Thanksgiver

Vor fünf Jahren sah es so aus, als ob alles vorbei wäre.

Steffi war die erste, die ihren Abschied nahm. 2012 waren wir noch mit Feuereifer dabei gewesen, ein neues Album aufzunehmen und uns auf eine Clubtour vorzubereiten, als plötzlich eine Katastrophe nach der anderen über mich hereinbrach. Ich habe an anderen Stellen in diesem Blog schon oft genug darüber geschrieben… Schlaganfall bei meinem Vater, Tod meines Vaters, Pleite meiner Firma, Tod meines Hundes, Pleite der nächsten Firma, Tod meiner Mutter… und ich mittendrin, und weder emotional noch sonstwie dazu in der Lage, damals laufende Musikprojekte weiter voran zu bringen.

Als meine „Band“ bemerkte, dass bei mir plötzlich alles gar nicht mehr so cool, lustig und easy going war wie zuvor, ging sie auf Abstand. Und als ich dann wieder ein ganz kleines bisschen Motivation zusammengekratzt hatte, musste ich feststellen, dass ich keine Band mehr hatte. Wie gesagt, Steffi war die erste gewesen, aber da sie damals den Mut und den Anstand und die Ehrlichkeit hatte, mir ins Gesicht zu sagen, dass musikalisches Vorankommen für sie sehr wichtig war, und sie deshalb fortan solo arbeiten wolle, konnte ich ihr gar nicht mal so sehr böse sein. Bei mir ging es nun mal nicht weiter.

Etwas anderes war es bei Gitarre und Bass, die sich einfach sang- und klanglos verabschiedet und auf Unmutsäußerungen meinerseits leider menschlich ziemlich inkorrekt reagiert hatten. Aber ich schreibe dies hier nicht, um in alten Wunden zu stochern, sondern eher um festzustellen, dass es mit Botany Bay 2013 sehr traurig und unwürdig zu Ende gegangen war. Verlassen und verbittert saß ich vor einem Scherbenhaufen (aus dem später, als ich erneut genug Kraft für einen Schlussstrich geschöpft hatte, wenigstens die naturgemäß wenig beachtete Compilation „In Between Years“ wurde) und leckte meine Wunden.

Drei Jahre später, im Sommer 2016 traf ich Steffi wieder. Sie war in der Nähe und hatte spontan angefragt, ob ich Lust auf einen Besuch hätte. Die hatte ich, was mich selbst überraschte, und so trafen wir uns bei mir auf der K-Burg.

Es war ein langer, lauer Sommerabend. Wir kochten zusammen Spaghetti mit Sardellen, Kapern und frischen Tomaten, tranken leckeren Rotwein, und erzählten einander, wie uns das Leben in der Zwischenzeit mitgespielt hatte. Schnell wurde uns beiden klar, dass unser beider Leben sich keinesfalls so entwickelt hatte, wie wir das gerne gehabt hätten. Steffi hatte ihr eigenen Abgründe entdeckt und durchschritten, genau so wie ich die meinen.

Einige Gläser Rotwein später saß ich dann plötzlich am Klavier und klimperte vor mich hin, und Steffi stand neben mir und kritzelte einen Text vor sich hin und fing an zu singen, und es war beinahe alles wie früher. Es ging sogar so weit, dass ich das Notebook rausholte, die Drum-Machine anwarf und wir ein kleines Demo aufnahmen. Ebenfalls wie früher.

Und dabei beließen wir es dann. Irgendwie war es sehr schön gewesen, aber weiter in die Zukunft mochte niemand von uns denken. Wir blieben danach in freundschaftlichem Kontakt, aber Musik wurde keine weitere produziert.

Irgendwann Ende Februar 2017 wachte ich eines Morgens auf und dachte, wie so oft, an Botany Bay. Dachte daran, wie unwürdig es geendet hatte, und wie sehr mich dieser Umstand ärgerte. Und dann kam mir eine Idee. Eine Idee, die gleichermaßen einfach wie gewagt war, so dass ich erstmal einen Tag lang darüber brüten musste. Doch am Abend war ich so weit.

