als wir Dich letzten Sommer kennen lernten, da war sowohl Deines als auch unser Leben aus dem Gleichgewicht geraten.

Du befandest Dich in einer furchteinflößenden, neuen Situation, weil Deine Besitzerin schwer krank geworden war und sich mit einem Mal nicht mehr um Dich kümmern konnte. Plötzlich war alles anders für Dich, vertraute Gesichter fehlten Dir. Du warst der letzte von einst vielen Pferden, hattest in den vergangenen Jahren viele Freunde gehen sehen – und niemand wusste nun, wie es mit Dir und Deiner Freundin Luna weiter gehen würde.

Wir befanden uns ebenfalls in einer furchteinflößenden, neuen Situation, denn wir hatten uns von der Arroganz einer einzelnen Person aus unserem geliebten Zuhause am Waldrand bei Rhöndorf vertreiben lassen. Nach langer Suche hatten wir schließlich einen neuen Ort gefunden, von dem wir uns nun Ruhe und Frieden erhofften, an dem uns aber in Wirklichkeit zunächst einmal ein Sommer voller Stress und Ärger erwartete.

Dazu kam, dass Frau K. in ihrem Beruf mehr und mehr mit extrem bescheuerten Menschen zu kämpfen hatte, während sich bei mir in den letzten Jahren endgültig herausgestellt hatte, dass die Welt nicht wirklich interessiert daran war, von mir mit schöner Musik beschenkt zu werden (was ich immerhin über vier Jahrzehnte hinweg für meinen Lebenszweck gehalten hatte).

Es war also alles Mist. Mehr als nur Mist. Und weil uns diese Situation kaputt zu machen drohte, begab sich Frau K. auf die Suche nach einer Ablenkung oder einer neuen Aufgabe… und hörte schließlich aus Zufall von Dir und Deiner Geschichte, die sich nur wenige hundert Meter von uns entfernt im Oberdorf zugetragen hatte.

Deine Leute suchten nach Hilfe, ein bisschen was zu verdienen gab es auch, und so machte sich Frau K. eines Tages auf den Weg, um Dich kennen zu lernen.

Als ich Dich zum ersten Mal traf, wusstest Du überhaupt nicht, was Du mit mir anfangen solltest… und andersrum war es genau so. Du legtest die Ohren an, schnapptest nach mir, ranntest mich beinahe über den Haufen und drücktest mich gegen die Stallwand; und ich – verwöhnt von meiner harmonischen Beziehung zu Cosi, meiner ersten großen Pferdeliebe, – dachte, Frau K. und ich würden uns jetzt halt gerade so lange es unbedingt nötig wäre um Dich kümmern, aber niemals groß Freunde mit dir werden.

Die Wochen zogen ins Land und es wurde klar, dass Deine Besitzerin nicht zurück kommen würde, und dass Luna und Du dort, wo ihr bislang gelebt hattet, nicht bleiben konntet.

Dadurch, dass Luna ein aus dem Tierschutz übernommenes Beistellpferd war, ergab sich für Dich die Möglichkeit, mit ihr zusammen auf den Gnadenhof zu ziehen, von dem sie ursprünglich gekommen war.

Doch der Tag, an dem wir Luna und Dich in den Transport verluden war auch der Tag, an dem uns endgültig klar wurde, dass sich zwischen uns etwas entwickelt hatte – dass wir weiter für euch da sein wollten. Du warst ängstlich, durcheinander und schockiert, und es tat mir im Herzen weh, Dich so zu sehen. Wir wollten wissen, wie es euch ergeht, und wir wollten unseren Teil dazu beitragen, dass ihr euch wohl fühlt.

Und so kam es, dass wir in der Folgezeit regelmäßig bei der Tara Tierhilfe aufschlugen und all die anderen Seelen kennen lernen durften, die dort leben – und diejenigen, die für sie sorgen.

Wir fühlten uns sofort zuhause… und es dauerte nicht lange bis wir zu einem festen Teil der Tara-Familie wurden.

Bald freuten wir uns auf jedes einzelne Wiedersehen mit Dir und Luna… eure Boxen auszumisten, euch auf die Weide oder in die Halle zu bringen, euch zu bewegen und uns um euch zu kümmern wurde zum absoluten Highlight unserer Wochen. Und mit der Zeit legtest Du Deine Skepsis uns gegenüber vollständig ab und belohntest uns schließlich mit einer großartigen, wunderbaren Freundschaft.

Ich weiss noch genau, wie wir diesen Sommer an einem Wochenende bei einem benachbarten Stall in Sichtweite von Dir aushalfen. Es brauchte keine zwei Minuten, da standest Du im Aussenbereich und riefst mit aufgestellten Ohren zu uns rüber… als wolltest Du uns sagen, „hey, ihr seid doch meine Menschen. Was tut ihr da drüben, kommt gefälligst zu mir!“; und es blieb nicht die einzige Situation dieser Art. Unvergessen sind die Momente, an denen ich Dich abends von der Wiese holte und Du mir freudig rufend entgegen kamst; oder wie Du, gierig nach Streicheleinheiten, Deinen Kopf auf meine Schulter legtest, so dass ich Dich besser im Nacken kraulen konnte… ich hätte es mir nie träumen lassen, dass es so zwischen uns werden würde.

Die Freundschaft mit Dir, die Dankbarkeit, die ich von Dir und Deinen Freunden bei der Tara Tierhilfe erfahren durfte, haben mich auf eine Weise mit der Welt versöhnt, auf die ich niemals zu hoffen gewagt hätte.

Inzwischen mache ich für mich selbst wieder Musik, bin ehrenamtlich für Tara tätig, und ich freue mich über unser kleines Hexenhäuschen im schönen Naturpark Rhein-Westerwald; und ohne Dich, Lucky, wäre es niemals so geworden. Ich will nicht, dass es melodramatisch oder pathetisch klingt, und es soll hier um Dich gehen und nicht so sehr um uns… aber es ist ganz einfach so, dass unser Leben ein anderes wäre – und ein sehr, sehr armes –, hätten wir Dich nicht kennen gelernt.

Leider war schon bald klar, dass unsere gemeinsame Zeit absehbar endlich sein würde. Deine Hinterbeine machten Dir Probleme, Du littest ganz offensichtlich Schmerzen, konntest schlechter und immer schlechter laufen – und obwohl wirklich alles getan wurde, um Deinen Zustand zu verbessern, stand in den letzten Monaten immer wieder die Frage im Raum, wann der richtige Zeitpunkt sein würde, Dich gehen zu lassen.

Gestern nahmst Du uns die Entscheidung ab, indem Du nach einem Sturz endgültig nicht mehr aufstehen konntest. Die Tierärztin erlöste Dich von Deinem Leiden, wir durften in Deinen letzten Minuten bei Dir sein und Dir unsere Liebe und unsere Dankbarkeit mit auf Deinen Weg über die Regenbogenbrücke geben.

Mach‘ es gut Lucky, Du warst mir ein ganz einzigartiger, großer Freund. Worte können nicht ausdrücken, wie viel Du mir gegeben hast.

2 thoughts on “Lieber Lucky,

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