Consulting

Ich arbeite momentan in einem externen Projekt als Berater. Ganz von Anfang an bei der mobilen Entwicklung mittendrin und über 20 Jahre Erfahrung in agilen und nicht agilen Softwareprojekten – manche davon ganz großartig und manche davon vollkommen gegen die Wand gefahren – all das kann sehr hilfreich sein, wenn man mit seiner mobilen App in unvorhergesehene Probleme rennt.

Die Leute dort kennen mich nicht wirklich (und das brauchen sie auch nicht unbedingt zu tun) und ich bin auch nur vier Wochen dort.

Gestern hatte ich eines der zwei in meinem Besitz befindlichen Botany-Bay-T-Shirts an (was schon mal passiert, wenn ich sonst nichts mehr anzuziehen habe), und nachdem ich mich in einem der heißen, luftleeren Meetingräume meines Kapuzenpullis entledigte, wurde ich prompt darauf angesprochen.

Nein, wir trugen unsere eigenen Band-T-Shirts auch damals nicht. Ausser zum Soundcheck.

"Botany Bay", sagte einer meiner "Schützlinge". "What's up with that? What does that mean?"

Ich bin mir nicht vollkommen sicher, aber ich habe das Gefühl, dass ich noch vor gar nicht so langer Zeit breitwillig und gerne erzählt hätte, was es damit auf sich hat. Und ich hätte ein bisschen was über 20 Jahre Musik und unsere Platten erzählt und das alles, und einen Link verschickt.

"It doesn't really matter. Let's talk about your definition of done, ok?" war meine Antwort gestern.

Bin mir noch nicht sicher, was das jetzt bedeutet.

Pixelfed: Das Fediverse ruft (vielleicht)

Mit Pixelfed existiert im Fediverse seit einiger Zeit schon ein quelloffener Instagram-Klon, der niemandem gehört, auf dem keine Werbung stattfindet, und auf dem keine Influenzer influenzen.

Dank dieser Eigenschaften klingt Pixelfed tatsächlich nach einem Schritt in die richtige Richtung, um das zu retten, was vom bunten und kreativen Web im Jahr 2019 noch übrig ist (oder vielleicht sogar das, was die letzten Jahre verloren gegangen ist, wieder zu beleben).

Und nach einer prima Alternative zu Instagram klingt es eh allemal.

Die Kehrseite? Natürlich ist auf Pixelfed (noch) nicht besonders viel los.

Ähnlich wie bei den föderierten Alternativen zu Twitter (Mastodon) und Facebook (Diaspora) wird sich bei Pixelfed erst noch zeigen müssen, ob aus der Nische heraus eine lebendige und kreative Community entstehen kann.

Einen Vorteil hat Pixelfed natürlich im Gegensatz zu Mastodon oder Diaspora: Die Plattform kümmert sich um ein spezifisches Thema, nämlich Bilder. Damit ist zumindest grob schon vorgegeben, warum und von wem die Plattform besucht wird.

Ich habe mich ja letztes Jahr ein paar Wochen lang auf Mastodon versucht, und ich wollte ehrlich, dass es funktioniert... allein schon aus weltanschaulichen Gründen. Aber als Musiker auf Mastodon stattzufinden ist tatsächlich noch deprimierender, als es auf Twitter zu tun. Was natürlich mit der Art und der Menge und den Interessen des Publikums zu tun hat. Ich meine, es gibt garantiert einige Linux-affine Open-Source-Verfechter, die "Thanksgiver" lieben würden – wenn man sie nur irgendwie dazu bewegen könnte, die ersten zehn Minuten einfach mal in Ruhe anzuhören. Aber Mastodon ist dazu noch weniger der Ort als Twitter.

Mit Fotos ist es da schon einfacher. Fotos erschließen sich (vermeintlich) sofort, und es ist mit keinem großen Aufwand verbunden, sie auf Pixelfed zu posten. Also werde ich die Plattform, die noch in den Kinderschuhen steckt, einfach mal ein bisschen ausprobieren... am besten auch mit ein paar alten Sachen, für die ich schon jede Menge Feedback bekommen habe, so dass es nicht ärgerlich ist, wenn das im Fediverse erstmal nicht funktioniert.

