Apropos Arzt...

Wenn ich's mir raussuchen kann, dann hätte ich gerne, dass ich fürderhin mit "Eure Durchlaucht Fürst von und zu K-Burg, der Ungehörte, Vater von Bienen, Erschaffer von Musik, Zähmer von Candor,  Wiedereinfänger von Buba" aufgerufen werde.

Ob das wohl möglich ist?



Alles doof

Ausser natürlich Candor (oben im Bild), Frau K. und Buba K. (nicht im Bild) und einige andere ausgewählte Liebmenschen und -tiere.

Aber ansonsten... nun ja, die Herr-K.-Gesundheit ist nicht so, wie sie sollte, seit einiger Zeit schon nicht.

Und nach etlichen Untersuchungen und Rücksprachen habe ich jetzt auch die Gewissheit, dass ich mich demnächst – und zwar besser früher als später – von meiner Schilddrüse verabschieden darf. Nichts Schlimmes, vollkommen harmloser Routineeingriff, wurde mir gesagt.

Aber... nun ja, ich trag' das Ding jetzt seit 46 Jahren mit mir rum, da wird man schnell etwas grüblerisch und sentimental. Mit ein bißchen Glück kann ich aber danach wieder singen, das wäre immerhin mal was.

Ach, Firlefanz, Papperlapapp, ich zeige euch lieber noch ein paar Candor-Bilder. Candor macht nämlich glücklich.

Wilko Johnson

Wilko Johnson ist der Ex-Gitarrist von Dr. Feelgood... eine Band, welche meine älteren Leser vielleicht kennen. Die Gruppe hatte in den 70er Jahren mehrere Hits und war sowohl richtungsweisend als auch wegbereitend für die Entstehung der Punkrock-Szene.

Johnson prägte den frühen Stil der Band mit seiner speziellen, trockenen und doch gleichzeitig nuancierten Gitarren-Spielweise, bei der er Fingerpicking und Strumming geschickt miteinander kombinierte. Er stieg 1977 bei Dr. Feelgood aus und war fortan sowohl solo als auch in etlichen anderen Bands (darunter Ian Dury and the Blockheads, ebenfalls für meine älteren Leser ;-)) unterwegs.

Und auch die jüngeren meiner Leser kennen ihn vielleicht – er gab in der ersten Staffel von Game Of Thrones sein Schauspieldebüt in der Rolle des Ser Illyn Payne.

Ende 2012 erfuhr Johnson, dass er an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt war und noch ungefähr neun Monate zu leben hatte. Er entschied sich gegen Chemotherapie und gab kurze Zeit später im BBC Frühstücksfernsehen dieses, wie ich finde, sehr beeindruckende und berührende Interview:

Nun ist mir durchaus bewusst, dass das Internet voll von inspirierenden Stories ist, über Menschen, die sich mit ihrer Krankheit abfinden, dem Ende entgegensehen und das beste aus ihrem Leben machen und Carpe Diem und all die üblichen Gemeinplätze. Und noch schmerzlicher ist mir, durch meine eigene Familiengeschichte, bewusst, dass es nicht so laufen muss... dass Menschen unter Umständen monate- und jahrelang sterben, in Schmerzen und in Verzweiflung, und ohne dem Leben vorher jemals noch irgendetwas Gutes abgewonnen zu haben.

Trotzdem muss ich sagen, diese Interview mit Wilko Johnson ist etwas Besonderes.

Es ist wahrhaft inspirierend, ihn reden zu hören... wie er vollkommen natürlich und frei raus von seinem Teleskop erzählt, von seiner Abschiedstournee, und davon, wie ihm Katzen und Mülleimer auf der Straße etwas bedeuten.

Noch beeindruckender an der Sache ist, dass Johnson ein Jahr später immer noch am Leben war – und dass erst zu diesem Zeitpunkt entdeckt wurde, dass seine Art von Bauchspeicheldrüsenkrebs operabel ist. In einer elfstündigen Operation wurde ihm daraufhin ein 3kg-Tumor entfernt. In einem Interview – wieder im Frühstücksfernsehen des BBC, dieses Mal zwei Jahre später – redet er über seine Erfahrung:

Tja, was soll ich weiter sagen. Ich weiß, Klischee, aber trotzdem:

Carpe Diem!


