Die Elbimo-Pferde – ein Märchen von Consulting, Softwareentwicklung, Scrum und autarken Teams

Es war einmal ein Mann, der war Direktor in einem prächtigen, bunten Zoo mit großen, schönen Gehegen voller wundersamer exotischer Tiere.

Oder, besser gesagt – die Besucher hielten den Zoo für prächtig. Doch wie es in Zoos nur allzu oft der Fall ist, gab es hinter den Kulissen etliche Streitereien. Einige der Zoo-Angestellten konnten einander nicht leiden, und darüberhinaus waren unter ihnen nicht wenige, die gerne Zoodirektor an Stelle des Zoodirektors gewesen wären.

Drei Gönner

Eines Tages hatte der Zoodirektor ein Treffen mit den drei Gönnern des Zoos. Dabei handelte es sich um steinreiche und wichtige Menschen, die zwar keinerlei Ahnung von Zoos oder exotischen Tieren hatten – dafür aber ein sehr geschultes Auge, wenn es darum ging, wieviel Gewinn an der Eintrittskasse gemacht wurde.

„Das ist ja alles schön und gut mit unserem Zoo“, sagte der erste der drei Gönner, „aber es fehlen uns Elbimo-Pferde.“

„Ja, genau. So gut wie jeder andere Zoo hat Elbimo-Pferde, aber uns laufen die Besucher weg, weil sie Elbimo-Pferde sehen wollen“, stimmte der zweite zu.

„Besorg‘ uns Elbimo-Pferde und mache sie bis zum Ende des Jahres zu einer großen Attraktion, und wir wollen es Dir reich vergelten. Oder scheitere, und Du wirst unseren Zorn zu spüren bekommen“, verkündete schließlich der dritte.

Nun hatte der Zoodirektor ein Problem. Zwar hatte er schon von Elbimos gehört und auch hatte er schon selbst mit diesen schlanken, edlen und schnellen Tieren geliebäugelt. Allein, unter seinen Mitarbeitern fand sich kein einziger, der sich mit Elbimo-Pferden auskannte.

Schlimmer noch, es waren so einige darunter, welche die Idee überhaupt nicht mochten: „Elbimo-Pferde willst Du? Welch ein Unfug!“, sagten sie, „Unsere anderen Tiere haben kaum genug Futter und Platz, unsere Tierpfleger sind sich gegenseitig nicht grün, und Du willst noch mehr Tiere dazu stellen und noch mehr Unruhe stiften“.

Doch der Zoodirektor wusste, dass für ihn viel auf dem Spiel stand, und so traf er eine Entscheidung.

Drei Spezialisten

Am nächsten Tag schaltete der Zoodirektor eine Anzeige in allen großen Zeitungen des Landes. „Elbimo-Pferde-Spezialisten gesucht!“, lautete der Text. „Kommt schnell, kommt zahlreich, es ist dringend. Gute Bezahlung garantiert!“

Nun waren Elbimo-Pferde tatsächlich etwas Besonderes. Sie waren flink, intelligent, schlank, und von großer Schönheit. Genau deshalb waren sie in den Zoos dieses Landes in den letzten Jahren auch ein großer Trend geworden, und genau deshalb hatte sich die Anzahl der „Spezialisten“ in den letzten Jahren auch auf wundersame Weise verhundertfacht.

Und so kam es, dass der Zoodirektor nicht lange warten musste. Schon in der folgenden Woche wurden drei neue Mitarbeiter im Zoo angestellt. Sie hießen Heinrich, Kurt und Zurpldiwupp, und ein jeder von ihnen war ein gar großer Spezialist für Elbimo-Pferde.

„Ich weiß alles über Elbimos“, sagte Heinrich. „Ich komme gerade frisch von der Schule, und dort wurde mir alles über Elbimos beigebracht. Wir hatten sogar ein Projekt, in dem ich einem echten Elbimo-Pferd unter Anleitung den Schweif kämmen durfte. Es kann also nichts schiefgehen.“

„Ich weiß alles über Elbimos“, sagte Kurt. „Ich habe unter den Besten der Besten gelernt, und in einem fernen Land tausend und ein Elbimo-Pferde großgezogen. Ich habe die richtigen Ideen, und wenn Heinrich und Zurpldiwupp nur machen, was ich sage, dann kann nichts schiefgehen.“

„Ich weiß alles über Elbimos“, sagte Zurpldiwupp. „Elbimos sind ganz furchtbar kompliziert. Ihr wollt keine echten Elbimo-Pferde. Die meisten Zoos zeigen keine echten Elbimos, sondern sie zeigen Dybrih-Pferde. Dybrihs sind zwar völlig anders, sie sind dumm, behäbig, langweilig und sie furzen die ganze Zeit – aber sie sind einfach zu halten, und wenn man sie regelmäßig schert, einfärbt, ihnen eine Extra-Mähne anklebt und jeden Tag einen Zaubertrank ins Futter kippt, dann sehen sie aus wie Elbimos und pupsen auch nicht… und dem Durchschnittsbesucher wird der Unterschied nie auffallen. Wenn wir einfach Dybrihs zeigen, dann kann nichts schiefgehen.“

Der Fluch

Wie ihr euch gut vorstellen könnt, ging es nicht lange gut mit Heinrich, Kurt und Zurpldiwupp. Im Nu gerieten sich Zurpldiwupp auf der einen Seite und Heinrich und Kurt auf der anderen Seite gar fürchterlich in die Wolle.

Für Heinrich und Kurt war es eine Zumutung, auch nur daran zu denken, Dybrihs zu züchten und die Zoobesucher hinters Licht zu führen. Für Zurpldiwupp war es unfassbar, wie Heinrich und Kurt einfach die Augen vor der Wahrheit und dem wesentlich einfacheren Pfad verschließen konnten.

Bald landeten die Streithähne also vor dem Zoodirektor, und es wurde nach einer Entscheidung verlangt.

Nun war unser Zoo ein sogenannter agiler Zoo, und es gibt in agilen Zoos ein ungeschriebenes und heiliges Gesetz (tatsächlich gibt es in agilen Zoos sehr viele teilweise fürwahr absonderliche Regeln, Spiele, Rituale und Gesetze, aber von jenen werde ich euch vielleicht einmal in einem anderen Märchen erzählen).

Besagtes Gesetz auf jeden Fall lautet: Der Direktor mischt sich nicht in die Angelegenheiten der Spezialisten ein. Sie heißen Spezialisten weil sie sich auskennen – und echte Spezialisten hätten sich auch jegliche Einmischung eines Direktors verbeten.

Und genau deshalb gab der Direktor in diesem Fall auch der Mehrheit den Vorzug. Heinrich und Kurt durften ein echtes Elbimo-Fohlen besorgen und großziehen, und Zurpldiwupp wurde dazu verdonnert, sich fortan um die Vermehrung der flatulierenden Panzerschweine zu kümmern – eine Tätigkeit, die der Aufzucht von Dybrihs sehr ähnlich war.

Da wurde Zurpldiwupp ganz schrecklich wütend, streckte einen zitternden Finger in Richtung Heinrich und Kurt aus und verkündete: „Ihr werdet es niemals schaffen! Euer Plan ist zum Scheitern verurteilt! Merkt euch meine Worte!“

Das Elbimo-Fohlen

Als der Zoodirektor einige Wochen später einmal einen Rundgang durch seinen Zoo machte, da wollte er im Elbimo-Gehege nach dem Rechten schauen und herausfinden, wie weit er seinem Ziel, von den drei Gönnern reich und sattsam beschenkt zu werden, näher gekommen war.

Doch als er nach Heinrich und Kurt fragte, da wurde der Direktor statt zu einem großen und schönen Elbimo-Gehege zu einem notdürftig zusammengehämmerten, windschiefen Bretterverschlag mit einem winzig kleinen Stück verdorrter und abgegraster Weide davor geführt. Dort angekommen erschrak der arme Direktor ganz fürchterlich, als er schließlich das Elbimo-Fohlen sah. Das arme Tier konnte kaum auf seinen eigenen, dünnen Beinchen stehen, unter seinem fahlen Fell konnte man jede einzelne Rippe erkennen, und es stand zitternd und schwer atmend an die schiefe Stallwand angelehnt und schaute den Direktor aus traurigen und klebrigen Augen vorwurfsvoll an.

Links und rechts davon saßen Heinrich und Kurt auf Holzschemeln. Heinrich versuchte, den dünnen Schweif des Fohlens zu kämmen, während Kurt fieberhaft in einem Buch stöberte, auf dessen Rücken die Aufschrift „Elbimo-Zucht für Anfänger, jetzt mit zehn leichten Übungen!“ prangte.

„Um Gottes Willen“, entfuhr es dem Zoodirektor, „was in aller Welt ist hier passiert?!“

Da klappte Kurt das Buch zusammen und schaute den Direktor düster an. „Dein Zoo ist ein schlechter Zoo! Niemand hilft uns!“ sagte er.

„Ja genau, niemand zeigt uns wie man…“, fing Heinrich an.