Vielleicht sieht man sich ja dort? Beispielsweise die Instanz pixelfed.de nimmt momentan noch Registrierungen entgegen... meine Wenigkeit ist hier zu finden (und einige andere alte Bekannte auch ;-))

Artikel 13

Irgendeine Anzahl zwischen zwei und vier Menschen wird sich vielleicht darüber wundern, warum ausgerechnet ich – der sich immer so schnell über alles mögliche aufregen kann, was dieses Internetz angeht – nichts zu Artikel 13 von sich gibt.

Denn die Artikel-13-Debatte, und hier insbesondere einige ganz spezielle Protagonisten, ist etwas, worüber man sich mit meinem Background (Musiker, Internet-mit-auf-die-Beine-Helfer) so richtig enorm aufregen könnte...

Die Antwort ist: Ich hätte nicht gedacht, dass der Punkt in meinem Leben jemals eintreten würde, aber jetzt ist es so weit – ich habe einfach keine Lust mehr, und es gibt Wichtigeres.

Meine Band und ich (wenn wir ganz ehrlich sein wollen: Hauptsächlich ich), wir haben schon vor Jahren immer und immer wieder vor den alten Männern mit Kugelschreibern gewarnt. Wir sind auf Demos gegangen, haben uns an Podiumsdiskussionen beteiligt, wurden politisch aktiv obwohl wir das eigentlich nie wollten... ich habe – damals, auf dem alten Blog – viel darüber geschrieben und noch mehr in die Wege geleitet... ich habe meinen Teil getan.

Jetzt bin ich seit Monaten nicht mehr richtig gesund, am Dienstag kriege ich die komplette Schilddrüse rausgeschnitten, die Suche nach einem neuen Zuhause war immer noch nicht von Erfolg gekrönt... irgendwie gibt es Wichtigeres in meinem Leben als schon wieder gegen alte Männer mit Kugelschreibern zu kämpfen.

Meine Kämpfe waren nie lange erfolgreich, es waren Kämpfe gegen Windmühlen, Dank gab es auch nur in sehr begrenztem Umfang, und alle paar Jahre stehen wir wieder am selben Punkt. Jetzt dürfen von mir aus gerne die jungen Leute ran, die Influenzer und Youtuber und wie das alles heutzutage heißt. Und wer weiß, vielleicht sollten wir die alten Männer mit Kugelschreibern das Internet auch einfach vollends kaputt machen lassen, dann ist endlich Ruhe im Karton.

Vielleicht seh ich das in ein paar Wochen, wenn es mir hoffentlich irgendwann mal wieder besser geht, auch alles ganz anders. Aber jetzt muss ich ein bisschen für mich da sein, und ich darf mich nicht mehr über die Ungerechtigkeit und Dummheit der Menschheit aufregen... ich will nicht so enden wie mein Vater.

Nur, damit ihr wisst, was los ist.

Holz und Software

Unsere neue Terrasse wächst und gedeiht. Nachdem gestern all das nicht mehr zu rettende Altholz zerstückelt und in Container geladen wurde, standen heute morgen schon die ersten neuen Balken.

Und als ich den Zimmerleuten vorhin Kaffee brachte und mit ihnen ein bißchen über ihre Arbeit plauderte, tat es mir einmal mehr leid, dass ich keinen "richtigen" handwerklichen Beruf erlernt habe.

Ich schreibe "richtig" in Anführungszeichen, weil gute und fundierte Softwareentwicklung ebenfalls eine handwerkliche Tätigkeit ist (auch wenn diese Einsicht leider noch lange nicht bei allen Menschen angekommen ist...), und tatsächlich bin ich im Großen und Ganzen auch sehr zufrieden damit, dass ich mir durch das Entwickeln von Software die Ausübung meiner Berufung leisten kann.

(Noch schöner wäre natürlich, wenn ich von der Ausübung meiner Berufung leben könnte... aber das wird wohl nichts mehr.)

Dennoch – manchmal wünschte ich mir, etwas gelernt zu haben, womit ein direktes, offline stattfindendes und unmittelbar physisch erfassbares Ergebnis erzielt wird... mit dem ich auch noch etwas anfangen könnte, wenn es um das nackte Überleben ginge und alle Interwebs dieser Welt abgeschaltet wären.

