Liebe Künstler…

…und LGBTQ-Leute, und Fotografen, und Querdenker, und Manga-Liebhaber, und Musiker, und solche, die das alles zusammen und noch mehr sind… (im folgenden der Einfachheit halber und keineswegs generalisierend abgekürzt als ‚liebe Künstler‘)

Es ist also mal wieder passiert.

Das, was im Netz schon so oft passiert ist:

Der ehemals hippe (und unter Künstlern, LGBTQ-Leuten, etc. sehr beliebte) Micro-Blogging-Dienst Tumblr verbietet „adult content“.

Nicht nur für unter-18-jährige, sondern für alle. Und er bittet, wie schon viele Plattformen vor ihm, um eifriges Petzen und Blockwart-Spielen und markiert währenddessen schon mal fürsorglich alles was seinen mies programmierten ML-Routinen oder seinen nicht weniger mies programmierten Mitarbeitern nicht passt als nicht passend. Farbige Menschen zum Beispiel. Oder Wüstenlandschaften. Oder einen Blumenstrauss.

So weit, so nicht neu.

Auch nicht neu ist euer „Aufschrei“, liebe Künstler. Dass ihr euch hintergangen, bevormundet und „zensiert“ fühlt. Schockiert tauscht ihr euch darüber aus, was man jetzt machen könnte, schreibt Petitionen und ähnlichen Scheiß mehr… und macht euch auf die Suche nach Alternativ-Plattformen.

Es ist keine neue Weisheit, die ich hier loswerden möchte, und sie wurde schon an sehr vielen Stellen nett und sachlich formuliert… aber anscheinend muss mal jemand hingehen und es nicht nett und vollkommen unsachlich formulieren, damit ihr es kapiert.

Also gut, hier kommt es:

Jetzt wacht halt endlich mal auf, verdammte Scheiße!

Tumblr gehört Oath, und das erklärte Ziel von Oath ist es, die Welt mit Werbung zu verpesten bis niemand mehr atmen kann.

Sorry, dass ihr es von mir erfahren müsst, aber: Eure Bilder, Texte und Zeichnungen könnten denen nur mit unmenschlich krass viel Mühe noch mehr scheißegal sein.

Achtung! Vorsicht! Genitalien! Dieses Bild löst Kriege aus und sorgt dafür, dass rechtsextreme Parteien in den Bundestag kommen. Ferner ist es dafür verantwortlich, dass 1% der Menschheit mehr besitzt als die restlichen 99% zusammen. Oh, und auch dass irgendwelche Arschlöcher ihre Rechnungen nicht zahlen und damit ehrliche Menschen an Weihnachten in den Ruin treiben, das ist ganz selbstverständlich die Schuld dieses Bildes.

Tumblr, Instagram, Facebook, Twitter, Google und all der andere Dreck, die gehören euch alle nicht. Es sind keine netten Wohltätigkeitsveranstaltungen, sondern milliardenschwere Firmen, in denen irgendwelche Krawattis monatlich euer Jahresgehalt in den Arsch geschoben kriegen, damit sie neue Wege finden, wie man noch mehr Geld aus euren Daten machen kann.

Es sind keine Staaten und schon gar keine Demokratien, also zensieren sie euch auch nicht. Sie machen einfach das, was sie für richtig halten und gerade noch so dürfen (und in manchen Fällen auch das, was sie nicht dürfen, wie zum Beispiel einem durchgeknallten Faschisten mit totem Hamster auf dem Kopf zum Wahlsieg verhelfen, aber ich schweife ab).

Und sie sind auch nicht das Internet.

Und sie sind auch nicht das World Wide Web.

Sie sind nur zufällig im World Wide Web, weil meine Generation leider nicht bedacht hat, dass genau so was passieren würde, wenn man so ein Netz baut.

Aber hier ist die frohe Kunde zu Weihnachten: Ihr könnt genau so im World Wide Web sein. Mit eurer eigenen Seite, eurem eigenen Blog, nach euren eigenen Regeln.

