Stille

Es gibt Dinge, die können nur aus der Stille kommen.

Stimmen, die man nicht hört, wenn alles laut ist.

Farben, die man nicht sieht, wenn alles bunt ist

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Beinahe ein Jahr lang habe ich hier nun nichts mehr geschrieben.

Nun ist es im Großen und Ganzen betrachtet natürlich von äußerst geringer Relevanz, was Stephan Kleinert wann und wo niederschreibt… und wenn ich meinen letzten Artikel noch mal Revue passieren lasse, so scheint er mir eigentlich ein ganz passabler Abschied von einem Internet zu sein, das mir fremd geworden ist.

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Trotzdem ist mir gerade danach, meine Gedanken mit dem Internet zu teilen. Oder mit dem, was noch davon übrig ist.

Dieses Jahr nämlich, in dem ich hier nichts geschrieben habe, war ich keinesfalls untätig. Hauptsächlich habe ich es damit verbracht, mit Botany Bay ein neues Album aufzunehmen.

Vor ein paar Jahren noch hätte ich die Öffentlichkeit daran teilhaben lassen. Hätte in regelmäßigen Abständen protokolliert wie die Aufnahmen laufen und was sich ereignet… hätte Soundschnipsel verteilt und Promo-Videos produzieren lassen.

Aber ich musste auf schmerzhafte Weise erfahren, dass Öffentlichkeit nicht gut für mich ist. Klar, ich fand sie immer gut, solange sie mich wahrnahm und mir Feedback zu meinen künstlerischen Unternehmungen gab. Solange ich auf einer Bühne stand und das Publikum zahlreich war und mich bejubelte. Aber ich fand sie aus den falschen Gründen gut… und würde das immer noch tun, wenn ich sie behalten hätte.

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Zufällig vollzog sich zur gleichen Zeit, in der sich dunkle Schatten über die Gesundheit meiner Familie legten und mein musikalischer Output sich infolgedessen bald auf null reduzieren sollte, die endgültige Verwandlung des Internets von einem nicht allen bekannten Ort der Vielfalt hin zu einem lauten Clickbait- und Werbe-Marktplatz, auf dem das Außergewöhnliche nicht mehr gesucht und nicht mehr bemerkt wird, und wo die Nische nur noch für sich selbst da ist.

Nachdem mein Vater gestorben war, unternahm ich einige Versuche, Botany Bay neu zu starten… obwohl mir eigentlich die Kraft dazu fehlte, und ich der vollkommen blödsinnigen Meinung war, die richtige Anzahl an Likes würde mich schon irgendwie am Laufen halten.

Das Feedback, das ich aus dem Netz bekam, wurde aber weniger und weniger. Nachdem 2014 eine neue Single (für die ich natürlich jede Menge kräftezehrenden Aufwand getrieben hatte) vollkommen unbeachtet unterging, gab ich desillusioniert auf. Ich meldete mich bei Facebook, Twitter und Diaspora ab und leckte meine Wunden; und als 2015 dann meine Mutter starb, da war die mediale Reflexion meines künstlerischen Selbstbilds im Internetz wirklich das Allerallerletzte, worüber ich mir Gedanken machte.

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Inzwischen bin ich spaßeshalber bei Twitter wieder angemeldet und krebse bei rund 70 Followern rum, von denen im Schnitt drei bis fünf reagieren, wenn ich was von mir gebe (und über die ich auch wirklich froh bin, und die ich sehr mag!!)

Aber etwas ist anders… und in letzter Zeit, wo die Veröffentlichung unseres neuen Albums näher und näher rückt, habe ich viel darüber nachgedacht, was es ist.

Zwar muss ich zugeben dass es mich nach wie vor nervt, wie ein simples „ich geh jetzt einkaufen“ von vermeintlich wichtigen Netzpersönlichkeiten tausendmal mehr Gewicht hat, als wenn ich beispielsweise einen Artikel wie diesen hier schreibe… in der Tat weiss ich aber, dass ich heilfroh sein kann, nicht die Anhängerschaft in den sozialen Netzwerken zu haben, die ich mir immer gewünscht hatte.

Warum das so ist?

Nun, der Stephan Kleinert, der 1000 Follower auf Twitter hat, und bei dem sich ganz viele Leute wie Bolle freuen, wenn er einen neuen Song veröffentlicht, der hätte dieses Album, das letztes Jahr auf der K-Burg entstanden ist, niemals aufnehmen können.