Ich rief also Steffi an und sagte (ungefähr, aus der Erinnerung): „Pass auf. Ich find’s schade, wie Botany Bay zu Ende gegangen ist. Ich finde, das hat das Projekt nicht verdient. Ich würde es gerne schön und in Würde abschließen. Ich möchte gerne mit Dir eine letzte, schöne Platte machen. Für uns. Nicht für den Erfolg oder den Durchbruch oder damit uns irgendwelche Leute mögen, sondern für uns. Ne richtige Platte zum Anfassen. Für uns.“

Am anderen Ende herrschte zwei Sekunden Stille, und dann die sehr resolute Antwort: „Ja, unbedingt. Lass uns das machen. Ich bin dabei. Wann fangen wir an?

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(…und an dieser Stelle wird es höchste Zeit, dass ich ein ganz offizielles, großes, dickes, fettes und kursives DANKE an Steffi sage. Es ist nicht leicht, über den eigenen Schatten zu springen, und Du hast es gleich mehrmals für mich gemacht. Alles, was nicht so cool war, ist vergeben und vergessen.)

Wir waren uns von Anfang an darüber klar, dass wir die Aufnahme unseres neuen Albums vor der Welt geheim halten würden. Einsicht in unser Tun auf diversen „sozialen“ Netzwerken hatte weder Steffi noch mir in der Vergangenheit gut getan.

Die erste Session fand am 8.3.2017 im neu eingerichteten Aufnahmestudio im Obergeschoss der K-Burg statt. Doch die tatsächliche Geburtsstunde von „Thanksgiver“ kam erst einen Monat später, am 7.4.2017. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir drei durchaus schöne Demos aufgenommen… doch dann war mir die Idee zu einem Lied gekommen, das ich „Howl“ nannte, das später in veränderter Form und unter anderem Namen seinen Weg auf die Platte finden sollte, und das alles über den Haufen warf.

Ich kann es nicht erklären (und wenn ich es erklären könnte, dann würde ich es vermutlich nicht erklären wollen), aber „Howl“ klang und wirkte vollkommen anders als alles, was wir vorher zusammen gemacht hatten… und nachdem die erste Version davon im Kasten war, saßen wir da, schauten uns an, und wussten genau, dass wir gerade den ersten Schritt auf einer musikalischen Reise gemacht hatten, von der es kein Zurück geben konnte. Die anderen vier Tracks wurden verworfen und wir begannen, dieses neue Land, das wir da betreten hatten, näher zu erforschen.

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In der Folgezeit passierte ein Wunder nach dem anderen. Und mit Wunder meine ich: Wir lernten zufällig und vollkommen ungeplant eine Menge neue Musiker kennen, die sich auf „Thanksgiver“ einbrachten (und ich behaupte an dieser Stelle mal: Es wäre für viele andere Musiker schwierig bis unmöglich gewesen, sich in „Thanksgiver“ einzubringen. Aus irgend einer Fügung fanden wir aber genau diejenigen, die dieses Projekt brauchte).

Bestes Beispiel: Mike aus England. Dieser war nur zufällig zu Besuch bei unseren Nachbarn, aber es stellte sich raus, dass er nicht nur Oboe spielte, sondern seine Oboe auch noch dabei hatte. Und ehe er sich versehen konnte, stand er im Studio und spielte Oboe für uns.

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Oder Tobi, ein Bekannter eines unserer Gitarristen (insgesamt sind es drei, ebenfalls aus sehr zufälligen Fügungen heraus). Der war nur zufällig mal mitgekommen und hatte sein Cello mitgebracht. Es war mitnichten geplant gewesen, ihm eine maßgebliche Rolle auf diesem Album zu geben. Und doch wäre „Thanksgiver“ ohne Tobis Cello nicht vorstellbar.