(ja, ich gebe zu, es ist etwas schwieriger geworden, mit all den Internetausdruckern und alten Männern mit Kugelschreibern, die das Netz irgendwie per Gesetz für die Zwecke ihrer Parteispender formen wollen, aber es ist immer noch machbar)

Also hört doch bitte endlich auf damit, beleidigt nach dem nächsten Millionär zu suchen, der euch dann wieder scheiße behandelt, weil ihm seine Millionen noch nicht reichen… sondern holt euch das Internet zurück. Macht ein Blog auf. Was eigenes. Und holt die Feedreader wieder raus.

Ich tu euch auch auf meine Blogroll, versprochen.

12+

15 Replies to “Liebe Künstler…”

  1. Wahlweise das – oder versucht einen Anbieter zu finden, bei dem ihr „Kunde“ seid und nicht Produkt. In all dem Durcheinander ist das das größte und übelste Problem, das ich sehe: Nahezu alle aus den benannten Zielgruppen haben über viele Jahre hinweg völlig problemlos akzeptiert, daß sie all den ganzen Kram, all den Server-Space und die Apps und 24×7 verfügbare, schnelle Websites und unbegrenzt Storage und quasi unbegrenzt „Zielgruppe“ natürlich und selbstverständlich „für lau“ bekommen – finanziert bestenfalls durch ein paar Werbungen, die sich mit dem Adblocker im Browser mit überschaubarem Aufwand entfernen lassen. Was erwarten wir denn? Jeder, der jemals mit Software, Infrastruktur, App-Entwicklung, … zu tun hatte (oder gar versuchte, davon zu leben), wird wissen, daß das allesamt schwerlich Leistungen sind, die man langfristig verschenkt, selbst wenn man seinen eigenen Anteil daran vielleicht freiwillig erbringt.

    Insofern: Ja. Schreibt wieder Blogs. Belebt das dezentrale Internet. Nutzt Mastodon, Movim, Diaspora und wie dieser ganze Kram heißt. Aber überlegt auch mal, ob es vielleicht Anbieter gibt, die Euch solche Dienste bereitstellen, gegen einen kleinen Obulus, aber mit einer Kalkulation, die Euch zu *Kunde* mit gewissen Ansprüchen werden läßt, nicht nur zu einem Produkt. 😉

  2. Ja, RSS und Atom ist immer noch der Stand der Dinge, wenn es um freien Informationsfluss geht. Und das Protokoll hält noch viele Möglichkeiten und ist noch lange nicht am Ende, auch wenn man das Wort PubSubHubbub nicht aussprechen kann, ohne nach der dritten Silbe zu kichern.

    Auch wenn es den Google Reader nicht mehr gibt, muss man dennoch keine verstaubten Dinosaurier wie Thunderbird dazu trainieren, News irgendwie sinnvoll abzurufen. Ich glaube, ohne FreshRSS Webreader auf meinem Virtual Private Server für 4 Euro wäre ich schon verloren, wenn ich täglich zwischen PC, Laptop Workstation und Handy wechsle. Um sowas nutzen zu können genieße ich jedoch das Privileg des IT Schraubers. Das kann leider nicht jeder. Aber fragt IT affine Leute in Eurem Umfeld, ob sie nicht sowas einrichten und Euch mitbenutzen lassen wollen.

    In Ihrer Gier beschneiden uns die Firmen immer weiter, um zu testen, wie weit wir gehen und vielleicht sogar Geld zahlen wollen. Meine Hoffnung liegt hier im Kapitalismus. Der wird leicht dafür sorgen, dass die Firmen den Bogen immer wieder überspannen und sich selbst ins Aus wuppen. Das ist dann die Chance, das Netz wieder so zu gestalten, wie es anfänglich gedacht war.

    Auch die Kommunikation kann sich nochmal ändern. Wenn mal Twitter implodiert, kommt Diaspora vielleicht in Fahrt. Falls Hangouts wirklich dicht gemacht wird oder so umgebaut, dass es unbenutzbar ist, werden vielleicht einige Admins einen Matrix Server aufsetzen. Und dann können wir IT Leute wieder anfangen, unsere dezentralen Dienste für eine überschaubare Gemeinschaft zu öffnen, und jeder von uns deckt sein kleines Einzugsgebiet von Usern und Services ab. Das Ergebnis wird größer sein als die Summe seiner Teile. Und wir ITler können das. Wir haben die Mittel und das KnowHow. Wir warten, bis der Kapitalismus und der Menschenhass alle großen Dienste aufgefressen hat und fangen dann einfach nochmal an.