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Es ist etwas, das aus der Stille kommen musste.

Ich hätte nie gehört, wie diese Töne mich aus der Stille rufen. Ich hätte nie Dinge abseits der unmittelbaren Welt um mich herum in dieser Art und Weise wahrgenommen, hätte die unmittelbare Welt um mich herum mich beklatscht und bejubelt. Für mein künstlerisches Schaffen die gleiche Aufmerksamkeit zu bekommen wie ein Influencer für die Bemerkung dass er Verdauungsprobleme hat, das hätte die Musik erstickt.

Dazu kommt: Hätte die sogenannte „Twittergemeinde“ (oder sonst irgendeine Gemeinde) mich im großen Stil ermutigt und motiviert, so hätte ich doch nur wieder das getan, was ich jahrelang getan habe, als das Netz noch ein anderer Platz war: Ich hätte versucht, diesen Menschen noch mehr zu gefallen. Ich hätte es zwar vor mir selbst nicht zugegeben, aber es wäre so gewesen.

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So aber hatte ich Stille.

Und in der Stille hörte ich Töne.

Und es war vollkommen egal ob sie jemand gut finden würde oder nicht, denn es waren meine Töne, sie waren erst mal nur für mich. Bald hatte ich – durch reinen Zufall, ich hatte das nie so geplant – 12 Musiker um mich herum, die diese Töne mit mir hörten… und alles andere war egal, wir dachten nicht ans Netz oder an Likes oder ob uns jemand retweeten würde; wir waren in einem eigenen Kosmos hier, und es war – um ein viel strapaziertes Wort dieses Mal an ganz genau der richtigen Stelle zu gebrauchen – magisch.

Tatsächlich leisteten Steffi und ich ganz am Anfang sogar einen feierlichen Schwur, dass nichts von unseren Aufnahmen ins Netz kommen würde, ehe die Sessions vorbei wären. Wir wussten genau: irgendwas davon ins Netz zu tun würde die Sache nur kaputt machen, und so ließen wir das schön bleiben*.

Jetzt ist das Album so gut wie fertig. Und es ist das Beste, was ich je gemacht habe, in meinem ganzen Leben… und das will was heißen, denn ich gehe munter auf die 50 zu, und ich habe schon ziemlich viel gemacht.

Und ich gestehe, ich habe Angst davor, dieses Werk schon bald mit dem Netz zu teilen. Nicht weil ich mich vor einstelligen Likes und Retweets fürchte, oder vor drei wöchentlichen Besuchern auf der Homepage.

Sondern weil es mir wie ein Kind – mein Kind – vorkommt, das in der Stille eine glückliche, behütete und erfüllte Kindheit hatte.

Ich habe Angst davor, es aus der Stille zu schicken.

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* Mit einer kleinen Ausnahme: Wir gingen zum Schluss den Kompromiss ein, einen ganz kleinen Kreis von Menschen, die zu uns gehalten hatten, mit einem kleinen Vorschau-Video zu belohnen. Weil sie es verdient haben, und weil wir unendlich dankbar sind, dass es sie gibt. Öffentlich haben wir das aber auch erst gemacht, nachdem es seinen Zweck erfüllt und unsere Freunde es gesehen hatten… und uns egal sein konnte, wie das Netz darauf reagiert.

Wir haben verloren

Bei einem meiner Ex-Arbeitgeber, wo alles sehr groß und ambitioniert war, da veranstaltete eine junge Frau, die ohne Probleme meine Enkeltochter hätte sein können, für ihre Abschlussarbeit eine Umfrage zum Thema Nutzung sozialer Netzwerke durch ‚digital natives‘ vs. ‚digital immigrants‘, und sie fragte mich, ob ich ihr als Vertreter der letztgenannten Gruppe fünf Minuten meiner Zeit opfern würde, um ein paar Fragen zu beantworten.

Nun kenne ich mich, was das Internet betrifft, allein schon brotjobbedingt mit echt vielen Dingen aus, aber wenn von wichtigen Menschen über die Sozialstruktur des Netzes philosophiert wird, dann halte ich mich meistens raus… und deshalb hatte ich auch keine Ahnung von den Begriffen ‚digital natives‘ oder ‚digital immigrants‘.