„Nein!“, fuhr Kurt ihm über den Mund, „Niemand hilft uns, das allein ist das Problem! Ich weiss genau wie es geht, ich habe tausend und ein Elbimo-Pferd großgezogen, aber es geht nicht, wenn uns niemand hilft. Niemand hilft uns, und alle warten nur dass wir es nicht schaffen, und das alles nur, weil Zurpldiwupp einen Fluch auf uns ausgesprochen hat!“

„Aber welche Art von Hilfe brauchst Du denn?“ fragte der Direktor.

„Ich brauche eine große, große Wiese und eine große Erntemaschine, damit ich Heu herstellen kann, und ich brauche eine Töpferei, damit ich einen Trog für das Fohlen bauen kann… und einen großen Bohrer, damit ich mir einen Brunnen graben kann um Wasser für das Pferd zu bekommen… und niemand hilft uns damit! Die haben sich alle gegen uns verschworen!“

Das kam dem Zoodirektor äußerst seltsam vor, denn eigentlich hatte er immer gedacht, es gäbe schon Heu in seinem Zoo – als Futter für die anderen Tiere. Und er war sich ziemlich sicher, dass es auch Wasserleitungen und Tröge gab.

Doch als der Direktor dies anmerkte, da wurde Kurt ganz fürchterlich wütend: „Nein, nicht für uns! Niemand möchte uns etwas abgeben! Niemand hilft uns! Und Du bist schuld, und Zurpldiwupp auch!“

Und dabei blieb er.

Die gute Fee

Als der Zoodirektor an diesem Abend nach Hause ging, da war ihm sehr traurig zumute, und sein Herz war ganz schwer von dem was er gesehen und gehört hatte. Das Tier dauerte ihn sehr, aber noch mehr dauerte ihn die Tatsache, dass er auf diese Art und Weise wohl niemals reich beschenkt werden würde – viel eher würde das Gegenteil passieren und er würde den Zorn seiner Gönner zu spüren bekommen.

Und als er da so in trübe Gedanken versunken gebückt und traurig den kleinen Pfad zu seinem Haus entlang wanderte, da machte es plötzlich Pling!, und es erschien dem Direktor eine gute Fee.

„Na na“, sagte sie. „Was ist denn mit Dir wohl los?“

„Ach“, wehklagte der Direktor, „ich habe einen großen Fehler gemacht, und am Ende des Jahres werde ich den Preis dafür zahlen….“

„Oh, das klingt nicht schön“, sagte die gute Fee und lächelte ihn aufmunternd an.

„Nein… es ist auch nicht schön… und ich weiß auch gar nicht, warum Du so lächelst. Erfreust Du Dich etwa an meinem Unglück?“

Da schüttelte die Fee energisch mit dem Kopf. „Nein, niemals würde mir so etwas einfallen. Ich lächele, weil ich ein gute Fee bin, und weil Dir vielleicht geholfen werden kann…“

„Das glaube ich kaum“, entgegnete der Zoodirektor mürrisch, „oder kennst Du Dich etwa mit Elbimo-Pferden aus?“

„Oh, Elbimo-Pferde… schöne, edle, schnelle, schlaue Tiere…“, seufzte die Fee.

„Ja genau! Du kennst Dich also aus?“ fragte der Direktor.

„Nein, ich nicht“, entgegnete die Fee, „aber ich kenne einen Mann namens Alexander, der sich damit sehr gut auskennt. Er hat die schönsten Tiere gezüchtet, die man sich nur vorstellen kann.“

„Na das mag ihm vielleicht zur Ehre gereichen“, sagte der Direktor, „aber meine zwei Spezialisten, die werden ihr Fohlen so wie’s scheint nicht über die nächste Woche bringen…“

„Na, hör zu“, entgegnete die Fee, „so weit muss es nicht kommen. Alexander ist sicherlich gerne bereit, Deinen zwei Spezialisten ein wenig mit Rat und Tat zur Seite zu stehen… bis sie selbst gut für das Tier sorgen können.“

„Das würde er für mich tun? Und was ist der Haken dabei?“

„Kein Haken“, entgegnete die Fee, „nur ein bißchen Bezahlung. Er verlangt nicht viel“.

Und der Direktor dachte an die ihm versprochenen Reichtümer, und er willigte gerne ein, einen Berater in seinen Zoo zu holen, auf dass dort hoffentlich schon bald schöne und gesunde Elbimo-Pferde zu bewundern sein würden.

Und dennoch – mit einem Stechen in seinem Herzen musste er an Zurpldiwupp und seine Dybrih-Pferde denken, und er konnte nicht anders als sich zu fragen, ob er mit einem kleinen bisschen Schummelei vielleicht schon längst am Ziel wäre.

Der Berater

Als wenige Tage später Alexander beim Bretterverschlag aufkreuzte, da wurde er von einem mürrischen Kurt alles andere als freundlich begrüßt: „Der Direktor hat uns gesagt, dass Du kommst und helfen sollst. Ich bin nicht überzeugt. Du bist mir nicht willkommen, ich brauche keinen Berater! Ich kann alles!“

„Schade, denn ich bin auf Deiner Seite“, entgegnete Alexander. „Ich möchte nur helfen. Kann ich denn mal das Fohlen sehen?“

„Wenn es dann sein muss…“, sagte Kurt mürrisch und zeigte ihm das Fohlen.

„Wir müssen dieses Fohlen sofort nach draussen bringen, Elbimo-Fohlen brauchen Sonnenlicht. Ausserdem brauchen wir frisches Heu und Wasser, sonst wird es den nächsten Tag nicht erleben. Woher kriegen wir das?“ fragte Alexander.

Kurt schaute ihn erschrocken an und zuckte mit den Schultern.

„Ich glaube, ich habe Heu und Wasser im Bergziegengehege gesehen“, sagte Heinrich.

„Gut, dann geh dort hin und frage, ob wir Wasser und Heu haben können, während Kurt und ich das Fohlen nach draussen tragen.“

Gesagt, getan – Kurt und Alexander trugen das Fohlen ins Sonnenlicht, und Heinrich kam schließlich ganz stolz mit einem Fass Wasser und einem Bündel Heu zurück vom Bergziegengehege. „Sie haben mir einfach geholfen… ich musste nur fragen!“ berichtete er gleichsam erfreut wie erstaunt.

Mit gemeinsamen Kräften gelang es ihnen über die nächsten paar Tage, das Fohlen wieder aufzupäppeln. Und nachdem Kurt mit eigenen Augen gesehen hatte, dass der Berater wirklich etwas von seinem Handwerk verstand, wurde er wesentlich umgänglicher, und zwischen den dreien entwickelte sich schon bald eine Art Freundschaft.

„Danke, dass Du Dich um uns kümmerst… wir würden es ohne Dich nicht schaffen“, sagten sie schließlich eines Abends zu Alexander, „Du scheinst ja echt alles über Elbimo-Pferde zu wissen…“

„Nichts zu danken, ich züchte diese Tiere schließlich schon seit über zwanzig Jahren“, entgegnete Alexander.

Die Weide

Tatsächlich war es nicht wirklich schlimm, dass Heinrich und Kurt keinerlei Ahnung von der Pferdezucht hatten. Solche Dinge konnte man lernen, und Alexander war nur allzu bereit, sein Wissen weiter zu geben.

Es war auch nicht das Ende der Welt, dass Heinrich und Kurt sich bisher nicht getraut hatten, mit den anderen Zoo-Mitarbeitern zu reden. Auch Reden konnte man üben, und der erste Erfolg sah sehr vielversprechend aus: Das Fohlen hatte überlebt, und es fraß und trank.

Doch bald schon dämmerte es Alexander, dass es in diesem Zoo noch ein weitaus größeres Problem gab, welches sich nicht so einfach lösen ließ.

Wie ich euch schon berichtete, war dieser Zoo ein agiler Zoo. Das allein war wohl nicht das Problem, denn viele Sagen und Märchen erzählen von agilen Zoos, die angeblich wunderbar funktionieren. Doch leider hatte man in diesem speziellen Zoo beim Auslegen und Befolgen der zahlreichen agilen Gesetze und Regeln einen sonderbaren Weg eingeschlagen.

In so gut wie jedem anderen Zoo gab es eigene Abteilungen, die sich um das problemlose Bereitstellen von Futter und Wasser für die Tiere kümmerte. Das Wasser lief dort in großen Metallrohren unterirdisch zu den einzelnen Gehegen und konnte einmal angekommen schnell und bequem in Tröge gefüllt werden. Das Futter kam in großen Säcken oder Heuballen und wurde mit kleinen und spezialisierten Wägelchen an die Tiere im Zoo verteilt.

In diesem Zoo jedoch war wirklich jede Abteilung ausschließlich und vollständig für sich selbst verantwortlich… und zwar in allen Dingen.

Brauchte beispielsweise ein Gehege Wasser, so achtete Wachtmeister Knudtsen von der AP (der Agil-Polizei) darauf, dass die Spezialisten beim Gehege selbst ihren eigenen Brunnen gruben, ihre eigenen Pumpen bauten, ihre eigenen Rohre verlegten und ihre eigenen Tröge herstellten. Obwohl wirklich alle Tiere Wasser brauchten, und obwohl ein zentraler Brunnen an einer guten Stelle mit einer schönen Kanalisation tausendmal vernünftiger gewesen wäre, war jedes Gehege dazu gezwungen, sein eigenes, viel zu kompliziertes Ding zu drehen.

