Die bisher noch guten Menschen von Rhöndorf

Eigentlich wohnen Frau K. und ich seit 8 Jahren durchaus gern in der kleinen Burg im Wald bei Rhöndorf, haben uns sehr gut eingelebt und viele schöne Freundschaften im Ort geschlossen… aber leider haben sich in diesen 8 Jahren eben auch viele Dinge verändert.

Zum einen haben wir uns verändert, zum anderen hat sich Rhöndorf  verändert, und überdies gilt in unserer kleinen Farm der Tiere hier oben inzwischen (frei nach George Orwell) das Gesetz, dass zwar alle Tiere gleich sind, manche aber gleicher.

Im April, als alle drei Probleme in aller Deutlichkeit offenbar wurden, begannen Frau K. und ich, die Konsequenzen zu ziehen und uns ernsthaft nach einem neuen Zuhause umzuschauen.

SDQ_0229

Nachdem wir ein bisschen Einblick in die Materie bekommen hatten, definierten wir schon bald ein paar Grundsätze für uns, von denen zwei auch eine moralische Dimension haben, und zwar:

  1. Wir würden bei keiner Zwangsversteigerung mitmachen. Zwangsversteigerungen entstehen oft, weil Privatpersonen überraschend in finanzielle Schieflagen geraten sind, und wir wollten uns nicht am Unglück anderer bereichern, und
  2. Wir würden nichts kaufen, was schon vermietet ist, um den Mietern dann wegen Eigenbedarf zu kündigen. Weil’s einfach ne Sauerei ist.

Das war am Anfang vom Sommer.

SDQ_0234

Inzwischen ist der Sommer um, und ich kann mit Fug und Recht sagen, es war ein selten beschissener Sommer, für uns beide.

Ok, ja, ich weiß Jammern auf hohem Niveau; wir sind gesund, wir haben Arbeit, ich hab ein tolles Album rausgebracht, etc. pp.; trotzdem kann ich es nicht ändern, Depression ist Depression, und ich hatte die letzten Wochen eine echt gute. Und ich kann leider nicht jeden Monat für fünfstellige Beträge ein Album rausbringen, damit ich mich mal einen Abend lang gut fühle.

Von der ganzen Kilometerfresserei, den ganzen unnützen Besichtigungen und dem ganzen Stress abgesehen: Zwei Mal standen wir vor unserem Traumzuhause und fingen an, uns die Zukunft in den schönsten Farben auszumalen; zwei Mal dachten wir uns: Ja, das ist es, hier wollen wir den Rest unseres Lebens verbringen. Und zwei Mal lösten sich unsere Träume einfach so in Luft auf.

SDQ_0230

  • Einmal, weil wir einfach die Spielregeln noch nicht kannten (niemals alle Karten auf den Tisch legen! Nicht wahrheitsgemäß berichten, dass Dir noch ein Dokument fehlt, das sicher demnächst ankommt. Das Dokument kommt dann tatsächlich an, aber die Immobilie ist dann auch weg, und zwar einen Tag, bevor das Dokument ankommt), und
  • einmal, weil die zuständige Maklerin es nicht für nötig hielt, uns zu darauf hinzuweisen, dass ein neuer Interessent hinzu gekommen ist und ein Angebot abgegeben hat, verbunden mit der Frage ob wir denn auch eines abgeben wollen. Wie es eigentlich üblich ist. Nein, während wir auf den fest vereinbarten Termin mit unserem Gutachter warteten, wurde das Ding kurzerhand verkauft. Danke für die maßlose Enttäuschung, das Entsetzen und den depressiven Schub (wer auch auf Häusersuche ist und erfahren möchte, mit wem man auf keinen Fall Geschäfte machen sollte -> E-Mail an mich reicht).

Wenn man zu diesen Enttäuschungen noch die Tatsache hinzuzählt, dass unsere Entscheidung, hier wegzuziehen, zu mindestens 40% darin begründet ist, dass es hier Menschen gibt, die uns nun mal nicht dieselbe Rücksichtnahme und Toleranz entgegenbringen wie wir ihnen, dann frage ich mich allmählich ernsthaft, warum wir eigentlich auf Teufel komm raus so nett zu unseren Mitmenschen sind.

Wir wurden jetzt so nachhaltig verarscht und scheiße behandelt, sind beide derart reif für die Insel und keine zwei Millimeter weiter als wir es im April waren… warum nett sein, wenn die Leute nicht nett zu uns sind?