Die ’natives‘, so erfuhr ich, das sind diejenigen, für die das Netz zu ihrer bisherigen Lebenszeit schon immer existierte. Es war nie nicht da, sie sind damit aufgewachsen. Die ‚immigrants‘ hingegen mussten sich erst daran gewöhnen, sie kannten es in ihrer Kindheit oder Jugend nicht, weil es da einfach noch nicht da war.

Aus sicherlich falscher Eitelkeit heraus störte mich diese Klassifizierung damals.

Es müsste, so meine Argumentation, eine dritte Gruppe geben – diejenigen, die zum Zeitpunkt ihres Erwachsen-Werdens am Aufbau des Netzes beteiligt waren. Diejenigen, die den ‚digital natives‘ ihren Sandkasten, den sie nun für die Welt halten, gebaut und zum Spielen hingestellt haben.

Ich war mit dem Akustikkoppler (und später mit dem Modem) in Mailboxen unterwegs, hatte einen eigenen Point im Fidonet, hackte PPP-Treiber für meinem A3000UX, starrte wie gebannt auf die ersten vom CERN und einigen wenigen Universitäten ausgelieferten Webseiten, damals noch via Terminalzugang über Lynx. Ich war einer der ersten, die eine Homepage hatten, und meine damalige Band war eine der ersten, die ihre Werke als mp2 (mp3 war noch nicht erfunden) kostenlos im Netz offerierten, lange vor der Entstehung von Creative-Commons-Lizenzen; ich beteiligte mich an Diskussionen im usenet… Ich war da. Ich war dabei. Ich hab dieses Netz mit aufgebaut. Ausgerechnet ich war jetzt also ein ‚immigrant‘, der erstmal damit klar kommen musste, welches für ihn fremde Wunderwerk der Technik ihm da vor die Füße geschmissen wurde? Das erschien mir als falsch.

„Na ja“, meinte meine Interviewpartnerin, „das leuchtet mir ein. Vielleicht könnte man Leute wie Dich als ‚digital builder‘ bezeichnen“.

Ein Arbeiter, von mir aus, das war auf jeden Fall näher an der Realität.

Wenn ich mir die Sache heute wieder durch den Kopf gehen lasse, dann muss ich feststellen, meine Klassifikation hat sich wohl in den letzten zwei Jahren geändert. Vom Arbeiter bin ich zum Auswanderer geworden. Noch nicht vollständig, aber immer mehr. Ich möchte mit diesem Netz immer weniger zu tun haben. Ich kann nicht ganz los lassen (noch nicht?), aber wenn wir mal hier den weit verbreiteten Fehler machen, das Internet als Raum zu begreifen, dann ist es ein Raum, der mich mehr und mehr anwidert, und in dem ich meine Zeit als verschwendet ansehe.

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Wie konnte es so weit kommen?

Als ‚das Internet‘ für den Privatmenschen so richtig losging (das muss so die Zeit zwischen 1998 und 2006 gewesen sein), da projizierten eine Menge unterschiedliche Menschen eine Menge unterschiedliche Wünsche und Hoffnungen auf dieses zarte neue Pflanze, die da gerade spross und gedieh.

Eine Plattform, um Menschen grenzübergreifend Information zugänglich zu machen, das hörte sich an, als wäre eine Utopie wahr geworden. Nicht wenige dachten (und ich gestehe, ich gehörte dazu), die Menschheit würde durch das Internet besser werden und sich weiter entwickeln.

Nehmen wir nur mal die Musik – endlich gab es die Möglichkeit, interessierten Menschen abseits vom Mainstream neue Musik ohne komplizierte Vertriebskanäle zur Verfügung zu stellen. Label? Plattenfirmen? Verträge? Brauchen wir nicht. Wir stellten unsere Werke frei verfügbar ins Netz und boten bei Gefallen die Möglichkeit an, eine richtige CD mit schönem Booklet zu bestellen, oder uns etwas zu spenden… so musste das funktionieren; alte, überkommene Strukturen aufbrechen, und neues erschaffen und dabei andere Künstler kennenlernen, einen aktiven Austausch von Inspiration etablieren. Das klang richtig gut, richtig verheißungsvoll.

Wie so Vieles.

Inzwischen schreiben wir das Jahr 2017, und wir haben Trump, Front National und die AfD. Und auch wenn gerade zig Institute zig teure Studien durchführen um herauszufinden, ob das Internet darauf wirklich so einen großen Einfluss hatte, kann ich das ganze hier gerne mal extrem kostensparend abkürzen: Ja, hatte es, natürlich. Man muss schon ziemlich merkbefreit sein, um das nicht zu erkennen.