Ähnlich absonderlich war die Situation beim Futter: Obwohl es ein großes Feld gab, welches dem Zoo gehörte, und obwohl es das Vernünftigste gewesen wäre, einfach ein bis zwei Menschen mit Traktor und Erntemaschine einzustellen, welche dieses Feld für die Tiere des Zoos bestellen würden, musste jede Abteilung mit ihrem eigenen, kleinen Mini-Traktor dort hin fahren und irgendwie schauen, dass sie an Futter kam… was in bedeutete, sie mussten das Futter anbauen, gießen, pflegen, und ernten.

Diese absonderliche Regelung war ursprünglich ausgedacht worden, damit die GEs (Gehege-Eigentümer) schnell und ohne Abhängigkeiten von anderen Gehegen ihr Ziel erreichen und den Besuchern einen schönen Zoo präsentieren konnten. Und vielleicht war eine solche Regel in vielen Bereichen sogar klug und sinnvoll. Doch ergab sie bei Dingen, die alle gleichermaßen dringend brauchten, nicht den allergeringsten Sinn… und wie man sich vorstellen kann, war die Tierpflege auf diese Art und Weise unnötig kompliziert, und nichts funktionierte reibungslos.

Als Alexander die Situation klar wurde, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und sagte: „So kann man doch nicht arbeiten! In keinem Zoo der Welt habe ich jemals so einen Unfug gesehen!“

Noch hatte Alexander den großen Vorteil, dass er ein Fremder war, und als solcher wurde auf ihn gehört, und es wurde entschieden, dass die anderen Gehege zusammen arbeiten sollten, um Futter und Wasser für das Elbimo-Fohlen herbei zu schaffen, zumindest so lange, bis man gemeinsam eine bessere Lösung erdacht hatte.

Doch Wachtmeister Knudtsen beobachtete derlei revolutionäre Umtriebe mit Skepsis, und hinter den Kulissen begann er, darüber nachzudenken, wie man die Dinge wieder in agil geregelte Bahnen bringen könnte.

Noch einmal schwieriger wurde es dann schließlich, als das Fohlen allmählich größer wurde und sich mit seinem winzig kleinen Stück Weide vor dem Bretterverschlag nicht mehr zufrieden geben mochte. Denn hier zeigte sich, dass die GEs (Gehege-Eigentümer) hauptsächlich ihren eigenen Zielen gegenüber verpflichtet waren, und es ihnen nicht in den Sinn kam, ein anderes Gehege über längere Zeit zu unterstützen. Niemand wollte sehen, dass alle zusammen ein großer Zoo waren und alle etwas davon hätten, wenn es überall glückliche und gesunde Tiere gab.

Und so kam es einen schönen Tages, dass sich alle Beteiligten und der Direktor zu einem großen Krisengespräch zusammen trafen.

„Wir können Dir kein Stück von unserer Weide abgeben“, sagte der Bergziegen-GE. „Die Gönner sind böse, wenn wir nicht wenigstens zwanzig Bergziegen zeigen können, und die Weide ist so schon zu klein für unsere zwanzig Bergziegen.“

„Von uns kannst Du leider nichts haben“, sagte der Büffel-GE. „Unsere sechs Büffel sind der Stolz der Gönner, und wir können sie nur mit Mühe ernähren.“

„Nein, wir können nicht helfen“, sagte der für die Elefanten zuständige GE, „wir brauchen unsere Weide für unsere Dickhäuter. Ganz davon abgesehen würden eure Elbimos unsere Elefanten erschrecken, und die Gönner haben mehrmals schon gesagt, dass die Elefanten das Allerwichtigste sind.“

„Es ist sonnenklar, dass Elbimo-Spezialisten auch Landschaftsgärtner und Weiden-Ankäufer sein müssen. Du wirst schauen müssen, dass Du neues Land kaufst, mit Geld, von dem Du selbst schauen musst, dass Du es irgendwo herkriegst, und dann musst Du schauen, dass Du eine Wiese daraus machst. So fordert es das agile Gesetz“, sagte Wachtmeister Knudtsen.

Da platzte Alexander der Kragen und er sagte laut und vernehmlich: „Hört mich an. Mir ist es egal. Ich bin nur Berater. In einer Woche läuft mein Vertrag ab… dann bin ich wieder weg von hier, und euer Zoo interessiert mich nicht mehr, und ihr könnt wieder eure Spielchen spielen und eure Regeln befolgen. Aber ihr wolltet Elbimo-Pferde in diesem Zoo haben, also müsst ihr auch bereit sein, Opfer dafür zu bringen. Wenn Ihr dazu nicht bereit seid, dann wird es eben nichts mit den Elbimos.“

Da schauten ihn alle verdattert an, denn sie waren es nicht gewohnt, dass so offen mit ihnen geredet wurde. Einige sagten „Oh“, die anderen raunten „nein, so ein Pech…“ und der Direktor fragte: „Wirklich?“

„Ja, wirklich!“ antwortete Alexander.

„Tja, dann werden wir etwas tun müssen“, bestimmte der Direktor.

„Ja“, sagten die anderen am runden Tisch zustimmend.

„Jeder von euch wird ein Teil seines Geheges abgeben, so dass unser Elbimo-Fohlen Platz zum Aufwachsen hat!“ wies der Direktor an.

„Klar!“

„Machen wir so!“

„Natürlich!“

Und so geschah es, dass das Elbimo-Fohlen ein stattliches Stück Weide bekam und zumindest für eine kurze Weile weiter wachsen und gedeihen konnte. Bald konnte es unter der aufopfernden Pflege von Alexander und seinen zwei Lehrlingen ohne Stütze laufen, holte sich selbst Wasser am Trog und auch sein Fell wurde ein bißchen glänzender.

Diese Fortschritte waren dem Direktor nicht unbemerkt geblieben, und eines Abends, wenige Tage vor Ablauf des Berater-Vertrags nahm er Alexander zur Seite:

„Hör‘ zu“, sagte er ihm, „wir wollen den Kurt loswerden. Er hat ein paar mal zu viel behauptet, Dinge zu können, die er nicht tun kann… und er hat ein paar mal zu viel die Schuld dafür anderen in die Schuhe geschoben. Möchtest Du vielleicht seine Aufgabe übernehmen?“

„Oh ich weiß nicht“, antwortete da Alexander, „Es scheint mir ziemlich viel falsch zu laufen in Deinem Zoo… und ich weiß nicht, ob ich auf die Dauer damit glücklich werden kann…“

„Ich biete Dir Geld, viel Geld. Viel mehr, als Du bisher verdient hast… und die Möglichkeit, mit uns zusammen das schönste Elbimo-Gehege auf der ganzen Welt aufzubauen“, ließ der Direktor nicht locker.

Und schließlich willigte Alexander ein. Ab der nächsten Woche würde er nicht mehr als Berater, sondern als ganz normaler Angestellter des Zoos arbeiten.

Der Wechsel

Doch schon bald machte Alexander eine traurige Entdeckung:

Als er noch ausschließlich Berater gewesen war, da hatten ihm alle zugehört, es waren alle hilfsbereit gewesen, und niemand, noch nicht einmal Kurt, hatte gewagt, seine Expertise in Frage zu stellen.

Nun, da er ein ganz normaler Angestellter des Zoos war, änderte sich das alles. So gut wie jede seiner Aussagen wurde von Wachtmeister Knudtsen und vom Direktor angezweifelt oder zumindest mit einer gehörigen Portion Skepsis bedacht.

Am deutlichsten wurde dies, als das Fohlen weiter gewachsen war und wieder einmal mehr Futter benötigte. Weil dieses Thema wirklich sehr wichtig war, gab es schließlich ein Vier-Augen-Gespräch mit dem Kommissar Knudtsen von der Agil-Polizei.

Alexander sagte zu ihm: „Heinrich und ich, wir brauchen dieses Futter dringend, wenn das Pferd weiter gedeihen soll… und wir können es eben nicht selbst herstellen.“

„Hmmm…“, sagte da der Wachtmeister Knudtsen, „…aber warum denn nicht? Sollten Elbimo-Spezialisten nicht grundsätzlich immer auch Tierfutterhersteller und Tierfutterlagerbauherren und Tierfutterlagerverwalter sein? Oh, und – pardon – ich vergaß natürlich: Tierfuttertransportunternehmer!!?“

Alexander schaute ihn vollkommen verdattert an.

„Äh… nein?!“ antwortete er ungläubig.

Knudtsen schaute skeptisch. „Wirklich nicht?“

„Nein“, antwortete Alexander, „wirklich nicht. Das ist eine vollkommen bescheuerte Idee… ich meine, klar, ich kann ihm mal ein Bündel Möhren besorgen wenn es knapp wird, aber insgesamt…“

„Ähem ähem“, unterbrach Wachtmeister Knudtsen. Und er fuhr fort: „Ich weiß nicht, ob das so stimmt was Du behauptest. Denn wenn wir zum Beispiel den Heinrich fragen, ob er Futter herstellen möchte, dann sagt der ohne Umschweife zu uns: ‚Ja, natürlich, mache ich'“.

