I Won’t

Neulich gab es auf der K-Burg ein Wiedersehen der besonderen Art. Nämlich stand eines Abends Steffi vor der Tür, ihres Zeichens von 2010-2013 Sängerin von Botany Bay.

Die Ereignisse das Abends und des nächsten Morgens waren so unvorhergesehen, dass ich glatt vergessen habe, darüber zu bloggen. Was ich hiermit nachhole.

Also die zwei wichtigsten Dinge daraus schonmal zusammengefasst:

1. Ja, wir können immer noch super zusammen Songs schreiben, und
2. Nein, es wird keine Botany Bay Reunion geben

Als Steffi Botany Bay vor zwei Jahren zum Zwecke der Selbstverwirklichung verließ, da hatte ich ja ursprünglich den Plan gefasst, mit dem Rest der Band + Gastsängerinnen weiter zu machen… bis sich in einem für mich relativ unangenehmen Erkenntnisprozess herausstellte, dass der Rest der „Band“ in Wahrheit auch schon längst nicht mehr dabei war und ich mit einem halb fertigen Album mutterseelenallein dastand.

Ich war nicht begeistert (und bin es auch heute noch nicht).

Dennoch ist es so, dass Steffi und ich uns nicht im Streit getrennt haben. Es ging für sie einfach nicht mehr weiter mit Botany Bay… und inzwischen wissen wir, dass es für mich auch nicht mehr weiter ging.

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Seit damals haben unsere Leben sehr unterschiedliche und weit voneinander entfernte Pfade genommen.

Ich habe oben erwähnten Erkenntnisprozess hinter mir… und die Erfahrung, mit einem so gut wie nicht mehr vorhandenen Publikum wieder ganz von vorne anzufangen.

Bei Steffi lief auch beileibe nicht alles so, wie sie sich das vorgestellt hatte… Details haben hier nichts zu suchen, aber die Aussage, dass wir alle unser Päckchen zu tragen haben, könnte sich nicht mehr bewahrheiten.

Bei ein paar (ok, ziemlich vielen) Gläsern Rotwein und spontan zusammenimprovisierten Spaghetti con Anchovis brachten wir einander wieder auf den neuesten Stand… es gab viel zu erzählen, und schnell wurde uns klar, in zwei Jahren kann sich ganz erstaunlich viel ändern.

Und was uns auch wieder klar wurde: Wir konnten schon immer unsere Gefühle und Erlebnisse zusammen in einen Topf werfen, einmal kräftig umrühren und Musik daraus machen.

Wir hatten nun wirklich nicht geplant, an diesem Abend einen Song aufzunehmen, aber es ergab sich einfach so. Steffis Geschichte, meine Geschichte, und eine Art Empathie zwischen zwei Songschreibern, die alles andere als selbstverständlich ist.

Das Ergebnis heißt „I Won’t“… und wäre es mit Botany Bay weiter gegangen, so würde unser 2015er-Album wohl (unter anderem) so klingen:

Wir haben uns mehr als einmal angeschaut und es nicht nur gedacht sondern auch ausgesprochen: Wenn nicht alles so wäre, wie es ist… dann sollte man mehr davon machen… eine ganze Platte am besten. Und dann ein bisschen durch die Clubs tingeln. Aber die Pfade die wir gegangen sind, die lassen so etwas einfach nicht mehr zu.

Trotzdem ist es schön, zu wissen, dass wir es noch können, und dass uns die Musik auch weiterhin verbindet. In diesem Sinne: Vielen Dank, Steffi, und ich freue mich auf das nächste Mal… wann auch immer das sein wird.

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Nachtrag:

Steffi war gerade so nett, mir die Lyrics zu schicken. Hier sind sie:

I searched for love
I searched where I belong
I found enough
I found that I was wrong
But I won’t give up

Lived in heaven
And survived hell indeed
Waited seconds
and ran too far too deep
Flew high above
Before I crashed the wall
But in the end
Recovered from it all
And I won’t give up
That’s why I won’t give up

But life goes on
This one thing is for sure
Moments are now
That’s what I’m living for
And I won’t give up
No I won’t give up
No

 

Die vier Phasen beim Kennenlernen eines Musikers in freier Wildbahn

(aus unserer beliebten Reihe: Stephans Sozialstudien)

Tag Nr. 1

„Soso, Du machst Musik… hahahahaha, ist ja lustig. Ich hab früher auch Blockflöte gelernt in der Schule… was? Links? Du hast was im Netz? Ihr seid ne Band? Was spielt ihr denn nach? Achso, eigene Sachen? Soso, jaja, ist gut, schön, toll, prima nee, ja, ich hör’s mir irgendwann mal an.“

Vier Wochen später

„Was? Du machst Musik? Wusste ich ja gar nicht. Ach so, hast du erzählt? Ja? Wie, du hast mir einen Link gegeben? Muss ich irgendwie vergessen haben, schick’s mir per Mail, dann hör ich garantiert mal rein.“

Sechs Wochen später

„Was angehört? Ob ich mir was schon angehört habe? Ach so, Du warst der Hobbymusiker, stimmt ja, das muss irgendwie in meinem Spamfilter gelandet sein, tutmirsoleid, hahaha. Wie? Es ist kein Hobby für Dich? Es bedeutet Dir sehr viel? Jaja, hahaha, schön, schick es mir doch einfach nochmal, ne?“

Sechs Monate später, auf einer Party

„Hey, xyz hat mir gerade erzählt, das war Deine Band, was da gerade lief, stimmt das? Echt? Wahnsinn, Du machst Musik, das war mir ja gar nicht klar. Und klingt richtig gut, hätte ich gar nicht gedacht wenn man das als Hobby macht. Ach so, ja es ist kein Hobby für Dich, ja, doch, ja, hört man. Kann man irgendwo MP3s runter laden? Gibt’s vielleicht irgendwo einen Link?“

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Dreimal Hass

Vor sehr langer Zeit hatte ich bei einem Symposium in Heidelberg ein sehr interessantes Gespräch mit einem Telematiker, der an (sehr fortgeschrittenen und komplexen) Verkehrsleitsystemen arbeitete.

Es drehte sich damals hauptsächlich um das Thema Individualverkehr und wie der Mensch damit umgeht, und mein Gesprächspartner war der Ansicht, dass (obwohl es den Verlust seines Arbeitsplatzes bedeutet hätte) der Mensch ganz im Allgemeinen eigentlich nicht Auto fahren dürfte.