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Mark Zuckerbergs große Dauerwerbesendung hat jedem besorgten Bürger, der vor 10 Jahren nur für sich allein vor seiner Fototapete sitzend gegen die Juden und/oder Kanaken und/oder Neger und/oder Europa schimpfte plötzlich das Gefühl gegeben, Teil einer großen und wichtigen Bewegung zu sein, in der alle Menschen eine ähnliche Meinung haben (und wenn nicht, dann allenfalls zu einer kleinen Gruppe von Gutmenschen gehören, die es zu bekämpfen gilt).

Machen wir uns nichts vor, diese Leute gab es schon immer. Aber dass sie zusammen gefunden haben, in ihren traurigen Ansichten zigtausendfach bestärkt wurden und nun einen veritablen gesellschaftlichen Faktor darstellen, das haben wir in der Hauptsache unseren „sozialen“ Netzwerken zu verdanken. Dass sie in einer Filterbubble leben, das wissen sie nicht. Und was Fake News sind, schon mal gar nicht. Diese Menschen hatten früher ihre Bildung aus der Bildzeitung, da ist es nicht verwunderlich dass sie die Mär von Vergewaltigungen in Schwimmbädern durch organisierte Flüchtlingstrupps für bare Münze nehmen. Um zu begreifen dass sie instrumentalisiert und verarscht werden, müssten sie in der Lage sein, die Metaebene zu sehen, und diese Kompetenz haben sie nie erlernt.

Das ist es, was aus dem Netz wirklich wurde: Gift für die Massen. Ein Nährboden für Scharlatane und Hetzer, die hier jede Menge wehrlose Opfer finden… und eine einzige riesige virtuelle Klowand, bei deren Anblick sich jeder Vollpfosten denkt, sie gäbe ihm das Recht, ungefiltert und unter Missachtung jeglicher Regeln des Anstandes und der Vernunft Äußerungen darauf zu schmieren, die er in einem realen Gespräch einem realen Menschen niemals ins reale Gesicht sagen würde.

Und dabei geht es nicht mal ’nur‘ um Politik. Es geht ganz allgemein darum, wie man sich benimmt, Oder eben nicht benimmt. Blödsinnige youtube-Kommentare, Petabytes an Spam die jeden Tag verschickt werden, so genannte SEO- und Content-Marketing-Spezialisten und sonstige ganze Berufszweige die sich um die Frage herum gebildet haben, wie man am besten eine Suchmaschine verarscht, Unmengen an stumpfsinnigster Konsumgeilheit und Werbung, die sich als Fashion- und Lifestyleblogs tarnt, Botnetzwerke, Zensur, Verschlüsselungstrojaner, Klarnamenpflicht auf Google+ (kennt das noch wer?), der Niedergang der Piraten… ich könnte ewig so weiter machen. Das Internet ist sowas wie ein Universal-Toolkit geworden, mit dem sich alle Erungenschaften des Zeitalters der Aufklärung wirksam bekämpfen lassen.

Und natürlich ist es mit meinem größten Antrieb, der Musik, auch den Bach runtergegangen. Als wir „Grounded“ veröffentlichten, da hatte man noch eine minimale Chance, auf Plattformen wie Jamendo wahrgenommen zu werden, und es gab noch revolutionäre und vielversprechende Formate wie Garageband.com. Nun ja, letzteres wurde von myspace gekauft und gegen die Wand gefahren (ehe myspace selbst in der Bedeutungslosigkeit versank), und Jamendo ist nur noch ein trauriger Witz, auf dem Leute, die kein Instrument spielen können, zwanzigtausend generische House-Tracks und Ambient-Mixe von anderen Leuten die kein Instrument spielen können, herunterladen und bejubeln (ich wage übrigens an dieser Stelle mal die Prognose, dass Jamendo 2017 den Weg von Ipernity gehen wird – diese andere französische Plattform, die so hoffnungsvoll gestartet war, aber ich schweife ab).