P.S: Johnsons Abschiedsalbum, zusammen mit Roger Daltrey von The Who aufgenommen, ist übrigens sehr hörenswert. Es klingt irgendwie nicht wie das Album eines Mannes, der weiss, dass er noch ein paar Monate zu leben hat.

Es klingt wie das Album eines Mannes, der einfach nur Spaß daran hat, Musik zu machen.

Nette Bea, aber es kippt!

Wir befinden uns in einem kleinen Häuschen in der Nähe des Goting-Kliffs auf der Insel Föhr. Draußen fegen orkanartige Windböen durch die Straßen, wühlen das Meer auf und peitschen Regen und Gischt in die Gesichter all jener Menschen, die – je nach Sichtweise – entweder so verwegen oder so unvorsichtig sind, sich jetzt im Freien aufzuhalten.

Frau K., die Hunde und ich, wir haben unseren Patrouillengang am Kilff glücklicherweise schon vor einiger Zeit hinter uns gebracht, sitzen jetzt sicher und aufgewärmt in unserer Unterkunft und fragen uns, was wir mit dem Rest vom Tag am geschicktesten anfangen können.

Da fällt mir spontan ein, dass ich ja noch ein Inkognito-Konto bei der Fotocommunity – Deutschlands größter und ältester und galeriewyrdigster Hobbyknipser-Plattform – unterhalte, welches ich mir vor langer Zeit neben meinem eigentlichen Konto extra für Fotos von unserer Lieblingsinsel im hohen Norden angelegt hatte ("Oluf Braren" ist der Name eines nordfriesischen Landschaftsmalers, der auf Föhr geboren wurde, wirkte und starb, ohne dass die Welt zu Lebzeiten groß Notiz von ihm nahm; er schien mir als Pseudonym damals irgendwie passend, vermutlich hatte ich gerade mal wieder Musik veröffentlicht oder so...)

Ich krame also ein bißchen auf meiner Festplatte und finde tatsächlich meine Zugangsdaten für eben jenes Konto wieder. Ich melde mich an und werde sogleich gewahr, wie viel und gleichzeitig wie wenig sich seit 2012 bei der Fotocommunity gändert hat.

Vor sieben Jahren nämlich – und damit wirklich rein zufällig zu jenem Zeitpunkt, als meine Aktivitäten auf der "FC" endgültig zum Erliegen kamen – wurde die einst stolze Plattform vom Weka-Verlag geschluckt, und es geschah, was anscheinend immer geschehen muss, wenn ein großer Verlag eine Online-Plattform kauft: Die Plattform wird als Werbeträger mißverstanden, jedes verfügbare Stück Screen Real Estate wird in der Folgezeit penetrant mit animierter Bannerwerbung und "Fireplaces" (so heißt im Werbefuzzi-Neusprech jene aufdringliche Unverschämtheit, die sich einmal als Rahmen um den eigentlichen Content legt) zugemüllt, und wenn man wirklich ganz enormes Pech hat, dann grinst einem auf irgendeiner dieser Anzeigen aus dem Bodensatz des Werbe-Backfills auch noch Frank Thelen entgegen.

Wenn die Werbung auf Deiner Plattform mehr Platz einnimmt als der eigentliche Content, dann weisst Du, dass Du besser jemand gefragt hättest, der sich damit auskennt.

Nun steht die FC mit diesem Schicksal nicht allein da, und man kann ihr auch nicht wirklich einen Vorwurf daraus machen... ich war selbst einmal bei einer ganz ähnlichen Plattform angestellt, der es nach dem Aufkauf durch einen großen Verlag ganz genau so erging... und ich weiß aus eigener leidlicher Erfahrung, wie anstrengend und hoffnungslos sich der Kampf gegen Windmühlen gestaltet, wenn man selbst in dem System gefangen ist.

Ich könnte jetzt also weiter ätzen und kritisieren und nerven... und weiter darüber dozieren, wie es die Zeit mit der FC nicht gut gemeint hat, wie die falschen Dinge geändert und die ganz enorm hoffnungslos falschen Dinge beibehalten wurden.

Aber Tatsache ist, dass ich der Fotocommunity, in der ich mich vor 15 Jahren (!) zum ersten Mal anmeldete, irrsinnig viel zu verdanken habe.

