Nette Bea, aber es kippt!

Wir befinden uns in einem kleinen Häuschen in der Nähe des Goting-Kliffs auf der Insel Föhr. Draußen fegen orkanartige Windböen durch die Straßen, wühlen das Meer auf und peitschen Regen und Gischt in die Gesichter all jener Menschen, die – je nach Sichtweise – entweder so verwegen oder so unvorsichtig sind, sich jetzt im Freien aufzuhalten.

Frau K., die Hunde und ich, wir haben unseren Patrouillengang am Kilff glücklicherweise schon vor einiger Zeit hinter uns gebracht, sitzen jetzt sicher und aufgewärmt in unserer Unterkunft und fragen uns, was wir mit dem Rest vom Tag am geschicktesten anfangen können.

Da fällt mir spontan ein, dass ich ja noch ein Inkognito-Konto bei der Fotocommunity – Deutschlands größter und ältester und galeriewyrdigster Hobbyknipser-Plattform – unterhalte, welches ich mir vor langer Zeit neben meinem eigentlichen Konto extra für Fotos von unserer Lieblingsinsel im hohen Norden angelegt hatte ("Oluf Braren" ist der Name eines nordfriesischen Landschaftsmalers, der auf Föhr geboren wurde, wirkte und starb, ohne dass die Welt zu Lebzeiten groß Notiz von ihm nahm; er schien mir als Pseudonym damals irgendwie passend, vermutlich hatte ich gerade mal wieder Musik veröffentlicht oder so...)

Ich krame also ein bißchen auf meiner Festplatte und finde tatsächlich meine Zugangsdaten für eben jenes Konto wieder. Ich melde mich an und werde sogleich gewahr, wie viel und gleichzeitig wie wenig sich seit 2012 bei der Fotocommunity gändert hat.

Vor sieben Jahren nämlich – und damit wirklich rein zufällig zu jenem Zeitpunkt, als meine Aktivitäten auf der "FC" endgültig zum Erliegen kamen – wurde die einst stolze Plattform vom Weka-Verlag geschluckt, und es geschah, was anscheinend immer geschehen muss, wenn ein großer Verlag eine Online-Plattform kauft: Die Plattform wird als Werbeträger mißverstanden, jedes verfügbare Stück Screen Real Estate wird in der Folgezeit penetrant mit animierter Bannerwerbung und "Fireplaces" (so heißt im Werbefuzzi-Neusprech jene aufdringliche Unverschämtheit, die sich einmal als Rahmen um den eigentlichen Content legt) zugemüllt, und wenn man wirklich ganz enormes Pech hat, dann grinst einem auf irgendeiner dieser Anzeigen aus dem Bodensatz des Werbe-Backfills auch noch Frank Thelen entgegen.

Wenn die Werbung auf Deiner Plattform mehr Platz einnimmt als der eigentliche Content, dann weisst Du, dass Du besser jemand gefragt hättest, der sich damit auskennt.

Nun steht die FC mit diesem Schicksal nicht allein da, und man kann ihr auch nicht wirklich einen Vorwurf daraus machen... ich war selbst einmal bei einer ganz ähnlichen Plattform angestellt, der es nach dem Aufkauf durch einen großen Verlag ganz genau so erging... und ich weiß aus eigener leidlicher Erfahrung, wie anstrengend und hoffnungslos sich der Kampf gegen Windmühlen gestaltet, wenn man selbst in dem System gefangen ist.

Ich könnte jetzt also weiter ätzen und kritisieren und nerven... und weiter darüber dozieren, wie es die Zeit mit der FC nicht gut gemeint hat, wie die falschen Dinge geändert und die ganz enorm hoffnungslos falschen Dinge beibehalten wurden.

Aber Tatsache ist, dass ich der Fotocommunity, in der ich mich vor 15 Jahren (!) zum ersten Mal anmeldete, irrsinnig viel zu verdanken habe.

Es wären zwei bis drei sehr lange Geschichten, und es würde jeglichen Rahmen sprengen, sie hier in aller Ausführlichkeit zu erzählen (tatsächlich habe ich im ersten Entwurf dieses Artikels den Versuch unternommen... das war vorgestern, und dann wurde mir klar, dass ich die nächsten zwei Wochen lang schreiben würde, und ich habe es wieder bleiben lassen). Zusammengefasst ist es folgerndermaßen:

Ich habe über die FC Menschen und Sichtweisen kennen gelernt, die meinen Horizont erweitert haben. Frau K. und ich, wir zählten auf dieser Plattform lange zu den bekannteren Gesichtern, und es war spannend und inspirierend.