Sei das alles wie es wolle, ich habe dieses Netz mit aufgebaut, weil ich so große Hoffnungen hatte. Als ‚digital builder‘ muss ich zugeben, wir haben versagt. Die Technik ist weiter als die Menschen es sind. Mal wieder. Das hätte allen Beteiligten bewusst sein müssen. Man hätten früh voraussehen können, dass auch die Rattenfänger ins Netz kommen würden, die Trumps und Petris, die Content-Marketing-Menschen, die Pseudo-Visonäre, die Absahner, und die Leute mit der Bildung aus der Bildzeitung. Jetzt ist es zu spät. Sie sind alle da, und sie machen was sie wollen, sie machen das Netz kaputt und es gibt offensichtlich kein Rezept dagegen. Und wenn es nur das Netz wäre, dann wäre alles noch ok, aber nein, sie machen die Welt kaputt. Gratulation, Internet, Du hast dabei geholfen, eine Welt zu erschaffen, in der man jeden Morgen Angst haben muss, dass ein durchgeknallter Faschist mit einem toten Hamster auf dem Kopf den dritten Weltkrieg auslöst.

Auch wenn das alles gar nicht danach klingt, ich bin kein negativer Mensch, wirklich nicht. Ich bin, wenn man bedenkt was in den letzten Jahren alles passiert ist, ziemlich glücklich mit meinem Leben. Aber ich hatte, wie gerade angedeutet, so einige persönliche Schicksalsschläge zu verarbeiten, und ich konnte mir nicht aussuchen, ob ich sie erleiden möchte oder nicht.

Ob ich mich im Netz von Hass und Dummheit deprimieren lassen möchte, das hingegen kann ich mir aussuchen, und gerade ist es sehr wichtig für meine geistige Gesundheit, mich dagegen zu entscheiden. Ich bin es leid, was aus dem Netz geworden ist. Das ist auch der Grund, warum hier lang nicht so viel von mir zu lesen war, wie ich ursprünglich vor hatte. Klar habe ich programmiert und fotografiert und getextet und musiziert, aber die Zeit in der realen Welt war und ist mir viel wichtiger als die Beschäftigung mit dieser ausser Kontrolle geratenen Hassmaschine namens Internet.

Es tut mir sehr leid für die Leute, die meinen künstlerischen und/oder menschlichen Werdegang verfolgen und das Interesse nie aufgegeben haben, und die auf neuen musikalischen Output von mir warten. Ich verspreche, er wird kommen, ich arbeite aktiv daran. Und ihr seid mir auch nicht wurscht, sonst würde ich diesen ganzen Artikel hier gar nicht schreiben, ich möchte nur, dass ihr mich versteht… warum ich mich zurückziehe, warum ich die Wandlung vom digital builder zum digital emigrant vollziehe.

Der Grund ist, um das noch mal ganz deutlich zu machen:

Wir haben verloren. Das Netz ist wenn noch nicht vollständig kaputt dann doch todkrank, und es hat in den letzten Stadien seiner Krankheit ein Monster nach dem anderen hervorgebracht. Es wird höchste Zeit für ein neues Netz.

Oder wer weiß. Vielleicht sind wir ohne einfach besser dran.

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P.S. / Update: Inzwischen wurde der Artikel auch von irgendjemandem auf Twitter geteilt, der eine größere Leserschaft hat als ich (nicht wirklich ein Kunststück) – und schon melden sich vermeintlich netzaffine Leute mit irgendwas mit Tux im Twittername zu Wort und bescheinigen mir, ich sei halt „zu doof“, meinen Newsstream zu filtern. Jahaa, alles sehr erwachsen. Womit aber bewiesen wäre, dass man nicht bei Trump, „AfD“ & Co. nachschauen muss, um Menschen zu finden, die sich im Netz nicht benehmen können.

Man muss nicht mit mir einer Meinung sein oder die Dinge genau so sehen wie ich. Man kann auch dagegen argumentieren. sleeksorrow macht das beispielsweise in den Kommentaren, und ich schätze ihn sehr.

Man muss noch nicht mal meinen Text lesen und seinen Sinn erfassen können.

Aber eine Meinung nicht teilen (oder verstehen) können und deshalb denjenigen der sie äußert bequem in 140 Zeichen als blöd hinstellen… naja… äh… füttere ich gerade Trolle? Ja, mach‘ ich wohl. Würde ein Filter helfen? Ja. Wäre die Welt besser wenn es diesen Filter nicht bräuchte? Aber auf jeden Fall.

Was zu beweisen war.

Ich war mal so schön

Gestern war ich also in der alten Heimat gewesen – unter anderem, um am Grab meiner Eltern vorbeizuschauen. Oder besser gesagt, beim Baum meiner Eltern, denn sie sind im Friedwald „Bienwaldruhe“ bei Kandel bestattet.