Alexander atmete tief durch. „Das liegt daran, dass Heinrich noch ein Kind ist, das sich selbst viel zu viel zutraut. Aber so funktioniert es nicht. Du bist entweder Elbimo-Spezialist oder Futterhersteller… du kannst nicht beides sein. Wenn Heinrich den ganzen Tag auf dem Feld ist und Gras und Kräuter anbaut und erntet, dann kann er sich nicht richtig um das Fohlen kümmern…“

„So so“, sagte Wachtmeister Knudtsen und nickte langsam auf eine Art und Weise, die erkennen ließ, dass er in Wirklichkeit kein Wort von Alexanders Erklärungen gelten ließ.

Alexander seufzte. Nur einen Monat zuvor wäre es noch kein Problem gewesen, an neues Futter für das Elbimo-Fohlen zu kommen. Jetzt aber musste er sich für die allernatürlichsten Bedürfnisse der Welt rechtfertigen… und eine böse Ahnung stieg in ihm auf.

Und wahrhaftig – während Alexander sich darum gekümmert hatte, dem Elbimo-Fohlen zu einem guten Start ins Leben zu verhelfen, da hatten all die Zoo-Mitarbeiter, die gerne Zoodirektor an Stelle des Zoodirektors gewesen wären oder aus sonstigen Gründen etwas gegen ein Elbimo-Gehege hatten, ihre Chance gewittert – darunter auch ein paar ganz besonders ulkige Gestalten, die Alexander nie kennenlernen sollte, die nicht die allergeringste Ahnung von seiner Arbeit hatten, die aber trotzdem eifrig über ihn urteilten.

Leider waren diese Menschen aber in diesem Zoo nicht etwa – wie man sich eigentlich denken würde – als Clowns angestellt, sondern sie waren enge Mitarbeiter des Direktors.

Und so nahm das Unglück seinen Lauf.

„Der Alexander, der kann es nicht“, hatten sie auf ihn eingeredet.

„Der Alexander arbeitet gar nicht richtig. Ich war gestern beim morgendlichen Vortanzen im Giraffengehege, und da konnte ich ihn nirgends sehen. Ich meine, was ist das für ein Elbimo-Spezialist, der nicht regelmäßig zum morgendlichen Vortanzen im Giraffengehege aufkreuzt?“ fragten sie ihn.

„Du hast einen Fehler gemacht. Dieser Experte kostet uns jede Menge Geld und leistet nichts“, hatten sie gesagt.

„Mit Alexander wirst Du es nie schaffen, bis zum Jahresende ein schönes Elbimo-Gehege zu haben“, sagten sie, und hofften, dass der Direktor entweder aufgeben oder die falschen Schlüsse daraus ziehen würde.

Neue Wege

Schließlich wurde Alexander krank. Es war Hochsommer, und die Strapazen der letzten Wochen hatten dafür gesorgt, dass er zwei Wochen das Bett hüten musste.

Als er sich wieder erholt hatte und in den Zoo zurückkehrte, da waren sowohl der Zoo als auch das Elbimo-Fohlen nicht wieder zu erkennen.

Viele Zooangestellte, die ihn vorher freudig gegrüßt ihm helfend zur Seite gestanden hatten, gingen ihm nun plötzlich aus dem Weg oder schauten beschäftigt in die andere Richtung, wenn Alexander an ihrem Gehege vorbei ging. Einer der agilen Polizisten, der vorher regelmäßig das Gespräch mit Alexander gesucht hatte, ignorierte ihn sogar vollständig.

Und einige Mitarbeiter gingen so weit, ganz unverhohlen in seine Richtung zu zischen: „Haha, da ist er ja, der Elbimo-Züchter… als ob wir Elbimos brauchen…“

Das arme Elbimo-Fohlen hatte indes deutlich an Gewicht verloren, es sah dünner und kränklicher aus als je zuvor, seine Augen waren trübe und verklebt, es lahmte vorne rechts und hinten links, es zitterte am ganzen Körper, und Heinrich kniete auf einem Schemel davor und tat irgendetwas an seinem Fell.

„Oh nein, was ist denn hier passiert? Heinrich… was tust Du da nur?“ wollte Alexander wissen.

„Ach“, sagte Heinrich traurig, „wir bekommen kein Futter mehr für das Fohlen, und die Weide haben sie uns auch wieder weg genommen. Die GEs der anderen Gehege sagen, das sei jetzt lange genug so gegangen und es dürfe jetzt nichts mehr an uns ausgegeben werden, weil alle anderen Gehege viel viel wichtiger sind und die Gönner böse werden… und… und…“

„Und was?“ fragte Alexander entsetzt.

„Und jetzt fällt ihm das Fell aus, und er kann kaum noch stehen…. und unser GE hat beschlossen, ich soll einfach mit Lack darüber malen und ihm mit Sekundenkleber Fell aufkleben und ein Gerüst darunter stellen, so würde daraus ein MVP (minimal verwestes Pferd), um die Gönner ruhig zu stellen…“

„Aber so geht es doch nicht… das ist doch absoluter Wahnsinn… ich rede mit dem Direktor!“ sagte Alexander erbost und stürmte aus dem Stall.

Beim Direktor angekommen, ließ Alexander seinem Ärger freien Lauf: „Ich war gerade mal zwei Wochen weg, und ihr habt das Pferd beinahe zu Tode gehungert und lasst jetzt den armen Heinrich irgendeinen Schwachfug mit Farbe und angeklebtem Fell machen um eure dummen Gönner zu blenden… ja sagt mal, habt ihr eigentlich noch alle Tassen im Schrank?“

Der Direktor schaute bestürzt. „Hm hm hm“, brummte er, „ja, Du hast recht, das ist wirklich keine gute Lösung“, sagte er, mehr zu sich selbst als zu Alexander.

„Nein, ist es nicht!“ bestätigte Alexander. „Wir müssen schnellstens etwas tun, bevor es zu spät ist!“

Der Direktor redete ruhig weiter: „Hmmm hmmmm hmmmm… ich habe in dieser Angelegenheit viele Fehler gemacht, das gebe ich zu… aber ich habe eine Idee…“, sagte er.

„Und die wäre?“

„Während Du krank warst gab es hier im Zoo eine Veranstaltung von einem Gaukler in einem kleinen Zirkuszelt, der die Lösung für all unsere Probleme hat. Ein ganz toller Mensch war das, er trug bunte Gewänder und konnte in so manchen fremden Zungen sprechen. Hmmmm, hmmmm, hmmm. Dieser Gaukler also, der züchtet eine neue Art von Dybrih-Pferden, und er behauptet, dieses Mal haben sie wirklich keinerlei Probleme und sind auch nicht dumm und auch furzen sie gar nicht so oft wie immer gesagt wird, und er hat mir viele schöne bunte Bilder davon gezeigt, die waren echt überzeugend, und ich schwöre Dir, sie sehen ganz genau so aus wie Elbimos…“

„Oh Gott, nein, bitte nicht… dass wir Elbimos züchten, das ist doch überhaupt nicht das Problem. Das Problem ist, dass dieser Zoo einfach nicht richtig funktioniert“, stöhnte Alexander.

„Nein, nein“, entgegnete der Direktor, „hör‘ mir gut zu! Ich hatte dann noch mehrere persönliche Gespräche mit dem Gaukler, und er sagt, er wird das alles noch vor Jahresende ganz günstig für mich machen, und dann werde ich mit Gold überschüttet, und dieses Mal wird es auch wirklich klappen… hmmmm hmmmm… und er hat mir erklärt, dass ich die ganze Zeit das Falsche gemacht habe, und dass die Idee mit den Elbimos überhaupt nicht funktionieren konnte… und deshalb möchte ich es gerne sein lassen mit der Elbimo-Zucht. Es war die falsche Idee, ich sehe das jetzt ein… hmmmmm hmmmm…“

Sein lassen? Und das Fohlen? Und Heinrich? Und was ist mit euren tollen agilen Gesetzen?“ fragte Alexander entsetzt.

„Ach, das Fohlen wird von Heinrich nächste Woche zum Abdecker gebracht, der kann es dann von seinem Leid erlösen. Es muss nur noch ein paar Tage durchhalten, wenn die Gönner ihre jährliche Führung durch den Zoo bekommen. Und dann schulen wir Heinrich zum Dybrih-Züchter um… er ist sehr jung und sehr wissbegierig, und er macht alles mit, das hat mir Knudtsen versichert. Und wenn Du möchtest, dann kannst Du mir gerne dabei helfen, die neue Dybrih-Zucht aufzubauen…“

„Das ist doch Wahnsinn. Und woher wollt ihr den Platz und das Futter für die Dybrihs nehmen? Ihr konntet ja nicht mal ein lächerliches kleines Elbimo-Fohlen versorgen!“

„Ja, aber wir haben dazu gelernt. Wenn die Dybrihs so weit sind, dann wird es genug Futter und Platz geben…“

Wortlos stand Alexander auf und ging zur Tür.

„Ich verstehe Deinen Ärger“, sagte der Direktor, „aber hier gibt es eine Chance für uns alle, es richtig zu machen…“

Alexander drehte sich um und schaute dem Direktor ein letztes Mal in die Augen. Und er sagte zu ihm: „Nichts an alledem ist richtig. Du hast die falsche Entscheidung getroffen, weil Du von den falschen Menschen die falschen Ratschläge angenommen hast. Hier ist so viel falsch… davon will ich kein Teil sein.“

Fee no more

Viele Jahre später war der Zoodirektor schon längst kein Zoodirektor mehr, als er abends durch den Wald lief und noch einmal der guten Fee begegnete.

