktesten anfangen können.

Da fällt mir spontan ein, dass ich ja noch ein Inkognito-Konto bei der Fotocommunity – Deutschlands größter und ältester und galeriewyrdigster Hobbyknipser-Plattform – unterhalte, welches ich mir vor langer Zeit neben meinem eigentlichen Konto extra für Fotos von unserer Lieblingsinsel im hohen Norden angelegt hatte („Oluf Braren“ ist der Name eines nordfriesischen Landschaftsmalers, der auf Föhr geboren wurde, wirkte und starb, ohne dass die Welt zu Lebzeiten groß Notiz von ihm nahm; er schien mir als Pseudonym damals irgendwie passend, vermutlich hatte ich gerade mal wieder Musik veröffentlicht oder so…)

Ich krame also ein bißchen auf meiner Festplatte und finde tatsächlich meine Zugangsdaten für eben jenes Konto wieder. Ich melde mich an und werde sogleich gewahr, wie viel und gleichzeitig wie wenig sich seit 2012 bei der Fotocommunity gändert hat.

Vor sieben Jahren nämlich – und damit wirklich rein zufällig zu jenem Zeitpunkt, als meine Aktivitäten auf der „FC“ endgültig zum Erliegen kamen – wurde die einst stolze Plattform vom Weka-Verlag geschluckt, und es geschah, was anscheinend immer geschehen muss, wenn ein großer Verlag eine Online-Plattform kauft: Die Plattform wird als Werbeträger mißverstanden, jedes verfügbare Stück Screen Real Estate wird in der Folgezeit penetrant mit animierter Bannerwerbung und „Fireplaces“ (so heißt im Werbefuzzi-Neusprech jene aufdringliche Unverschämtheit, die sich einmal als Rahmen um den eigentlichen Content legt) zugemüllt, und wenn man wirklich ganz enormes Pech hat, dann grinst einem auf irgendeiner dieser Anzeigen aus dem Bodensatz des Werbe-Backfills auch noch Frank Thelen entgegen.

Wenn die Werbung auf Deiner Plattform mehr Platz einnimmt als der eigentliche Content, dann weisst Du, dass Du besser jemand gefragt hättest, der sich damit auskennt.

Nun steht die FC mit diesem Schicksal nicht allein da, und man kann ihr auch nicht wirklich einen Vorwurf daraus machen… ich war selbst einmal bei einer ganz ähnlichen Plattform angestellt, der es nach dem Aufkauf durch einen großen Verlag ganz genau so erging… und ich weiß aus eigener leidlicher Erfahrung, wie anstrengend und hoffnungslos sich der Kampf gegen Windmühlen gestaltet, wenn man selbst in dem System gefangen ist.

Ich könnte jetzt also weiter ätzen und kritisieren und nerven… und weiter darüber dozieren, wie es die Zeit mit der FC nicht gut gemeint hat, wie die falschen Dinge geändert und die ganz enorm hoffnungslos falschen Dinge beibehalten wurden.

Aber Tatsache ist, dass ich der Fotocommunity, in der ich mich vor 15 Jahren (!) zum ersten Mal anmeldete, irrsinnig viel zu verdanken habe.

Es wären zwei bis drei sehr lange Geschichten, und es würde jeglichen Rahmen sprengen, sie hier in aller Ausführlichkeit zu erzählen (tatsächlich habe ich im ersten Entwurf dieses Artikels den Versuch unternommen… das war vorgestern, und dann wurde mir klar, dass ich die nächsten zwei Wochen lang schreiben würde, und ich habe es wieder bleiben lassen). Zusammengefasst ist es folgerndermaßen:

Ich habe über die FC Menschen und Sichtweisen kennen gelernt, die meinen Horizont erweitert haben. Frau K. und ich, wir zählten auf dieser Plattform lange zu den bekannteren Gesichtern, und es war spannend und inspirierend.

Ich wäre ohne die Fotocommunity nie ins Rheinland gezogen, und ich hätte nie im Imaging-Business gearbeitet. Und dies nicht etwa über Umwege oder Inspiration, sondern tatsächlich, weil die FC und ihre Mitarbeiter selbst und direkt einen großen Anteil daran hatten.

Und, was noch unendlich viel schwerer wiegt: Ich hätte ohne die Fotocommunity nie Frau K. kennengelernt.

Mein Leben wäre ohne diese Plattform ein völlig anderes. Ich würde jetzt nicht auf der Insel sitzen, Bubas Bauch kraulen und auf eine wunderbare und aufregende Zeit zurückblicken.

Ich wäre ein anderer Mensch mit einem anderen Leben.

Natürlich gibt es Gründe, warum Frau K. und ich inzwischen nicht mehr in der Fotocommunity aktiv sind.

Einer der Kommentatoren für mein Inkognito-Konto wünscht mir „viel Spass beim Bewerten und Bewerten lassen“, und da haben wir es auch schon: Wir verspüren einfach überhaupt keine Lust, unseren künstlerischen Output irgendwie bewerten zu lassen, und schon gar nicht von gewissen Gestalten, die nicht das geringste davon verstehen.