    1. Das Problem ist: Wir ITler (zu denen ich mich leider auch zähle) können es leider nicht. Die Technologien, die wir jetzt wieder propagieren – RSS, Weblogs, XMPP, dezentrale Netze, dieser ganze Kram – waren vorher schon da. Was ist passiert? Es kamen Unternehmen, die diesen Krempel *nutzbar* gemacht haben. Plötzlich gab es nicht mehr RSS, sondern Twitter oder Facebook. Plötzlich gab es keine nervigen Trackbacks und immer irgendwie anders aussehende Kommentar-Formulare oder lokale Moderation oder den ganzen Mist. Plötzlich konnte man relativ schnell und ohne technische Hindernisse mit Menschen kommunizieren. *Wir* ITler hätten die großen Dienste, all diese „walled gardens“, verhindern können, hätten wir von Anfang an weniger Zeit in technikverliebte Lösungen investiert und stattdessen mehr Zeit in Lösungen, die sich von End-Nutzern auch tatsächlich bedienen lassen. Bestes Beispiel WhatsApp. Die haben nichts Neues getan – nur ein bestehendes Protokoll (XMPP) genommen und damit einen Messenger auf Smartphones gebracht, zu einem Zeitpunkt, als viele in unserer Tech-Dunstblase diese Geräte noch als Marketing-Getöse und unnütze Spielerei belächelt haben („wer will schon Internet auf so einem kleinen Display“).

      Wir sind Teil des Problems.

      Solang wir das nicht begreifen, werden alle anderen Alternativen nur temporär sein, wird jedes dezentrale Netzwerk nur so lang interessant, bis ein neuer „shiny big player“ kommt, der nicht-technische Nutzer wahrnimmt, deren Vorstellungen und Anforderungen realisiert und einer breiten Masse erneut eine robuste, verfügbare, leicht zu bedienende Lösung schenkt, die für sie einfach nur funktioniert. 🙁

      1. Wieso war das WhatsApp, mit XMPP? War das nicht TextSecure/Signal? Signal ist eine wunderbar Anwender-freundliche App und es bleibt mir ein Rätsel, wieso alle WhatsApp-Müden scheinbar sogar lieber Telegram installieren statt einfach Signal zu verwenden…

        Als reinem Anwender wäre mir die liebste Lösung übrigens, dass mir kommerzielle Dienste angeboten werden, für die ich zahle, die dann aber werbefrei sind und sorgsam mit meinen Daten umgehen.

  3. Absolut, das haben wir ITler verkackt, mit Konfetti und Trompete. „Klar geht das, ich habs hier geschafft, wenn Du es nicht schaffst, ist das Dein Problem“. Davon müssen wir weg, und dabei werden zwangsläufig auch Dienste wie XMPP und IRC und so ein Kram endlich weg müssen.

    Und zwar nicht, weil sie schwierig zu installieren sind, sondern weil sie für Nicht-Admins schwierig zu benutzen sind. Es wird immer so bleiben, dass nur wir ITler komplexe Services aufsetzen können. Aber das ist ja nicht falsch. Ich fahre auch Auto, ohne, dass ich eines bauen kann. Wenn Autos so kompliziert wären, dass nur ein Mechaniker es fahren kann, dann hätten wir jetzt keinen Dieselskandal, keine Feinstaubprobleme und keinen Verkehrskollaps.

    Das heißt, wir ITler müssen Software deployen und verwenden und im zweiten Schritt auch anbieten, die so einfach zu benutzen ist und ähnlich ansprechend aussieht wie Facebook, Twitter und Whatsapp. Nur dezentral. In dieser Schublade sind Diaspora, Matrix und WordPress Multisites.