„Na na“, sagte sie, „was ist denn mit Dir wohl los?“

„Ach“, wehklagte der Ex-Direktor, „als ob Du das nicht wüsstest… ich habe einen großen Fehler gemacht, und einen hohen Preis dafür bezahlt…“

„Ja, das stimmt wohl, Du hast meinen Bekannten verärgert, ein armes Elbimo-Fohlen verhungern lassen und mich zum Gespött der gesamten Gute-Feen-Szene gemacht…“, stellte die Fee fest.

„Was?“ fragte er Ex-Direktor. „Nein, nein… davon rede ich gar nicht!“

„Wovon redest Du dann?“ fragte die Fee.

„Ach, ich habe nicht genug Werbung gemacht. Daran muss es liegen, anders kann es nicht sein…“

„Was redest Du denn da?“ fragte die Fee.

„Mein guter Kumpel, der Gaukler mit dem Zirkuszelt, der hat mir innerhalb kürzester Zeit fünf Dybrihs hingestellt, ganz genau so wie er es versprochen hatte. Guter Mann, guter Mann.

Und ich hab dieses Mal auch ordentlich Druck gemacht, dass die Tiere genug Futter und Platz bekommen, wir wollten ja nicht, das sich die Geschichte mit dem Elbimos wiederholt… auf jeden Fall… ganz tolle Viecher sind das… na gut, sie sind langsam, behäbig, laut und dumm… und sie sehen erstmal auch nicht wirklich aus wie Elbimos, das stimmt schon, und… ja, ich muss zugeben, sie furzen auch unentwegt, obwohl mir das Gegenteil versprochen wurde… aber… aber mit dem richtigen Zaubertrank im Futter, und mit ein bißchen angeklebter Mähne und eingefärbtem Fell… da gehen sie sofort als Elbimos durch, das schwöre ich Dir… niemand hat den Unterschied erkannt, schon gar nicht unsere Gönner, ha, die waren hellauf begeistert, und man hat mich in Gold gebadet…“

„Und was ist dann passiert?“ wollte die Fee wissen, obwohl sie die Antwort darauf schon kannte, und dabei unterdrückte sie ein Gähnen.

„Die Besucher kamen nicht! Sie wollten unsere Dybrihs nicht sehen. Ich meine, am Anfang kamen sie schon… aber dann sind sie in die anderen Zoos gegangen, und sie haben behauptet, es gehe dort viel liebevoller zu… und die Elbimos dort, die seien viel schneller, und wendiger, und schlauer, und besser gepflegt, und sie hätten viel schönere und größere Gehege… und sie haben behauptet, unsere Pferde würden sich ‚nicht echt anfühlen’… kannst Du Dir das vorstellen, Fee? ‚Nicht Echt‚… und dann sind immer weniger Leute gekommen… und dann noch weniger… und dann gab es eine Krisensitzung mit den Gönnern, und die haben behauptet, ich sei an allem schuld und hätte sie getäuscht, und ich hätte überhaupt keine Ahnung, wie man einen Zoo leitet… dabei hätten wir doch nur unser Publikum noch ein bisschen mehr davon überzeugen müssen, dass unsere Pseudo-Elbimos echt eine tolle Sache sind… ja, genau… das hätten wir machen müssen, einfach ein bisschen mehr Werbung, ein bisschen Geld in die Hand nehmen und die Menschen überzeugen… das… das wäre die Lösung gewesen…. he, Fee, hörst Du mir überhaupt zu?“

Aber da war die Fee, die sich geschworen hatte, niemals wieder einem Zoodirektor ihre Hilfe anzubieten, längst von dannen gegangen.

Apropos Arzt…

Wenn ich’s mir raussuchen kann, dann hätte ich gerne, dass ich fürderhin mit „Eure Durchlaucht Fürst von und zu K-Burg, der Ungehörte, Vater von Bienen, Erschaffer von Musik, Zähmer von Candor,  Wiedereinfänger von Buba“ aufgerufen werde.

Ob das wohl möglich ist?



Alles doof

Ausser natürlich Candor (oben im Bild), Frau K. und Buba K. (nicht im Bild) und einige andere ausgewählte Liebmenschen und -tiere.

Aber ansonsten… nun ja, die Herr-K.-Gesundheit ist nicht so, wie sie sollte, seit einiger Zeit schon nicht.

Und nach etlichen Untersuchungen und Rücksprachen habe ich jetzt auch die Gewissheit, dass ich mich demnächst – und zwar besser früher als später – von meiner Schilddrüse verabschieden darf. Nichts Schlimmes, vollkommen harmloser Routineeingriff, wurde mir gesagt.

Aber… nun ja, ich trag‘ das Ding jetzt seit 46 Jahren mit mir rum, da wird man schnell etwas grüblerisch und sentimental. Mit ein bißchen Glück kann ich aber danach wieder singen, das wäre immerhin mal was.

Ach, Firlefanz, Papperlapapp, ich zeige euch lieber noch ein paar Candor-Bilder. Candor macht nämlich glücklich.

Wilko Johnson

Wilko Johnson ist der Ex-Gitarrist von Dr. Feelgood… eine Band, welche meine älteren Leser vielleicht kennen. Die Gruppe hatte in den 70er Jahren mehrere Hits und war sowohl richtungsweisend als auch wegbereitend für die Entstehung der Punkrock-Szene.

Johnson prägte den frühen Stil der Band mit seiner speziellen, trockenen und doch gleichzeitig nuancierten Gitarren-Spielweise, bei der er Fingerpicking und Strumming geschickt miteinander kombinierte. Er stieg 1977 bei Dr. Feelgood aus und war fortan sowohl solo als auch in etlichen anderen Bands (darunter Ian Dury and the Blockheads, ebenfalls für meine älteren Leser ;-)) unterwegs.

Und auch die jüngeren meiner Leser kennen ihn vielleicht – er gab in der ersten Staffel von Game Of Thrones sein Schauspieldebüt in der Rolle des Ser Illyn Payne.

Ende 2012 erfuhr Johnson, dass er an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt war und noch ungefähr neun Monate zu leben hatte. Er entschied sich gegen Chemotherapie und gab kurze Zeit später im BBC Frühstücksfernsehen dieses, wie ich finde, sehr beeindruckende und berührende Interview:

Nun ist mir durchaus bewusst, dass das Internet voll von inspirierenden Stories ist, über Menschen, die sich mit ihrer Krankheit abfinden, dem Ende entgegensehen und das beste aus ihrem Leben machen und Carpe Diem und all die üblichen Gemeinplätze. Und noch schmerzlicher ist mir, durch meine eigene Familiengeschichte, bewusst, dass es nicht so laufen muss… dass Menschen unter Umständen monate- und jahrelang sterben, in Schmerzen und in Verzweiflung, und ohne dem Leben vorher jemals noch irgendetwas Gutes abgewonnen zu haben.

Trotzdem muss ich sagen, diese Interview mit Wilko Johnson ist etwas Besonderes.

Es ist wahrhaft inspirierend, ihn reden zu hören… wie er vollkommen natürlich und frei raus von seinem Teleskop erzählt, von seiner Abschiedstournee, und davon, wie ihm Katzen und Mülleimer auf der Straße etwas bedeuten.

Noch beeindruckender an der Sache ist, dass Johnson ein Jahr später immer noch am Leben war – und dass erst zu diesem Zeitpunkt entdeckt wurde, dass seine Art von Bauchspeicheldrüsenkrebs operabel ist. In einer elfstündigen Operation wurde ihm daraufhin ein 3kg-Tumor entfernt. In einem Interview – wieder im Frühstücksfernsehen des BBC, dieses Mal zwei Jahre später – redet er über seine Erfahrung:

Tja, was soll ich weiter sagen. Ich weiß, Klischee, aber trotzdem:

Carpe Diem!


P.S: Johnsons Abschiedsalbum, zusammen mit Roger Daltrey von The Who aufgenommen, ist übrigens sehr hörenswert. Es klingt irgendwie nicht wie das Album eines Mannes, der weiss, dass er noch ein paar Monate zu leben hat.

Es klingt wie das Album eines Mannes, der einfach nur Spaß daran hat, Musik zu machen.

Nette Bea, aber es kippt!

Wir befinden uns in einem kleinen Häuschen in der Nähe des Goting-Kliffs auf der Insel Föhr. Draußen fegen orkanartige Windböen durch die Straßen, wühlen das Meer auf und peitschen Regen und Gischt in die Gesichter all jener Menschen, die – je nach Sichtweise – entweder so verwegen oder so unvorsichtig sind, sich jetzt im Freien aufzuhalten.

Frau K., die Hunde und ich, wir haben unseren Patrouillengang am Kilff glücklicherweise schon vor einiger Zeit hinter uns gebracht, sitzen jetzt sicher und aufgewärmt in unserer Unterkunft und fragen uns, was wir mit dem Rest vom Tag am geschicktesten anfangen können.