Es gab, so kann ich mich dunkel erinnern, noch diverse andere Gründe… die Art und Weise, wie damals mit J. umgesprungen wurde (einem wirklich sehr genialen Aktfotografen und Künstler, für den Modell zu stehen auch Frau K. und ich die Ehre hatten, und der rausgeekelt wurde, weil gewisse Menschen seine Bilder als bedrohlich und gewaltverherrlichend empfanden), der doppelmoralische Umgang mit Männer-Aktfotografie (zumindest damals… ich weiß nicht wie es heute ist), und nicht zuletzt die vollkommen alberne „Galerie“ und das Voting … aber das ist alles Geschichte, ich rege mich über derlei Dinge schon lange nicht mehr auf, und die Welt dreht sich weiter.

Und trotzdem sitze ich jetzt auf meiner stürmischen Insel und entsinne mich sehr deutlich und mit einem ordentlichen Stück Melancholie daran, wie ich meine ersten zögerlichen Schritte auf der Fotocommunity tat… wie sich das alles entwickelte, wie diese Plattform unglaublich wichtig für mich wurde, und wie sie dann viele Jahre später in der Bedeutungslosigkeit versank.

Vielleicht lade ich doch mal wieder ein paar Bilder dort hoch. Und vielleicht lasse ich mir auch gerne mal wieder was von der „Bea“ erzählen, oder dass der Horizont kippt, die Schärfe fehlt, die Regel zum goldenen Schnitt verletzt wurde und das Bild – contra! – nicht galeriewyrdig ist.

Der alten Zeiten wegen.


Das Mädchen am Telefon (9/10)

<- zu Teil 8

IX.

Auf der Heimfahrt machte ich mich erstmals ganz realistisch mit dem Gedanken vertraut, keine Beziehung mehr mit Helena zu haben, und der Gedanke fühlte sich – vollkommen überraschend für mich – lange nicht so schlimm an, wie ich befürchtet hatte. All die letzten Monate über hatte ich gedacht, ein Scheitern der Beziehung wäre das Allerschlimmste, was mir passieren konnte, und mein Leben würde damit seinen Sinn verlieren und ähnliches mehr.

Tatsächlich aber war die Aussicht, dem Psycho-Horror endgültig zu entschwinden, befreiend und verheißungsvoll… und zum ersten Mal seit vielen Wochen schlief ich ruhig und tief.

Am nächsten Tag, es war ein Freitag, saß ich schließlich irgendwann an meinem Schreibtisch… ich dachte, meine Gedanken zu Papier zu bringen würde mir eventuell helfen, das Geschehene zu verarbeiten und besser zu verstehen. Ich kritzelte ein paar Stichworte auf einen Zettel, schmiss den Zettel weg, fing von vorne an, ein paar mal… bis schließlich das Telefon läutete. „Das Mädchen am Telefon (9/10)“ weiterlesen

Das Mädchen am Telefon (8/10)

<- Zu Teil 7

VIII.

Viele weitere Wochen waren ins Land gezogen.

Wochen, in denen Helenas Besessenheit mit Martina und Nicole noch viel stärker gworden war… sehr viel stärker als vor unserer Reise nach Bayern.

Dabei war es nach dem alten Muster weitergegangen, nur noch tausendmal intensiver: Sobald Helena den Versuch unternahm, wieder etwas Freiraum für ihr eigenes Leben zu gewinnen, so ereignete sich an einem der nächsten Tage bei Martina und/oder Nicole die nächste große Katastrophen-Geschichte – wobei diese Geschichten wilder und wilder wurden, bis zu einem Punkt, an dem ihrem einer Mischung aus Daily Soap, „Tatort“ und Nachmittags-Talk entsprungen zu scheinenden Inhalt kein einigermaßen vernünftiger Mensch Glauben schenken konnte.

Außer Helena.

Eine dieser Geschichten war diese:  „Das Mädchen am Telefon (8/10)“ weiterlesen

Das Mädchen am Telefon (Teil 7/10)

<- zu Teil 6

VII.

„Ach Du Schande!“ entfuhr es meiner Therapeutin, und sie bedeckte vor Schreck ihr Gesicht mit den Händen.

Derlei emotionale Ausbrüche waren zumindest von Therapeutenseite in unseren Sitzungen eher ungewöhnlich.

Es waren seit Bayern mehrere Wochen vergangen, und meine Therapie hatte wegen Urlaub ebenfalls mehrere Wochen pausiert.

Die erste Sitzung nach dem Urlaub meiner Therapeutin verbrachte ich damit, sie auf den neuesten Stand zu bringen, ihr zu berichten, was inzwischen so geschehen war.