Ganz in der Nähe des Friedwaldes befindet sich das Naturfreundehaus Kandel, und weil es inzwischen eh Mittag war und ich ein leichtes Hüngerchen verspürte, kehrte ich dort kurzerhand ein, bestellte mir einen Salat und eine Limo, nahm den Zettel mit meiner Nummer entgegen (Selbstbedienung!), setzte mich mit meiner Limo draussen auf eine Bierbank und wartete auf meinen Aufruf.

Eine ganze Weile geschah nichts… und ich dachte weiter an meine Eltern, und daran, wie anders in den letzten vier Jahren alles geworden war.

sklib-120713-115315Eine Viertelstunde verging so, dann kamen zwei weitere Gäste und setzten sich zwei Bänke hinter mich. Ein Pärchen, beide so um die Mitte 50, solariumsgebräunt und sportlich. Eine Weile beachtete ich sie nicht, doch irgendwann hörte ich hin und wurde Zeuge des folgenden Gespräches (man muss sich das ganze in breitem Pfälzer Dialekt vorstellen, zum einfacheren Lesen habe ich diesen hier kurzerhand in Hochdeutsch übersetzt):

Sie: „Hast Du das gesehen? Da haben sich viertausend Menschen nackig gemacht und blau anmalen lassen…“

Er: „mh hm“

Sie: „Das würd ich ja nicht machen“

Er: „hm, nein, ich auch nicht…“

Sie: „Da waren ganz dicke dabei, und ganz dürre“

Er: „hm…“

Sie: „Ich würd das nicht machen.“

Er: „hm…“

Sie: „Auch früher hätt‘ ich das nicht gemacht, auf keinen Fall…“

Er: „hm ja… man wundert sich, wozu Menschen imstande sind…“

Sie: „Früher hätt ich’s nicht gemacht. Weißt Du, vor der Brust-OP? Früher, wo ich ganz schön war?“

Er: „hmm“

Sie: „Ich war mal ganz schön. Ganz, ganz schön war ich mal…“

Er: „hmm“

Sie: „Als ich jung war, ein ganz schönes junges Ding war ich…“

Er: „hmm“

Sie: „Sag mal, liebst Du mich eigentlich noch?“

Er: „Aber sicher lieb ich Dich noch“

Sie: „Das allerwichtigste ist ja, dass wir gesund sind“

Er: „Ja, genau“

Dann wurde meine Nummer aufgerufen und ich ging rein, um mir mein Mittagessen zu holen.

sklib-120713-131240Die Bilder in diesem Artikel kommen aus meinem letzten Aktshooting. Das Modell ist Alex, auch bekannt unter dem Handle I Want To Kill You Like They Do In The Movies.

Dieses Shooting war im Juli 2012. Einen Monat später erlitt mein Vater einen Schlaganfall, und damit setzte sich eine Kette von Ereignissen in Bewegung, die damit enden sollte, dass meine Eltern beide nun unter eben jenem Baum ruhen und die Musik verstummt ist.

sklib-120713-134351Weniges kommt mir fremder vor als dieses letzte Shooting, das stattfand, als die Welt eben gerade noch nicht aus den Fugen geraten war; den Monat zuvor hatten wir noch meinen Geburtstag gefeiert, mit über 40 Leuten auf der Terrasse von K-Burg, Livemusik und Tanz… mit meiner Band war ich gerade mitten in den Aufnahmen zu einem neuen Album, bei meinem Arbeitgeber planten wir das nächste große Spiel, die nächsten Shootings wurden geplant, und um unsere Beine herum wuselte der süßeste, treueste und liebevollste kleine schwarze Hund, den man sich vorstellen konnte… und das alles gibt’s in der Form nun, vier Jahre später, nicht mehr. Das alles ist ganz unglaublich weit weg, genau wie dieses Shooting.

Und trotzdem musste ich daran denken, als ich den zwei Gästen zuhörte.

Ich weiss noch nicht mal warum.

Pferdesachen und Nicht-Pferdesachen

Irgendwie ist das ganz erstaunlich mit Pferden.

Ich meine, je mehr Zeit man mit Pferden verbringt, desto mehr wirken ausgesprochene Nicht-Pferdesachen unwirklicher, unsinniger und unwichtiger.

Softwareentwicklung im Team zum Beispiel, und all die damit verbundenen Probleme mit Kommunikation, Egos, unterschiedlichen Herangehensweisen, undsoweiter, undsofort.