Ich wäre ohne die Fotocommunity nie ins Rheinland gezogen, und ich hätte nie im Imaging-Business gearbeitet. Und dies nicht etwa über Umwege oder Inspiration, sondern tatsächlich, weil die FC und ihre Mitarbeiter selbst und direkt einen großen Anteil daran hatten.

Und, was noch unendlich viel schwerer wiegt: Ich hätte ohne die Fotocommunity nie Frau K. kennengelernt.

Mein Leben wäre ohne diese Plattform ein völlig anderes. Ich würde jetzt nicht auf der Insel sitzen, Bubas Bauch kraulen und auf eine wunderbare und aufregende Zeit zurückblicken.

Ich wäre ein anderer Mensch mit einem anderen Leben.

Natürlich gibt es Gründe, warum Frau K. und ich inzwischen nicht mehr in der Fotocommunity aktiv sind.

Einer der Kommentatoren für mein Inkognito-Konto wünscht mir "viel Spass beim Bewerten und Bewerten lassen", und da haben wir es auch schon: Wir verspüren einfach überhaupt keine Lust, unseren künstlerischen Output irgendwie bewerten zu lassen, und schon gar nicht von gewissen Gestalten, die nicht das geringste davon verstehen.

Es gab, so kann ich mich dunkel erinnern, noch diverse andere Gründe... die Art und Weise, wie damals mit J. umgesprungen wurde (einem wirklich sehr genialen Aktfotografen und Künstler, für den Modell zu stehen auch Frau K. und ich die Ehre hatten, und der rausgeekelt wurde, weil gewisse Menschen seine Bilder als bedrohlich und gewaltverherrlichend empfanden), der doppelmoralische Umgang mit Männer-Aktfotografie (zumindest damals... ich weiß nicht wie es heute ist), und nicht zuletzt die vollkommen alberne "Galerie" und das Voting ... aber das ist alles Geschichte, ich rege mich über derlei Dinge schon lange nicht mehr auf, und die Welt dreht sich weiter.

Und trotzdem sitze ich jetzt auf meiner stürmischen Insel und entsinne mich sehr deutlich und mit einem ordentlichen Stück Melancholie daran, wie ich meine ersten zögerlichen Schritte auf der Fotocommunity tat... wie sich das alles entwickelte, wie diese Plattform unglaublich wichtig für mich wurde, und wie sie dann viele Jahre später in der Bedeutungslosigkeit versank.

Vielleicht lade ich doch mal wieder ein paar Bilder dort hoch. Und vielleicht lasse ich mir auch gerne mal wieder was von der "Bea" erzählen, oder dass der Horizont kippt, die Schärfe fehlt, die Regel zum goldenen Schnitt verletzt wurde und das Bild – contra! – nicht galeriewyrdig ist.

Der alten Zeiten wegen.


Das Mädchen am Telefon (9/10)

<- zu Teil 8

IX.

Auf der Heimfahrt machte ich mich erstmals ganz realistisch mit dem Gedanken vertraut, keine Beziehung mehr mit Helena zu haben, und der Gedanke fühlte sich – vollkommen überraschend für mich – lange nicht so schlimm an, wie ich befürchtet hatte. All die letzten Monate über hatte ich gedacht, ein Scheitern der Beziehung wäre das Allerschlimmste, was mir passieren konnte, und mein Leben würde damit seinen Sinn verlieren und ähnliches mehr.

Tatsächlich aber war die Aussicht, dem Psycho-Horror endgültig zu entschwinden, befreiend und verheißungsvoll... und zum ersten Mal seit vielen Wochen schlief ich ruhig und tief.

Am nächsten Tag, es war ein Freitag, saß ich schließlich irgendwann an meinem Schreibtisch... ich dachte, meine Gedanken zu Papier zu bringen würde mir eventuell helfen, das Geschehene zu verarbeiten und besser zu verstehen. Ich kritzelte ein paar Stichworte auf einen Zettel, schmiss den Zettel weg, fing von vorne an, ein paar mal... bis schließlich das Telefon läutete. „Das Mädchen am Telefon (9/10)“ weiterlesen

Das Mädchen am Telefon (8/10)

<- Zu Teil 7

VIII.

Viele weitere Wochen waren ins Land gezogen.

Wochen, in denen Helenas Besessenheit mit Martina und Nicole noch viel stärker gworden war... sehr viel stärker als vor unserer Reise nach Bayern.

Dabei war es nach dem alten Muster weitergegangen, nur noch tausendmal intensiver: Sobald Helena den Versuch unternahm, wieder etwas Freiraum für ihr eigenes Leben zu gewinnen, so ereignete sich an einem der nächsten Tage bei Martina und/oder Nicole die nächste große Katastrophen-Geschichte – wobei diese Geschichten wilder und wilder wurden, bis zu einem Punkt, an dem ihrem einer Mischung aus Daily Soap, "Tatort" und Nachmittags-Talk entsprungen zu scheinenden Inhalt kein einigermaßen vernünftiger Mensch Glauben schenken konnte.