Es wären zwei bis drei sehr lange Geschichten, und es würde jeglichen Rahmen sprengen, sie hier in aller Ausführlichkeit zu erzählen (tatsächlich habe ich im ersten Entwurf dieses Artikels den Versuch unternommen... das war vorgestern, und dann wurde mir klar, dass ich die nächsten zwei Wochen lang schreiben würde, und ich habe es wieder bleiben lassen). Zusammengefasst ist es folgerndermaßen:

Ich habe über die FC Menschen und Sichtweisen kennen gelernt, die meinen Horizont erweitert haben. Frau K. und ich, wir zählten auf dieser Plattform lange zu den bekannteren Gesichtern, und es war spannend und inspirierend.

Ich wäre ohne die Fotocommunity nie ins Rheinland gezogen, und ich hätte nie im Imaging-Business gearbeitet. Und dies nicht etwa über Umwege oder Inspiration, sondern tatsächlich, weil die FC und ihre Mitarbeiter selbst und direkt einen großen Anteil daran hatten.

Und, was noch unendlich viel schwerer wiegt: Ich hätte ohne die Fotocommunity nie Frau K. kennengelernt.

Mein Leben wäre ohne diese Plattform ein völlig anderes. Ich würde jetzt nicht auf der Insel sitzen, Bubas Bauch kraulen und auf eine wunderbare und aufregende Zeit zurückblicken.

Ich wäre ein anderer Mensch mit einem anderen Leben.

Natürlich gibt es Gründe, warum Frau K. und ich inzwischen nicht mehr in der Fotocommunity aktiv sind.

Einer der Kommentatoren für mein Inkognito-Konto wünscht mir "viel Spass beim Bewerten und Bewerten lassen", und da haben wir es auch schon: Wir verspüren einfach überhaupt keine Lust, unseren künstlerischen Output irgendwie bewerten zu lassen, und schon gar nicht von gewissen Gestalten, die nicht das geringste davon verstehen.

Es gab, so kann ich mich dunkel erinnern, noch diverse andere Gründe... die Art und Weise, wie damals mit J. umgesprungen wurde (einem wirklich sehr genialen Aktfotografen und Künstler, für den Modell zu stehen auch Frau K. und ich die Ehre hatten, und der rausgeekelt wurde, weil gewisse Menschen seine Bilder als bedrohlich und gewaltverherrlichend empfanden), der doppelmoralische Umgang mit Männer-Aktfotografie (zumindest damals... ich weiß nicht wie es heute ist), und nicht zuletzt die vollkommen alberne "Galerie" und das Voting ... aber das ist alles Geschichte, ich rege mich über derlei Dinge schon lange nicht mehr auf, und die Welt dreht sich weiter.

Und trotzdem sitze ich jetzt auf meiner stürmischen Insel und entsinne mich sehr deutlich und mit einem ordentlichen Stück Melancholie daran, wie ich meine ersten zögerlichen Schritte auf der Fotocommunity tat... wie sich das alles entwickelte, wie diese Plattform unglaublich wichtig für mich wurde, und wie sie dann viele Jahre später in der Bedeutungslosigkeit versank.

Vielleicht lade ich doch mal wieder ein paar Bilder dort hoch. Und vielleicht lasse ich mir auch gerne mal wieder was von der "Bea" erzählen, oder dass der Horizont kippt, die Schärfe fehlt, die Regel zum goldenen Schnitt verletzt wurde und das Bild – contra! – nicht galeriewyrdig ist.

Der alten Zeiten wegen.


War ganz toll, hätte nicht sein müssen

2018 war ein Jahr der Gegensätze.

Es sind Dinge geschehen, die mich sehr glücklich machen... aber auch solche, die bei mir vermutlich auch in Jahren noch verständnisloses Kopfschütteln auslösen werden. Gegebenheiten, die mich durchaus Hoffnung schöpfen lassen und Erfahrungen, bei denen ich allmählich resigniere.

Es wird Zeit, eine alte Tradition wieder aufleben zu lassen, und meine persönliche Liste mit Tops und Flops aus dem Jahre 2018 ins Netz zu stellen.

Das Schöne an solchen Listen ist – selbst wenn die "Flops"-Seite dazu verleitet, Gift und Galle zu spucken, so hat man doch gleich auf der linken Seite etwas dazu stehen, was einem sagt: "Siehst Du wohl... ist gar nicht so schlimm".