Zu weit fortgeschritten sind die technischen Möglichkeiten und zu gering fortgeschritten ist die Fähigkeit des Menschen, mit diesen Möglichkeiten verantwortungsvoll umzugehen. Mit moderner Technik wird viel getan, um den Menschen vor seiner eigenen Unmündigkeit zu bewahren, aber trotzdem ist noch viel zu tun… wenn überhaupt jemals genug getan werden kann.

Szenenwechsel.

Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber vor ein paar Jahren waren wir (also Botany Bay, was damals noch Laura und ich waren) für unsere Verhältnisse ziemlich erfolgreich. Täglich kamen um die hundert Leute auf dem Blog hier vorbei, sie hörten sich unsere Musik an, sie schauten auf unserem youtube-Kanal unsere Videos an und sie schrieben ab und an auch Kommentare.

Und dann passierte es irgendwann, dass die Dinge ausser Kontrolle gerieten. Ich weiss nicht genau wie es dazu kam, aber eines Tages häuften sich auf unserem Youtube-Kanal Kommentare nach dem Motto „Du bist so hässlich und hast so ne Scheiß Stimme, erschieß Dich doch“, wobei das leider noch als eine der gemäßigteren Aussagen gelten muss.

Laura war damals Lehrerin in Aachen, und da das meiste davon derbe persönliche Beleidigungen waren, hatten wir schnell ihre Schüler in Verdacht, die sich da unter dem Schutzmantel der Anonymität vermutlich ein bisschen austoben wollten.

Meine Wortwahl soll hier nicht darüber hinweg täuschen, dass uns das damals ziemlich traf. Wir waren mit Hass im Netz bisher noch nicht in dieser Form in Kontakt gekommen, und uns beide verband eine enge Freundschaft – was das Ganze noch bitterer machte, denn wenn einem engen Freund weh getan wird, dann werd ich richtig enorm wütend und traurig. Lange Story, kurzes Ergebnis – wir saßen da, schüttelten die Köpfe, und dachten uns:

Warum tun die das? Warum muss das sein? Kann man da nichts machen?

Aber natürlich war uns klar, dass man da unmittelbar nichts machen konnte… und so schaltete ich bei unserem Youtube-Kanal die Kommentare auf „moderiert“ und prüfte in Zukunft alle Kommentare bevor sie veröffentlicht wurden.

Von ein paar Fans wurde mir damals (es muss die Zeit von „Old Men With Ballpoint Pens“ gewesen sein, und so fanden sich einige Sympathisanten der Piratenpartei bei uns ein….) vorgeworfen, ich würde Zensur betreiben.

Aber natürlich war und ist das auch heute noch Blödsinn. Zensur ist, wenn der Staat verhindert, dass eine Meinung kund getan wird. Wenn ich als Privatmann aber einen Raum miete, in dem ich schöne und mit Herzblut hergestellte Geschenke an die Menschheit verteile, dann ist es mein gutes Recht, dafür zu sorgen, dass irgendwelche asozialen Gestalten, die die Wände des Raums mit Fäkalien beschmieren möchten, keinen Zutritt zu diesem Raum erlangen.

Mit Moderation auf youtube ließ die erste Welle der Hasskommentare nach. Aber sie hörten nie auf, und sie waren auch nicht mehr nur auf Laura bezogen. Als Laura und ich uns trennten und einige Zeit später Steffi den Platz am Mikrofon übernahm, hatte ich Kommentare hier auf dem Blog dass ich es doch aufgeben solle und dass es kein Wunder sei dass meine Musik nicht gehört wird, so grottenschlecht wie sie wäre. Und auch danach immer wieder. Als wir das Video zu „Fly“ veröffentlichten wurde unserem damaligen Gitarristen nahegelegt, erstmal Gitarrenstunden zu nehmen. Und so weiter und so fort.

Gut, es steht alles auf Moderation, und ich lösche dann einfach, und irgendwann machte ich mir auch keine weiteren Gedanken mehr darüber. Trollen Aufmerksamkeit zu geben ist das Doofste was man machen kann. Und inzwischen ist es eh so weit, dass ich derart weit unter dem Radar fliege, dass sich auch keine Trolle mehr auf mein Blog verirren.

Trotzdem musste ich letzthin wieder darüber nachdenken… weil der gesammelte Hass im Internet und insbesondere auf „sozialen“ Netzwerken wie Facebook gerade Gegenstand der öffentlichen Diskussion ist und auch von traditionellen Massenmedien als Thema entdeckt wird. Da schlagen Leute vor, Asylsuchende mit Flammenwerfern zu rösten. Da gibt es tausend Pegida- und sonstige -ida-Seiten, auf denen blanker Hass gegen Ausländer und Andersdenkende gepredigt wird.

Warum tun die das? Warum muss das sein? Kann man da nichts machen?

Und natürlich ist wieder klar, dass man da unmittelbar nichts machen kann. Porsche kann zwar einen Lehrling feuern, der irgendeine rechte Kackscheisse auf Facebook verzapft, aber für die meisten Menschen hat das Verzapfen von irgendeiner rechten Kackscheisse in ‚sozialen‘ Netzwerken keinerlei Konsequenzen… im Gegenteil, sie werden von Gleichgesinnten dazu ermutigt und beglückwünscht. Und als Ergebnis brennen dann Wohnheime.

Und ganz am Rande bin ich aktuell gerade auch mal wieder persönlich von hanebüchenen Umgangsformen im Internet betroffen.

Wie meine Leser vielleicht wissen, verdiene ich meinen Lebensunterhalt als Softwareentwickler. Genauer gesagt, ich arbeite an einer in Deutschland gerne und häufig genutzten Gratis-App. Hier habe ich in den letzten zwei Monaten eine schier unüberschaubare Menge an Fehlern beseitigt, etliche neue und sehnlich herbeigewünschte Features eingebaut und ganz allgemein dafür gesorgt, dass die Anwendung wesentlich stabiler und schneller wurde.

Und dann unterlief mir ein winzig kleiner Fehler – in einer Sekunde in der ich mal nicht aufpasste. Dieser Fehler sorgte leider dafür, dass man diese Version unserer App auf dem iPad nicht mehr in die Horizontale drehen konnte… der Fehler rutschte durch den Test und wurde genau so veröffentlicht.

Ein kleiner Fehler, der schnell beseitigt war und in der so schnell wie möglich nachgeschobenen Folgeversion selbstverständlich nicht mehr auftrat. Aber: Man kann sich nicht vorstellen, welche Hölle im App-Store erst mal los war.