    Und dezentral heißt nicht „nur für uns selber“. Da mag der IT Profi die Nase rümpfen, über PHP ranten etc, aber am Ende müssen wir IT Admins zum Anbieter werden. Können tun wirs, wir müssen jetzt noch wollen, und wir müssen – da weiß ich keine bessere Lösung – den richtigen Moment abpassen. Sowas wie ein Tumblr, das 90% seiner Existenzgrundlage absägt, um Apple zu gefallen. ¯\_(ツ)_/¯

    1. Ja, das sehe ich ähnlich. Es läuft darauf hinaus, daß wir mehr „Dienste-Anbieter“ werden müssen, daß wir uns aber auch Gedanken machen müssen, welche Konsequenzen das hat: Schön, einen freien Matrix- oder Mastodon-Server irgendwo laufen zu haben, der meist geht. Was wird aber, wenn das mein priorisierter Kommunikations-Kanal ist, das Ding nachts um 3 (wenn ich ihn brauche) plötzlich umfällt und der Admin, der den Server normalerweise betreibt, krank ist oder drei Wochen durch Asien tourt?

      Ich habe dieses Thema ‚mal spaßeshalber mit einem Mastodon-Admin diskutiert, der auch noch andere Dienste für viele Nutzer betreibt. Seine klare Aussage war: Er hat überall Moderatoren und Admin-Unterstützung in den Diensten, aber die Verträge für die Virtual Servers, für Storage, Bandbreite, … gehören ihm, und auf dieser Ebene in Kommunikation mit seinem Provider hat er auch keine Vertretung. Damit bekomme ich kein System hin, das auch nur annähernd die Verfügbarkeit von Twitter oder Facebook hat; der Umstand, daß die gesamte Infrastruktur darüber hinaus noch dezentral gedacht ist, macht das noch einen ganzen Zacken schwerer (weil ich nicht nur einen solchen Node habe, der potentiell fragil ist, sondern zwischen mir und meinen Kontakten).

      Dort müssten wir ansetzen. Anstatt am laufenden Band neue Protokolle wie ActivityPub auf den Markt zu werfen, oder 200 parallele Implementationen davon in allen denkbaren Programmiersprachen („weil node.js Dreck ist“), oder jede zweite Woche ein neues Frontend für diesen Kram, sollten wir uns überlegen, wie wir diese „größeren“ Fragen lösen. Vielleicht braucht es ja gänzlich andere Dinge?

      – Wir könnten locker ein Netz aus *vielen* billigen VMs bei Amazon, DigitalOcean, Google Cloud, Azure, … bauen. Dort ist Datenschutz „spannend“ – ein interessantes Projekt könnte sein, Anwendungen zu bauen, die diese Infrastruktur (und ihre hohe Verfügbarkeit) nutzen und *trotzdem*, obendrauf, etwa durch kluge Verschlüsselung, Anonymisierung, Sharding von Daten quer über sehr viele solcher Endpoints, … datenschutzfreundlich zu operieren. Das würde einige Probleme lösen und wir würden die Infrastruktur am Markt nutzen, ohne uns vollständig von ihr abhängig zu machen.

      – Wir könnten versuchen, *tatsächlich* dezentrale Netze zu bauen. Wozu brauche ich einen wirklichen Diaspora-Server, wenn mein Smartphone genug Power hat, um meine gesamte Instanz in eine „lokal laufende“ App zu stecken, die mit einem dezentralen Netz anderer solcher Apps kommuniziert – also ein P2P-Netz?

      – Wir könnten uns über organisatorische Konzepte Gedanken machen, wie wir solche Dienste offerieren können, die etwas kosten, aber greifbaren Mehrwert haben. Meine Idee dazu heißt LibreSaaS (https://dm.zimmer428.net/2018/11/libresaas-revisited/), for whatever it’s worth.

      Mein Eindruck momentan ist leider: All die Alternativen werden es schwer haben, weil sie viel zu „verspielt“ sind. Getrieben letztlich von Technikern, entwickelt hauptsächlich von Technikern, teilweise (erschwerend, wie bei Mastodon) begleitet von einer sehr „speziellen“ Community mit völlig diffusen Zielen, Vorstellungen und eigentlich nur einer Gemeinsamkeit in nahezu nicht vorhandener Fähigkeit zu irgendeinem inhaltlichen Kompromiss. Eigentlich bräuchte es dafür so etwas wie eine GNOME-Foundation, eine Mozilla-Foundation oder irgendeine Organisation, die ein solches Projekt tatsächlich auch im Sinne von (*hüstel*) Projekt- oder Produktmanagement führt und die richtigen Ziele erreichbar werden lässt. Aber das ist noch endlos schwieriger… 🙁

  4. An dieser Stelle muss ich zugeben, ich habe in letzter Zeit tatsächlich neue Hoffnung geschöpft, dass es hinzukriegen ist… ein besseres Netz mit fairer und diverser Kommunikation und ohne die Absahner und Castingshow-Darsteller.