Ganz davon abgesehen muss man sich als Softwareentwickler hin und wieder mit Ansichten und Hindernissen herumschlagen, die in einem anderen handwerklichen Beruf nur schwer denkbar wären, zum Beispiel:

  • Es ist nicht üblich, einen Zimmerer erst mal wochenlang in Vorleistung gehen zu lassen und ihm währenddessen immer wieder die Erteilung des Auftrags in Aussicht zu stellen... nur um ihm dann irgendwann zu sagen: "Hey, danke für das Gerüst und die Skizzen für die Pläne und das ganze Hin- und Herfahren, wir lassen den Rest jetzt von so einer Klitsche in Sibirien machen. Die verlangen weniger als ein Viertel Deiner Angebotssumme. Tschüss dann, Du brauchst Dich nicht mehr melden"
  • Kein Kunde würde auf die Idee kommen, einem Zimmerer vorzuschreiben, mit welchem Werkzeug er zu arbeiten hat...
  • ...oder wie er mit diesem Werkzeug zu arbeiten hat.
  • Niemand würde sagen: "Was? Der Dachstuhl kostet mich 25000 Euro? Aber ich war neulich im Obi, ich hab da Bretter gesehen, die kosten gerade mal einen Euro, wie kann das denn sein?!"
  • Keinem Zimmermeister gegenüber würde jemals der folgende (oder ein ähnlicher) Satz fallen: "Hey, hör mal, irgendwelche komischen Freaks haben ein neues Werkzeug erfunden, das musst Du jetzt unbedingt auch verwenden. Es funktioniert weder besser noch einfacher als Dein altes Werkzeug, es löst keinerlei Probleme, und alle, die damit arbeiten (müssen) finden es kompliziert und/oder blödsinnig. Niemand bekommt seine Aufträge damit rechtzeitig fertig, und eigentlich hat auch nie jemand nach einem solchen Werkzeug gefragt... aber trotzdem: Lass uns damit arbeiten, weil, das machen jetzt alle, aus irgendwelchen Gründen™"
  • Wenn ein Zimmermeister und seine Gesellen irrsinnig viele Überstunden schieben müssen, weil dem Kunden plötzlich einfällt, dass ausser dem Dachstuhl noch drei Balkone, zwei Terrassen und eine hölzerne Wendeltreppe in einer Zeit fertig werden müssen, in der andere Betriebe nicht mal einen Tisch gebaut kriegen, dann wird ihm – nachdem er schließlich das Unmögliche möglich gemacht hat – nach erfolgter Abnahme üblicherweise nicht gesagt: "Tja, danke für alles, großartige Arbeit, wir geben auch schon vor all unseren Freunden mächtig damit an... aber, hihi, bezahlen tun wir Dich nicht. Hähä, im ursprünglichen Angebot stand ja nur ein Dachstuhl. Selbst schuld, wenn Du in der gleichen Zeit viel mehr machst. Was sagst Du? Wir wollten das unbedingt so haben und hatten die ganze Zeit den Daumen drauf? Ja klar! Merkst Du was? Richtig – schön blöd, einfach so für uns zu arbeiten. Was? Es ist Weihnachten und Du hast mit dem Geld gerechnet? Uns doch egal, und jetzt verpiss' Dich!"

Wirklich.

Alles schon erlebt in den letzten 15 Jahren.

Wer weiß, wenn es ein nächstes Leben gibt... vielleicht schaue ich mir dann Holz einmal näher an...

Greta Thunberg

Kann sich jemand an Emma González erinnern?

An diese unbeschreiblich bewundernswerte und mutige junge Frau?

An ihre bewegende Rede bei den Anti-Waffen-Protesten in Washington?

Ich glaube, viele von uns dachten und/oder hofften damals (es ist übrigens nicht mal ein Jahr her) inständig, es sei endlich so weit, dass die Vernunft eine Stimme gefunden hatte, die in die Welt getragen wird.

Dass sich etwas ändert.

Ich weiß noch genau, wie ich ihr Gesicht sah... und die Gesichter all ihrer Freunde und Unterstützer, die hofften, sie würden etwas bewegen, sie würden eine bessere Welt schaffen.

Ich weiß noch genau, wie traurig mich das machte und wie ich nicht mehr hinschauen konnte, weil ich ganz genau wusste, wie es sich für diese jungen Menschn anfühlen würde, wenn sich ihre Träume in Luft auflösen. Wenn ihr Land und ihr Präsident und ihre Waffenlobby einfach so weiter machen wie immer.

Und genau so ist es jetzt mit Greta Thunberg.

Insbesondere Menschen in meinem Alter schöpfen neue Hoffnung... denken, es würde sich endlich was tun, Menschen würden umdenken. Setzen ihre Hoffnung in die Jugend.