In den Reviews wurde ich beschimpft, es wurden mir unlautere Motive unterstellt, man warf mir vor, würde absichtlich die Benutzer bevormunden, es wurde nicht mit Kraftausdrücken gespart, und es hagelte nur so ein-Sterne-Reviews (deutsch für: Die App ist richtig, richtig schlecht). So ungefähr ab Tag Nr. 2 schaute ich gar nicht mehr rein, weil’s einfach zu frustrierend war. Oh, und natürlich wurden die neuen Features von niemandem bemerkt oder erwähnt.

Das ist ungefähr so: Ich stelle dem Kunden kostenlos ein Auto hin, das ganz genau das tut, was es soll… ausser, dass eben eine Fensterscheibe klemmt, und ich den Fehler liebend gern sobald wie nur menschenmöglich beseitigen werde. Aber statt mich das tun zu lassen muss ich mir anhören dass das Auto insgesamt von vorne bis hinten Scheisse ist, dass ich meinen Beruf verfehlt habe und allerlei andere Dinge die sich irgendwo im Fäkalbereich abspielen und die mir von den entsprechenden Personen garantiert nie im Leben ins Gesicht gesagt werden würden.

Und selbst jetzt, wo der Fehler gefixt ist, schreibt einer:

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Interessanterweise bringt eine kleine Google-Recherche zu Tage, dass der Verfasser dieses überaus hilfreichen Reviews auch die BILD-„Zeitung“ liest, strikt und lautstark gegen „die Griechen“ wettert, und gegen „Asylbetrüger“, die ihm sein hart verdientes Geld wegnehmen. Passt also alles mal wieder wie Arsch auf Eimer.

Und wieder mal sitze ich kopfschüttelnd da und frage mich:

Warum tun die das? Warum muss das sein? Kann man da nichts machen?

Und tatsächlich bin ich allmählich nicht mehr bereit, ein „nee, das ist nun mal so im Netz“ als Antwort zu akzeptieren. Weil’s halt bei allem Abstumpfen doch weh tut. Wenn das Netz eine solche Verrohung der Sitten zulässt und schrittweise das Ende jeder vernünftigen Diskussionskultur herbeiführt, dann ist irgendwas am Netz kaputt und es wird höchste Zeit, dass es repariert wird.

Als das Netz erfunden wurde, da hatten lange Zeit der Großteil der Teilnehmer eine gewisse sittliche Reife, um mit den nun gegebenen Kommunikationsmöglichkeiten einigermaßen verantwortungsvoll umzugehen.

Nun, dies ist schon lange nicht mehr so, und es ist an der Zeit, dass diejenigen Instanzen, die eine Diskussion im Netz ermöglichen (Blogs, Twitter, soziale Netzwerke, etc. pp.) dem Umstand Rechnung tragen, dass Menschen mit dem Netz umgehen, die damit einfach nicht umgehen können.

So ähnlich wie mit den Autos.

Ebensowenig wie das Netz ein von Sicherheitspolitikern viel beschworener rechtsfreier Raum sein darf, darf es ein vernunftfreier Raum sein. Mit der Moderation von Diskussionsforen wird viel getan, um den Menschen vor seiner eigenen Unmündigkeit zu bewahren, aber trotzdem ist noch viel zu tun… wenn überhaupt jemals genug getan werden kann.  Womit  sich der Kreis zu meiner Einleitung schließt.

Was brauchen wir also?

Meine erste spontane Idee – wenn ich auch noch überhaupt keine Ahnung habe, wie sie zu verwirklichen ist: Wir brauchen eine Qualitätssicherung in Diskussionsforen und sozialen Plattformen. Eine Plattform, die seinen Anwendern eine gewisse Qualität garantieren möchte, muss dafür sorgen, dass ein noch zu definierender und allgemeingültiger Kodex eingehalten wird.

Selbstverständlich können die Menschen die ausschließlich ihr Kleinhirn benutzen auch weiterhin diskutieren und sich gegenseitig die Köpfe einrennen… sie sollen es nur bitteschön woanders tun und nicht ungebremst das ganze Netz vergiften. Denn das ist es, was sie gerade tun. Sie vergiften App Stores, sie vergiften freie Musik, sie vergiften Facebook, sie vergiften Freital, sie vergiften das gesellschaftliche Klima in Deutschland, und niemand will sie, und niemand braucht sie. Trotzdem sind sie überall und machen diese digitale Welt die keine ist unbewohnbar.

Und ich denke, ein paar abgelegene virtuelle Räume, quasi ein Hass-Reservat, in dem sie sich ungestört untereinander vergiften können wenn sie das unbedingt wollen, das wäre mehr als genug für sie.

Optimize Your Life (1): Twitter

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Für alle, die sich wundern, wo @herrkausk geblieben ist (allzu viele dürften es nicht sein)…: Ich habe den Account gestern deaktiviert. Ich meine es nicht böse und ich bin auch nicht sauer, liebe „Twittergemeinde“, also seid mir bitte auch nicht böse, es ist einfach so: Twitter bringt mir irgendwie nix.

Das Jahr 2015 steht für mich persönlich sehr im Zeichen der Rückbesinnung auf Dinge die mir wichtig sind, und die es zu verfolgen lohnt. Meine Geschenke einem Publikum feilzubieten das sie nicht haben will, lohnt sich nicht. Ich hab’s ausprobiert, und zwar mehr als einmal: Wenn ich „*Pups*“ tweete, dann passiert mehr, als wenn ich einen Link auf einen neuen Song von mir tweete. Das ist albern. Das brauche ich nicht.

(Ein Kollege sagt mir, Twitter würde mir mehr bringen, wenn ich über jeden hirnrissigen Scheiß twittern und dann ab und zu mal einen grandiosen neuen Song von mir einfließen lassen würde… aber so funktioniere ich nicht, tut mir sehr leid… wie gesagt ich meine es nicht böse, es ist einfach nix für mich)

Meine Affäre mit Lena

Wenn ich die vergangenen Tage vor meinem geistigen Auge Revue passieren lasse, dann fällt es mir überaus schwer, zu begreifen, was eigentlich geschehen ist – was genau es war, das mich geradezu in Lenas Arme getrieben hat.

Lena Bruschwitz, die Frau die mich schwach werden ließ.