    Nicht von uns, nein, wir haben es schon mal nicht hingekriegt.

    Aber von denen, die nach uns kommen; die mit dieser Technologie anders und intuitiver umgehen… die nicht nur ein technisches Problem sehen sondern auch die gesellschaftlichen und kulturellen Implikationen.

    Die Generation, die jetzt und in der Zukunft in der IT am Start ist und das Sagen hat (oder haben wird), repräsentiert die Gesellschaft in all ihren Facetten sehr viel besser als es der Fall war, als das WWW für die breite Masse interessant wurde.

    Ein exzellentes Beispiel ist der Frauenanteil bei den Programmierern.

    Damals, in meinen „jungen Jahren“ war es in der Hauptsache (sorry, ich überspitze!) ein exklusiver nerdiger all-white-male club, der das Ding hochzog.

    Heute haben wir zwar immer noch viel zu wenig Frauen in der IT, aber es sind deutlich mehr geworden; und auch wenn das ein bisschen plakativ klingt, es macht mir persönlich große Hoffnung, wenn die IT bzw. das Netz eine stärkere weibliche Seite bekommt. Und überhaupt homogener wird.

    Aber auf der anderen Seite… ja, vermutlich muss uns dieser Scheiß hier erst mal so richtig um die Ohren fliegen, damit jemand anders kommen und es besser machen kann. Teilweise passiert das ja auch schon…

  5. Ach was, auch uns alten Hunden kann man neue Tricks beibringen. Was wir benötigen, das haben wir schon. Das Finanzprivileg und das KnowHow. Was wir noch brauchen könnten, z.B. das Verständnis für soziale Interaktionen und die Bedürfnisse nicht technikaffiner Menschen, das ist etwas, worauf wir uns jederzeit einlassen können. Die Techniken gibt es, wir müssen nur von unserem Geek Thron steigen und es mit den Menschen zusammen aufbauen. Wenn wir das tun, sind wir die beste Chance, die das Netz hat.

    Auf die nächste Generation hingegen würde ich nicht so viel wetten. DevOps, Continuous Deployment, Kubernetes, Agile Development, das sind die Tools, mit denen unsere Nachfolger gerade druckbetankt werden. Das sind Techniken, die auf Gewinnmaximierung ausgelegt und optimiert sind. Die Admins, die nach uns kommen, werden gerade von den Firmen geformt, die uns Facebook, Twitter, Whatsapp und Co gebracht haben. Auch kleinere Firmen kopieren diese Strategien, weil sie verzweifelt mithalten müssen, denn den letzten beißen die Aktionäre. Ob aus dieser Art IT Ausbildung ein Verständnis für das dezentrale offene Netz entstehen kann, so wie unsere Generation es vor 25 Jahren geträumt hat, das wage ich zu bezweifeln, aber ich lasse mich gerne positiv überraschen.

    1. Einige Deiner Urteile teile ich durchaus, aber ich halte das im Grundtenor an manchen Stellen für zu hart. 😉 DevOps, CD und agile Entwicklung habe ich auch auf dem Schirm, aus Überzeugung. Ich kenne auch Leute, die mit „mir“, zu Ende des letzten Jahrtausends, im Studium in FLOSS, in Linux und dergleichen sozialisiert wurden und sich mit solchen Dingen beschäftigen.

      Warum? Weil all diese Themen letztlich einen Sinn haben, und der ist aus meiner Sicht immer derselbe: Technologie weg von einem Selbstzweck hin zu einem Punkt zu bringen, an dem sie Probleme löst, an dem man dieses „Stehen auf den Schultern von Giganten“ eine Ebene höher hebt. In den Frühzeiten der IT gab es Systeme, die in maschinenspezifischem Assembler programmiert wurden. Irgendwann wurde C entwickelt, und plötzlich war – bis dato quasi unvorstellbar – ein System wie Unix denkbar, das auf mehreren verschiedenen Rechnern läuft.