Trotzdem, für das nächste Jahr, mehr links und weniger rechts... wäre mir sehr lieb.  

War ganz tollHätte sowas von überhaupt
nicht sein müssen
❤️ Frau K. ❤️Menschen, die sich für etwas
Besseres halten.
Das beste Hunderudel der Welt
Den ganzen Sommer lang
erfolglos nach einem neuen
Zuhause suchen.
Cosi!Herzwürmer bei Candor
Candors vollständige GenesungRathaus Bad Honnef
Picknick-Abende
auf der Dorfwiese
(mit Blutmond-Extra!)
Den Geburtstag allein verbringen
Reiten lernen!Renate Weber Immobilien
"Thanksgiver" veröffentlichen"Thanksgiver" verkaufen müssen
Das Blog neu startenDrei Herzchen für Chrissie
Mit netten Menschen lange
Sommernächte auf der 
Pferdewiese verbringen
Twitter
Beim besten Brötchengeber der 
Welt angestellt sein.
Kunden, die uns einen Sommer
lang durch brennende Reifen
springen lassen.


Outtakes (3): I'll Fall In Love Again (Demo)

"I'll Fall In Love Again" war der erste Song, der bewusst für das neue Album geschrieben wurde... noch lange, bevor uns klar war, in welche Richtung sich dieses Album schließlich entwickeln würde.

Als Thanksgiver dann immer deutlichere Formen annahm, passte dieser Song irgendwann einfach nicht mehr, und wir hörten auf, weiter daran zu arbeiten.

Trotzdem mag ich ihn sehr, denn er zeigt noch einmal sehr schön unsere "poppige" Seite, und er unterstreicht sehr deutlich Steffis wunderbare Fähigkeit, sich in so gut wie alles, was ich schreibe, vollständig einzufühlen und es mit Leben zu füllen...

Zumindest die erste Strophe des Songs ist übrigens inspiriert von der traurigen Geschichte einer (damals noch) sehr engen Freundin, die ihren damaligen (und auch noch heutigen) Partner dabei erwischt hatte, wie er sie nach Strich und Faden belog und betrog. Natürlich habe ich ihr das Lied nie gezeigt, und sie würde auch nie auf die Idee kommen, freiwillig Musik von mir zu hören oder gar im Netz danach zu suchen. Allerdings machte sie damals leider den Fehler, mich um Rat zu fragen – und die Geschichte ging aus, wie solche Geschichten immer ausgehen (siehe: alle Klammern in diesem Absatz)... auch ein Grund, das Lied eher nicht auf dem Album unterzubringen.

Wie gesagt, ich mag es trotzdem. 

Outtakes (1): Visionary Man

(Stephan in seiner besten David-Tennant-Imitationsstimme):

So, Outtakes.

Outtakes, ey? Outtakes.

Ouuuuuut-takes. Outtakes! 

Outtakes, outtakes, outtakes, outtakes, outtakes, outtakes... outtakes!

Ja, ok, ich komm wieder runter. Wir fangen an mit dem ältesten Song, der auf unsere neue Platte gekommen wäre, wenn er denn drauf gekommen wäre, was er nicht ist.

"Visionary Man" war einer der Tracks, die ich nach 2013 für ein steffi-loses Botany Bay schrieb und schließlich auch aufnahm.  Aus mehreren Gründen geriet dieses Vorhaben zur mittleren Katastrophe. Steffis "Nachfolgerin" war für mich schon bald auf sehr vielen Ebenen unerträglich... und das, was ich schließlich veröffentlichte (das Beitragsbild zeigt das Original-Coverartwork von Elektroll, CC-BY), wurde dann auch hauptsächlich ignoriert bzw. von ein paar netten Menschen auf Diasp*ra  zerrissen.

Tja, was soll ich sagen, sie hatten recht. 

Im Bild: Steffi (hinten) und Buba (vorne)... zwei Frauen, denen man nicht so leicht widerspricht...

Als Steffi und ich uns wieder gefunden hatten und schließlich durchhörten, was wir inzwischen so an Musik geschrieben hatten und für unser neues Album eventuell verwenden könnten, stolperten wir auch über "Visionary Man". Steffis spontane Meinung war: "Wow, den möchte ich gerne machen..."