Und ich sehe dieses junge Gesicht, und die Gesichter ihrer Unterstützer... und fühle wieder das selbe wie damals, als Emma González sechs Minuten lang still an diesem Podest in Washington verharrte... so lange, wie der Amoklauf an ihrer Schule gedauert hatte.

Es wird nichts passieren.

Ausser: das Gleiche wie immer. Ein paar tausend oder zigtausend Leute werden irgendwelche Online-Partitionen unterschreiben und denken, sie hätten damit etwas "getan"; es werden Wellen an Emotionen und Solidaritätsbekundungen durch diese traurige Scheinwelt von Twitter & Co. gehen, und dann wird das alles wieder abebben und dann werden wieder andere Dinge vermeintlich wichtig sein. Vielleicht eine neue Castingshow oder ein neuer Terroranschlag oder irgendeine neue Ausscheidung von Trump oder sonstigen Kotzmenschen.

Vorher allerdings werden Hasser und sonstige Kotzmenschen nochmal ordentlich hassen und sonstige Kotzmenschendinge tun (für Beispiele muss man nur auf Twitter nach Greta Thunberg suchen; ich verlinke diese Plattform hier nicht mehr). Und diejenigen Menschen, die schon in der Schule immer gern weggeschaut haben (oder nochmal reingetreten haben wenn jemand am Boden lag, oder ganz allgemein durch das Fehlen jeglicher Empathie aufgefallen waren), werden sich wichtig und fachmännisch vor die Fernsehkameras stellen und besorgt fordern, dass die Kinder lieber was lernen sollen statt zu demonstrieren; und ein Großteil unserer Bevölkerung wird genau diese von unseren Steuergeldern bezahlten Menschen wieder in die nächste Regierung wählen, weil weder Greta Thunberg noch diese Worte noch sonstwas sie jemals zum Nachdenken bewegen wird.

Wirklich ändern werden diese Kinder nur dieses: Sie werden dafür sorgen, dass sich ein paar von uns noch mehr schämen, bevor wir schließlich alle untergehen.

Wie immer weit ihrer Zeit voraus und kriminell unterbewertet – Chumbawamba


Leinenpflicht und Lärmwürste...

Also eins vorneweg, und es dürfte den meisten Lesern dieses Blogs inzwischen auch schon aufgefallen sein: Ich mag Hunde.

Nicht nur meine Hunde, auch fremde Hunde.

Ich mag ganz viele Hunde, und es gibt bis jetzt auch tatsächlich keine Hunde – vom Rehpinscher bis zum Bullmastiff – mit denen ich überhaupt nicht klar gekommen wäre.

Auch die zwei Boxer und der Rhodesian Ridgeback, die in letzter Zeit immer mal wieder ohne Leine und unvermittelt durchs Unterholz preschen und meinen (angeleinten) Schäferhund-Mix stellen und besteigen/dominieren und endlos unter Stress setzen, würde ich im Prinzip vermutlich auch mögen.

Das sind sicher sehr nette Tiere. Und auch die Besitzer, die dann meistens irgendwo am fernen Horizont erscheinen und sich erfolglos im Rückruf versuchen, sind sicher prinzipiell auch nette Menschen.

Aber es gibt nun mal aus guten Gründen (beispielsweise: Schutz des Wildes) eine Leinenpflicht im Siebengebirge, und ich befolge sie konsequent. Und die andere Seite befolgt sie konsequent nicht, seit Monaten, und das führt immer wieder zu ziemlich großem Missvergnügen auf Candors und meiner Seite.

Und irgendwie ist das auch – so kleinkariert und typisch deutsch es dem Leser auch eventuell erscheinen mag – eines der zentralen Probleme der Menschheit:

Es gibt immer wieder Menschen, die aus irgend einem Grund glauben, die Regeln gelten für alle anderen, nur für sie nicht; ob dies nun allgemeine Regeln des Anstands oder per Gesetz und Vorschrift festgelegte Regeln sind.

Eine sogenannte Lärmwurst; das angesagte Accessoire für den gepflegten asozialen Jugendlichen von heute. Foto: Trougnouf, CC-BY-SA

Irgendjemand raucht immer am Bahnsteig. Irgendjemand fährt immer 60 in der 30er-Zone. Irgendjemand lässt immer seine Hunde rennen. Irgendjemand hört immer an öffentlichen Plätzen auf seiner bis zum Anschlag aufgedrehten Lärmwurst irgendeine nervige Drecksmusik.