Da fällt mir spontan ein, dass ich ja noch ein Inkognito-Konto bei der Fotocommunity – Deutschlands größter und ältester und galeriewyrdigster Hobbyknipser-Plattform – unterhalte, welches ich mir vor langer Zeit neben meinem eigentlichen Konto extra für Fotos von unserer Lieblingsinsel im hohen Norden angelegt hatte („Oluf Braren“ ist der Name eines nordfriesischen Landschaftsmalers, der auf Föhr geboren wurde, wirkte und starb, ohne dass die Welt zu Lebzeiten groß Notiz von ihm nahm; er schien mir als Pseudonym damals irgendwie passend, vermutlich hatte ich gerade mal wieder Musik veröffentlicht oder so…)

Ich krame also ein bißchen auf meiner Festplatte und finde tatsächlich meine Zugangsdaten für eben jenes Konto wieder. Ich melde mich an und werde sogleich gewahr, wie viel und gleichzeitig wie wenig sich seit 2012 bei der Fotocommunity gändert hat.

Vor sieben Jahren nämlich – und damit wirklich rein zufällig zu jenem Zeitpunkt, als meine Aktivitäten auf der „FC“ endgültig zum Erliegen kamen – wurde die einst stolze Plattform vom Weka-Verlag geschluckt, und es geschah, was anscheinend immer geschehen muss, wenn ein großer Verlag eine Online-Plattform kauft: Die Plattform wird als Werbeträger mißverstanden, jedes verfügbare Stück Screen Real Estate wird in der Folgezeit penetrant mit animierter Bannerwerbung und „Fireplaces“ (so heißt im Werbefuzzi-Neusprech jene aufdringliche Unverschämtheit, die sich einmal als Rahmen um den eigentlichen Content legt) zugemüllt, und wenn man wirklich ganz enormes Pech hat, dann grinst einem auf irgendeiner dieser Anzeigen aus dem Bodensatz des Werbe-Backfills auch noch Frank Thelen entgegen.

Wenn die Werbung auf Deiner Plattform mehr Platz einnimmt als der eigentliche Content, dann weisst Du, dass Du besser jemand gefragt hättest, der sich damit auskennt.

Nun steht die FC mit diesem Schicksal nicht allein da, und man kann ihr auch nicht wirklich einen Vorwurf daraus machen… ich war selbst einmal bei einer ganz ähnlichen Plattform angestellt, der es nach dem Aufkauf durch einen großen Verlag ganz genau so erging… und ich weiß aus eigener leidlicher Erfahrung, wie anstrengend und hoffnungslos sich der Kampf gegen Windmühlen gestaltet, wenn man selbst in dem System gefangen ist.

Ich könnte jetzt also weiter ätzen und kritisieren und nerven… und weiter darüber dozieren, wie es die Zeit mit der FC nicht gut gemeint hat, wie die falschen Dinge geändert und die ganz enorm hoffnungslos falschen Dinge beibehalten wurden.

Aber Tatsache ist, dass ich der Fotocommunity, in der ich mich vor 15 Jahren (!) zum ersten Mal anmeldete, irrsinnig viel zu verdanken habe.

Es wären zwei bis drei sehr lange Geschichten, und es würde jeglichen Rahmen sprengen, sie hier in aller Ausführlichkeit zu erzählen (tatsächlich habe ich im ersten Entwurf dieses Artikels den Versuch unternommen… das war vorgestern, und dann wurde mir klar, dass ich die nächsten zwei Wochen lang schreiben würde, und ich habe es wieder bleiben lassen). Zusammengefasst ist es folgerndermaßen:

Ich habe über die FC Menschen und Sichtweisen kennen gelernt, die meinen Horizont erweitert haben. Frau K. und ich, wir zählten auf dieser Plattform lange zu den bekannteren Gesichtern, und es war spannend und inspirierend.

Ich wäre ohne die Fotocommunity nie ins Rheinland gezogen, und ich hätte nie im Imaging-Business gearbeitet. Und dies nicht etwa über Umwege oder Inspiration, sondern tatsächlich, weil die FC und ihre Mitarbeiter selbst und direkt einen großen Anteil daran hatten.

Und, was noch unendlich viel schwerer wiegt: Ich hätte ohne die Fotocommunity nie Frau K. kennengelernt.

Mein Leben wäre ohne diese Plattform ein völlig anderes. Ich würde jetzt nicht auf der Insel sitzen, Bubas Bauch kraulen und auf eine wunderbare und aufregende Zeit zurückblicken.

Ich wäre ein anderer Mensch mit einem anderen Leben.

Natürlich gibt es Gründe, warum Frau K. und ich inzwischen nicht mehr in der Fotocommunity aktiv sind.

Einer der Kommentatoren für mein Inkognito-Konto wünscht mir „viel Spass beim Bewerten und Bewerten lassen“, und da haben wir es auch schon: Wir verspüren einfach überhaupt keine Lust, unseren künstlerischen Output irgendwie bewerten zu lassen, und schon gar nicht von gewissen Gestalten, die nicht das geringste davon verstehen.

Es gab, so kann ich mich dunkel erinnern, noch diverse andere Gründe… die Art und Weise, wie damals mit J. umgesprungen wurde (einem wirklich sehr genialen Aktfotografen und Künstler, für den Modell zu stehen auch Frau K. und ich die Ehre hatten, und der rausgeekelt wurde, weil gewisse Menschen seine Bilder als bedrohlich und gewaltverherrlichend empfanden), der doppelmoralische Umgang mit Männer-Aktfotografie (zumindest damals… ich weiß nicht wie es heute ist), und nicht zuletzt die vollkommen alberne „Galerie“ und das Voting … aber das ist alles Geschichte, ich rege mich über derlei Dinge schon lange nicht mehr auf, und die Welt dreht sich weiter.

Und trotzdem sitze ich jetzt auf meiner stürmischen Insel und entsinne mich sehr deutlich und mit einem ordentlichen Stück Melancholie daran, wie ich meine ersten zögerlichen Schritte auf der Fotocommunity tat… wie sich das alles entwickelte, wie diese Plattform unglaublich wichtig für mich wurde, und wie sie dann viele Jahre später in der Bedeutungslosigkeit versank.

Vielleicht lade ich doch mal wieder ein paar Bilder dort hoch. Und vielleicht lasse ich mir auch gerne mal wieder was von der „Bea“ erzählen, oder dass der Horizont kippt, die Schärfe fehlt, die Regel zum goldenen Schnitt verletzt wurde und das Bild – contra! – nicht galeriewyrdig ist.

Der alten Zeiten wegen.


War ganz toll, hätte nicht sein müssen

2018 war ein Jahr der Gegensätze.

Es sind Dinge geschehen, die mich sehr glücklich machen… aber auch solche, die bei mir vermutlich auch in Jahren noch verständnisloses Kopfschütteln auslösen werden. Gegebenheiten, die mich durchaus Hoffnung schöpfen lassen und Erfahrungen, bei denen ich allmählich resigniere.

Es wird Zeit, eine alte Tradition wieder aufleben zu lassen, und meine persönliche Liste mit Tops und Flops aus dem Jahre 2018 ins Netz zu stellen.

Das Schöne an solchen Listen ist – selbst wenn die „Flops“-Seite dazu verleitet, Gift und Galle zu spucken, so hat man doch gleich auf der linken Seite etwas dazu stehen, was einem sagt: „Siehst Du wohl… ist gar nicht so schlimm“.

Trotzdem, für das nächste Jahr, mehr links und weniger rechts… wäre mir sehr lieb.  

War ganz tollHätte sowas von überhaupt
nicht sein müssen
❤️ Frau K. ❤️Menschen, die sich für etwas
Besseres halten.
Das beste Hunderudel der Welt
Den ganzen Sommer lang
erfolglos nach einem neuen
Zuhause suchen.
Cosi!Herzwürmer bei Candor
Candors vollständige GenesungRathaus Bad Honnef
Picknick-Abende
auf der Dorfwiese
(mit Blutmond-Extra!)
Den Geburtstag allein verbringen
Reiten lernen!Renate Weber Immobilien
„Thanksgiver“ veröffentlichen„Thanksgiver“ verkaufen müssen
Das Blog neu startenDrei Herzchen für Chrissie
Mit netten Menschen lange
Sommernächte auf der 
Pferdewiese verbringen
Twitter
Beim besten Brötchengeber der 
Welt angestellt sein.
Kunden, die uns einen Sommer
lang durch brennende Reifen
springen lassen.


Outtakes (3): I’ll Fall In Love Again (Demo)

„I’ll Fall In Love Again“ war der erste Song, der bewusst für das neue Album geschrieben wurde… noch lange, bevor uns klar war, in welche Richtung sich dieses Album schließlich entwickeln würde.

Als Thanksgiver dann immer deutlichere Formen annahm, passte dieser Song irgendwann einfach nicht mehr, und wir hörten auf, weiter daran zu arbeiten.