Vielleicht lag es am Wetter, denn es war so schwül und drückend, dass man die Luft schneiden konnte, dass jeder Atemzug anstrengend war, und jeder Gedankengang schwer, düster und von Balalaikaklängen und unentzifferbaren kyrillischen Schriftzeichen erfüllt.

Vielleicht war es auch die Tatsache, dass ich am Tag zuvor hier auf dem Blog mal wieder neue Musik gepostet hatte, mit dem üblichen Ergebnis (nämlich: Null Feedback).

Nicht Lena. Aber ein Bild mit einer Frau und Alkohol drauf, weil der Artikel sonst auf Facebook niemanden interessiert.

Auf jeden Fall checkte ich zum wiederholten Male meine Mail, hoffend, dass vielleicht doch noch jemand unseren neuen Song bemerkt hätte… und plötzlich war sie da, die Nachricht von Lena:

Von: Lena Bruschwitz <lena.bruschwitz@deutschpagerank.com>
Betreff: Angebot für kostenlosen Linktausch
Datum: 10. Juli 2015 01:16:49 MESZ
An: info@botanybay.cc

Hallo,
Ich möchte mich gerne vorstellen: mein Name ist Lena Bruschwitz,Da ich sehr viele hochqualitative seiten betreibe, möchte ich einenkostenlosen Linktausch mit schallundstille.de oder anderen Seite, die Sie besitzen, vorschlagen.
Sie werden sicher gerne hören, dass ich viele Ideen für einen Linktausch habe,welcher sicherlich zu unserem Vorteil sein und unsere Rankings bei Google vorteilhaft beeinflussen wird.
Bitte lassen Sie mich wissen, ob Sie an weiteren Details interessiert sind oder andere Kommentare dazu haben.
Ich freue mich, von Ihnen zu hören!
Lena Bruschwitz

 

Wie gesagt… ich weiss nicht, was es war, das mich dazu brachte, Lena zu antworten, aber ich tat es. Wie in Trance setzte ich mich  an den Rechner und schrieb ihr zurück:

Von: Stephan Kleinert <stephan@botanybay.cc>
Betreff: Aw: Angebot für kostenlosen Linktausch
Datum: 10. Juli 2015 08:41:18 MESZ
An: Lena Bruschwitz <lena.bruschwitz@deutschpagerank.com>

Hochverehrte Frau Bruschwitz,

Am 10.07.2015 um 01:16 schrieb Lena Bruschwitz <lena.bruschwitz@deutschpagerank.com>:

Ich möchte mich gerne vorstellen: mein Name ist Lena Bruschwitz,

Das ist aber schön. Mein Name ist Stephan Kleinert.

Da ich sehr viele hochqualitative seiten betreibe, möchte ich einen

Auch sehr schön. Welche hochqualitativen seiten sind das denn wohl, und welche Rolle spielen Sie in ihrem Betrieb? Ich bedanke mich jetzt schon im Voraus für nähere Informationen über diese sehr vielen hochqualitativen seiten.

 Sie werden sicher gerne hören, dass ich viele Ideen für  einen Linktausch habe, welcher sicherlich zu unserem Vorteil sein und unsere Rankings bei Google vorteilhaft beeinflussen wird.

Oh ja, definitiv. Nichts stimmt mich glücklicher, als diese frohe Kunde zu hören.  Ideen für einen Linktausch, sehr schön. Quasi jedes einzelne Wort lässt Innovation und Individualität erahnen.

Bitte schreiben Sie. Bald.

Liebe Grüße.

Stephan Kleinert
CEO, chief dumb people bouncer and
visionary wunderkind founder @ botanybay.cc

http://botanybay.cc/

 

Wie es sich herausstellt, hatte Lena darauf nur gewartet. Denn wie aus der Pistole geschossen fand sich nach nur wenigen Minuten die Antwort in meiner Mailbox:

Von: lena.bruschwitz@deutschpagerank.com
Betreff: Aw: Angebot für kostenlosen Linktausch
Datum: 10. Juli 2015 08:54:34 MESZ
An: „Stephan Kleinert“ <stephan@botanybay.cc>

Hallo,

Vielen Dank für Ihre rasche Antwort!

Ich möchte Ihnen nachfolgend etwas mehr über meine vorhergehende E-Mail erzählen :)Ich möchte kurz über die Wichtigkeit von Backlinks für Suchmaschinen sprechen. Wie Sie sicher wissen, ist jeder Link, der auf Ihre Seite führt, ein „Vertrauensbeweis“, der Suchmaschinen mitteilt, dass Ihre Webseite wichtig ist. Je mehr Backlinks auf Ihre Seite verweisen, desto besser stehen die Chancen, dass diese als relevant betrachtet wird, was Ihnen einige Vorteile, wie PageRank, Ranking, Traffic & mehr, bringt.Da ich bereits seit vielen Jahren im Bereich der Suchmaschinenoptimierung tätig bin, konnte ich hochqualitative Webseiten über viele Themen & in verschiedenen Sprachen mit einzigartigen Inhalten, PageRanks und Backlinks kaufen, welche von mir persönlich verwaltet werden. Ich möchte Ihnen vorschlagen, einen Link auf einer meiner Seiten zu platzieren, was Ihnen dabei helfen wird, alle Ziele Ihrer Webseite zu erreichen. In meinem Angebot geht es natürlich nicht um Geld, es ist vollkommen kostenlos.Das ist meine fantastische Webseite, auf welcher ich Ihren Link platzieren möchte:

http://www.supersongshit.com/

http://www.knightridergame.com/

http://www.ubergallery.com/

http://www.bangelonline.net/

http://www.hrbart.com/

http://www.gogoko.net/

http://www.chanhiphop.com/

http://www.plainrecordings.com/

http://www.mambo-tutorials.com/

http://www.fotografoscolombianos.com/

http://www.knotphotogenic.com/

Sowohl die Startseite als auch die Unterseiten sind hochqualitativ und verfügen über den benötigten PageRank.

Im Gegenzug werde ich meine Artikel für Ihre Website zu schreiben :)

Informieren Sie mich, wenn Sie interessiert sind?

Warte auf deine Antwort

Vielen Dank
Lena

 

Oho!!! Jetzt waren wir also schon beim „Du“ angekommen, und mir wurden prinzipielle Wahrheiten über das Internet und Suchmaschine und Vertrauensbeweise via Links mitgeteilt. Wow. Lena ging ja richtig ab.

Ganz klar, dass ich mich näher mit den hochqualitativen Webseiten dieser Frau auseinandersetzen musste. Doch schon bald überkam mich dabei ein ganz seltsames Gefühl, und zum Schluss war klar… diese Frau brauchte meine Hilfe!!!