Irgendjemand ist immer der Ansicht, er sei wichtiger als jemand anders und dürfe sich deshalb irgendwas rausnehmen.

Und irgendjemand anders ist immer der dumme Arsch bei der Sache, und das bin ganz erstaunlich oft ich.

Weiß nicht.

Irgendwie hab ich das allmählich satt.

Wilko Johnson

Wilko Johnson ist der Ex-Gitarrist von Dr. Feelgood... eine Band, welche meine älteren Leser vielleicht kennen. Die Gruppe hatte in den 70er Jahren mehrere Hits und war sowohl richtungsweisend als auch wegbereitend für die Entstehung der Punkrock-Szene.

Johnson prägte den frühen Stil der Band mit seiner speziellen, trockenen und doch gleichzeitig nuancierten Gitarren-Spielweise, bei der er Fingerpicking und Strumming geschickt miteinander kombinierte. Er stieg 1977 bei Dr. Feelgood aus und war fortan sowohl solo als auch in etlichen anderen Bands (darunter Ian Dury and the Blockheads, ebenfalls für meine älteren Leser ;-)) unterwegs.

Und auch die jüngeren meiner Leser kennen ihn vielleicht – er gab in der ersten Staffel von Game Of Thrones sein Schauspieldebüt in der Rolle des Ser Illyn Payne.

Ende 2012 erfuhr Johnson, dass er an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt war und noch ungefähr neun Monate zu leben hatte. Er entschied sich gegen Chemotherapie und gab kurze Zeit später im BBC Frühstücksfernsehen dieses, wie ich finde, sehr beeindruckende und berührende Interview:

Nun ist mir durchaus bewusst, dass das Internet voll von inspirierenden Stories ist, über Menschen, die sich mit ihrer Krankheit abfinden, dem Ende entgegensehen und das beste aus ihrem Leben machen und Carpe Diem und all die üblichen Gemeinplätze. Und noch schmerzlicher ist mir, durch meine eigene Familiengeschichte, bewusst, dass es nicht so laufen muss... dass Menschen unter Umständen monate- und jahrelang sterben, in Schmerzen und in Verzweiflung, und ohne dem Leben vorher jemals noch irgendetwas Gutes abgewonnen zu haben.

Trotzdem muss ich sagen, diese Interview mit Wilko Johnson ist etwas Besonderes.

Es ist wahrhaft inspirierend, ihn reden zu hören... wie er vollkommen natürlich und frei raus von seinem Teleskop erzählt, von seiner Abschiedstournee, und davon, wie ihm Katzen und Mülleimer auf der Straße etwas bedeuten.

Noch beeindruckender an der Sache ist, dass Johnson ein Jahr später immer noch am Leben war – und dass erst zu diesem Zeitpunkt entdeckt wurde, dass seine Art von Bauchspeicheldrüsenkrebs operabel ist. In einer elfstündigen Operation wurde ihm daraufhin ein 3kg-Tumor entfernt. In einem Interview – wieder im Frühstücksfernsehen des BBC, dieses Mal zwei Jahre später – redet er über seine Erfahrung:

Tja, was soll ich weiter sagen. Ich weiß, Klischee, aber trotzdem:

Carpe Diem!


P.S: Johnsons Abschiedsalbum, zusammen mit Roger Daltrey von The Who aufgenommen, ist übrigens sehr hörenswert. Es klingt irgendwie nicht wie das Album eines Mannes, der weiss, dass er noch ein paar Monate zu leben hat.

Es klingt wie das Album eines Mannes, der einfach nur Spaß daran hat, Musik zu machen.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Ich kann mich noch lebendig daran erinnern, wie all die semi-professionellen FotografenHater kübelweise Spott und Hohn in diverse Internet-Knipser-Foren kippten, als Olympus vor zehn Jahren – immerhin ein ganzes Jahr vor Instagram – mit der E-30 die erste Kamera mit eingebauten "Art Filters" vorstellte*.

Ohne "Art Filters" jetzt eingehend bewerten zu wollen (oder mich gar auf Diskussionen darüber einzulassen, was Kunst ist und was nicht) – so eine unpopuläre Idee scheinen sie nicht gewesen zu sein. Insbesondere, wenn man sich den ganzen fürchterlichen Insta-Kram dieser Welt anschaut.

Artsy Ausguck

Und Frau K. hat den Nagel vermutlich auf den Kopf getroffen, als sie neulich sagte, "man macht mit diesen Kameras einfach mehr Scheiß als mit anderen", wobei sie das durchaus positiv meinte.