Trotzdem mag ich ihn sehr, denn er zeigt noch einmal sehr schön unsere „poppige“ Seite, und er unterstreicht sehr deutlich Steffis wunderbare Fähigkeit, sich in so gut wie alles, was ich schreibe, vollständig einzufühlen und es mit Leben zu füllen…

Zumindest die erste Strophe des Songs ist übrigens inspiriert von der traurigen Geschichte einer (damals noch) sehr engen Freundin, die ihren damaligen (und auch noch heutigen) Partner dabei erwischt hatte, wie er sie nach Strich und Faden belog und betrog. Natürlich habe ich ihr das Lied nie gezeigt, und sie würde auch nie auf die Idee kommen, freiwillig Musik von mir zu hören oder gar im Netz danach zu suchen. Allerdings machte sie damals leider den Fehler, mich um Rat zu fragen – und die Geschichte ging aus, wie solche Geschichten immer ausgehen (siehe: alle Klammern in diesem Absatz)… auch ein Grund, das Lied eher nicht auf dem Album unterzubringen.

Wie gesagt, ich mag es trotzdem. 

Outtakes (1): Visionary Man

(Stephan in seiner besten David-Tennant-Imitationsstimme):

So, Outtakes.

Outtakes, ey? Outtakes.

Ouuuuuut-takes. Outtakes! 

Outtakes, outtakes, outtakes, outtakes, outtakes, outtakes… outtakes!

Ja, ok, ich komm wieder runter. Wir fangen an mit dem ältesten Song, der auf unsere neue Platte gekommen wäre, wenn er denn drauf gekommen wäre, was er nicht ist.

„Visionary Man“ war einer der Tracks, die ich nach 2013 für ein steffi-loses Botany Bay schrieb und schließlich auch aufnahm.  Aus mehreren Gründen geriet dieses Vorhaben zur mittleren Katastrophe. Steffis „Nachfolgerin“ war für mich schon bald auf sehr vielen Ebenen unerträglich… und das, was ich schließlich veröffentlichte (das Beitragsbild zeigt das Original-Coverartwork von Elektroll, CC-BY), wurde dann auch hauptsächlich ignoriert bzw. von ein paar netten Menschen auf Diasp*ra  zerrissen.

Tja, was soll ich sagen, sie hatten recht. 

Im Bild: Steffi (hinten) und Buba (vorne)… zwei Frauen, denen man nicht so leicht widerspricht…

Als Steffi und ich uns wieder gefunden hatten und schließlich durchhörten, was wir inzwischen so an Musik geschrieben hatten und für unser neues Album eventuell verwenden könnten, stolperten wir auch über „Visionary Man“. Steffis spontane Meinung war: „Wow, den möchte ich gerne machen…“

Und ich so: „Nee, lass mal, das war ziemlich scheiße damals…“

Und sie so: „Aber das ist ein toller Song!“

Ich so: „Ja, es könnte ein toller Song sein, aber dann müsste man ihn praktisch neu aufnehmen und alles anders machen.“

Und daraufhin wieder sie so: „Dann lass uns das machen! Hopp, ich helf‘ Dir auch. Na komm schon, los, fangen wir an, wird’s bald?!“

Wie der geneigte Leser an dieser Stelle eventuell ahnt, ist es äußerst schwierig und mitunter auch töricht, Steffi zu widersprechen. Und so gingen wir hin, und nahmen „Visionary Man“ quasi vollkommen neu auf (vom ursprünglichen Song blieben genau 3 Spuren übrig). 

Hier ist er, im Prinzip fix und fertig abgemischt:

Dass er schließlich nicht auf „Thanksgiver“ kam, hat mehrere Gründe. Der wichtigste und offensichtlichste Grund: Er passt einfach nicht darauf, weder stilistisch noch thematisch noch sonst irgendwie. 

Und der andere Grund: „Visionary Man“ handelt von einem hierzulande aus Boulevardpresse, Casting-Shows und Backfill-Werbebannern (mittlerweile) relativ bekannten Seriengründerdarsteller, dessen größtenteils unverdienten Ruhm zu mehren ich vor langer Zeit einmal das ganz außerordentliche  Missvergnügen hatte, und dessen Name hier nicht genannt werden soll. Ich hatte schon damals beim Schreiben der Lyrics das ungute Gefühl, dass diese Person nicht auch noch ein Lied von mir verdient hatte, und dass ich eher über wichtige Dinge schreiben sollte… und heute denke ich das noch viel mehr. 

Aber auf der anderen Seite ist der Song ein schönes Beispiel dafür, dass wir auch ganz anders klingen können, dass Steffi ganz großartige Backing Vocals arrangieren kann, und dass ich auch zu einer ganz anderen Art der Musikproduktion imstande bin (die mir durchaus auch Spaß gemacht hat). Und außerdem hat die Coda ein großartiges Saxophonsolo von jenem Ernst Nellessen, der schließlich auch weite Teile von ‚Thanksgiver‘ mit Klarinette und Saxophon verzaubern sollte. Allein deshalb hat der Song es verdient, auch mal gehört zu werden. In diesem Sinne… viel Spaß damit!

Nachdenken über die Wölfe

Das Jahr neigt  sich dem Ende zu, es wird kalt und winterlich, und es ist an der Zeit, ein wenig über die Wölfe nachzudenken. Oder besser gesagt, über Thanksgiver, und über das Wolfsrudel, das zur Mitte der ersten Seite zu einer heiligen Wanderung über eine weit in der Zukunft existierenden Welt aufbricht (oder vielleicht auch gar nicht so weit in der Zukunft. Sicher ist, die Menschheit wird diese Welt nicht erleben)

Ich bin unglaublich stolz auf Thanksgiver. Es wurde genau das Album, das es werden sollte. Ich bin sehr zufrieden damit, und noch mehr erfreut es mich, dass außer den beteiligten Musikern weitere 37 Menschen diese Geschichte oder besser diese Gefühle ebenfalls erfahren durften. 

Es gibt nur leider ein kleines Problem. Ein Problem, das wir freiwillig und sehenden Auges provoziert haben, denn ansonsten hätte es dieses Album in dieser Form nicht gegeben, und zwar: Wir haben 300 Stück davon gemacht und eine große Summe Geld dafür ausgegeben.

Ich bereue nichts davon.  Aber es ist an der Zeit, den Tatsachen ins Auge zu blicken:

Ausser den erwähnten 37 Menschen interessiert sich niemand für „Thanksgiver“. Anpreisungen des Werks auf Twitter bleiben ohne irgendwelche Ergebnisse; das Musik-Widget auf diesem Blog wird von 0.02% der Besucher verwendet  (was daran liegen dürfte, dass die meisten meiner Stammleser das Album bereits besitzen… an dieser Stelle nochmal vielen Dank, ihr seid die besten!), und auch die paar Reviews, die in Musikzeitschriften und Blogs erschienen, machen keinen Unterschied: Niemand will „Thanksgiver“ haben. Wir haben seit der Release-Party im Oktober ganz genau null Exemplare verkauft.

Nun, es reicht uns im Prinzip durchaus, dass 37 Menschen  sich auf die musikalische Reise von „Thanksgiver“ eingelassen haben. Wir wollten einen würdigen Abschluss, hauptsächlich für uns selbst, und wir haben ihn bekommen. 

(Zugegeben: Ein bisschen schade ist es, wenn alte Weggefährten nicht mehr auf uns reagieren, Internet-Radiostationen keine Lust mehr auf uns haben, befreundete Bands mit außergewøhnlichen Buchstaben im Bandnamen anscheinend doch nicht so richtig befreundet mit uns waren… etc. pp. Aber auf der anderen Seite war uns von Anfang an klar, dass nicht jeder auf diese neue Reise mitkommen würde, und jeder einzelne von den 37, die es trotzdem getan haben, macht uns dafür um so glücklicher).

Aber, und hier ist das eigentliche Problem: Die fünf fetten Kartons mit unverkauften Platten, die hier im Studio rumstehen, sind ein herber finanzieller Verlust für uns, und überdies eine stetig schmerzhafte Erinnerung daran, dass das Internet (auch) zum Ansprechen neuer Hörer inzwischen ein vollkommen beschissener Platz ist. Und: fünf ungewollte und unbeachtete Kartons voll mit der schönsten Musik, die ich je gemacht habe, das trübt das Bild vom „würdigen“ Abschluss ein ganz kleines bisschen. 

(bevor jetzt jemand sagt „Dann bietet halt auch mp3-Downloads an, nicht jeder will eine wunderschöne, aufwändig gestaltete Vinyl-Platte haben„: Tun wir. Haben wir auf ausdrücklichen Wunsch einiger Menschen gemacht. Das Ergebnis? Niemand, weder diese einige Menschen noch sonst wer, hat einen mp3-Download gekauft). Einer dieser Menschen hat einen mp3-Download gekauft. Ok, das war’s zwar durchaus wert, aber es löst das Gesamtproblem leider trotzdem nicht).

(Update 19.12.: Zwei Menschen! Wowzers!)

Das Problem ist natürlich, wie so oft, das Internet, bzw. die Erwartungen der Menschen, die sich inzwischen in demselben tummeln. Es ist kein Wunder, dass kaum mal einer der 3-4 wöchentlichen Interessenten auf Bandcamp auch nur bis zum ersten Drittel von „Winter Wolfpack Serenade“ kommt, wenn sie alle eine solche Herangehensweise an Musik haben:

An dieser Stelle eine kleine und hemmungslose Offenbarung: Ich hasse Twitter. Ich hasse es abgrundtief, Menschen von meiner Musik überzeugen zu müssen. Ich hasse es, wenn Leute ihre Follower darüber informieren, gerade defäkiert (oder eingekauft, oder die Fenster geputzt) zu haben, und dafür hundert mal mehr Feedback bekommen, als wenn ich einen neuen Song ankündige. Ich hasse, mit etwas hausieren gehen zu müssen, was mir heilig ist. Ich hasse, mich mit „Meinungen“ wie obiger auseinander setzen zu müssen. Ich hasse dieses ganze elende Scheißgeschäft mit der Musik im Internet. Ich will das alles nicht, meine siebenunddreißig Hörer hätten mir vollständig genügt. 