Eine Sache kann nur schwer noch mehr Nicht-Pferdesache sein.

Oder ob iAndroid besser ist als GoogleOS. Paradebeispiel für eine ganz oberkrasse Nicht-Pferdesache.

Unmittelbar nach einem Besuch bei den Pferden heute mittag habe ich die ganzen nervigen Nicht-Pferdesachen, mit denen ich mich in den letzten Wochen immer wieder auseinandersetzen musste, beinahe vollkommen vergessen.

Ein schöner Zustand.

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Hoffen wir, er hält noch ein bisschen an.

In memoriam Michael Reichmann

Michael Reichmann, † 18.5.2016

Ich habe Michael Reichmann nur einmal kurz in Person gesehen, das muss auf der Photokina 2008 gewesen sein.

Virtuell allerdings begleitete er mich, seitdem ich mich mit (Digital-)fotografie beschäftige, über seine Veröffentlichungen auf seiner Webseite, Luminous Landscape.

Seine intelligente, gewitzte und leidenschaftliche Art und Weise, über Fotografie, Techniken und Equipment zu schreiben, werden mir fehlen.

Wo andere es zur Tugend erheben, möglichst viele Amazon-Affiliate-Links in vermeintlichen Produkttests unterzubringen, schaffte er es, selbst in Equipment-Besprechungen sowohl mit als auch über Sehen, Seele und Gefühl zu schreiben. Die Welt ist leerer ohne ihn.

Mach es gut, Michael.

Der Tag ist gerettet

Aufgrund irgendeiner seltsamen schrägen Abzweigung in unserem Gesprächsverlauf sind meine Kollegen (Abbildung: unten) und ich heute bei der Mittagspause zu der Überzeugung gelangt, dass mein Tag vollständig verloren und sinnlos ist, wenn es mir in eben dieser Mittagspause nicht gelingt, ein Bild zu machen, das ich SOOC einfach so veröffentlichen kann (Abbildung: oben).

Uff. Gerade noch mal Glück gehabt. 🙂

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Ansonsten… bin ich immer noch dabei, meinen ersten (naja, ok, zweiten, wenn man die Komfortzonen dazu zählt) Artikel über ein Programmier-Thema zu schreiben, und tu mich leider ziemlich schwer damit. Aber es wird, es wird…

 

Ein Wochenende mit der X-Pro2

Am Wochenende hatte ich endlich mal Zeit, meine neue Kamera, eine Fujifilm X-Pro2, einem etwas intensiveren Test zu unterziehen.

Meinen ursprünglichen Plan, meine Komfortzone (haha) zu verlassen und die entlegenen Ausläufer des Siebengebirges zu erkunden, musste ich leider zurückstellen – denn zum einen wurde ich erstmals in meinem Leben von einer Allergie heimgesucht und bekam zeitweise kaum Luft, und zweitens wurde das Siebengebirge von Heerscharen von Wanderern heimgesucht, was meinem Bedürfnis nach Ruhe und Abgeschiedenheit nicht gerade entgegen kam.

Also beschränkte ich meine fotografischen Aktivitäten zumindest vorläufig auf die eigenen vier Wände, respektive den eigenen Garten, respektive die nähere Umgebung der K-Burg.

Zwei Erkenntnisse habe ich dabei mitgenommen.

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Der Unterstand
X-Pro2, Fujinon XF 35mm f1.4 @ f8.0, Classic Chrome

Erstens, es gibt hier immer wieder neue Dinge zu entdecken.

Wie zum Beispiel die Textur dieses ausgeblichenen Holzbalkens, in Kombination mit dem Grün des jungen Efeus, das sich hier einen Weg aus der Dunkelheit des alten Unterstands im Garten ins helle Frühlingssonnenlicht bahnt.

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Buba wacht
X-Pro2, Carl Zeiss Super-Dynarex 135mm, f4.0, Velvia

Zweitens, ich mag die X-Pro2 wirklich sehr, und das nicht nur, weil sie neu ist.

Die Bedienung fühlt sich sehr natürlich, sehr camera-like an, alles ist intuitiv genau dort, wo man es als Mensch, der seit 30 Jahren mit Kameras hantiert, erwartet. Kein AppStore, kein SoftSkinPortrait, kein Auto-HDR, kein Babyportrait-Im-Sonnenuntergang-Modus, keine komplizierte Bedienung über Menüs und Untermenüs… man merkt deutlich, dass Fujifilm bei der Kameraentwicklung Fotografen mit ins Boot holt.