      Heute haben wir Ansätze wie Serverless Computing, Kubernetes und dergleichen. Wir haben für Entwickler die Möglichkeit, Code *exakt* so zu testen, wie er später betrieben wird. Wir haben für Infrastruktur-Provider eine sehr klare Schnittstelle, die sie bereitstellen müssen, damit beliebige Entwickler beliebige Anwendungen dort betreiben können. Wie oft haben „wir“ noch mit unserem Provider diskutiert, ob seine Server CGI, mod_perl oder PHP in *exakt* der richtigen Version unterstützen – und warum ggfs. nicht? Container und dieser ganze Kram haben dieses Problem nachhaltig und robust gelöst. Genau wie Unix dereinst das Problem gelöst hat, mich allzu sehr um einen *konkreten* Rechner kümmern zu müssen – und half, mich mehr auf mein eigentliches fachliches Problem zu fokussieren.

      Dto agile Entwicklung. Dort wird extrem viel fauler Zauber betrieben, aber das agile Manifest etwa unterschreibe ich nach wie vor:

      „Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge.
      Funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation.
      Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlung.
      Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans.“

      Entbürokratisierung von Software-Entwicklung. Fokus auf den Nutzer statt auf starre Prozessmodelle und komplexe Regelwerke zur Anforderungsdefinition. Zusammenarbeit statt Abgrenzung – wie auch bei DevOps, wieder: Zusammenarbeit zwischen denen, die Software entwickeln, und denen, die sie betreiben (statt Fingerpointing von Operations auf Entwickler und zurück, wenn die Anwendung nach dem ersten Live-Gang umfällt). Dazu vielleicht auch ökologische Aspekte: Inwieweit können wir durch Zentralisierung von Ressourcen in sehr großen, optimierten Rechenzentren etwa Energieverbrauch reduzieren gegenüber der Idee, daß jeder KMU ein halbwegs großes eigenes RZ mit Klima, Strom und allem betreibt?

      All das kann man natürlich, trefflich und ausschließlich in den Zweck des Profits stellen. Und auch das kann man „grenzwertig“ oder „ethisch“ tun. Ich habe kein grundsätzliches Problem mit Gewinnmaximierung. Wir alle arbeiten, um Geld zu verdienen, Miete und DSL zu bezahlen und die Dinge zu tun, die uns im Leben gefallen. Das Problem mit den „kleinen Firmen“ sehe ich, erlebe ich am eigenen Leib, aber, nüchtern betrachtet: War das jemals anders? Das ist das immer wiederkehrende Thema, seit dem Zeitalter der Massenproduktion, und trotzdem ist es diesmal schon an einem Punkt anders, den man schnell vergißt: Das Gros dieses Werkzeugkastens ist für KMUs einfach „da“, ist FLOSS, ist zu offenen und meist sehr liberalen Lizenzen und vollständig kostenfrei nutzbar (anders als etwa früher ein SAP-System…).