Und ich so: "Nee, lass mal, das war ziemlich scheiße damals..."

Und sie so: "Aber das ist ein toller Song!"

Ich so: "Ja, es könnte ein toller Song sein, aber dann müsste man ihn praktisch neu aufnehmen und alles anders machen."

Und daraufhin wieder sie so: "Dann lass uns das machen! Hopp, ich helf' Dir auch. Na komm schon, los, fangen wir an, wird's bald?!"

Wie der geneigte Leser an dieser Stelle eventuell ahnt, ist es äußerst schwierig und mitunter auch töricht, Steffi zu widersprechen. Und so gingen wir hin, und nahmen "Visionary Man" quasi vollkommen neu auf (vom ursprünglichen Song blieben genau 3 Spuren übrig). 

Hier ist er, im Prinzip fix und fertig abgemischt:

Dass er schließlich nicht auf "Thanksgiver" kam, hat mehrere Gründe. Der wichtigste und offensichtlichste Grund: Er passt einfach nicht darauf, weder stilistisch noch thematisch noch sonst irgendwie. 

Und der andere Grund: "Visionary Man" handelt von einem hierzulande aus Boulevardpresse, Casting-Shows und Backfill-Werbebannern (mittlerweile) relativ bekannten Seriengründerdarsteller, dessen größtenteils unverdienten Ruhm zu mehren ich vor langer Zeit einmal das ganz außerordentliche  Missvergnügen hatte, und dessen Name hier nicht genannt werden soll. Ich hatte schon damals beim Schreiben der Lyrics das ungute Gefühl, dass diese Person nicht auch noch ein Lied von mir verdient hatte, und dass ich eher über wichtige Dinge schreiben sollte... und heute denke ich das noch viel mehr. 

Aber auf der anderen Seite ist der Song ein schönes Beispiel dafür, dass wir auch ganz anders klingen können, dass Steffi ganz großartige Backing Vocals arrangieren kann, und dass ich auch zu einer ganz anderen Art der Musikproduktion imstande bin (die mir durchaus auch Spaß gemacht hat). Und außerdem hat die Coda ein großartiges Saxophonsolo von jenem Ernst Nellessen, der schließlich auch weite Teile von 'Thanksgiver' mit Klarinette und Saxophon verzaubern sollte. Allein deshalb hat der Song es verdient, auch mal gehört zu werden. In diesem Sinne... viel Spaß damit!

Nachdenken über die Wölfe

Das Jahr neigt  sich dem Ende zu, es wird kalt und winterlich, und es ist an der Zeit, ein wenig über die Wölfe nachzudenken. Oder besser gesagt, über Thanksgiver, und über das Wolfsrudel, das zur Mitte der ersten Seite zu einer heiligen Wanderung über eine weit in der Zukunft existierenden Welt aufbricht (oder vielleicht auch gar nicht so weit in der Zukunft. Sicher ist, die Menschheit wird diese Welt nicht erleben)

Ich bin unglaublich stolz auf Thanksgiver. Es wurde genau das Album, das es werden sollte. Ich bin sehr zufrieden damit, und noch mehr erfreut es mich, dass außer den beteiligten Musikern weitere 37 Menschen diese Geschichte oder besser diese Gefühle ebenfalls erfahren durften. 

Es gibt nur leider ein kleines Problem. Ein Problem, das wir freiwillig und sehenden Auges provoziert haben, denn ansonsten hätte es dieses Album in dieser Form nicht gegeben, und zwar: Wir haben 300 Stück davon gemacht und eine große Summe Geld dafür ausgegeben.

Ich bereue nichts davon.  Aber es ist an der Zeit, den Tatsachen ins Auge zu blicken:

Ausser den erwähnten 37 Menschen interessiert sich niemand für "Thanksgiver". Anpreisungen des Werks auf Twitter bleiben ohne irgendwelche Ergebnisse; das Musik-Widget auf diesem Blog wird von 0.02% der Besucher verwendet  (was daran liegen dürfte, dass die meisten meiner Stammleser das Album bereits besitzen... an dieser Stelle nochmal vielen Dank, ihr seid die besten!), und auch die paar Reviews, die in Musikzeitschriften und Blogs erschienen, machen keinen Unterschied: Niemand will "Thanksgiver" haben. Wir haben seit der Release-Party im Oktober ganz genau null Exemplare verkauft.