Von: Stephan Kleinert <stephan@botanybay.cc>
Betreff: Aw: Angebot für kostenlosen Linktausch
Datum: 10. Juli 2015 13:21:43 MESZ
An: lena.bruschwitz@deutschpagerank.com

Hallo Lena,

vielen Dank, dass Du so schnell geantwortet hast.

Ja, das was Du da so schreibst, das mit Vertrauen, das ist ganz wichtig. Deshalb freue ich mich auch sehr, dass Du schon während des Schreibens Deiner Antwort so viel Vertrauen in mich aufgebaut hast, dass Du spontan vom „Sie“ zum „Du“ gewechselt bist.

Nun, ich werde mich bemühen, Dein Vertrauen nicht zu enttäuschen. Und da ich so einen schönen Vertauensvorschuss von Dir bekommen habe, habe ich mir auch die Mühe gemacht, die von Dir erwähnten Webseiten einmal anzuschauen.

Tja und nun befinde ich mich in einer Zwickmühle, und ich weiss nicht so recht, wie ich Dir meine Schlussfolgerung beibringen soll. Aber da ich ja Dein Vertrauen habe und wir mittlerweile perdu sind, halte ich es für meine Pflicht, Dich auf etwas ziemlich Erschreckendes hinzuweisen, was mir dabei aufgefallen ist: All diese angeblich hochqualitativen Webseiten, die haben ja überhaupt keinen Inhalt!

Lass mich Dir ein Beispiel geben:

Auf http://www.knightridergame.com/ finde ich ein paar Links die vermeintlich auf irgendwelche veralteten Flash-Spiele zeigen sollen, die in Wirklichkeit aber einfach auf andere Artikel zeigen die wiederum Links auf Spiele enthalten sollen die sie in Wirklichkeit nicht enthalten. Ansonsten sehe ich auf der Seite nur Links/Werbung zu/von irgendwelchen armen Deppen die sich von irgendjemanden irgendeinen SEO-Scheiß haben aufschwätzen lassen, und das war es auch. Sprich, die Seite ist eigentlich vollkommen unnötig, ein Inhalts-Vakuum, wenn man so will. Und das ist eine der hochqualitativen Webseiten, die Du persönlich verwaltest?

Aber es wird noch schlimmer! Auf http://www.ubergallery.com/ kapiere ich ehrlich gesagt gar nicht, was der Inhalt überhaupt sein soll. Die Verfilmung bekannter Bücher anscheinend. Aber wer verfilmt? Und welche Bücher? Und wo kann ich das künstlerische Ergebnis sehen oder mich darüber informieren? Auf jeden Fall nicht auf Deiner Webseite, denn die führt mich nur im Kreis herum und zeigt mir Werbung/Links von bemitleidenswerten Vollidioten, die auf irgendeine nicht funktionierende Marketingmasche hereingefallen sind. Wer sich auf diese Webseite verirrt, der ärgert sich nur und/oder schüttelt ungläubig mit dem Kopf. Und das sind jetzt also Deine einzigartigen Inhalte?

Auch http://www.knotphotogenic.com/ ist so ein ganz komisches Ding. Anscheinend soll es um Fotografie gehen, aber tatsächlich sind da nur kleine Artikelchen zu finden, in denen einem irgendwelche aussagelosen Satzbausteine zum Thema Fotografie um die Ohren geworfen werden, tja, und ansonsten gibt es Werbung von Leuten, die diese Werbung sicherlich sofort kündigen würden, wenn sie wüssten, inmitten von welchem aussagelosen Über-Bullshit ihr Service auftaucht, und Links von wirklich armen Garnixraffern, die denken, sie würden damit ihre Seite bei Google höher platzieren können.

Tatsächlich enthält keine einzige der von Dir genannten Seiten irgendeinen erwähnenswerten Inhalt. Alles toter Nichts-Text, deprimierend einsame Inhaltslosigkeit, vollkommen dumpfer Datenmüll. Aber, und das macht mich sehr nachdenklich, Du behauptest steif und fest, irgendwas daran sei hochqualitativ, Du seist persönlich involviert und all das könne mir irgendwie helfen, dass Google mich findet und Menschen endlich auf meine Musik aufmerksam werden. Oder so.

Hmmm, und dann kam mir ein schrecklicher Verdacht.
Lena, sei ganz offen zu mir, kann es sein dass Du irgendwelche Probleme hast? Dass Du in der Patsche sitzt?
Sind diese Entropie-Seiten vielleicht irgendwie ein stummer Hilfeschrei?
Wurdest Du von irgendwelchen Betrügern gekidnappt und gezwungen, sinnlose Geschäfte für sie zu machen?
Oder ist hinter alledem ein Sinn, den ich nicht zu erfassen in der Lage bin?

Schreib‘ mir, sicher kann ich Dir irgendwie helfen!

Dein
Stephan
CEO, steve-jobs-thinking-pose-copycat,
poo manager, SEO repellant extraordinaire and founder @ botanybay.cc

Stephan Kleinert
stephan@botanybay.cc

 

Offensichtlich hatte ich einen Nerv getroffen, denn Lena meldete sich fortan nicht mehr.

Ich ließ einen Tag ins Land ziehen… dann übermannte mich die Sorge, und schließlich schrieb ich ihr nochmal:

Von: Stephan Kleinert <stephan@botanybay.cc>
Betreff: Aw: Angebot für kostenlosen Linktausch
Datum: 11. Juli 2015 12:12:13 MESZ
An: lena.bruschwitz@deutschpagerank.com

Hallo Lena,

Du meldest Dich nicht mehr… was ist los?

Liebe Grüße,
Stephan
CEO, Über-Visionary,
Local Billionaire
and Elon-Musk-Lookalike @ botanybay.cc

 

Mein Herz vollführte wahre Luftsprünge, als Lena sich am Tag darauf endlich zurückmeldete. Sie lebte also noch, aber irgendetwas stimmte nicht, denn ihre Ausdrucksweise war ziemlich seltsam, in der Tat kapierte ich gar nicht so recht, was sie mir eigentlich sagen wollte:

Von: lena.bruschwitz@deutschpagerank.com
Betreff: Aw: Angebot für kostenlosen Linktausch
Datum: 13. Juli 2015 09:22:56 MESZ
An: „Stephan Kleinert“ <stephan@botanybay.cc>

Hallo,

Alles war mentiones in meinem ersten Post :)

Ich bin Objektiv Arbeit als SEO-Spezialist aus den letzten 7 Jahren.