Und das ist gut so.

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Die letzte ihrer Art
X-Pro2, Carl Zeiss Super-Dynarex 135mm f4.0, Velvia

Tatsächlich kommen alle Bilder in diesem Artikel quasi direkt aus der Kamera. Sie wurden nur verkleinert und mit einem Wasserzeichen versehen, ansonsten fand keine nachträgliche Bildbearbeitung statt.

Sehr entgegen kamen mir dabei die integrierten Filmsimulationen, die bei der X-Pro2 sehr viel mehr darstellen als nur ein nettes Gimmick.

Fujifilm hat eine lange und traditionsreiche Vergangenheit als Filmhersteller, und das ist deutlich zu merken. „Velvia“ beispielsweise steht eben nicht nur für „mehr Kontrast und mehr Sättigung“, und „Acros“ ist weit entfernt von „alles schwarzweiss und ein bisschen Kontrast in die Tonkurve“.

Vorausgesetzt man hat eine ungefähre Vorstellung davon, wie die Einstellung das Ergebnis beeinflusst, kann man diese Filmsimulationen tatsächlich verwenden, um sich damit viel nachträgliche Bildbearbeitung zu sparen.

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Buche + Bokeh
X-Pro2, Carl Zeiss Super-Dynarex 135mm, f4.0, Velvia
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Lieblingsaussicht
X-Pro2, Carl Zeiss Super-Dynarex 135mm f4.0 @ f8, Velvia
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Abend in den Weinbergen
X-Pro2, Sigma 24mm F2.8 AF Super Wide II @ f4.0, Velvia

Insbesondere Acros hat mich beeindruckt. Ich habe keine Ahnung, welche Soße Fujifilm da genau in die Bilder rührt, aber es kommt meiner Vorstellung von Schwarzweiß-Fotografie schon ziemlich nahe:

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Tulpe
X-Pro2 + Fujinon XF 27mm f2.8, Acros+R
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Rhababerkuchen machen
X-Pro2 + Fujinon 27mm f2.8, Acros+R
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Frau K.
X-Pro2 + Minolta AF85mm f1.4G, Acros+R
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Buba wacht (II)
X-Pro2, Sigma 24mm F2.8 AF Super Wide II @ f2.8, Acros+R

Aber genug der technischen Fachsimpelei. Dies soll kein Kamera-Testbericht werden*, und es ist auch wirklich nicht so, dass ich mit diesem Artikel jedem Fotograf den Kauf einer X-Pro2 ans Herz legen möchte. Ich habe nur die Erkenntnis gewonnen, dass sie bislang sehr gut zu mir und zu meiner Art zu fotografieren passt. Ha, wer weiss, vielleicht grabe ich auch irgendwann doch nochmal die Menschenfotografie aus.

Zurück zum Wochenende: Es war, von meiner neu entdeckten Allergie und den Heerscharen im Wald hinter unserem Haus mal abgesehen, wirklich eine sehr schöne Zeit. Hier noch ein paar Impressionen:

Zu guter Letzt besuchte uns auch noch die Nachbarskatze… ein wahrhaft betörend schönes Wesen mit dem Namen Fritzi, das ich schon letztes Jahr in mein Herz geschlossen habe (tatsächlich tauchte sie zu meinem letzjährigen Geburtstag zum ersten Mal bei uns auf)… sehr zu Bubas zeitweisem Unmut.

Tja, und da das hier schließlich immer noch das Internet ist, möchte ich euch als Abschluss dieses Artikels ein paar Bilder von Fritzi nicht vorenthalten (allesamt mit dem Fujinon XF18mm f2.0; wie sich herausstellt, ein ideales Objektiv für Fritzi, denn sie hat die Eigenheit, auf die Kamera zuzurennen, um sich sodann nur wenige Zentimeter davon entfernt in Szene zu setzen):


* von denen gibt es schon genug im Netz… auf der anderen Seite bin ich a immer noch am Herauskriegen, was ich in diesem Blog eigentlich schreiben möchte, und für welches Publikum. Wer sich also einen erweiterten X-Pro2-Erfahrungsbericht wünscht, der darf mir das gerne in den Kommentaren kund tun, eventuell könnte ich zu sowas Lust bekommen…