Und geschehen war dieses: Martina hatte sich wieder bei Helena gemeldet. Nicht einmal, sondern sehr oft. Nach und nach war Martina – mit Helenas fernmündlicher Beratung und Unterstützung – dahinter gekommen, dass bei Nicole und ihrer Mutter so einiges nicht stimmte, und irgendwann kam die Offenbarung von Nicole: „Das Mädchen am Telefon (Teil 7/10)“ weiterlesen

Das Mädchen am Telefon (Teil 6/10)

<- Zu Teil 5

VI.

„Es war so echt, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie echt es war“, sagte Helena unvermittelt, löste ihren Blick von den Reflektionen im Wasser unter uns und schaute umher, als ob es irgendetwas gäbe, woran sie sich hätte festhalten können, irgend einen Schalter, den sie hätte umlegen können, ein Seil, an dem sie hätte ziehen können, damit die ganze Geschichte wieder einen Sinn ergab. „Das Mädchen am Telefon (Teil 6/10)“ weiterlesen

Das Mädchen am Telefon (Teil 5/10)

< zu Teil 4

V.

An einem heißen Samstag im Spätsommer machten wir uns also in Helenas altem VW Polo auf die Reise nach Bayern – ausgerüstet mit Karten, Proviant und einem schicken Nokia-Handy, das sich Helena extra zu diesem Anlass gekauft hatte (man erinnere sich, es war um die Jahrtausendwende, und bis dahin hatte niemand von uns beiden ein Mobiltelefon besessen).

Wir wechselten uns beim Fahren ab, gingen noch mal genau durch, was unsere Optionen waren und wie wir uns verhalten würden.

Klar war, Helena würde Nicole an einem noch zu vereinbarenden Treffpunkt abholen, und sie würde erstmal allein den Kontakt herstellen, damit Nicole nicht etwa aus Angst einen Rückzieher machen würde.

Ich hatte ein mulmiges Gefühl bei der Sache. Meine Therapeutin hatte mir dringend dazu geraten, mich auf keinen Fall ebenfalls in diese Geschichte mit reinziehen zu lassen, und dennoch hatte ich genau das getan.

„Danke, dass Du bei mir bist“, sagte Helena irgendwann während der Fahrt noch mal zu mir. „Ich würde das allein nicht durchstehen“. Sie schaute mir in die Augen, und da war kein Hintergedanke, kein Analysieren, kein Beobachten meiner Reaktion, keine Angst, etwas falsches zu sagen, kein auf der Lauer liegen.

Sie klang beinahe wieder wie früher, und es war zwischen uns beinahe wieder wie früher. Wir unternahmen zusammen etwas, mit einem gemeinsamen Ziel… ohne dass vermeintliche unerforschte Wunden aus der Kindheit oder sonstiger pathologisierter Psychoquatsch zwischen uns stand.

„Das Mädchen am Telefon (Teil 5/10)“ weiterlesen

Das Mädchen am Telefon (Teil 3/10)

< zu Teil 2

III.

Zum Glück blieb das Telefon still. Aber unser Wochenende war im Eimer, und obwohl ich das größte Verständnis für Helenas Situation hatte, wurden die Dinge zwischen uns nicht einfacher. Durch Helenas Mühe mit ihrer Diplomarbeit hatten wir die Wochen zuvor schon äußerst wenig Zeit füreinander gehabt, und jetzt war da nochmal etwas Neues, was uns noch mehr Zeit wegnahm.

Wobei ich damals schon lange gelernt hatte, mein Bedauern bezüglich derartiger Umstände schön für mich zu behalten – die Gründe dafür werden wir im Laufe der Geschichte noch erfahren.

Wie schon erwähnt war ich, ob nun begründet oder nicht, damals selbst in Psychotherapie, und am Montag hatte ich meinen regelmäßigen Termin. Diese Termine gestalteten sich so, dass ich zu Beginn darüber redete, was mich die letzte Woche bewegt und beeinflusst hatte, und so erzählte ich von Nicole und vom vertanen Wochenende.

Zu meiner großen Überraschung hatte diese Erzählung meine Therapeutin sehr hellhörig gemacht, und sie reagierte anders als sonst: „Also, das hat jetzt mit unseren Sitzungen nichts zu tun“, sagte sie, „aber das klingt gar nicht gut. Hat Ihre Partnerin denn keine Supervision?“

„Nicht dass ich wüsste“, antwortete ich.

Supervision bedeutete, einfach ausgedrückt, dass Therapierende sich regelmäßig selbst coachen ließen, um mit den an sie gestellten Anforderungen besser klar zu kommen und die professionelle Distanz zu wahren. Regelmäßige Supervision war bei so gut wie jeder Art von Psychotherapie immens wichtig.

Nun hatte Helena natürlich Vorgesetzte beim Kinder- und Jugendtelefon, aber die hatte sie nicht informiert.

„Ich halte das für sehr gefährlich“, sagte meine Therapeutin, „solche Dinge können sehr unangenehm werden.“ „Das Mädchen am Telefon (Teil 3/10)“ weiterlesen