Außer Helena.

Eine dieser Geschichten war diese:  „Das Mädchen am Telefon (8/10)“ weiterlesen

Das Mädchen am Telefon (Teil 7/10)

<- zu Teil 6

VII.

„Ach Du Schande!“ entfuhr es meiner Therapeutin, und sie bedeckte vor Schreck ihr Gesicht mit den Händen.

Derlei emotionale Ausbrüche waren zumindest von Therapeutenseite in unseren Sitzungen eher ungewöhnlich.

Es waren seit Bayern mehrere Wochen vergangen, und meine Therapie hatte wegen Urlaub ebenfalls mehrere Wochen pausiert.

Die erste Sitzung nach dem Urlaub meiner Therapeutin verbrachte ich damit, sie auf den neuesten Stand zu bringen, ihr zu berichten, was inzwischen so geschehen war.

Und geschehen war dieses: Martina hatte sich wieder bei Helena gemeldet. Nicht einmal, sondern sehr oft. Nach und nach war Martina – mit Helenas fernmündlicher Beratung und Unterstützung – dahinter gekommen, dass bei Nicole und ihrer Mutter so einiges nicht stimmte, und irgendwann kam die Offenbarung von Nicole: „Das Mädchen am Telefon (Teil 7/10)“ weiterlesen

Das Mädchen am Telefon (Teil 6/10)

<- Zu Teil 5

VI.

„Es war so echt, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie echt es war“, sagte Helena unvermittelt, löste ihren Blick von den Reflektionen im Wasser unter uns und schaute umher, als ob es irgendetwas gäbe, woran sie sich hätte festhalten können, irgend einen Schalter, den sie hätte umlegen können, ein Seil, an dem sie hätte ziehen können, damit die ganze Geschichte wieder einen Sinn ergab. „Das Mädchen am Telefon (Teil 6/10)“ weiterlesen

Das Mädchen am Telefon (Teil 5/10)

< zu Teil 4

V.

An einem heißen Samstag im Spätsommer machten wir uns also in Helenas altem VW Polo auf die Reise nach Bayern – ausgerüstet mit Karten, Proviant und einem schicken Nokia-Handy, das sich Helena extra zu diesem Anlass gekauft hatte (man erinnere sich, es war um die Jahrtausendwende, und bis dahin hatte niemand von uns beiden ein Mobiltelefon besessen).

Wir wechselten uns beim Fahren ab, gingen noch mal genau durch, was unsere Optionen waren und wie wir uns verhalten würden.

Klar war, Helena würde Nicole an einem noch zu vereinbarenden Treffpunkt abholen, und sie würde erstmal allein den Kontakt herstellen, damit Nicole nicht etwa aus Angst einen Rückzieher machen würde.

Ich hatte ein mulmiges Gefühl bei der Sache. Meine Therapeutin hatte mir dringend dazu geraten, mich auf keinen Fall ebenfalls in diese Geschichte mit reinziehen zu lassen, und dennoch hatte ich genau das getan.

„Danke, dass Du bei mir bist“, sagte Helena irgendwann während der Fahrt noch mal zu mir. „Ich würde das allein nicht durchstehen“. Sie schaute mir in die Augen, und da war kein Hintergedanke, kein Analysieren, kein Beobachten meiner Reaktion, keine Angst, etwas falsches zu sagen, kein auf der Lauer liegen.

Sie klang beinahe wieder wie früher, und es war zwischen uns beinahe wieder wie früher. Wir unternahmen zusammen etwas, mit einem gemeinsamen Ziel… ohne dass vermeintliche unerforschte Wunden aus der Kindheit oder sonstiger pathologisierter Psychoquatsch zwischen uns stand.

„Das Mädchen am Telefon (Teil 5/10)“ weiterlesen

Das Mädchen am Telefon (Teil 3/10)

< zu Teil 2

III.

Zum Glück blieb das Telefon still. Aber unser Wochenende war im Eimer, und obwohl ich das größte Verständnis für Helenas Situation hatte, wurden die Dinge zwischen uns nicht einfacher. Durch Helenas Mühe mit ihrer Diplomarbeit hatten wir die Wochen zuvor schon äußerst wenig Zeit füreinander gehabt, und jetzt war da nochmal etwas Neues, was uns noch mehr Zeit wegnahm.

Wobei ich damals schon lange gelernt hatte, mein Bedauern bezüglich derartiger Umstände schön für mich zu behalten – die Gründe dafür werden wir im Laufe der Geschichte noch erfahren.