Die Geschichte von „Thanksgiver“ ist voll von solchen Geschehnissen. Es wurde tatsächlich eine Reise für uns – eine spannende und intensive Reise voller neuer Bekanntschaften, neuer Ideen und neuer Klänge. Am Ende der Reise stehen jetzt 180g Vinyl, die (zum ersten Mal in unserer Geschichte) genau so geworden sind, wie wir das haben wollten.  Es gab keine künstlerische Differenzen, keine Schwierigkeiten, keine Komplikationen, und keinerlei Überlegungen, wie man unsere Musik den „Freunden“ auf Gesichtsbuch schmackhaft machen könne… es gab nur einen glitzernden Fluss an Ideen und Gefühlen. Es klingt vermutlich seltsam für Leute die nicht dabei waren, aber die Produktion von „Thanksgiver“ war ein spirituelles Erlebnis, das ich in meinem Leben nicht missen möchte.

Tja, und jetzt sind wir, wie gesagt, am Ende der Reise angekommen. „Thanksgiver“ ist fertig, und wir werden die Platte am 6.10.2018 in die große, weite Welt entlassen.

Leider bedeutet das auch, dass jetzt der für mich schwerste Teil kommt… unser „Produkt“ irgendwie feilzubieten und anzupreisen. Nur wenige Dinge erfüllen mich mit mehr Horror, als mit etwas, was mir heilig ist, hausieren gehen zu müssen. Wir haben kein Plattenlabel mehr, das sich nicht richtig darum kümmert, also müssen wir das im Prinzip selbst tun, und da ist das Problem. Es ist kein Geheimnis, dass ich das Internet schon lange nicht mehr gut finde. Dass ich mit Twitter auf Kriegsfuß stehe, Instagram für albern halte und Facebook regelrecht verabscheue. Die Beschäftigung mit solchen Plattformen hat das Zeug dazu, mich so richtig nachhaltig aus der Bahn zu werfen.

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Das macht es natürlich sehr schwer, in Zeiten wie diesen die Werbetrommel für „Thanksgiver“ zu rühren.

Aber auf der anderen Seite muss ich das vielleicht gar auch nicht.

Selbst wenn wir kein einziges Exemplar von „Thanksgiver“ verkaufen würden, dann wäre es immer noch das, was es ist, und ich wäre unverändert stolz darauf.

Es gab kurz nach Abschluss des Masterings von „Thanksgiver“ eine kurze Phase, in der ich drauf und dran war, die Platte einfach nicht rauszubringen und für mich zu behalten.  Aber das wäre feige gewesen, es wäre egoistisch gewesen, und extrem ungerecht jenen großartigen Menschen gegenüber, die die ganze Zeit auf neue Musik von uns gewartet haben… und für die ich letzten Endes diese Zeilen hier schreibe.

Daher, für euch: „Thanksgiver“ erscheint am 6.10.2018 im Eigenverlag in streng limitierter Auflage von 300 Stück. Wer eine Platte kauft, bekommt selbstverständlich einen MP3- (oder flac- oder ogg-) Download kostenlos dazu.

Auf thanksgiver.botanybay.cc kann man sich schon mal ein Bild von der Sache machen. Und auf Bandcamp kann man die Platte vorbestellen und einen Song schon mal probehören.

Vor fünf Jahren sah es so aus, als ob alles vorbei wäre.

Ich bin unendlich dankbar, dass es anders gekommen ist.

KK190217

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6 Replies to “Thanksgiver”

  1. Hejhej,
    ich mag die Musik von dir. Auch den Songs von Thanksgiver. Gäbe es auch eine NurDownload-Version als 301. Album für 15€? 43Tocken sind viel Geld für einen kleinen photographierenden und ukulelespielenden Erzieher in Teilzeit…

  2. @derbaum, @Daniel: Ich habe zu danken 🙂

    @brandus: Danke Dir, tatsächlich ist das geplant (obwohl das Album natürlich auf Platte gehört gehört). Wir haben nur das PDF-Booklet noch nicht fertig, und wir wollten nichts ankündigen, von dem dann die Möglichkeit besteht, dass wir es zum entsprechenden Zeitpunkt nicht liefern können 😉

  3. Danke für die Hintergründe, Stephan.
    Die Platte ist auch nach zwei Wochen sehr gut. Ich vermute, das wird sie auch in 2 Jahren sein, und in 20. Gut, dass Du sie veröffentlicht hast. Jetzt kann sie sich ganz langsam, von hinten unten, in die Welt brennen.
    luv, stollllllllle

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