SDQ_0149

Vor kurzem gab es dann wieder ein Haus zu kaufen. Ein ziemlich schönes Haus. Für einen Preis, der für uns durchaus im Rahmen des Möglichen lag.

Es war vermietet.

Es wohnte eine Familie mit Kindern drin.

Als wir das erfuhren sagten wir „vielen Dank, aber dann haben wir eher kein Interesse mehr“.

Worauf uns die Maklerin sagte: „Das ist wirklich lieb von Ihnen, und Sie sind gute Menschen… aber anderen Interessenten wird das vollkommen egal sein.“

Und sie behielt recht. Das Haus ist inzwischen verkauft, die Familie muss gehen. Es hätte unseres sein können, aber unsere Moral war ja im Weg. Wir hätten morgens nicht mehr in den Spiegel schauen können, wenn wir die Leute da vertrieben hätten. Dafür suchen wir aber immer noch, und es gibt momentan zwei Dinge vor denen ich wirklich Angst habe:

Erstens, vor der nächsten Enttäuschung (auf einer Skala von 1 bis 10 würde ich die letzte bei 9 einordnen… weiss nicht, was passiert, wenn wir bei 10 sind). Und, zweitens, dass ich irgendwann so weit bin, dass ich sage:

Vermietet? Familie mit Kind? Mir doch egal. Her damit.

P.S.: Alle Bilder im Artikel sind aus einer Gegend, die unser neues Zuhause hätte sein können.

SDQ_0238

Should I Quit?

In meiner Eigenschaft als Softwareentwickler arbeitete ich vor langer Zeit einmal in einem Unternehmen, in dem alles irrsinnig groß und ambitioniert war, und wo eigentlich auch alles wunderschön hätte sein können. Wenn… tja, wenn ich nicht den Großteil meiner Tage damit zugebracht hätte, von einem Meeting ins nächste Meeting zu wandern und/oder stundenlang den Monologen von Menschen zu lauschen, die nicht arbeiten wollten.

Inspiration

Glücklicherweise entwickelten sich damals in meinem Kopf drei Ziele, die ich aufgrund dieser eigentlich unschönen Situation zusammen unter einen Hut bringen konnte:

1. Ich wollte wissen, ob sich all die unnütze Meeting- und Leuten-beim-Reden-zuhören-Zeit sinnvoll nutzen lässt. Zum Beispiel, um eine kleine App zu programmieren.

2. Ich wollte wissen, welchen Anteil meiner Arbeitszeit ich mit oben genanntem Blödsinn verbringe, und wie das in Relation zu der Arbeitszeit steht, in der ich sinnvoll und konzentriert arbeite.

3. Apple hatte gerade Swift herausgebracht (für die Nicht-Entwickler: eine neue Programmiersprache, in der alles viel schöner, besser und einfacher sein sollte)… und ich war neugierig und interessiert, ein paar erste Erfahrungen mit Swift zu sammeln. Außerdem gab’s von Apple ein paar schöne neue Technologien (wie z.B. Geofencing, IBDesignables, etc…), die ich gerne einmal ausprobieren wollte, und die in meiner ‘normalen’ Arbeit niemals zum Einsatz gekommen wären (es sei denn, unser Werbedienstleister hätte sich das gewünscht. Aber das ist eine andere Geschichte…)

Auf jeden Fall begann ich, bei Meetings und Monologen immer mein Notebook dabei zu haben und mir nebenbei “Notizen” zu machen… nur dass es sich bei diesen Notizen eben in Wirklichkeit um eine neue App namens “Should I Quit?” handelte: Eine Art Timetracking-App, um den Anteil der Arbeitszeit zu ermitteln, den man selbst als sinnvoll erachtete… und dann die Konsequenzen daraus zu ziehen…:

Unnötig zu sagen, das Experiment wurde ein voller Erfolg.

Nach einer Woche hatte ich einen lauffähigen App-Prototypen zusammengeschustert, und nach weiteren drei Wochen hatte ich, unterstützt durch ebendiesen Prototypen, genug Daten gesammelt, um belegen zu können, dass ich 74% meiner Arbeitszeit mit imho unnötigen Dingen verbrachte.

Tja, und dann machte ich mich unter Vergegenwärtigung dieser Tatsache auf die Suche nach einer anderen Betätigung und reichte nach weiteren zwei Monaten meine Kündigung ein.