Scheiß machen ist gut.

Artsy Frau K.

Ich hatte heute zum Beispiel mal wieder meinen Spaß mit dem Grainy-B/W-Filter.

Hätte ich die Bilder selbst so bearbeitet? Nö.

Ist es Kunst weil ein Filter drauf liegt? Natürlich nicht.

Ist es sonst irgendwie Kunst? Keine Ahnung, vermutlich nicht, mir egal.

Artsy Candor K.

Aber: Hätte ich diese Bilder überhaupt erst gemacht, wenn ich nicht im Sucher live gesehen hätte, was daraus wird? Da bin ich mir überhaupt nicht sicher. Und dieser Punkt geht definitiv an die Art-Filter... 😉



* Ein Schicksal, das Olympus interessanterweise ganz allgemein anzuhaften scheint. Man betrachte nur diese über 500 Kommentare lange "Diskussion" darüber, warum die nächste Kamera von Olympus ganz sicher ein großer Flop wird und das Ding garantiert niemand kaufen wird.... ok, ich weiß, dpreview ist eh albern, aber so ein Level an Trolling ist selbst für dpreview außergewöhnlich...

P.S.: Ja, ich weiß, schon der zweite Artikel in Reihe, in dem ich Olympus erwähne. Es ist keine Absicht, ehrlich nicht. Und ich bekomme – im Gegensatz zu gewissen anderen Bloggern – auch kein Geld und keine Ausrüstung dafür. Ich habe nur aus Gründen momentan nichts anderes als die gute, alte E-P3, und ich stelle sehr erstaunt fest, wie viel Spaß sie mir immer noch macht...

Blog-Empfehlung: k52.io

Im Jahr 2003 nahm Frau K. ihr erstes Blog online, gehört damit zum Urgestein der deutschen Blogosphäre und war sogar kurz in den deutschen Blogcharts vertreten (bis sie darüber bloggte, dass sie die deutschen Blogcharts bescheuert findet). Aber anders als bei all den Spreeblicks, MC Winkels, Basic Thinkings und Sascha Lobos unserer Welt, wissen davon nur wenige Menschen.

Das ist einerseits schade, denn ihre Fotos, Eingebungen und Geschichten hätten garantiert mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt.

Auf der anderen Seite aber hat sie sich nie verstellt, ist nie der Versuchung erlegen, ihre Online-Journale mit Werbung zu vollzukleistern oder sich gar fürs Bloggen bezahlen zu lassen... und sie würde – selbst wenn sie ein sogenannter A-Blogger wäre – niemals auf die Idee kommen, 800€ zu verlangen, damit sie das neue Album eines Musik-Projektes erwähnt, das Schwierigkeiten damit hat, den Weg zu neuen Hörern zu finden (vollkommen an den Haaren herbeigezogenes Beispiel, ich weiss gar nicht, wie ich darauf komme).

So ist sie einfach nicht, und das ist einer der vielen vielen Gründe warum ich sie liebe.

Sie hat jetzt lange kein eigenes Blog mehr gehabt. Auf 7gebirge.de haben wir zusammen geschrieben, aber erstens geht unsere Zeit im Siebengebirge zu Ende, und zweitens war es an der Zeit, wieder was eigenes zu haben.

Auf k52.io hat Frau K. jetzt wieder ein eigenes, neues Blog. Es ist noch ganz am Anfang, aber mit ein bisschen Motivation wird es wachsen und gedeihen.

Vielleicht mögt ihr sie da ja mal besuchen und ein paar Herzchen oder gar Kommentare hinterlassen, das soll Wunder wirken für die Motivation 🙂

Tschüssn!

So, Frau K. und ich, wir sind dann mal weg, die nächsten paar Wochen über.

Und dieses Mal kommt das komplette Rudel mit... das heißt, Candor wird auch nicht in Vertretung bloggen können.

Deshalb möchte mich hiermit an dieser Stelle von allen alten und neuen Lesern verabschieden, und mich ganz herzlich für die Besuche und die motivierenden Kommentare bedanken.

Ganz besonders bedanken möchte ich mich aber bei denjenigen, welche die Musik anhören bzw. angehört haben. Und insbesondere für diese habe ich zu diesem Anlass einen obskuren Track ausgegraben (und für die notorischen Unbekannte-Musik-Ignoranten natürlich prinzipiell auch, aber die haben vor 23 Wörtern eh schon zu lesen aufgehört).