Nun, es reicht uns im Prinzip durchaus, dass 37 Menschen  sich auf die musikalische Reise von "Thanksgiver" eingelassen haben. Wir wollten einen würdigen Abschluss, hauptsächlich für uns selbst, und wir haben ihn bekommen. 

(Zugegeben: Ein bisschen schade ist es, wenn alte Weggefährten nicht mehr auf uns reagieren, Internet-Radiostationen keine Lust mehr auf uns haben, befreundete Bands mit außergewøhnlichen Buchstaben im Bandnamen anscheinend doch nicht so richtig befreundet mit uns waren... etc. pp. Aber auf der anderen Seite war uns von Anfang an klar, dass nicht jeder auf diese neue Reise mitkommen würde, und jeder einzelne von den 37, die es trotzdem getan haben, macht uns dafür um so glücklicher).

Aber, und hier ist das eigentliche Problem: Die fünf fetten Kartons mit unverkauften Platten, die hier im Studio rumstehen, sind ein herber finanzieller Verlust für uns, und überdies eine stetig schmerzhafte Erinnerung daran, dass das Internet (auch) zum Ansprechen neuer Hörer inzwischen ein vollkommen beschissener Platz ist. Und: fünf ungewollte und unbeachtete Kartons voll mit der schönsten Musik, die ich je gemacht habe, das trübt das Bild vom "würdigen" Abschluss ein ganz kleines bisschen. 

(bevor jetzt jemand sagt "Dann bietet halt auch mp3-Downloads an, nicht jeder will eine wunderschöne, aufwändig gestaltete Vinyl-Platte haben": Tun wir. Haben wir auf ausdrücklichen Wunsch einiger Menschen gemacht. Das Ergebnis? Niemand, weder diese einige Menschen noch sonst wer, hat einen mp3-Download gekauft). Einer dieser Menschen hat einen mp3-Download gekauft. Ok, das war's zwar durchaus wert, aber es löst das Gesamtproblem leider trotzdem nicht).

(Update 19.12.: Zwei Menschen! Wowzers!)

Das Problem ist natürlich, wie so oft, das Internet, bzw. die Erwartungen der Menschen, die sich inzwischen in demselben tummeln. Es ist kein Wunder, dass kaum mal einer der 3-4 wöchentlichen Interessenten auf Bandcamp auch nur bis zum ersten Drittel von "Winter Wolfpack Serenade" kommt, wenn sie alle eine solche Herangehensweise an Musik haben:

An dieser Stelle eine kleine und hemmungslose Offenbarung: Ich hasse Twitter. Ich hasse es abgrundtief, Menschen von meiner Musik überzeugen zu müssen. Ich hasse es, wenn Leute ihre Follower darüber informieren, gerade defäkiert (oder eingekauft, oder die Fenster geputzt) zu haben, und dafür hundert mal mehr Feedback bekommen, als wenn ich einen neuen Song ankündige. Ich hasse, mit etwas hausieren gehen zu müssen, was mir heilig ist. Ich hasse, mich mit "Meinungen" wie obiger auseinander setzen zu müssen. Ich hasse dieses ganze elende Scheißgeschäft mit der Musik im Internet. Ich will das alles nicht, meine siebenunddreißig Hörer hätten mir vollständig genügt. 

Aber jetzt stehen hier eben diese fünf Kartons, die wir irgendwie los werden müssen. Ich war drauf und dran, diese Platte nicht rauszubringen, damit ich mir diesen endlosen Verkaufsfrust hätte ersparen können, aber Steffi hat mich vom Gegenteil überzeugt... und so ist es jetzt.

Der Original-Trailer zu "Thanksgiver"

Zur Lösung des Problems hatten Steffi und ich jetzt auch schon ein paar Krisensitzungen, und es stehen zwei Vorgehensweisen im Raum:

  1. Wir produzieren, exklusiv für die Leute die sich zu schade dazu sind, mal ein paar Minuten zuzuhören, eine radiotaugliche Single-Version von "Wolfpack" (der einzige Song auf "Thanksgiver", der noch entfernt an Popmusik erinnert) und einen Videoclip dazu (der vom Stil ungefähr so werden würde wie der erste Trailer, den wir für unsere Fans letztes Jahr veröffentlicht hatten, nur mit ein bisschen semi-nackten Menschen, damit die Leute auch hinschauen), stellen das ganze auf youtube und bitten Katja (die vor einigen Monaten unseren Twitter-Account übernommen hat, inzwischen aber davon genau so frustriert ist wie ich) darum, das Teil in der Weltgeschichte zu verteilen. Und hoffen, dass wir so ein paar neue Fans finden.  Oder...
  2. Wir suchen uns ein paar ausgewählte, exklusive und passende Locations, und bringen "Thanksgiver" noch mal live auf die Bühne. Und zwar dieses Mal – im Gegensatz zum Release-Event – mit voller Besetzung und vollständig live, ohne Playback vom Sequencer. Und wer möchte, kann nach unserer Darbietung dann eine Platte kaufen (was die Menschen dann üblicherweise durchaus machen).

Beide Lösungen hätten Vor- und Nachteile.

Die Video- und Song-Edit-Geschichte ist (im Vergleich zur Tour) mit relativ geringem Aufwand schnell umgesetzt. Aber die Erfolgsaussichten sind meiner Meinung nach zweifelhaft... und eine der wunderschönen Seiten an "Thanksgiver" ist es, dass wir uns für dieses Album in absolut keinerlei Hinsicht irgendwie verbogen haben. Jetzt ein Video für das Reiz-Reaktion-Reiz-Reaktion-geschädigte Twitter-Publikum zu machen, das wäre für mich schon arges Verbiegen.

Eine kleine und exklusive "Thanksgiver"-Tour wäre musikalisch eine schöne Herausforderung... es macht Spaß, auf der Bühne zu stehen, und es wäre für Steffi und mich noch einmal die Chance, etwas zusammen auf die Beine zu stellen. Aber es wird ein großer Aufwand, "Thanksgiver" live vernünftig hinzukriegen. Prima Beispiel: Auf 'Serenade' spielen Horn, Klarinette, Saxophon, Cello, zwei Gitarren, ein Klavier, eine Hammond-Orgel, eine Hohner Organa, ein Bass... und natürlich Steffi am Mikrophon. Auf der Release haben wir das noch mit Playback vom Band abgefrühstückt... für einen "richtigen" Live-Auftritt geht das aber nicht. Und wir wollen kein "Thanksgiver Light" spielen... wenn wir das schon live machen, dann richtig. Wir brauchen mehr Musiker, und wir brauchen passende Locations. Das wird extrem schwierig.

Tja, und so sieht es jetzt aus. Das sind die zwei Ideen, die wir haben. Ich bin sehr gespannt, wie so die Meinungen im geschätzten Schall-und-Stille-Debattierclub sind. Was meinen Sie, geschätzte Leser?

1 oder 2?

Sollen wir das Wolfsrudel trennen und einen Teil seiner Geschichte in leicht erfassbaren bewegten Bildern dokumentieren?

Oder sollen wir das Risiko eingehen, mit dem Wolfsrudel in der Manege zu stehen, um dem Zirkuspublikum unsere Magie vorzuführen?

Oder fällt Ihnen noch etwas ein, was wir übersehen haben?

Die Kommentar-Sektion ist eröffnet 😉

Liebe Künstler...

...und LGBTQ-Leute, und Fotografen, und Querdenker, und Manga-Liebhaber, und Musiker, und solche, die das alles zusammen und noch mehr sind... (im folgenden der Einfachheit halber und keineswegs generalisierend abgekürzt als 'liebe Künstler')

Es ist also mal wieder passiert.

Das, was im Netz schon so oft passiert ist:

Der ehemals hippe (und unter Künstlern, LGBTQ-Leuten, etc. sehr beliebte) Micro-Blogging-Dienst Tumblr verbietet "adult content".

Nicht nur für unter-18-jährige, sondern für alle. Und er bittet, wie schon viele Plattformen vor ihm, um eifriges Petzen und Blockwart-Spielen und markiert währenddessen schon mal fürsorglich alles was seinen mies programmierten ML-Routinen oder seinen nicht weniger mies programmierten Mitarbeitern nicht passt als nicht passend. Farbige Menschen zum Beispiel. Oder Wüstenlandschaften. Oder einen Blumenstrauss.

So weit, so nicht neu.