Aber jetzt stehen hier eben diese fünf Kartons, die wir irgendwie los werden müssen. Ich war drauf und dran, diese Platte nicht rauszubringen, damit ich mir diesen endlosen Verkaufsfrust hätte ersparen können, aber Steffi hat mich vom Gegenteil überzeugt… und so ist es jetzt.

Der Original-Trailer zu „Thanksgiver“

Zur Lösung des Problems hatten Steffi und ich jetzt auch schon ein paar Krisensitzungen, und es stehen zwei Vorgehensweisen im Raum:

  1. Wir produzieren, exklusiv für die Leute die sich zu schade dazu sind, mal ein paar Minuten zuzuhören, eine radiotaugliche Single-Version von „Wolfpack“ (der einzige Song auf „Thanksgiver“, der noch entfernt an Popmusik erinnert) und einen Videoclip dazu (der vom Stil ungefähr so werden würde wie der erste Trailer, den wir für unsere Fans letztes Jahr veröffentlicht hatten, nur mit ein bisschen semi-nackten Menschen, damit die Leute auch hinschauen), stellen das ganze auf youtube und bitten Katja (die vor einigen Monaten unseren Twitter-Account übernommen hat, inzwischen aber davon genau so frustriert ist wie ich) darum, das Teil in der Weltgeschichte zu verteilen. Und hoffen, dass wir so ein paar neue Fans finden.  Oder…
  2. Wir suchen uns ein paar ausgewählte, exklusive und passende Locations, und bringen „Thanksgiver“ noch mal live auf die Bühne. Und zwar dieses Mal – im Gegensatz zum Release-Event – mit voller Besetzung und vollständig live, ohne Playback vom Sequencer. Und wer möchte, kann nach unserer Darbietung dann eine Platte kaufen (was die Menschen dann üblicherweise durchaus machen).

Beide Lösungen hätten Vor- und Nachteile.

Die Video- und Song-Edit-Geschichte ist (im Vergleich zur Tour) mit relativ geringem Aufwand schnell umgesetzt. Aber die Erfolgsaussichten sind meiner Meinung nach zweifelhaft… und eine der wunderschönen Seiten an „Thanksgiver“ ist es, dass wir uns für dieses Album in absolut keinerlei Hinsicht irgendwie verbogen haben. Jetzt ein Video für das Reiz-Reaktion-Reiz-Reaktion-geschädigte Twitter-Publikum zu machen, das wäre für mich schon arges Verbiegen.

Eine kleine und exklusive „Thanksgiver“-Tour wäre musikalisch eine schöne Herausforderung… es macht Spaß, auf der Bühne zu stehen, und es wäre für Steffi und mich noch einmal die Chance, etwas zusammen auf die Beine zu stellen. Aber es wird ein großer Aufwand, „Thanksgiver“ live vernünftig hinzukriegen. Prima Beispiel: Auf ‚Serenade‘ spielen Horn, Klarinette, Saxophon, Cello, zwei Gitarren, ein Klavier, eine Hammond-Orgel, eine Hohner Organa, ein Bass… und natürlich Steffi am Mikrophon. Auf der Release haben wir das noch mit Playback vom Band abgefrühstückt… für einen „richtigen“ Live-Auftritt geht das aber nicht. Und wir wollen kein „Thanksgiver Light“ spielen… wenn wir das schon live machen, dann richtig. Wir brauchen mehr Musiker, und wir brauchen passende Locations. Das wird extrem schwierig.

Tja, und so sieht es jetzt aus. Das sind die zwei Ideen, die wir haben. Ich bin sehr gespannt, wie so die Meinungen im geschätzten Schall-und-Stille-Debattierclub sind. Was meinen Sie, geschätzte Leser?

1 oder 2?

Sollen wir das Wolfsrudel trennen und einen Teil seiner Geschichte in leicht erfassbaren bewegten Bildern dokumentieren?

Oder sollen wir das Risiko eingehen, mit dem Wolfsrudel in der Manege zu stehen, um dem Zirkuspublikum unsere Magie vorzuführen?

Oder fällt Ihnen noch etwas ein, was wir übersehen haben?

Die Kommentar-Sektion ist eröffnet 😉

Liebe Künstler…

…und LGBTQ-Leute, und Fotografen, und Querdenker, und Manga-Liebhaber, und Musiker, und solche, die das alles zusammen und noch mehr sind… (im folgenden der Einfachheit halber und keineswegs generalisierend abgekürzt als ‚liebe Künstler‘)

Es ist also mal wieder passiert.

Das, was im Netz schon so oft passiert ist:

Der ehemals hippe (und unter Künstlern, LGBTQ-Leuten, etc. sehr beliebte) Micro-Blogging-Dienst Tumblr verbietet „adult content“.

Nicht nur für unter-18-jährige, sondern für alle. Und er bittet, wie schon viele Plattformen vor ihm, um eifriges Petzen und Blockwart-Spielen und markiert währenddessen schon mal fürsorglich alles was seinen mies programmierten ML-Routinen oder seinen nicht weniger mies programmierten Mitarbeitern nicht passt als nicht passend. Farbige Menschen zum Beispiel. Oder Wüstenlandschaften. Oder einen Blumenstrauss.

So weit, so nicht neu.

Auch nicht neu ist euer „Aufschrei“, liebe Künstler. Dass ihr euch hintergangen, bevormundet und „zensiert“ fühlt. Schockiert tauscht ihr euch darüber aus, was man jetzt machen könnte, schreibt Petitionen und ähnlichen Scheiß mehr… und macht euch auf die Suche nach Alternativ-Plattformen.

Es ist keine neue Weisheit, die ich hier loswerden möchte, und sie wurde schon an sehr vielen Stellen nett und sachlich formuliert… aber anscheinend muss mal es mal jemand un-nett und unsachlich formulieren, damit ihr es endlich kapiert.

Also gut, hier kommt es:

Jetzt wacht halt endlich mal auf, verdammte Scheiße!

Tumblr gehört Oath, und das erklärte Ziel von Oath ist es, die Welt mit Werbung zu verpesten bis niemand mehr atmen kann.

Sorry, dass ihr es von mir erfahren müsst, aber: Eure Bilder, Texte und Zeichnungen könnten denen nur mit unmenschlich krass viel Mühe noch mehr scheißegal sein.

Achtung! Vorsicht! Genitalien! Dieses Bild löst Kriege aus und sorgt dafür, dass rechtsextreme Parteien in den Bundestag kommen. Ferner ist es dafür verantwortlich, dass 1% der Menschheit mehr besitzt als die restlichen 99% zusammen. Oh, und auch dass irgendwelche Arschlöcher ihre Rechnungen nicht zahlen und damit ehrliche Menschen an Weihnachten in den Ruin treiben, das ist ganz selbstverständlich die Schuld dieses Bildes.

Tumblr, Instagram, Facebook, Twitter, Youtube, Google und all der andere Dreck, die gehören euch alle nicht. Es sind keine netten Wohltätigkeitsveranstaltungen, sondern milliardenschwere Firmen, in denen irgendwelche Krawattis monatlich euer Jahresgehalt in den Arsch geschoben kriegen, damit sie neue Wege finden, wie man noch mehr Geld aus euren Daten machen kann.

Es sind keine Staaten und schon gar keine Demokratien, also zensieren sie euch auch nicht. Sie machen einfach das, was sie für richtig halten und gerade noch so dürfen (und in manchen Fällen auch das, was sie nicht dürfen, wie zum Beispiel einem durchgeknallten Faschisten mit totem Hamster auf dem Kopf zum Wahlsieg verhelfen, aber ich schweife ab).

Und sie sind auch nicht das Internet.

Und sie sind auch nicht das World Wide Web.

Sie sind nur zufällig im World Wide Web, weil meine Generation leider nicht bedacht hat, dass genau so was passieren würde, wenn man so ein Netz baut.

Aber hier ist die frohe Kunde zu Weihnachten: Ihr könnt genau so im World Wide Web sein. Mit eurer eigenen Seite, eurem eigenen Blog, nach euren eigenen Regeln.

(ja, ich gebe zu, es ist etwas schwieriger geworden, mit all den Internetausdruckern und alten Männern mit Kugelschreibern, die das Netz irgendwie per Gesetz für die Zwecke ihrer Parteispender formen wollen, aber es ist immer noch machbar)

Also hört doch bitte endlich auf damit, beleidigt nach dem nächsten Millionär zu suchen, der euch dann wieder scheiße behandelt, weil ihm seine Millionen noch nicht reichen… sondern holt euch das Internet zurück. Macht ein Blog auf. Was eigenes. Und holt die Feedreader wieder raus.

Ich tu euch auch auf meine Blogroll, versprochen.