Wir laufen ein SEO Unternehmen und qwe sind alle ein Team von ausgebildeten frofessionals.

Lassen Sie mich wissen, wenn Sie in meinem Vorschlag interessiert sind?

Vielen Dank

Lena

 

Mir wurde klar, Vorsicht war angesagt. Nicht, dass Lena nur aufgrund meiner Mails Leid zugefügt wird… ich war also sehr vorsichtig mit meinen weiteren Bemerkungen:

Hallo Lena,

schön von Dir zu hören. Ich hatte schon befürchtet, Du hättest kein Interesse an meiner Hilfe.

Wie schon gesagt: Deine Seiten sind irgendwie alle kaputt.

Die haben keinerlei Inhalt, und ich kann mir nicht vorstellen, wozu sie überhaupt gut sein sollen. Hast Du mein Blog mal gelesen? Da liegen mehrere Universen dazwischen.

Irgendwas ist da schief gegangen, und ich habe ein sehr ungutes Gefühl – mit 7 Jahren Erfahrung und einem Team von „ausgebildeten frofessionals“ musst Du doch eigentlich merken, dass das Signal-Rausch-Verhältnis der von Dir angepriesenen Seiten ganz enorm übel ist.

Kannst Du vielleicht nicht frei schreiben? Kontrollieren sie Dich? Eventuell könntest Du das Tor-Netzwerk benutzen, um Verbindung mit mir aufzunehmen. Es gibt für alles eine Lösung.

Bitte schreib mir, wie ich Dir helfen kann.

Liebe Grüße,
Dein Stephan

Visionary Man, CEO & Ad Jedi Knight @ botanybay.cc

Von meinem iPhone gesendet

 

Und tatsächlich, Lena unterbreitete mir ein neues Angebot. Inzwischen war es mir ziemlich klar, die Frau steckte mitten in der tiefsten Scheisse ihres Lebens, es konnte nicht anders sein… richtig verzweifelt war sie, irgendwie ihren nicht funktionierenden SEO-Bullshit an den Mann zu bringen… gerade so als würde sie unter vorgehaltener Pistole handeln:

Von: lena.bruschwitz@deutschpagerank.com
Betreff: Aw: Angebot für kostenlosen Linktausch
Datum: 13. Juli 2015 11:32:26 MESZ
An: „Stephan Kleinert“ <stephan@botanybay.cc>

Hallo,

Wenn Sie nicht mit meinen Seiten zufrieden Ich kann Ihnen 2 Links auf meiner 2 Seiten zu geben.Sie können alle 2 Seiten Ihnen unter der Sie Ihren Link möchten.Im Gegenzug möchte ich Sie um das Banner (Logo) meiner Spiele-Seite auf Ihrer inneren Seite gestellt.

Ist das ok mit dir?

Warten …
Lena

 

Ist das ok mit mir? Warten… das klang so intim, und so sehnsüchtig!! Was hätte ich anderes tun sollen, als ihr direkt zu antworten und ihr klar zu machen, dass ihr Angebot nichts wert ist, ich ihr aber auf jeden Fall helfen würde, wo auch immer sie da reingeraten war? Und dieses Mal nahm ich mir richtig Zeit für sie, so dass sie auf jeden Fall begreifen würde, worum es mir ging:

Von: Stephan Kleinert <stephan@botanybay.cc>
Betreff: Aw: Angebot für kostenlosen Linktausch
Datum: 13. Juli 2015 13:00:43 MESZ
An: lena.bruschwitz@deutschpagerank.com

Hallo Lena,

vielen Dank dass Du so schnell geantwortet hast.

Es geht nicht so sehr um zufrieden, ‚zufrieden‘ würde ja implizieren, dass sich auf der Seite irgendetwas befindet, woran man irgendeine Erwartung haben könnte, die dann erfüllt oder enttäuscht würde.

Das funktioniert bei den von Dir angepriesenen Seiten aber nicht, weil da – wie zwei Mails zuvor schon gezeigt – keinerlei Inhalt vorhanden ist, an den man eine Erwartung knüpfen können.

Ich finde es sehr nett und zuvorkommend von Dir, dass Du mir anbietest, zwei Links auf zwei Deiner Seiten zu bekommen, aber, versteh mich bitte nicht falsch, zwei mal null ist immer noch null. Selbst zwei mal null hoch dreiundzwanzig ist immer noch null.

Aber was rede ich eigentlich? Das musst Du ja eigentlich wissen.

Jeder normale Mensch merkt doch, dass da irgendwas nicht stimmt.

Wirklich, Lena, Du kannst mir vertrauen.

Du schreibst, Du seist irgendwas maschinell übersetztes mit SEO seit 7 Jahren.

Ich hingegen bin seit 20 Jahren Softwareentwickler und kenne das WWW, seitdem es sich dabei um eine Ansammlung von HTML-1.0-Dokumenten am CERN und an diversen amerikanischen Universitäten handelte, die Webbrowser der Wahl noch Mosaic und Lynx hießen und es noch kein Google und keinen Pagerank gab.

Sprich, ich war dabei, als das Netz noch Studenten und langhaarigen Hippies gehörte, die in ihrer Freizeit seltsame kostenlose Unix-Klone programmierten und dabei vom freien Austausch von Wissen träumten.

Dann war ich dabei, als diverse Anzug- und Schlipsträger das WWW entdeckten, es den Händen dieser kiffenden Freigeister entrissen, sich selbst als Visionäre bezeichneten und ein Geschäft daraus machten. Mit allem was dazu gehört: Werbung, Revenue Share und ganz allgemein mehr Schein als Sein, bis zum heutigen Tage.

Und in den letzten Jahren habe ich auch noch live mitbekommen, wie mit Facebook & NSA alles endgültig und vollständig vor die Hunde ging, und ich sehe, wie wir wieder einmal Wendepunkt stehen: Wie die langhaarigen Hippies und Studenten von heute bemerken, dass Schlipsträger und selbsternannte Visionäre und Geheimdienste unser schönes Netz kaputt gemacht haben und dass es höchste Zeit ist, ein neues zu erfinden – eines, wo die Idioten draussen bleiben müssen.

Lange Rede kurzer Sinn: Ih bin schon so lange dabei, und ich habe schon so viel gesehen – wenn einer Dir helfen kann, dann bin ich es.