      Was es indes braucht, sind zweifelsohne Geschäftsideen. Und das ist schwierig. Und das ist mein größeres Problem mit Großteilen des gegenwärtigen Internet: Faktisch alle haben akzeptiert, daß Dinge kostenlos zu sein haben, ganz gleich ob Apps, Suchmaschinen, Nachrichten, Musik oder Filme. Und das ist ein Stück mein Problem auch mit den dezentralen Netzwerken, derzeit: Die lösen dieses Problem nicht. Dort setzen sich enthusiastische Hobbyisten hin und ziehen Services hoch. Dort entwickeln Programmierer in ihrer Freizeit Software und geben diese „frei“ auf den Markt (früher haben wir gelernt, daß „Software Libre“ wichtiger als „Software Gratis“ ist, aber letztlich erzwingt Ersteres Zweiteres derzeit…). Aber wieder ist alles kostenlos. Und das in einem System, in dem eigentlich alle Menschen von ihrer Arbeit irgendwie leben wollen oder müssen. *Dieses* Problem sehe ich als das, was wir lösen müssten. All die Methoden und Werkzeuge der aktuellen Software-Entwicklung und -Technologie – Agile, DevOps, der ganze Zauber – ließe sich wunderbar auch einsetzen, um nachhaltige Geschäftsmodelle kostengünstig für alle Beteiligten auf die Beine zu stellen und am Laufen zu erhalten. Aber dazu müssten wir uns auf all diesen Kram einlassen, müssten wir (die „ältere“ Generation) zusammen mit unseren „Nachfolgern“ auf einen Stand kommen, nicht kritiklos, aber offen an Themen herangehen, und sehen, wie ein „robusteres“, „besseres“, … System aussehen könnte. Dazu gehört eben auch Scalability und Betrieb. Twitter, Facebook, Google sind hochverfügbar, haben weit mehr Leute für Operations und Datenschutz, als die meisten KMUs insgesamt Mitarbeiter haben. Wer versucht, das nachzubauen, kann nur verlieren – genau wie „früher“, wie man in Windows/PC-Zeiten verloren hätte mit dem Versuch, sich für eine Office-Anwendung ein eigenes Betriebssystem auf einer eigenen Hardware zu entwickeln…..

      Ich könnte mich noch ewig dazu ergehen, aber im Grunde hab ich nur vor einem Punkt echt Angst: Wir müssen aufpassen, daß wir (wie gerade mit der wieder hochkommenden RSS-Euphorie und teilweisen gopher-Begeisterung…) uns nicht in der Falle verlieren, als Ewiggestrige die aktuellen Technologien zu verdammen. Für die gibt es Gründe, nicht alle sind negativ, und nicht all dieser Kram ist von Leuten gebaut worden, die ausschließlich aus Profitgier oder Träumen von einer überwachten Zukunft agieren. Nicht zuletzt: Ich habe Studienkollegen, die aus „meinem“ Umfeld kommen und irgendwann begonnen haben, für Google zu arbeiten, damals, als sie „größer“ zu werden begannen – nicht nur des Geldes, sondern der Motivation wegen: Wir wollen Technologie leicht und einfach möglichst vielen Menschen zugänglich machen. Das haben leider bis heute Google, Apple und in Teilen Facebook geschafft. Die waren nicht von vornherein groß. Die *wurden* groß. 😉

  6. Sorry Kristian, hatte Deinen Comment beinah übersehen. Ja, das Verfügbarkeitsproblem ist tatsächlich ein guter Punkt. Andererseits ist der Impact im Ausfall geringer durch den dezentralen Ansatz. Es sind vielleicht nur 50 Leute betroffen anstatt 800 Millionen.

    Andererseits hilft das einem der 50 betroffenen User auch nix. Die sind offline. Aber das System an sich bleibt bestehen. Wenn ein Node solche Probleme regelmäßig hat, „verbrennt“ (im marketingtechnischen Sinne) nur der Node, nicht das System. So ein XMPP Server vom CCC stand (in technischem Sinne) oft genug in lodernden Flammen. Da muss man sich über Limitierungen Gedanken machen. Wenn ich ein System anbieten kann,d as mit 300 Leuten gut klar kommt, bei 500 aber mit dem Gesicht bremst, dann darf ich halt nicht aus ideologischen Gründen immer noch alle rein lassen. Da müssen wir als frisch gebackene Anbieter erst einen Weg finden, so eine Balance zu halten. Da fehlt und noch Erfahrung. Ob man die Erfahrung in Form einer Foundation sinnvoll nutzen kann, da bin ich überfragt.

  7. ich habe mein blog immer weiterbetrieben und auch entwickelt -seit 2005 oder so – obwohl ich gern zu den neunutzern gehörte (twitter war ich ganz am anfang dabei, fb auch). aber inzwischen ist mir das alles zuviel. fb ist weg, twitter will ich nicht missen weil ich da einen stamm guter menschen kenne. die zum umziehen zu bewegen ist eine andere sache.
    die ganzen technischen sachen die ihr ansprecht sind mir fremd – wenn ein rss vorhanden ist nutze ich ihn – ansonste – hmmmm….