"All That Love" schrieb ich vor noch gar nicht so langer Zeit nicht für sondern vielmehr über einen ehemals engen Freund, der im Folgenden M. genannt werden soll.

M. war für mich da gewesen, als es mir sehr schlecht ging. Er und seine Familie waren unglaublich lieb und fürsorglich zu mir und hatten jederzeit ein offenes Ohr für mich... oder eine Flasche Wein, die man zusammen leeren und ein Sofa, auf dem ich daraufhin übernachten konnte. Ich weiß noch, wie mich diese selbstverständliche Liebe und Sympathie zu gleichen Teilen schier übermannte und auch neidisch machte – meine eigenen Beziehungsgeschichten waren zu jenem Zeitpunkt einfach nur eine einzige große und komplizierte Katastrophe gewesen.

M. war einer meiner ersten neuen Freunde nach meinem Umzug aus Heidelberg ins Rheinland; er war einer der ersten aus dem Rheinland (von Laura natürlich mal abgesehen), die sich für meine Musik interessierten, und er wurde in der Folgezeit zu einem großen Fan von Botany Bay. Und er war einer, mit dem man ebenso philosophieren als auch Pferde stehlen konnte; einer, von dem ich dachte, es würde nie irgendwas zwischen uns kommen.

Hätte ich damals einen Song geschrieben, in dem es um ihn gegangen wäre, er hätte es sofort gemerkt, vermutlich noch vor mir selbst.

Etwas über 11 Jahre später haben wir kaum noch Kontakt. Wir haben uns schlicht und einfach aus den Augen verloren. Ich bin deshalb nicht etwa eingeschnappt... das Leben (und insbesondere mein Leben) tut nun mal derlei Dinge, und ich war noch nie besonders gut darin, Kontakt zu halten. Die Familie, die mich damals unter ihre Fittiche genommen hatte, gibt es in dieser Form nicht mehr... ebenfalls der Lauf der Dinge, gegen den ich nur schwerlich etwas einwenden könnte, mit all den Brücken, die ich hinter mir abgerissen habe.

Und die Musik... nun ja. "All That Love" war eines der letzten Stücke, die ich mit Steffi vor ihrem zeitweiligen Ausstieg aufnahm. Als ich es zum ersten Mal auf Soundcloud veröffentlichte und im (damals noch existenten) Botany Bay Blog verlinkte, hatte Botany Bay bereits den Großteil seiner Hörerschaft eingebüßt; als Feedback gab es dann auch den damals üblich werdenden einsamen Like auf Soundcloud, und die ebenso üblich werdenden ein bis zwei Kommentare auf dem Blog.

Nichts davon war von M. Er verfolgte meinen musikalischen Werdegang schon seit geraumer Zeit nicht mehr.

Ich schickte ihm den Link irgendwann mal per SMS, und es kam zurück, es sei prinzipiell ein guter Song, aber viel zu langsam, ihm sei nach etwas Schnellerem. Dass er selbst Thema des Songs war, das hatte er nicht bemerkt.

Ich bin, wie gesagt, nicht böse. Ich bin traurig, dass gute Zeiten vorbeigehen. Dass die Dinge endlich sind. Aber so ist es nun mal, und vielleicht ist das auch die Lehre, die wir aus diesem Song und der Geschichte dazu ziehen sollten: Haltet euch fest, habt euch lieb, macht tolle Sachen miteinander, genießt die kurze Zeit, die wir auf dieser Erde haben... und macht was daraus.

In diesem Sinne, frohe Weihnachten und bis nächstes Jahr!

all that love

do you remember how you took me in?
you gave me shelter from the cold
you sat by my side and listened
when there was no one else around
i still remember all the warmth you gave
out of that different world of yours
orange glistening autumn river
flowing on forevermore
and you'll never know
how much i envied you

for all that love
for all that love

for all that love
for all that love

and i remember how you listened
to all the songs we used to sing
you were so different from the others
who just could not feel a thing
now people might pat you on the back
but they don't know who you are
and they forget you all too easily
looking for some brighter star
and you'll never know
how much i envied you

for all that love
for all that love

for all that love
for all that love

for all that love
for all that love

Liebe Künstler...

...und LGBTQ-Leute, und Fotografen, und Querdenker, und Manga-Liebhaber, und Musiker, und solche, die das alles zusammen und noch mehr sind... (im folgenden der Einfachheit halber und keineswegs generalisierend abgekürzt als 'liebe Künstler')

Es ist also mal wieder passiert.