Ich brauche Dir sicher nicht erzählen, was Du eh schon weisst: Du bist eine der Metastasen des Krebses, der das Internet befallen hat. Das kann keinen Spaß machen. Ich kann mir auch nur schwer vorstellen, dass man so etwas freiwillig macht. Also, wer zwingt Dich dazu? Was hast Du angestellt damit Du diese vermeintliche Arbeit ausführen musst? Welche Probleme hast Du die Dich dazu zwingen, tagtäglich den Versuch zu unternehmen, gebildeten Menschen das digitale Äquivalent zu Wasserpulver unterzujubeln?

Egal was es war, es gibt für alles eine Lösung. Und wenn Du möchtest, dann finden wir sie zusammen.

Bitte schreib bald zurück, bevor es zu spät ist.

Dein
Stephan
CEO, CTO, C3PO & 24hr sex god @ botanybay.cc

Von meinem iPhone gesendet

 

Meine kleine Ansprache hat offensichtlich eine fatale Wirkung auf Lenas Peiniger, die sie nun wohl auf irgend eine grausame Art und Weise bestrafen. In ihrer nächsten Nachricht ist sie regelrecht verzweifelt, und zu vernünftigen Antworten nicht mehr in der Lage:

Von: lena.bruschwitz@deutschpagerank.com
Betreff: Aw: Angebot für kostenlosen Linktausch
Datum: 13. Juli 2015 14:34:45 MESZ
An: „Stephan Kleinert“ <stephan@botanybay.cc>

Hallo,

So wie können Sie mir helfen?

Sie wollen nicht zu mir Link auf Ihrer Seite zu geben.

Sie wollen nicht, um Ihren Link auf meiner Seite setzen.

Na und ??

Wie können Sie mir helfen?

Vielen Dank
Lena

 

Du meine Güte!! Was war passiert?

Auf jeden Fall mal ganz schnell den Druck rausnehmen, ruhig und besonnen reagieren, und konkrete Lösungsvorschläge machen…

Von: Stephan Kleinert <stephan@botanybay.cc>
Betreff: Aw: Angebot für kostenlosen Linktausch
Datum: 14. Juli 2015 8:12:14 MESZ
An: lena.bruschwitz@deutschpagerank.com

Hey Lena,

keine Panik!!

Tief durchatmen!!

Ich glaube nicht, dass Dir mit dieser Link-Setzerei geholfen werden kann.

Ich würde sofort einen Link auf eine Deiner Seiten setzen, wenn dort irgendetwas wäre und wenn Dir das irgendwie helfen würde. Aber dort ist nichts, gar nichts. Und helfen würde es Dir auch nicht.

Nein, Du müsstest mal raus. Du brauchst dringend ein neues Bezugssystem.

Ich hatte wirklich gehofft, Du hättest es selbst bemerkt, aber vermutlich bist Du schon zu lange dabei und zu tief drin in diesem Schlamassel mit Backlinks und Linktausch und „hochqualitativen Seiten“, als dass Du es ohne fremde Hilfe bemerken könntest.

Du musst jetzt ganz stark sein, Lena.

Deine Arbeit hat mit der Realität nichts zu tun. Sie ist auch nicht ehrlich und schon gar nicht ehrbar. Tatsächlich befindest Du Dich im Bodensatz des WWW – ja, Du liegst damit sogar noch einige Ebenen tiefer als Gründerszene und Pornoindustrie.

Aber: Es gibt einen Weg da raus.

Ich kann ihn Dir zeigen, wenn Du willst.

Gehen musst Du ihn selbst.

Liebe Grüße,
Stephan

CEO, founder, uber slave master,
senior click baiting link horrification manager
@botanybay.cc

 

Keine Antwort von Lena.

Große Sorge meinerseits:

Von: Stephan Kleinert <stephan@botanybay.cc>
Betreff: Aw: Angebot für kostenlosen Linktausch
Datum: 14. Juli 2015 08:26:47 MESZ
An: lena.bruschwitz@deutschpagerank.com

Hey Lena,

Du schreibst gar nicht mehr…?

Und auch Deine letzte Antwort war irgendwie sehr seltsam.
Ziemlich durcheinander und so gar nicht so richtig verständlich, irgendwie.Kann es sein, dass sie Dich unter Drogen setzen?

Ich mache mir große Sorgen,
Stephan

Stephan Kleinert
founder, investor, geek & chief wind bag @ botanybay.cc

 

Endlich! Sie meldet sich wieder. Aber sie ist wohl von ihrer fixen Linktausch-Idee nicht abzubringen…

Von: lena.bruschwitz@deutschpagerank.com
Betreff: Aw: Angebot für kostenlosen Linktausch
Datum: 15. Juli 2015 07:18:06 MESZ
An: „Stephan Kleinert“ <stephan@botanybay.cc>

Hallo,

Wenn Sie Interesse an Link-Tausch sind Sie mich bitte, ansonsten geben Sie nicht mir irgendwelche anderen Vorschläge.

Ich brauche es nicht :)

Vielen Dank
Lena

 

Oh im Gegenteil, Lena. Du brauchst es ziemlich krass.

Ok. Ich war ja mal zwei Jahre meines Lebens mit einer angehenden Psychologin zusammen. Zeit, ein bisschen Psychologie anzuwenden und so zu antworten, dass die arme, geplagte Lena die Antwort mit ihrer Realität in Einklang bringen kann. Diesmal bin ich sogar so besorgt, dass ich meinen üblichen Startup-Dampfplauderer-Veraschungs-Footer vergesse:

Von: Stephan Kleinert <stephan@botanybay.cc>
Betreff: Aw: Angebot für kostenlosen Linktausch
Datum: 15. Juli 2015 8:23:15 MESZ
An: lena.bruschwitz@deutschpagerank.com

Lena, Lena, Lena,

Du verstehst es einfach nicht, oder?

Ich möchte sehr gerne mit Dir Links tauschen.

Nur müssten Deine Seiten und Du zunächst ein paar Voraussetzungen erfüllen.

Liebe Grüße,
Stephan

Von meinem iPhone gesendet

Ich nehme alles von damals zurück. Psychotherapie ist wohl doch eine ernstzunehmende Behandlungsmethode. Es funktioniert tatsächlich, und Lena gewinnt wieder Vertrauen. So viel Vertrauen, dass sie sogar ihrerseits vergisst, ihre Antwort durch Gugel Translate zu hauen:

Von: lena.bruschwitz@deutschpagerank.com
Betreff: Aw: Angebot für kostenlosen Linktausch
Datum: 15. Juli 2015 11:17:56 MESZ
An: „Stephan Kleinert“ <stephan@botanybay.cc>

Hi,

Yes what are the requirements?