Wie schon erwähnt war ich, ob nun begründet oder nicht, damals selbst in Psychotherapie, und am Montag hatte ich meinen regelmäßigen Termin. Diese Termine gestalteten sich so, dass ich zu Beginn darüber redete, was mich die letzte Woche bewegt und beeinflusst hatte, und so erzählte ich von Nicole und vom vertanen Wochenende.

Zu meiner großen Überraschung hatte diese Erzählung meine Therapeutin sehr hellhörig gemacht, und sie reagierte anders als sonst: "Also, das hat jetzt mit unseren Sitzungen nichts zu tun", sagte sie, "aber das klingt gar nicht gut. Hat Ihre Partnerin denn keine Supervision?"

"Nicht dass ich wüsste", antwortete ich.

Supervision bedeutete, einfach ausgedrückt, dass Therapierende sich regelmäßig selbst coachen ließen, um mit den an sie gestellten Anforderungen besser klar zu kommen und die professionelle Distanz zu wahren. Regelmäßige Supervision war bei so gut wie jeder Art von Psychotherapie immens wichtig.

Nun hatte Helena natürlich Vorgesetzte beim Kinder- und Jugendtelefon, aber die hatte sie nicht informiert.

"Ich halte das für sehr gefährlich", sagte meine Therapeutin, "solche Dinge können sehr unangenehm werden.“ „Das Mädchen am Telefon (Teil 3/10)“ weiterlesen

Das Mädchen am Telefon (Teil 2/10)

< zu Teil 1

II.

Helena tat alles, was in ihrer Macht stand.

Sie ging auf Nicole ein, redete beruhigend und ablenkend mit ihr lange über alles Mögliche und ließ sich schließlich und allmählich die Geschichte – oder zumindest einen Teil der Geschichte – erzählen, welche Nicole auf diese Brücke getrieben hatte.

Nicoles Mutter hatte vor einem Jahr neu geheiratet. Vor einem halben Jahr hatte dann Nicoles Stiefvater damit begonnen, das 12jährige Mädchen regelmäßig zu vergewaltigen.

Heute Abend schließlich hatte Nicole all ihren Mut zusammengenommen und „Das Mädchen am Telefon (Teil 2/10)“ weiterlesen

Das Mädchen am Telefon (Teil 1/10)

[…] Doch es gibt Leidenschaften, deren Wahl nicht vom Menschen abhängt. Mit ihnen ist er schon auf die Welt gekommen, sie wurden mit ihm zusammen geboren, und ihm ist nicht die Kraft gegeben, sich von ihnen zu befreien. Sie folgen höheren Gewalten, und es ist in ihnen etwas ewig Rufendes, das das ganze Leben über nicht verstummt.

Nikolai Gogol, „Die toten Seelen“

I.

Eine kleine Vorbemerkung: Ich trage die im Folgenden beschriebenen Ereignisse nun schon seit beinahe 20 Jahren mit mir herum. Als ich mich neulich wieder ihrer erinnerte, da bemerkte ich, dass diese Erinnerung allmählich zu verblassen beginnt – was auf der einen Seite gut ist, auf der anderen Seite aber auch wieder nicht. Denn was mir damals widerfuhr, das war so unfassbar, dass ich mir fest vorgenommen hatte, irgendwann einmal davon zu berichten... damit es nicht verloren geht, und damit es anderen Menschen vielleicht eine Warnung sein kann.

Ich denke, der Zeitpunkt ist jetzt gekommen. Alles, was ich erzähle, ist wahr und hat sich tatsächlich zugetragen. Ich habe lediglich Namen, Orte und Zeiten geändert, um die beteiligten Personen zu schützen.

Einiges, wie zum Beispiel diverse 'Ereignisse' nach unserer Expedition nach Bayern, weiß ich nicht mehr in allen Details. Andere Dinge, wie meine letzten Telefonate mit der Kriminalpolizei und Helenas Reaktion darauf, sind mir heute noch so präsent, als hätten sie sich gestern erst zugetragen.

Das Grauen begann vor 20 Jahren im Büro des Kinder- und Jugendtelefons Bruchsal, mit einem verzweifelten Anruf, anderthalb Minuten vor Dienstschluss, Mittwoch abends.

Ich war damals in einer festen Beziehung mit Helena, ihres Zeichens Psychologiestudentin und angehende Psychotherapeutin, und diese Beziehung hätte eigentlich nicht sein dürfen. Wenn ich sie heute, all die Jahre später, beschreiben soll, so ist "katastrophal" das erste Wort, das mir einfällt. Und dann vielleicht noch "leidenschaftlich". „Das Mädchen am Telefon (Teil 1/10)“ weiterlesen