  8. o.O. Stephan im Rantmodus wie er leibt und lebt 😉 Aber gebe dir mit allem Recht (insbesondere mit den nicht zahlenden Arschlöchern *hust*).
    Aber ein Problem vieler Alternativen ist nunmal – man muss Ahnung von der Materie haben um sie zu bedienen oder einrichten zu können. Für uns ITler nicht so das Ding, für die breite Masse eben schon. Und wer seine Kunst oder was auch immer verbreiten will, wird einfach nicht mehr gefunden in einem so zerstückelten Universum. Du weißt wie schwer das selbst über die Massenkanäle ist. Die Hoheit über deine Auffindbarkeit hat trotz allem in erster Linie noch Google, leider.
    Für den privaten Blog nicht so das Problem, sowas verbreitet sich eher über Mundpropaganda und Menschen die man wirklich kennt, für alle Anderen leider ein Problem.

    Manchmal wünsche ich mir ganz egoistisch auch das „alte“ Netz zurück, aber das war eben auch nur von wenigen überhaupt nutzbar und damit gefühlt überschaubar, (fast) nicht kommerziell und weniger von Arschlöchern besetzt (dafür fürs Auge eine Zumutung *lol*).
    Aber das ist Priviligiertendenken und schließt eben auch eine Menge Menschen aus, für die die Nutzung des Internet wirklich wichtig ist für Kommunikation, Dokumentation und Teilhabe. Von daher ist das auch keine Lösung.

  9. @Kristian: Ja, einen Tag später ist mir auch etwas bewusster, dass meine Aussagen zu fatalistisch waren. Die Wahrheit ist irgendwo dazwischen. Und ja, es sollen die Dienste gerne auch auf dezentrale KMUs verteilt werden, die gerne ihren Gewinn machen dürfen und sollen.

    Es ist aber ein Unterschied zwischen Gewinn machen und Gewinnmaximierung betreiben. Die Gewinnmaximierung ist die Basis, die uns die Probleme mit Diensten wie Facebook etc al gebracht hat. Wenn ich den Gewinn vor alles andere stelle, verliert alles andere. Und „alles andere“ sind eben auch die Nutzer, die Rechte, die Sicherheit und die Privatsphäre.

    1. Versteh ich schon. Bei Gewinnmaximierung vs „Gewinn machen“ bin ich unschlüssig. Die Mehrzahl von „uns“(?) agiert ja leider nach demselben Muster: Da sind Menschen, die in Supermärkten auf die Angebote schauen und Waren billigst kaufen, ohne dass sie müssten. Da sind Menschen, die Zigaretten und Sprit hinter der tschechischen Grenze tanken bis an die Grenze der Legalität, um Steuern zu sparen (und damit nebenher auch Geld von Finanzierung von Allgemein-Interessen wahrzunehmen).

      Zustimmen tu‘ ich Dir indes bei dem letzten Passus: Ja, Gewinnmaximierung hat uns zu Problemen mit Diensten wie Facebook oder Google geführt – aber beiderseits: Da sind sowohl die Dienste, die Gewinn maximieren, als auch die Nutzer (die genau aus dieser Motivation mehr als nur daran gewöhnt sind, bzw. sogar mit der Erwartungshaltung starten, daß Dinge „nix kosten“ dürfen im Internet). Davon müssten wir loskommen – sowohl als Firmen, aber auch als Individuen… 😉

  10. Zustimmung! Deswegen ist mein Blog auch nicht bei einer Plattform sondern bei einem Hoster, bei dem ich Kunde bin. (Viele Anbieter haben ja auch automatisch gewartete Blog-Systeme im Angebot, wenn man kein Vollnerd sein sollte.) Das Problem ist halt, dass man heutzutage eigentlich seine eigene Marketingabteilung sein muss, damit jemand das annimmt, was man im Netz verschenkt. Und wenn man das auch nur im Ansatz macht, muss man dorthin, wo die Leute sind. Facebook, zum Beispiel. Oder YouTube.

    Erfolgreich im Sinne von rezipiert (also nicht mal monetär) ist also, wer gut in Marketing ist. Dann muss man noch die Kommentarkläranlage betreien, mindestens in seiner eigenen Seele. Diese beiden Tatsachen haben dazu geführt, dass mein künstlerischer Output im Netz so langsam nahezu bei Null ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.