Auch nicht neu ist euer "Aufschrei", liebe Künstler. Dass ihr euch hintergangen, bevormundet und "zensiert" fühlt. Schockiert tauscht ihr euch darüber aus, was man jetzt machen könnte, schreibt Petitionen und ähnlichen Scheiß mehr... und macht euch auf die Suche nach Alternativ-Plattformen.

Es ist keine neue Weisheit, die ich hier loswerden möchte, und sie wurde schon an sehr vielen Stellen nett und sachlich formuliert... aber anscheinend muss mal jemand hingehen und es nicht nett und vollkommen unsachlich formulieren, damit ihr es kapiert.

Also gut, hier kommt es:

Jetzt wacht halt endlich mal auf, verdammte Scheiße!

Tumblr gehört Oath, und das erklärte Ziel von Oath ist es, die Welt mit Werbung zu verpesten bis niemand mehr atmen kann.

Sorry, dass ihr es von mir erfahren müsst, aber: Eure Bilder, Texte und Zeichnungen könnten denen nur mit unmenschlich krass viel Mühe noch mehr scheißegal sein.

Achtung! Vorsicht! Genitalien! Dieses Bild löst Kriege aus und sorgt dafür, dass rechtsextreme Parteien in den Bundestag kommen. Ferner ist es dafür verantwortlich, dass 1% der Menschheit mehr besitzt als die restlichen 99% zusammen. Oh, und auch dass irgendwelche Arschlöcher ihre Rechnungen nicht zahlen und damit ehrliche Menschen an Weihnachten in den Ruin treiben, das ist ganz selbstverständlich die Schuld dieses Bildes.

Tumblr, Instagram, Facebook, Twitter, Google und all der andere Dreck, die gehören euch alle nicht. Es sind keine netten Wohltätigkeitsveranstaltungen, sondern milliardenschwere Firmen, in denen irgendwelche Krawattis monatlich euer Jahresgehalt in den Arsch geschoben kriegen, damit sie neue Wege finden, wie man noch mehr Geld aus euren Daten machen kann.

Es sind keine Staaten und schon gar keine Demokratien, also zensieren sie euch auch nicht. Sie machen einfach das, was sie für richtig halten und gerade noch so dürfen (und in manchen Fällen auch das, was sie nicht dürfen, wie zum Beispiel einem durchgeknallten Faschisten mit totem Hamster auf dem Kopf zum Wahlsieg verhelfen, aber ich schweife ab).

Und sie sind auch nicht das Internet.

Und sie sind auch nicht das World Wide Web.

Sie sind nur zufällig im World Wide Web, weil meine Generation leider nicht bedacht hat, dass genau so was passieren würde, wenn man so ein Netz baut.

Aber hier ist die frohe Kunde zu Weihnachten: Ihr könnt genau so im World Wide Web sein. Mit eurer eigenen Seite, eurem eigenen Blog, nach euren eigenen Regeln.

(ja, ich gebe zu, es ist etwas schwieriger geworden, mit all den Internetausdruckern und alten Männern mit Kugelschreibern, die das Netz irgendwie per Gesetz für die Zwecke ihrer Parteispender formen wollen, aber es ist immer noch machbar)

Also hört doch bitte endlich auf damit, beleidigt nach dem nächsten Millionär zu suchen, der euch dann wieder scheiße behandelt, weil ihm seine Millionen noch nicht reichen... sondern holt euch das Internet zurück. Macht ein Blog auf. Was eigenes. Und holt die Feedreader wieder raus.

Ich tu euch auch auf meine Blogroll, versprochen.

Das Mädchen am Telefon (Teil 2/10)

< zu Teil 1

II.

Helena tat alles, was in ihrer Macht stand.

Sie ging auf Nicole ein, redete beruhigend und ablenkend mit ihr lange über alles Mögliche und ließ sich schließlich und allmählich die Geschichte – oder zumindest einen Teil der Geschichte – erzählen, welche Nicole auf diese Brücke getrieben hatte.

Nicoles Mutter hatte vor einem Jahr neu geheiratet. Vor einem halben Jahr hatte dann Nicoles Stiefvater damit begonnen, das 12jährige Mädchen regelmäßig zu vergewaltigen.

Heute Abend schließlich hatte Nicole all ihren Mut zusammengenommen und „Das Mädchen am Telefon (Teil 2/10)“ weiterlesen