Thanks
Lena

 

Ich setze alles auf eine Karte. Bin so ehrlich, wie es nur geht. Öffne Lena mein Herz komplett… ich weiss, es ist meine letzte Chance:

Von: Stephan Kleinert <stephan@botanybay.cc>
Betreff: Aw: Angebot für kostenlosen Linktausch
Datum: 15. Juli 2015 07:26:47 MESZ
An: lena.bruschwitz@deutschpagerank.com

Hallo Lena,

aber natürlich, sehr gerne.

Hier meine Voraussetzungen:

1) Suche Dir eine kreative Tätigkeit, von der Du begeistert bist und in der Du Dich selbst wieder findest. Etwas, das Dein Leben erfüllt und reicher macht. Bei mir zum Beispiel ist dies die Musik, und zwar seit über dreißig Jahren.

2) Setze eine Webseite dazu auf. Präsentiere Deine Werke im Netz.

3) Wenn es so läuft wie bei mir, dann wird sich erst keine Sau für Deine Werke interessieren. Zieh‘ Dein Ding trotzdem durch, jahrelang wenn es sein muss. Irgendwann kommen die Leute und hören zu. Und dann, dann sind sie irgendwann wieder weg und Du bist wieder ganz allein. Mach trotzdem weiter. Der Weg ist das Ziel.

4) Früher oder später wird es mal wieder so weit sein, dass Du null Feedback auf Deine Werke bekommst und gehörig gefrustet bist. Mitten in dieser Phase nimmt vielleicht ein ekelhafter kleiner SEO-Spammer Kontakt zu Dir auf, weil er seine wertlose Page-Sammlung mit Links von Deiner Seite aufwerten möchte. Zögere nicht, Deine ganze Enttäuschung an ihm auszulassen.

5) Mach weiter mit Deiner Kunst. Lass Dich nicht vom Weg abbringen.

6) Schicke mir den Link zu Deiner Seite. Ich verspreche Dir, ich werde Dich prominent verlinken, und vielleicht sogar noch ein bisschen was dazu schreiben.

Alternativ dazu, falls Du selbst nicht kreativ bist (und die Befürchtung habe ich nach unserem bisherigen Austausch tatsächlich): Suche Dir einen Künstler den Du unterstützen möchtest und erledige die Punkte 2-6 für ihn statt für Dich selbst.

Bitte beachte: SEO-Spam zählt nicht als kreative Tätigkeit. Also gib Dir keine Mühe mit dem, was Du momentan vorzuweisen hast.

Liebe Grüße,
Stephan

 

Aber es ist zwecklos. Lena kann aus ihrem mafiösen Umfeld nicht entfliehen… sie beschließt, unsere Beziehung, die von vornherein zum Scheitern verurteilt war, endlich zu beenden:

 

Von: lena.bruschwitz@deutschpagerank.com
Betreff: Aw: Angebot für kostenlosen Linktausch
Datum: 15. Juli 2015 15:04:28 MESZ
An: „Stephan Kleinert“ <stephan@botanybay.cc>

Hallo,
Nein danke :)

 

Und so sitze ich hier, nachdenklich, voller Scham und Reue, und versuche, nach bestem Wissen und Gewissen unsere Geschichte niederzuschreiben. Es ist eine grausame Welt. Wer hat Schuld? Wer ist das Opfer? Wer kann das schon sagen? Wer ist die Spamschleuder aus Übersee? Nicht ich. Nicht ich.

Ich werde eine Weile brauchen, darüber hinwegzukommen.

Und dann gibt’s wieder neue Musik von mir, versprochen. Pardon, Internet, ich wollte natürlich sagen: Dieses obdachlose, behinderte Kind fand zufällig ein Klavier, ihr werdet nicht glauben, was dann passierte!!!

 

 

DSC01543

Internet, Du nervst…

Momentan macht dieses Video drüben auf Fratzenbuch die Runde:

Und es macht mich traurig bis nachdenklich bis extrem wütend.

Aber nicht etwa, weil ich den obdachlosen Klaviervirtuosen so herzergreifend und like-würdig finde wie x Millionen Websurfer es tun.

Gar keine Frage, der Obdachlose in dem Video verdient jede Aufmerksamkeit und Hilfe, die er bekommen kann.

Und auch bin ich überzeugt dass es jede Menge Obdachlose gibt, die künstlerisch eine sehr große Begabung haben, und dass sowohl Obdachlosen mit als auch solchen ohne künstlerische Begabung geholfen werden muss.

Was mich total anfrisst ist die ganze ekelhafte Scheinheiligkeit der „Netzgemeinde“, die nirgends besser zum Vorschein kommt als bei solchen Videos, welche in mit markigen Viral-Schlagzeilen versehenen Posts und Artikelchen (eine große deutsche Frauenzeitschrift titelt: „Ein Obdachloser kommt an einem Klavier vorbei – und dann …“) von tausenden Menschen bemerkt und ‚geliked‘ werden.

Tausende von Menschen, die garantiert angestrengt weghören und wegsehen wenn es in ihrer nächsten Nähe Kunst und Schönheit zu entdecken und zu fördern gäbe. Und die garantiert weitergehen, wenn in ihrer nächsten Nähe beispielsweise ein Obdachloser ihre Hilfe bräuchte.

Ich bin mir nicht sicher, was mich wütender macht. Dass Obdachlose von vielen Menschen erst als hilfsbedürftige Personen wahrgenommen werden, wenn sie in einem viralen Video eine vermeintlich besondere Fähigkeit zeigen.

Oder dass Kunst und Kultur erst in Herz und Seele wahrgenommen werden, wenn sie in einem viralen Video von einem Obdachlosen oder einem behinderten Menschen oder einem Kind oder – noch viel besser – von einem obdachlosen, behinderten Kind präsentiert werden.

Beides ist schlimm.

So schön Klavier zu spielen ist keine Besonderheit, das können sehr viele Menschen. Nur interessiert es die 8 Millionen Youtube-Viewer halt normalerweise einen fauchten Scheiß ob jemand was schönes kann oder nicht.

Und Obdachlosigkeit und soziale Ausgrenzung ist immer gleich schlimm, egal ob man Klavier spielen kann oder nicht.