Weil es gerade so schön ruhig ist, dachte ich mir, ich unterbreche den „Summer Of Videos“ an dierser Stelle, um mal ein bisschen was darüber zu schreiben, was gerade so passiert. Ich meine, das alte Zeug ist schön und gut, aber viel interessanter ist doch das, was in Zukunft kommen wird, oder?

Also, höchstwahrscheinlich diesen Sommer noch erscheint mein erstes Soloalbum* mit dem Titel „The Drunken Fisherman (And Other Stories)“

Vom Titel her könnte man denken: „Oho, ein Konzeptalbum!“ Stimmt, aber nur teilweise. Richtig ist, dass es einen losen, übergeordneten Rahmen gibt, in dem sich die vier Lieder und drei Instrumentals bewegen. Dass und wie es dazu kam war allerdings ein reiner Zufall.

Es begann mit einem Song mit dem Titel „Me Without You“, den ich im Februar für den diesjährigen FAWM aufgenommen hatte, und für den mir die liebe Nicole in der Rolle von Mutter Erde ihre schöne Stimme lieh.

„Me Without You“ handelt hauptsächlich vom Klimawandel, ist aber keinesfalls ein Erhobener-Zeigefinger-Song. Für den erhobenen Zeigefinger ist es schon seit einiger Zeit zu spät. Die Menschheit rast ungebremst und erwiesenermaßen auf die Katastrophe zu, und trotzdem gibt es jede Menge Gestalten, die stolz drauf sind, ihren kleinen Teil zur Vernichtung unserer Lebensgrundlagen beizusteuern.

Diese Menschen erreicht man nicht mehr, weder mit Protest noch mit Vernunft – ebenso wie man diese Effekte nicht mehr umgedreht bekommt. Aber ich finde es ein interessantes Gedankenspiel, mir vorzustellen, was Mutter Erde zu diesen Personen sagen würde, wäre sie ein Mensch aus Fleisch und Blut. Sie wäre nicht sauer. Sie würde nicht schimpfen. Sie würde sich nicht beschweren. Denn im Prinzip kann es ihr egal sein. Genau darum geht es in „Me Without You“.

„Me Without You“ – Ausschnitt aus dem Booklet

Besagter Song hat eine relativ ausladende Coda, in der mit Synthesizer-Soundlandschaften und verzerrten und bearbeiteten Samples eine apokalyptische Szenerie erzeugt wird. Zum Schluss war mir das Ganze aber noch nicht apokalyptisch genug, und so suchte ich nach weiteren möglichen Zutaten.

Fündig wurde ich in den Soundarchiven von archive.org, einer gemeinnützigen Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, alles Archivierenswerte zu archivieren. Hier stieß ich auf Mitschnitte von Kurzwellenübertragungen sogenannter „Pescadores“ – ein Begriff aus der Amateurfunkerszene, der sich auf Stimmen in Piratenbändern bezieht, die nicht-englische Sprachen sprechen, oft spanisch oder spanisch klingend. Ursprünglich ging man davon aus, dass es sich um Fischer aus Mexiko, der Karibik und dem Süden auf Booten im Golf von Mexiko handelte, die miteinander oder mit Basen an Land sprachen, aber Beweise dafür gibt es nicht.

Einer dieser Mitschnitte erregte besonders meine Aufmerksamkeit, denn der sendende Fischer war offensichtlich betrunken und vermittelte ein ganz besonders beklemmendes Gefühl von gleichsam Bedrohung wie Hilflosigkeit. Und nachdem ich ihn probeweise in den Song eingebaut hatte, wurde mir schlagartig klar, was für eine wunderbare Metapher der betrunkene Fischer für die Menschheit als Ganzes ist: Nichtsahnend und selbstvergessen in seiner freudigen Trunkenheit schlingert er auf seiner Nussschale hinaus, bedient sich an den Weltmeeren und merkt nicht, wie der Sturm um ihn herum tobt und ihn verschlingen wird (weitere Elemente in der apokalyptischen Coda sind der bescheuerte Sportauspuff vom Nachbarskind, sowie Scott Morrison, der ein Stück Kohle ins australische Parlament mitbrachte und den Leuten erzählte, Kohle mache sie reich und wohlhabend und sie sollen keine Angst davor haben – bevor dann zwei Jahre später mehrere Milliarden Lebewesen verbrannten und tausende von Häusern unbewohnbar wurden).

Der Fischer versinnbildlichte das Thema so gut, dass ich seine Fahrt durch seinen selbstverschuldeten Untergang nochmal in einem eigenen Instrumental verarbeitete. Und auch ansonsten taucht er immer wieder mal auf. Da lag es nahe, ihn zum titelgebenden Element zu befördern.

Ich bin gespannt, wie euch seine Reise gefallen wird.


* natürlich waren die Botany-Bay-Alben zum allergrößten Teil meine Werke. Aber irgendwie habe ich immer ganz bewusst versucht, mich hinter meinen jeweiligen Sägerinnen und Gastmusikern zu verstecken, was teilweise auch sehr gut geklappt hat. Inzwischen denke ich mir, wenn ich jetzt schon entgegen aller Erwartungen doch wieder Musik mache, dann sollte ich sie auch ruhig mal auf meine eigene Kappe nehmen. „Schall und Stille“, das bin also hauptsächlich ich. Mit wer auch immer gerade mitmachen möchte 😉

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