Das, was im Netz schon so oft passiert ist:

Der ehemals hippe (und unter Künstlern, LGBTQ-Leuten, etc. sehr beliebte) Micro-Blogging-Dienst Tumblr verbietet "adult content".

Nicht nur für unter-18-jährige, sondern für alle. Und er bittet, wie schon viele Plattformen vor ihm, um eifriges Petzen und Blockwart-Spielen und markiert währenddessen schon mal fürsorglich alles was seinen mies programmierten ML-Routinen oder seinen nicht weniger mies programmierten Mitarbeitern nicht passt als nicht passend. Farbige Menschen zum Beispiel. Oder Wüstenlandschaften. Oder einen Blumenstrauss.

So weit, so nicht neu.

Auch nicht neu ist euer "Aufschrei", liebe Künstler. Dass ihr euch hintergangen, bevormundet und "zensiert" fühlt. Schockiert tauscht ihr euch darüber aus, was man jetzt machen könnte, schreibt Petitionen und ähnlichen Scheiß mehr... und macht euch auf die Suche nach Alternativ-Plattformen.

Es ist keine neue Weisheit, die ich hier loswerden möchte, und sie wurde schon an sehr vielen Stellen nett und sachlich formuliert... aber anscheinend muss mal es mal jemand un-nett und unsachlich formulieren, damit ihr es endlich kapiert.

Also gut, hier kommt es:

Jetzt wacht halt endlich mal auf, verdammte Scheiße!

Tumblr gehört Oath, und das erklärte Ziel von Oath ist es, die Welt mit Werbung zu verpesten bis niemand mehr atmen kann.

Sorry, dass ihr es von mir erfahren müsst, aber: Eure Bilder, Texte und Zeichnungen könnten denen nur mit unmenschlich krass viel Mühe noch mehr scheißegal sein.

Achtung! Vorsicht! Genitalien! Dieses Bild löst Kriege aus und sorgt dafür, dass rechtsextreme Parteien in den Bundestag kommen. Ferner ist es dafür verantwortlich, dass 1% der Menschheit mehr besitzt als die restlichen 99% zusammen. Oh, und auch dass irgendwelche Arschlöcher ihre Rechnungen nicht zahlen und damit ehrliche Menschen an Weihnachten in den Ruin treiben, das ist ganz selbstverständlich die Schuld dieses Bildes.

Tumblr, Instagram, Facebook, Twitter, Youtube, Google und all der andere Dreck, die gehören euch alle nicht. Es sind keine netten Wohltätigkeitsveranstaltungen, sondern milliardenschwere Firmen, in denen irgendwelche Krawattis monatlich euer Jahresgehalt in den Arsch geschoben kriegen, damit sie neue Wege finden, wie man noch mehr Geld aus euren Daten machen kann.

Es sind keine Staaten und schon gar keine Demokratien, also zensieren sie euch auch nicht. Sie machen einfach das, was sie für richtig halten und gerade noch so dürfen (und in manchen Fällen auch das, was sie nicht dürfen, wie zum Beispiel einem durchgeknallten Faschisten mit totem Hamster auf dem Kopf zum Wahlsieg verhelfen, aber ich schweife ab).

Und sie sind auch nicht das Internet.

Und sie sind auch nicht das World Wide Web.

Sie sind nur zufällig im World Wide Web, weil meine Generation leider nicht bedacht hat, dass genau so was passieren würde, wenn man so ein Netz baut.

Aber hier ist die frohe Kunde zu Weihnachten: Ihr könnt genau so im World Wide Web sein. Mit eurer eigenen Seite, eurem eigenen Blog, nach euren eigenen Regeln.

(ja, ich gebe zu, es ist etwas schwieriger geworden, mit all den Internetausdruckern und alten Männern mit Kugelschreibern, die das Netz irgendwie per Gesetz für die Zwecke ihrer Parteispender formen wollen, aber es ist immer noch machbar)

Also hört doch bitte endlich auf damit, beleidigt nach dem nächsten Millionär zu suchen, der euch dann wieder scheiße behandelt, weil ihm seine Millionen noch nicht reichen... sondern holt euch das Internet zurück. Macht ein Blog auf. Was eigenes. Und holt die Feedreader wieder raus.

Ich tu euch auch auf meine Blogroll, versprochen.