Gnothi seauton

Fast-Forward in die nicht ganz so entfernte Vergangenheit, Anfang 2018:

Bei meinem aktuellen Arbeitgeber, TAG in Köln (bei dem der Bullshit-Anteil sich gottlob im einstelligen Prozentbereich verliert), veranstalten wir ein kleines Brainstorming, welche kleinen Eigenprojekte wir uns vornehmen könnten.

Ich erinnere mich an “Should I Quit” und mache den Vorschlag, aus dem damals schnell zusammengehackten Prototypen eine richtige App zu machen.

Die AppGuys machen es möglich... greek Mythology meets Work-Life-Balance...
Die AppGuys machen es möglich… greek mythology meets work-life-balance…

Der Vorschlag wird angenommen, und schon bald machen wir uns an die Umsetzung. Von unserem Design-Team kommt die Idee, Inspiration aus der griechischen Mythologie zu schöpfen (wer könnte besser den unnützen Meeting-Wahnsinn repräsentieren, als Sisyphos, der wieder und wieder seinen dämlichen Stein den Berg hinauf rollen muss?); und so werden Prometheus, Sisyphos und Dionysos zu den Hauptfiguren der App… und etliche Gestalten aus dem griechischen Pantheon erteilen nach genug gesammelten Datensätzen mal mehr und mal weniger kryptische Ratschläge.

Die Umsetzung auf Android geht auf das Konto von Anton, unserem damaligen Android-Praktikanten. Und er erledigt diese Aufgabe unter Aufsicht meiner Kollegin Karen so gut und enthusiastisch, dass er nach seinem Praktikum sofort einen Job bei uns bekommt.

Die iOS-Version (man erinnere sich: meine App war nur ein flink zusammengehackter Prototyp) programmiert meine Kollegin Astrid; eigentlich ist sie Android-Entwicklerin, möchte aber gerne über den vielbeschworenen Tellerrand schauen. “Should I Quit?” ist ihr erstes iOS-Projekt, und sie meistert es mit Bravour und wirklich nur ganz minimalster Hilfe meinerseits.

Tja, und jetzt gibt es „Should I Quit“ also endlich sowohl bei Apple im AppStore als auch im Google Play Store käuflich zu erwerben.

Google und die Genitalien

Dass sich die Veröffentlichung dann noch so in die Länge zog, liegt einerseits daran, dass wir uns zwischendurch auch noch um andere Projekte kümmern mussten.

Und andererseits liegt es an Google, die sich bei dieser Gelegenheit als päpstlicher als der Papst und Apple zusammen herausstellten, und Anstoß an unserem App Icon nahmen:

Bildschirmfoto 2018-05-23 um 11.37.17

Zu unserer großen Belustigung ließ man uns dieses Icon nicht durchgehen, denn, so der verwirrte PlayStore-Mitarbeiter, es zeigte ja schließlich

[…] Real-life, simulated, or fantasy subjects portrayed with:
Clothing that provides excessively tight, or minimal coverage of breasts, buttocks, or genitalia
Sexually suggestive poses
Disproportionately large breasts, buttocks, or genitals
Breasts, buttocks, or genitals that extend past the border of the icon […]

Uh oh. Da könnte möglicherweise mit ganz viel Phantasie ein ARSCH zu sehen sein. Oder GENITALIEN!! RIESIGE GENITALIEN!!11!! Oder was weiß ich, was diese armen Review-Menschen in diesem harmlosen Männchen sehen. Auf jeden Fall irgendwas Schlimmes, denn nachdem unser Designer dem Männchen eine Windel(!) verpasst und zur Sicherheit noch die (von Prometheus inspirierte) Wunde schwarz einfärbt…

Bildschirmfoto 2018-05-23 um 11.43.30

…ist das Icon für Google kein Problem mehr.

Was ich als iOS-Entwickler extrem witzig finde, denn Apple, denen man immer gerne nachsagt, dass sie in ihrem Store restriktiv, übervorsichtig, verklemmt und nach Gutsherrenart agieren, hatten an unserem Icon null komma überhaupt gar nichts auszusetzen. Man sieht, Google haben es sich in den Kopf gesetzt, Apple in allen Belangen zu übertrumpfen.

Auf jeden Fall freut es mich festzustellen, dass all die Meetings und Monologe doch nicht umsonst waren… und dass aus meiner Idee von damals nun eine sehr schöne und liebevoll gestaltete App geworden ist, die mit ein bisschen Glück andere Menschen davor bewahrt, in ihrem Job unglücklich zu werden.

0x0ss-3